Dieser Text basiert auf einem Artikel
für die PRO BAHN Post Januar 2014.
Bearbeitungsstand: 13.12.2013
MVG-Werbegrafik
Ausschnitt MVV-Verkehrslinienplan
Ausschnitt Tram-Utopie
MVG-Buszug (Foto: MVG/SWM)
 
 
 

 

Glosse zur Verkehrsstrategie
Zum Glück

München ist bekanntlich extrem experimentierfreudig. So denkt man seit Jahrzehnten über eine Trambahn durch den Englischen Garten nach, und erfreut sich so an diesem Gedankenexperiment, dass man darauf in der Realität einfach verzichten kann. Zum Glück – und zum Wohl der Münchner Stadtspitze – vermeidet man so auf elegante Weise Konflikte mit der Staatsregierung und anderen regierunsgparteigesteuerten Einrichtungen.

Auch die sogenannte Sendlinger Spange zwischen Pasing und Harras besteht schon lange als ein solches Gedankenexperiment, und zum Glück musste bisher niemand Geld dafür ausgeben, dass am Harras, oder – oh Schreck – gar in Laim Fahrgäste in die S20 einsteigen können. Das Gedankenexperiment S-Bahn-Südring hat man 2001 zum Glück durch das Gedankenexperiment 2. S-Bahn-Tunnel ersetzt, was den Vorteil hat, dass man nicht so schnell zur Realisierung schreiten muss, sondern das Projekt quasi beliebig lange in der Experimentierphase halten kann.

Man könnte noch viele Beispiele nennen, wo auf diese Weise Konflikte vermieden wurden und werden: den Ausbau von S-Bahn-Außenstrecken, den Regionalzughalt an der Poccistraße, und aktuell befindet sich wohl auch die Trambahn-Westtangente auf dem Weg in eine längere Experimentalphase.

Das neuestes Münchner Experiment nennt sich Expressbuslinie X30. Recht interessant ist dabei, dass diese Buslinie auf dem Verkehrslinienplan des MVV ein bisschen so ähnlich wie der Eisenbahn-Südring aussieht. Hätte man nicht zum Glück irgendwann vergessen, dass man eigentlich irgendwann auch die S20 am Harras halten lassen wollte, dann könnte man mit Umsteigen zwischen X30 und S20 sogar den S-Bahn-Südring zwischen Ostbahnhof und Pasing simulieren. Da es sich aber so gefügt hat, dass den S-Bahn-Südring seit mehr als 10 Jahren niemand mehr braucht, weil er zum Glück durch Pläne für einen zweiten S-Bahn-Tunnel ersetzt wurde, gibt es zum Glück auch keinen Bedarf für den S20-Halt am Harras.

Etwas nördlich des X30-Linienweges gab es früher auch einmal eine Trambahn via Goetheplatz zur Silberhornstraße. So etwas braucht natürlich heute zum Glück und ob der Weisheit unserer Verkehrspolitiker und Verkehrsplaner auch niemand mehr (wie vieles andere auch). Und weil Fern-, Nah- oder Expressbusse niemanden stören und sie durch keine Zulassungsbürokratie gebremst werden, hat sich hier zum Glück eine bequeme Lösung eröffnet. So gibt es die neue X30 ganz real und nicht nur als Gedankenexperiment. Da kann man doch zum Glück noch ein bisschen länger auf fehlende Tramlinien, den S-Bahn-Südring oder andere Stammstreckenausweichlösungen verzichten.

Und statt einer Tram durch den Englischen Garten wird dieser zum Glück für alle Fahrgäste mindestens sechsspurig untertunnelt – ein tolles Potenzial für weitere Expressbusse! Ein ähnliches Tunnelmodell bietet sich statt Trambahn-Westtangente für die Fürstenrieder Straße an – sozusagen die U-Bus-Westtangente. Nur mit solch forschen Gedanken kann sich die Stadt München ihre Experimentierfreudigkeit erhalten – zum Glück für alle Fahrgäste, die noch ein wenig länger warten dürfen, bevor sie fahren können, und sich bis dahin an all den schönen Plänen erwärmen dürfen.

Edmund Lauterbach

Weiterführende Informationen:

 


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