Dieser Text basiert auf einem Artikel
für die PRO BAHN Post August 2008.
Bearbeitungsstand: 26.7.2008
  Fahrgastbeteiligung in der Angebotsgestaltung des ÖPNV
Wo bleibt der Kunde?

Im Dezember kommt der nächste Fahrplanwechsel. Wie in der neuen Fahrplanperiode das fahrplanmäßige Angebot bei Bus und Bahn aussehen wird, ist inzwischen ausgehandelt. Daher gab es in den letzten Wochen auch einige Pressemitteilungen, in denen Auftraggeber und Auftragnehmer des Öffentlichen Verkehrs zumindest die Änderungen vorstellten, von denen sie erwarten, dass sie vom Publikum positiv aufgenommen werden.

Die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) veranstaltet in den verschiedenen Landesteilen sogenannte Regionalkonferenzen, auf denen sie ihre Planungen vorstellt. Abgesehen davon, dass aufgrund der zeitlichen Abläufe auch auf diesen Konferenzen eigentlich nur fast Fertiges präsentiert werden kann, stellt sich eine Frage: Wie fließen die Kundeninteressen in die Angebotsplanung von BEG und DB ein?

Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) versendet schon seit Jahren Entwürfe ihrer Planungen für anstehende Fahrplanwechsel weit im Voraus an politische Gremien wie Bezirksausschüsse, aber auch an Verbände, die am Thema interessiert sind. So erhält auch PRO BAHN alljährlich die Möglichkeit, durch entsprechende Stellungnahmen Einfluss auf die MVG-Pläne zu nehmen. Diskussion und Vorarbeit hierzu finden bei den Treffen der Stadt- und Kreisgruppe statt. Neben den informellen Kontakten zu den Verkehrsbetrieben ist dieses Verfahren eine wichtige Hilfe, Fahrgastinteressen in die Angebotsplanung einzubringen.

Leider ist eine solche Einbindung der Fahrgäste als der Personengruppe, um die es eigentlich geht, im Kreise der Anbieter oder Besteller von ÖV-Leistungen nicht besonders weit verbreitet. Zu den Regionalkonferenzen der BEG werden Vertreter von PRO BAHN nicht eingeladen. Anfragen oder Diskussionen zu geplanten Änderungen im Vorfeld der fertigen Konzeption gibt es kaum. So bleibt zunächst nur, die Presseverlautbarungen zum geplanten Angebot zur Kenntnis zu nehmen, und abzuwarten, was im Dezember wirklich umgesetzt wird. Dass ein Fahrgastverband unter diesen Umständen ein stärker kundenorientiertes Vorgehen einfordern muss, versteht sich von selbst.

PRO BAHN hatte im letzten Jahr angeregt, nach dem gut funktionierenden Schweizer Vorbild Fahrplanentwürfe ins Internet zu stellen und so Anregungen der Fahrgäste einzuholen. Warum das bisher nicht geschah, kann man im Antwortschreiben der BEG unter www.pro-bahn.de/bayern/politik.htm nachlesen (Thema "Fahrgastinformationen").

Nun gibt es ja durchaus Gremien, die Fahrgäste unmittelbar einbinden. Jedoch scheint die Bereitschaft, beispielsweise im MVV-Fahrgastbeirat Angebotsplanung zu diskutieren und Anregungen aufzunehmen, kaum vorhanden zu sein. Dem Eindruck einer Alibiveranstaltung kann man sich daher nicht ganz entziehen. Besser scheint die Situation bei den Kundenbeiräten der Südostbayernbahn und der Bayerischen Oberlandbahn zu sein.

In der freien Wirtschaft ist es eine fast schon sprichwörtliche Erkenntnis, dass die Haltung, der Anbieter wisse am besten, was die Kunden brauchen, kein Erfolgsrezept ist. Die Zeiten, in denen Kundeninteressen ungestraft missachtet werden konnten, sind vorbei. Nur scheint sich diese Erkenntnis bei Institutionen, die zwar zum Teil als Firma organisiert sind, aber wohl auch zum Großteil in veraltetem Behördendenken gefangen sind, noch nicht durchgesetzt zu haben. Die stärkere und transparente Einbindung von Fahrgastinteressen mag manchem Beteiligten als zu mühselig erscheinen. Bei richtiger Durchführung wird aber auch die Anbieterseite deutlich profitieren. Die entsprechenden Erfahrungen in der Privatwirtschaft sind nicht von der Hand zu weisen.

Auch im Vergleich zu anderen Bundesländern schneidet Bayern schlecht ab. In unserem Nachbarland haben die Fahrplankonferenzen der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg bereits Tradition und sind - nach Anmeldung - auch für den normalen Fahrgast als Teilnehmer offen. Zudem finden sie so früh statt, dass eine reale Chance auf Einflussnahme besteht.

Wann ist es in unserem Bundesland soweit, dass auch die Fahrgäste sagen können: "Bayern, wir kommen"?

Edmund Lauterbach

 
 


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