Dieser Text basiert auf einem Artikel für die
PRO BAHN Post Juni 2005. Ein Nachdruck
erschien in der "Ems-Jade-Bahn" Juni 2005.
Bearbeitungsstand: 20.5.2005


 
 


 
 

Das ist billig!

Cleveres Marketing oder entgleiste Bahnpreise?
Die Schnäppchen-Bahn

Spar-im-Paar, Frühling-Sommer-Herbst-Spezial, Schönes-Wochenende und jetzt Lidl – Bahnfahren ist so einfach und billig wie nie!

Wirklich? Ein Ehepaar und seine 15-jährige Tochter möchten über ein verlängertes Wochenende von Kiel zur Oma nach Tübingen reisen. Ein Sparpreis-50-Fahrschein kostet 222 Euro. Weil man nicht zu spät ankommen möchte, kommen bei Abfahrt zwischen 7 und 9 Uhr morgens nur wenige Verbindungen in Frage. Da ist es schon möglich, daß der gewünschte Sparpreis zwei Wochen im Voraus ausverkauft ist. Und der Vollpreis von 666 Euro ist sicher keine Werbung fürs Bahnfahren.

Doch halt – nie war die Bahncard so wertvoll wie in diesem Jahr. 50 Euro investiert und schon sind die letzten Dezember abgeschafften Mitfahrerpreise wieder herbeigezaubert. Die Familienreise kostet dann inklusive des Preises für eine Bahncard (die man vielleicht nochmal nutzen kann, vielleicht aber auch nicht) und Platzreservierung 456,50 Euro. Im kommenden Dezember entfallen die Mitfahrerpreise auch mit Bahncard und die Reise verteuert sich um 46 % auf 667,50 Euro (inkl. 3 Bahncards und Platzreservierung). Für diesen Betrag wird sich wohl kaum noch jemand finden, der die Strecke mit der Bahn zurücklegt.

Ganz so teuer muß es aber nicht sein. Ein Sparpreis-25-Fahrschein zu 351 Euro (inkl. Reservierung) ist eher verfügbar als Sparpreis-50. Und fast zum selben Preis gibt es ein Sparpreis-50-Ticket für die 1. Klasse. Dies wird nicht so schnell ausverkauft sein und bringt zudem einen Komfortgewinn. Aber: Sind das die Preise, mit denen die Familie rechnet, nachdem sie vorher von Lidl-Tickets und anderen Angebotspreisen gehört hat? Und wer hat bei all diesen Varianten noch den Überblick?

Anderes Beispiel: Zwei Personen fahren von Nürnberg nach Stuttgart und am selben Tag zurück. Wenn man die Reise zuggenau drei Tage im Voraus planen kann, kostet dies 72 Euro, ansonsten 128 Euro. Zahlt man das, oder fährt man doch lieber mit dem flexiblen PKW?

Oder: Eine Mutter mit Bahncard-25 macht mit ihrem 13-jährigen Sohn am Samstag von Landshut aus einen Ausflug in den Bayerischen Wald nach Zwiesel. Zum einen bringt das Bayernticket aus einem Automaten zu 24 Euro kaum eine Ermäßigung im Vergleich zum Normalpreis von 26,10 Euro. Zum anderen werden bei solchen Fahrten Bahncard-Besitzer nicht für ihre Kundentreue belohnt. In den meisten Bundesländern käme zudem als Sonderangebot nur das SWT für 30 Euro zum Vergleich in Frage. Einige Auserwählte fahren in diesem Sommer allerdings für 24,95 Euro einmal quer durch die Republik anstatt nur in den Bayerischen Wald. Ob das zur alltäglichen Bahnnutzung wirklich motiviert, sei dahingestellt.

Können wir uns Bahnfahren nur noch mit Sonderangeboten leisten? Versteht sich die DB als Schnäppchenmarkt der Geiz-ist-Geil-Generation? Ist es Sinn eines Tarifsystems, daß man einen Großteil der Reisenden nur durch Fahrscheine gewinnt, die an der Tarifsystematik vorbei entwickelt werden?

Das nach einigen Wirren 2003 reformierte Preissystem wurde uns als Instrument der Auslastungssteuerung verkauft. Durch die Lidl-Tickets werden auch die Normalpreis-Kunden der DB die Freitagnachmittag- und Sonntagabend-Züge noch etwas voller erleben, als sie normalerweise schon sind. Beim SWT funktioniert die Auslastungssteuerung inzwischen so, daß sich Reisende mit anderen Fahrscheinen überlegen, welche Züge sie wegen Überlastung durch SWT-Gruppen meiden müssen. Das Aufteilen der für mittlere Entfernungen geeigneten IR-Verbindungen auf SWT-kompatiblen Nahverkehr und teure IC-Leistungen hat ebenfalls zur Verschärfung der Problematik beigetragen.

Für Einzelreisende bieten einige Bundesländer inzwischen zwar Single-Ländertickets an. Im Vergleich zur gerne von Fußballfans und Vereinsausflügen genutzten Fünfer-Variante sind die Preise aber nicht sehr attraktiv.

Die Deutsche Bahn AG ist mit ihren Tarifen auf dem falschen Trip! Preiswertes Bahnfahren ist gut, Angebote für Umsteiger von anderen Verkehrsmitteln sind zu begrüßen. Aber: Sie müssen so gestaltet sein, daß sie in ein Preissystem passen, mit dem neue Kunden auch nach Angebotsende der Bahn erhalten bleiben!

Anstatt immer neue Angebote zu lancieren, und damit die Unübersichtlichkeit für Kunden und Mitarbeiter zu steigern, sollte die DB endlich zugeben, daß auch die 2003er-Version des Preissystems nicht das Gelbe vom Ei ist, und daß Refombedarf besteht. Mehdorn hatte sich im Dezember 2002 die Finger an einer verunglückten Tarifreform verbrannt hat, und jetzt traut sich niemand mehr, grundsätzliche Fehler zu beseitigen. Zur Medien- und Politikerberuhigung produziert man lieber Schnäppchenpreise und entzieht sich so scheinbar dem Vorwurf zu teurer Bahnpreise.

Ein übersichtliches Grundpreissystem und verläßliche Rabatte müssen die Basis einer künftigen Angebotsstruktur sein. Neben der Möglichkeit, mit zeitlich begrenzten Sonderangeboten Neukunden anzusprechen, müssen die Bahnpreise auch für Stammkunden attraktiv sein. Zum Beispiel dadurch, daß bei jeder Form von Angebot Bahncard-Besitzer ein wenig mehr Rabatt erhalten als Gelegenheitsfahrer. Oder dadurch, daß Zeitkartenabos bei bestimmten Angeboten als Rabattkarte gelten. Damit bringt man die vielen Nahverkehrspendler viel zuverlässiger und dauerhafter zum Bahnfernverkehr als durch bei Lidl & Co. verramschte Billigtickets.

 

Lidl fährt Bahn


 
 


 
  Querverweise:

PEP aufpeppen!
 
Ein schwieriges Verhältnis
 
Die sieben Sünden von PEP
 
Rabatte auf Rabatte
 
Übersicht Fahrplan & Tarif
 


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