Dieser Text basiert auf einem Artikel
für die PRO BAHN Post März 2004.
Bearbeitungsstand: 22.2.2004 / Skizze: 17.4.2004
 
Erding und die Bahnhöfe

Im Rahmen des sogenannten Erdinger Ringschlusses, einer zweigleisigen Neubaustrecke vom Endpunkt der S-Bahnlinie S6 zum Flughafen, und der Walpertskirchener Spange, der geplanten Verbindung zwischen der Bahnstrecke nach Mühldorf und dem Flughafen, wird in Erding über den Bau eines neuen Bahnhofs diskutiert. Dieser Bahnhof soll der Verknüpfung der dann verlängerten S6 mit zukünftigen Regionalzügen zwischen Mühldorf und dem Flughafen dienen.

Zu diesem Thema gab es eine Machbarkeitsuntersuchung der Firma Obermeyer Planen+Beraten für das bayerische Wirtschafts- und Verkehrsministerium, die bereits im Herbst in Erding vorgestellt wurde.

Die Untersuchung betrachtet grundsätzlich auch Lösungen ohne einen neuen Bahnhof. Diese Varianten werden aber weder vom Ministerium noch von der Stadt Erding gewollt. Ebenfalls unwahrscheinlich ist eine Führung der Walpertskirchener Spange zum bestehenden S-Bahnhof Erding. Dazu müßte das bereits durchgeführte Raumordnungsverfahren für die Strecke wieder geändert werden. Die Spange bekäme eine ungünstigere Trassenführung mit erhöhtem Landschaftsverbrauch.

Diskutiert werden verschiedene Positionen für einen neuen Bahnhof im Norden Erdings und die Frage, ob der bestehende S-Bahn-Halt als altstadtnaher Haltepunkt bestehen bleibt.

Das Ministerium bevorzugt für Erding einen Kreuzungsbahnhof ("Turmbahnhof") an der Zusammenführung der S-Bahn mit der bereits raumgeordneten Trasse der Walpertskirchener Spange. Dieser Bahnhof läge dann im Südzipfel des Fliegerhorstgeländes, östlich der Kreuzung Alte Römerstraße / Anton-Bruckner-Straße. Die Regionalzüge würden unterirdisch halten; es stünden für beide Richtungen nur ein Gleis und ein Bahnsteig zur Verfügung. Für die S-Bahn ist darüber ein zweigleisiger, oberirdischer Bahnhof in Troglage vorgesehen. Da dieser Bahnhof nahe zum bestehenden S-Bahn-Halt läge (Entfernung ca. 750 Meter), soll dieser wegfallen.

PRO BAHN und, wie der Presse zu entnehmen war, auch viele Erdinger sehen bei dieser Lösung Probleme mit der Altstadterschließung. Die Fußläufigkeit zwischen neuem Bahnhof und Altstadt ist aufgrund der Entfernung sowie der Besiedlungs- und Verkehrsstruktur nicht mehr gegeben. Es entstehen negative Folgen für die Innenstadt-Geschäfte, und mehr Leute als bisher würden mit dem Auto zum Bahnhof fahren.

Eine weitere Variante der Machbarkeitsuntersuchung sieht einen Bahnhof weit nördlich von Erding vor. Der Verknüpfungsbahnhof zwischen S-Bahn und Walpertskirchener Spange läge siedlungsfern. Der jetzige S-Bahnhof Erding bliebe zwar bestehen, von dem neuen Bahnhof würde Erding jedoch wenig profitieren. Eine sicherlich notwendige Busanbindung zur Innenstadt würde aufwendiger, und es würde zusätzlicher Autoverkehr von Erding zum neuen Bahnhof induziert.

Die dritte Möglichkeit ist ein stadtnaher Bahnhof westlich der Sempt und der Alten Römerstraße (östlich oder nordöstlich des Sportzentrums). Dieser Bahnhof läge bereits auf der gemeinsamen Trasse von S-Bahn und Regionalbahn. S-Bahn und Regionalzüge benötigen in Erding jeweils kurze Tunnelstücke. Die Verknüpfung der beiden Strecken könnte daher im unterirdischen Teilstück kreuzungsfrei geschehen. Die Erfahrungen aus der Vergangenheit lehren allerdings, daß man den Bahnhof außerhalb des Tunnels bauen sollte. Unterirdische Bauwerke erzeugen hohe Folgekosten und nicht selten Sicherheitsprobleme. Für einen am Stadtrand liegenden Bahnhof, der sicherlich auch Zeiten geringen Publikumsverkehr erleben wird, gilt dies um so mehr.

