Dieser Text basiert auf einem Artikel
für die PRO BAHN Post Oktober 2016.
Bearbeitungsstand: 19.9.2016

 

Quellen und Querverweise
 

 

Der MVV steuert in die falsche Richtung

Vor einigen Tagen beschloss die Gesellschafterversammlung des MVV eine Anhebung der Fahrpreise für Dezember um durchschnittlich 2,9 Prozent. Die Süddeutsche Zeitung hat ermittelt, dass das im Vergleich zu anderen Verkehrsverbünden die stärkste Erhöhung in diesem Jahr ist.

Jetzt könnte man sagen, der MVV hat Nachholbedarf, weil andere Verbünde teurer sind. Oder: München boomt, also kann man hier leichter mehr Geld abschöpfen als anderswo. Andererseits: In München boomt auch der Autoverkehr – ist eine solche Preissteigerung das richtige Zeichen, um Leute zum Umsteigen auf Bus und Bahn zu verleiten? Und auch im boomenden München gibt es viele Leute, die jeden Euro zweimal umdrehen müssen, bevor sie entscheiden, wofür sie ihn ausgeben.

Insgesamt ist die Preisentwicklung im Öffentlichen Nahverkehr bedenklich und schädlich. Das statistische Bundesamt hat darauf hingewiesen, dass ÖPNV-Kunden im Vergleich zu anderen Verkehrsmitteln bei Preiserhöhungen der letzten Jahre übermäßig stark belastet wurden. Im Nahverkehr sind die Fahrpreise seit 2000 um 73 Prozent gestiegen. Für die Autonutzung musste man im gleichen Zeitraum nur 27 Prozent mehr zahlen. Da im Wesentlichen Länder und Kommunen die Nahverkehrspreise festlegen, kann man plakativ sagen, dass die Fahrgäste die Melkkühe der Nation sind.

In München geht es nicht nur um kurzfristige Preiserhöhungen sondern mittelfristig auch um die Reform der Tarifstruktur. Leider wurden alle Bemühungen von PRO BAHN, besser in diese Diskussion eingebunden zu werden, von den Verantwortlichen abgeschmettert. Letztlich reden beim MVV-Tarif viele Institutionen mit, nur nicht die Fahrgäste selber, die das anschließend am Ticketautomaten ausbaden müssen. Würde das Denken beim Kunden beginnen, und nicht in verkrusteten Strukturen und intransparentem Gremienfilz verhaftet sein, käme man zu anderen Schlüssen. Nicht nur der Tarif ist beim MVV reformbedürftig.

Eine eher dubiose Rolle spielen die Verkehrsunternehmen, die ja eben nicht in einem Preis-Leistungs-Wettbewerb um den MVV-Kunden stehen, sondern im Prinzip planwirtschaftlich agieren. Damit fehlt ihnen aber letztlich die Legitimation, Vorgaben zu Preis und Leistung zu machen, die dann am Ende nur abgenickt werden. Sie können das im beim MVV üblichen Ausmaß nur deshalb, weil die Politik froh ist, die Verantwortung los zu sein.

Die MVG begründet für den Münchner Stadtverkehr die Preiserhöhung unter anderem mit Angebotsausweitungen. Allerdings wurden im Entwurf ihres Leistungsprogramms vom März abgestuft drei Pakete A, B und C vorgeschlagen. In einer Stellungnahme bezeichnete PRO BAHN alle drei Pakete als dringend benötigt. Sowohl das Münchner Wirtschafts- als auch das Planungsreferat sahen dies ähnlich. Trotz der Erkenntnis, dass alle drei Pakete für München notwendig sind, ist aber eine Umsetzung von Paket C für dieses Jahr nicht vorgesehen.

Während in München in erster Linie die Überlastung einiger U-Bahn-Linien und der seit Jahren politisch verschleppte Trambahnbau im Vordergrund stehen, existiert im Umland das Thema Leistungsausweitung nur in einigen Landkreisen beim Busverkehr. Auf der Schiene, als wesentlichem Träger des ÖPNV, passiert was den Fahrplan angeht praktisch nichts. Was passiert, ist, dass die S-Bahn immer unzuverlässiger wird. Die Zahl der Störungen nimmt zu, und deren Auswirkungen nehmen noch stärker zu. Die DB macht es durch Zugausfälle, vorzeitiges Wenden, Auslassen von Haltestellen und dadurch, dass immer dieselben Linien teilweise über Stunden aus der Stammstrecke genommen werden, für die Fahrgäste nicht besser.

Und dafür soll man jetzt auch noch mehr bezahlen? Solche Entscheidungen können eigentlich nur von Leuten getroffen werden, denen die Wirklichkeit von Pendlern und anderen MVV-Kunden ziemlich fremd ist. Auch der Vorsitzende der MVV-Gesellschafterversammlung, Oberbürgermeister Reiter, steht wahrscheinlich öfter im Stau als in einer überfüllten U-Bahn. Es sei ihm aber gesagt, dass dieser Stau auch von Leuten erzeugt wird, die es leid sind, für ihr gutes Geld mit ausfallenden, durchfahrenden und erheblich verspäteten S-Bahnen zurecht zu kommen, und deshalb wieder vermehrt mit dem Auto nach München fahren.

Es wird ihnen ja auch leicht gemacht: Autobahnen und Bundesstraßen werden ausgebaut, neue Anschlussstellen sollen direkt nach München hineinführen – und all das wird mit Steuermitteln finanziert. Dagegen wurden die Kosten für den Betrieb von Bus und Bahn in den letzten Jahrzehnten immer stärker den Fahrgästen aufgebürdet. Dabei vermindert jeder, der mit Bus, Tram oder U-Bahn fährt, den Verkehr auf Münchens Straßen, hilft damit indirekt den anderen Autofahrern, vermindert Lärm-, Abgas- und Staubbelastung.

Die Vorhersage ist einfach: Im MVV-Gebiet wird der Autoverkehr zunehmend schneller wachsen als der Öffentliche Verkehr. Hier Investitionen und Ausbauten, dort Unzuverlässigkeit, unzureichende Angebotsentwicklung und höhere Preise. Ob die Politik die Augen verschließt, oder sehenden Auges das Desaster ihren Nachfolgern überlässt, ist unbekannt. Die Richtung, die sie sich von MVV und Verkehrsunternehmen vorgeben lässt, scheint aber eine zukunftsweisende Verkehrspolitik nicht zum Ziel zu haben. Diese Entwicklung geht nicht nur zu Lasten der MVV-Fahrgäste sondern zu Lasten aller Bürger im Ballungsraum München.

Edmund Lauterbach

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