Dieser Text basiert auf einem Artikel für das Heft
Aktuelle Informationen aus Oberbayern Herbst 2007
von PRO BAHN Oberbayern   Bearbeitungsstand: 2.9.2007

 

Skizze Streckennetz
Die neue Wissenschaft: Fahrscheinkauf

Wenn man von der Deutschen Bahn AG (DB) zu einer anderen Bahngesellschaft umsteigt, merkt man dies am Aussehen der Züge und häufig am Service in und um den Zug, aber nur selten beim Bahntarif. Meist erhält man auch heute eine durchgehende Fahrkarte am Automaten oder Schalter, und muss sich nicht darum kümmern, dass man Züge zweier verschiedener Unternehmen benutzt.

Mit der Bayerischen Oberlandbahn (BOB) gibt es jetzt ein Beispiel, bei dem es für den Fahrgast in vielen Fällen komplizierter werden kann. Nach Informationen von PRO BAHN hatte sich die DB schon länger geweigert, bei der Anerkennung des DB-Tarifs in den Zügen der BOB ihre Ausgleichszahlungen an die gestiegenen Fahrgastzahlen anzupassen. Da es ähnliche Probleme auch beim zwischen München und Holzkirchen von der BOB anerkannten Verbundtarif gibt, entspricht die Erlössituation bei weitem nicht den Fahrgastzahlen auf diesem Streckenabschnitt.

Nach einer Tarifumstellung zum 1.8.2006 wird der DB-Tarif in den Zügen der BOB zwischen München und Holzkirchen nicht mehr anerkannt. Der Fahrpreis setzt sich nun bei Fahrten, die über den Verkehrsverbund und das BOB-Netz hinausgehen, immer aus einem BOB- und einem DB-Anteil zusammen. Da sich die Tarife unterscheiden, führt dies dazu, dass die Fahrscheinkosten davon abhängen, an welcher Station man von der DB in die BOB umsteigt. Und da der betroffene Streckenabschnitt sowohl von der BOB als auch von S-Bahnen der DB bedient wird, gibt es mehrere Umsteigemöglichkeiten und viele verschiedene Preise.

Erschwerend kommt hinzu, dass die DB nicht in der Lage ist einen durchgehenden Fahrschein zwischen zwei von ihr bedienten Stationen zu verkaufen, wenn auf einem Zwischenabschnitt ein anderes Bahnunternehmen mit eigenem Tarif benutzt wird. Südlich von München bekommen dies nun auch die Fahrgäste aus dem Mangfalltal zu spüren. Fahrgäste beispielsweise ab Bruckmühl nach Augsburg müssen beim Umsteigen in Holzkirchen oder München einen zweiten Fahrschein erwerben, wenn sie mit der BOB fahren möchten.

Ein weiteres Problem entsteht beim Fahrscheinkauf an DB-Nahverkehrsautomaten, da man dort nur für den einfachen Fall des Umsteigens in Holzkirchen korrekte Fahrscheine erhält. So werden dort auch Fahrscheine verkauft, die die kostenlose Mitnahmen eigener Kinder (bis 14 Jahre) einschließen. Dies ist aber eine DB-Regelung, die bei der BOB nicht gilt. Ausbaden muss dies alles im Zweifelsfall der Fahrgast, wenn ihm im BOB-Zug gesagt wird, dass der bei der DB erworbene Fahrschein ungültig ist.

Unverständlich ist, wie eine solche Situation entstehen kann, obwohl DB und andere Bahnen unter dem Dach des Tarifverbands der Bundeseigenen und Nichtbundeseigenen Eisenbahnen (TBNE) zusammenarbeiten. In der Juni-Ausgabe der DB-Zeitung "Regio Aktuell" wird der Geschäftsführer der TBNE, Bernd Rössner, mit folgendem Satz zitiert: "Ein attraktiver und damit eben durchgehender Tarif bietet die Chance, neue Kunden zu gewinnen." Die TBNE muss sich fragen lassen, warum beim Übergang ins BOB-Netz genau das Gegenteil passiert ist, und die Tarife komplizierter wurden. Es wird Zeit, dass die von dieser Organisation und damit auch von DB und BOB vertretene Tariftheorie in eine dementsprechend kundenfreundliche Praxis umgesetzt wird!

Bei der Lösung der Probleme sieht PRO BAHN auch den Freistaat Bayern als Besteller des Schienennahverkehrs in der Verantwortung. In einem regulierten Markt wie dem Schienennahverkehr Tarife von einer Kontrolle durch den Auftraggeber auszunehmen, wird auf Dauer nicht gutgehen. Ohne eine solche Kontrolle verschieben sich bei Tariffragen die Lasten immer mehr in Richtung Fahrgäste. Eine Beibehaltung der jetzigen Situation kann aus Sicht der Fahrgäste nur als Scheitern beurteilt werden. Ebenso ist es aber als Scheitern zu beurteilen, wenn der bayerische Verkehrsminister zulässt, dass ein von ihm beauftragtes Unternehmen mittels einer unfairen Erlösaufteilung so benachteiligt wird, dass es in wirtschaftliche Schwierigkeiten kommt.

Die ausführliche Problemdarstellung von PRO BAHN und eine Liste von Beispielen ist unter http://www.pro-bahn.de/oberbayern/tarif-m-holzk/ im Internet verfügbar.

Edmund Lauterbach

 

 
Externe Verweise:

Tarifverband der Bundeseigenen und Nichtbundeseigenen Eisenbahnen in Deutschland

Diskriminierungsfreie Einnahmeaufteilung im SPNV (VDV-Akademie)

Bundesarbeitsgemeinschaft der Aufgabenträger des SPNV

Eisenbahn-Tarif als Marktzutrittsbarriere im Wettbewerb des SPNV (BAG SPNV)

 
 


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