Dieser Text basiert auf einem Artikel
für die PRO BAHN Post Februar 2002.
Bearbeitungsstand: 24.1.2002
  MVV-Tarif
Keine Streifenkarten mehr?

Nachdem schon vor einiger Zeit der Verkauf von Streifenkarten in der Trambahn eingestellt wurde, gibt es diese Fahrscheine seit 1.1.2002 auch nicht mehr in den Bussen der MVG (Münchner Verkehrsgesellschaft, vormals Stadtwerke München). Begründet wird dies mit den fehlenden technischen Möglichkeiten der Fahrscheinautomaten im Fahrzeug. Daß in einem anderen großen Verkehrsverbund der Streifenkartenverkauf aus fahrzeugbasierten Automaten gerade neu eingeführt wurde, stört die MVG bei ihrer Argumentation offensichtlich nicht.

In einer SWM/MVG-Pressemeldung vom 3.12.2001 heißt es zur Streifenkarte: "Ihre Bedeutung nimmt ohnehin ab, weil immer mehr Kunden zu den attraktiven Tageskarten übergehen." Dieser Satz spiegelt jedoch die Unternehmenssicht und nicht die Kundensicht wider.

Für Fahrgäste, die zwei- bis dreimal pro Woche MVV-Verkehrsmittel benutzen, eventuell in verschiedenen Tarifzonen, sind die Tageskarten einfach zu teuer. Ähnliches gilt für Zeitkartenkunden, die öfters mal über den Geltungsbereich ihrer Zeitkarte hinausfahren. Weder die Tageskarten noch eine erweiterte Zeitkartengültigkeit haben einen Preis, der eine solche Nutzung attraktiv macht.

Wenn jemand nur ein- bis zweimal pro Monat mit dem MVV fährt und ansonsten im eigenen Auto unterwegs ist, kann die Tageskarte das richtige Angebot sein. Diesen Personenkreis als einzig wichtige Zielgruppe für den Öffentlichen Verkehr neben den täglichen Pendlern zu betrachten ist jedoch eine Fehleinschätzung.

Die Lücke zwischen dem Tageskartennutzer, der nur ausnahmsweise MVV fährt, und dem ÖV-Stammkunden mit Zeitkarte kann nur die Streifenkarte schließen. Welchen Fahrschein soll beispielsweise die Mutter mit Kleinkindern, die einmal pro Woche in die Innenstadt fährt und noch ein- bis zweimal pro Woche eine Kurzstrecke zurücklegt, sonst auch nutzen?

Bei den Pendlern ist natürlich die Zeitkarte der beliebteste Fahrschein. Die Tatsache, daß etwa 50% der Kunden im städtischen Nahverkehr eine Zeitkarte benutzten, kann man nur positiv bewerten. Das Abonnement als Mittel zur Kundenbindung ist unzweifelhaft der richtige Weg. Nur: Mittels Zeitkarten kann man kaum Neukunden werben oder Gelegenheitskunden binden. Die Neukunden von heute sind aber die Stammkunden von morgen. Und im Zeichen des wachsenden Freizeitverkehrs kann es mittelfristig nur ein Fehler sein, das Potential der Gelegenheitskunden nicht für den Öffentlichen Verkehr zu erschließen.

Die Streifenkarte ist auch für Fahrgäste, die nicht täglich die gleiche Strecke zurücklegen, ein akzeptables Angebot. In einem städtischen Ballungsraum sollte erwünscht sein, daß auch diese Art von Mobilität ohne den Besitz eines Autos zu bewältigen ist.

Leider kann die Streifenkarte ihre Aufgabe immer schlechter erfüllen. Die MVV- und MVG-Prognosen zum Rückgang der Streifenkarten-Nutzung kann man leicht selbsterfüllend machen, wenn die Streifenkarten überdurchschnittlich im Preis steigen und man die Möglichkeit, die Karten zu kaufen, kontinuierlich einschränkt.

Daß es Verkehrsverbünde gibt, die schon immer ohne Streifenkarte ausgekommen sind, ist richtig. Dort gibt es aber dann aber auch andere Tarifstrukturen und andere Preise. Einerseits muß "anders" nicht "besser" sein, andererseits wissen wir aus der Vergangenheit, wie schwer man sich im MVV mit Reformen der Tarifstruktur tut.

Auf der technischen Seite sieht es zur Zeit auch nicht danach aus, als ob grundsätzliche Änderungen schnell zu erwarten seien. Die Zukunftshoffnung der Verkehrsunternehmen, das "Elektronische Ticket", läßt wohl deutlich länger auf sich warten, als man noch vor einiger Zeit dachte. Dieses Ticket soll zwar so ziemlich "alles" können was es genau kann, weiß man noch nicht. Wann es kommt, ist ungewiß. Und ob das "E-Ticket" und die dahinterstehende Infrastruktur wirklich überall zu Kosteneinsparungen führen, ist zweifelhaft. Mit diesen Perspektiven die Streifenkarte schlecht zu machen ist wenig kundenfreundlich und scheint nicht eines gewissen Starrsinns zu entbehren.


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