Ein solcher Bahnhof hat im Idealfall vier Gleise, wobei die S-Bahn zwischen den beiden Gleisen des Regionalverkehrs zu liegen kommt. Dadurch ist möglich, sowohl bahnsteiggleiches Umsteigen, als auch einen ebenerdigen Einstieg trotz unterschiedlicher Einstiegshöhen zu realisieren. Für die S-Bahn sollte hinter dem Bahnhof ein Wendegleis vorgesehen werden.

Eine Lösung, bei der der Bahnhof zunächst nur zwei- oder dreigleisig gebaut wird ist annehmbar, wenn eine spätere bauliche Erweiterungsmöglichkeit gesichert ist. Auch dies ist bei einer oberirdischen Variante sicher einfacher.

Der Bahnhof läge etwa 1200 Meter vom bestehenden S-Bahn-Halt entfernt, so daß dieser erhalten bleibt. Der jetzige Halt kann auf einen einfachen Haltepunkt ohne P+R-Platz und mit einer stark verkleinerten Bushaltestelle zurückgebaut werden.

Das Wirtschaftsministerium favorisiert die Lösung "Turmbahnhof" wahrscheinlich, weil es die Haltepunkte zugunsten einer schnellen S-Bahn Flughafen – Messe reduzieren möchte. Die Aufhebung eines Haltepunkts widerspricht allerdings den im Regionalplan festgelegten Entwicklungszielen der Region und ist weder im Interesse der Stadt Erding noch der Mehrheit der S-Bahn-Fahrgäste.

Die Stadt Erding hat noch nicht abschließend ihre Meinung zu den aufgeworfenen Fragen geäußert. Hierbei spielt, neben den Vor- und Nachteilen für Erding, sicher auch eine Rolle, ob eine Lösung gegen den Willen des Ministeriums überhaupt durchsetzbar ist, und falls ja, ob dadurch finanzielle Nachteile für Erding oder eine nicht ganz so zügige Umsetzung riskiert werden.

Skizze der zukünftigen Bahnstrecken in Erding

Etwas unbeachtet in der ganzen Diskussion blieb bisher, daß auch neben der Frage der Erdinger Bahnhöfe ein paar Unsicherheiten für eine Bahnverbindung Mühldorf – Flughafen bestehen. So ist es äußerst fraglich, ob eine Verbindung zum Flughafen ohne eine Elektrifizierung sinnvoll ist. Niemand wünscht sich Dieselzüge im Terminalgebäude. Ein weiterer Punkt ist der Flughafenbahnhof. Der bestehende S-Bahnhof soll künftig von drei S-Bahnlinien angefahren werden und hat Bahnsteighöhen, die für Regionalzüge nicht passen. Verkehrsminister Wiesheu plant, die im Rohbau bestehende zweite Tunnelröhre am Flughafen dem Transrapid zur Verfügung zu stellen. Wo also sollen Regionalzüge halten? Ebenfalls ungeklärt ist die Weiterführung solcher Züge vom Flughafen nach München. Die Bahnstrecke Neufahrn – München ist bereits heute überlastet. Kommt der Transrapid, ist für diese Strecke auch nicht mit einem baldigen Ausbau zu rechnen.

Man sieht, auch wenn über den zukünftigen Erdinger Bahnhof in den nächsten Wochen entschieden wird, bleiben ein paar offene Fragen. Egal wie die Entscheidung auch ausfällt gibt es eine Menge Gründe dafür, daß PRO BAHN die weitere Entwicklung kritisch begleitet.

Querverweise: Transrapid für München?
 
Optionen für eine verbesserte Bahnanbindung des Münchner Flughafens
 
Mit der Bahn in die Luft
 
Ringen um das beste Konzept
 


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