Dieser Text basiert auf einem Artikel
für die PRO BAHN Post Februar 2003.
Bearbeitungsstand: 17.1.2003
  Der Fahrgastverband und das marktbeherrschende Unternehmen
Ein schwieriges Verhältnis

Zu Beginn eine Art Ehrenerklärung: Hartmut Mehdorn irgendwelche bösen Absichten zu unterstellen, ist falsch. Er handelt nach bestem Wissen und Gewissen im Sinne der Deutschen Bahn AG.

Hartmut Mehdorn sieht sich andererseits sicher nicht als Verfechter des Prinzips der reinen (oder gar der sozialen) Marktwirtschaft. Mehdorns Leitlinie ist, für seinen Konzern herauszuholen, was immer möglich ist. Und wenn man es ihm erlaubt, zu Gunsten der DB sich einmal die Einmischung in unternehmerische Belange zu verbieten und ein andermal, sich vom Staat vor Konkurrenz und Kunden beschützen zu lassen, wird er genau dies tun. Solches Handeln ist vielleicht nicht besonders fein, bietet aber nur wenig Ansatzpunkte zur Kritik. Mehdorn erfüllt seine Pflicht gegenüber seiner Firma. Davon ist er zumindest überzeugt.

Zu bedenken sind jedoch folgende Punkte:

  1. Mehdorn kann irren, und daher kann das, was gut gemeint ist, sich längerfristig auch gegen die DB auswirken. Sein Auftreten zeigt, daß eine gewisse Unbelehrbarkeit und allgemein Probleme mit Kritik zu seinen Charaktereigenschaften gehören. Das wiederum setzt die Fehlertoleranz seines Führungsstils sicher herab.
     
  2. Wenn Mehdorn zu Gunsten der DB agiert, heißt das nicht, daß diese Aktionen positiv für das System Bahn oder gar für eine vernünftige Bewältigung des Mobilitätsbedarfs sind. Und daß Anbieter und Kunden nicht identische Interessen haben, ist eine Binsenweisheit. Selbst eine kundenbezogen arbeitende Firma hebt diesen Gegensatz letztlich nicht auf.
     
  3. Daß Mehdorn die DB als Zwitter zwischen unabhängigem Unternehmen und geschützter Behörde führt, funktioniert nur, weil die Politik es ihm ermöglicht. Das ist zum einen darin begründet, daß er als Mann des Kanzlers auch in der Politik eine starke Position hat und sich dort durchsetzen kann. Zum anderen gibt es aber auch ein Interesse des Bundes als Eigentümer der DB, das von der Aufgabe der Politik, Mobilität als Teil der Daseinsvorsorge anzubieten, deutlich abweicht.

Unter all diesen und noch weiteren Einflüssen – beispielsweise nicht kostendeckende Fahrgeldeinnahmen, keine transparente Kosten- und Einahmerechnung, Bestellerprinzip im Nahverkehr, keine klare Abgrenzung Nahverkehr/Fernverkehr – wird das Primat der Kundenbezogenheit einer Firma ziemlich verschüttet. Erschwerend kommt hinzu, daß die DB keine gute Historie im Bezug zu ihren Kunden hat.

Auch wenn im Tagesgeschäft die genannten Punkte meist gegenüber einer praxisnäheren Diskussion zurücktreten müssen, sollte man sich ihrer bewußt sein. Man braucht sicher einiges an Interesse und Zeit, um eine Argumentation auf diesem Niveau beispielsweise einem Journalisten zu erläutern.

Daß Mehdorn auf Kritik von PRO BAHN unwirsch reagiert und vom "Meckerverein" redet, sollte man nicht überbewerten. Jeder, der es mitbekommt, wird sich sowieso das Seine dazu denken. Solche Ausrutscher ignoriert man und macht mit der Tagesordnung weiter. Und zu dieser Tagesordnung gehört auch in Zukunft die Kommunikation mit der DB und ganz sicher die Betonung der positiven Aspekte des Bahnfahrens.

Ein Fahrgastverband ist aufgrund der nicht vorhandenen Konkurrenzsituation im Bereich Bahn immer in der Zwickmühle. Gäbe es mehrere vergleichbare Anbieter, könnte man weniger Rücksicht darauf nehmen, inwieweit Kritik Schaden am Gesamtsystem anrichtet. In dieser wünschenswerten Lage, in der alleine schon Konkurrenzdruck bestimmte Auswüchse verhindert, sind wir aber nicht. Normalerweise geht jeder Kunde, den die DB verliert, dem System Bahn oder gar dem Öffentlichen Verkehr insgesamt verloren. Bei aller Profilierung als Verbraucherverband ist das nicht unser Interesse.

Man mag über Veränderungen klagen – den Weg zurück zur Staatsbahn wird es nicht geben. Der augenblickliche Zustand der Beliebigkeit darf jedoch nicht zu lange anhalten. Aus Fahrgastsicht führt der einzig gangbare Weg fort von dem einen marktbeherrschenden Unternehmen und hin zu kleineren und weniger mächtigen Eisenbahnen. Auf diesem Weg werden den Fahrgästen sicher noch einige Steine in den Weg geworfen und viele werden diesen Weg als unbequem empfinden.

Aber dies ist Zukunft; handeln müssen wir in der Gegenwart. Und da werden wir uns noch eine Weile mit einer großen Deutschen Bahn AG und einem mächtigen Hartmut Mehdorn auseinandersetzen müssen.

 
Nachbemerkung:   Der Artikel entstand Mitte Dezember 2002. Die Situation ist seither eskaliert. Hartmut Mehdorn geht juristisch gegen PRO BAHN vor. Er bezeichnet die Vereinsmitglieder als Nörgler und Meckerer. Argumente möchte er nicht hören. Auch die lokale Arbeit in München wurde bereits Ziel seiner Schmähungen. Die Rückkehr zur Tagesordnung, auf der auch immer die konstruktive Zusammenarbeit mit DB-Stellen stand, ist jetzt schwierig. Durch seine Unfähigkeit, Kritik anzunehmen, hat Mehdorn das Verhältnis zwischen Deutscher Bahn AG und PRO BAHN massiv beschädigt. Die Beleidigung der Mitglieder von PRO BAHN, von denen gar nicht wenige bei der DB arbeiten, kann man nicht hinnehmen. Engagement und ehrenamtliche Arbeit sollten wert genug sein, sie gegen solch verbale Exzesse zu verteidigen.

Externer Verweis: Pressemitteilung von PRO BAHN  –  Diskussion dazu


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