Der Text basiert auf einem Beitrag vom 27.8.2002
in der newsgroup de.etc.bahn.tarif+service.

 

Der ganz normale Wahnsinn
Öffentlicher Verkehr in Grenzbereich zwischen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz

Bekannte von mir wollen ein paar Tage Urlaub in Linz am Rhein verbringen
(das ist da wo u.a. eine kleine Bahnstrecke losgeht, die letztes Jahr
noch Drachenlandexpress hieß - siehe auch
http://www.myway.de/e.lauterbach/draco/). Da ich mich in der Gegend
auskenne, darf ich ein paar Ratschläge geben. (Anmerkung: Einiges was
hier steht - insbesondere konkrete Fahrpreise - habe ich nachträglich
ermittelt um diesen Text mit zusätzlicher Information zu füllen.)

Von Linz aus sollen ein paar Ausflüge gemacht werden, u.a. ins Ahrtal.
Die Ahr mündet genau gegenüber von Linz in den Rhein - also ist ein
solcher Ausflug irgendwie "naheliegend". 

Ok, jetzt mal überlegt wie man das öv-mäßig so anstellen kann. HAFAS ist
für so etwas zu dumm - und zwar viel zu dumm. Wenn man HAFAS traut,
fährt man über Koblenz. Mit etwas Vorwissen, einiger Geduld und
Rumprobierei entlockt man ihm noch eine Verbindung über Bonn unter
teilweiser Nutzung der dortigen Straßen- bzw. Stadtbahn.

Aber: in Linz gibt es eine "Autoschnellfähre". Der gegenüberliegende Ort
ist Kripp - ein Stadtteil von Remagen. Remagen ist Ausgangspunkt der
Ahrtalbahn. Einen Bahnhof gibt es zwar in Remagen, nicht jedoch in
Kripp, da die Bahnstrecke hier etwas im Hinterland verläuft. Eine
Bahnstation nördlich von Linz, in Erpel, gibt es noch eine
Personenfähre, die linksrheinisch in ungefährer Fußgängerentfernung vom
Remagener Bahnhof rauskommt.

Direkt mal einen Exkurs zum Tarif: Keine der Rheinfähren in der Gegend
(und da gibt es noch einige mehr) gehört zu irgendeinem Verkehrsverbund.
Linz liegt nach Norden im VRS, nach Süden im VRM. Das Ahrtal und Remagen
liegen im VRM und es existiert ein Übergangstarif in ein Teilgebiet des
VRS. Eine Auswirkung des Ganzen: Für eine Strecke Linz - Erpel - Remagen
- Ahrtal braucht man (wahrscheinlich) drei verschiedene Fahrausweise!

HAFAS und etwas Vorwissen hilft aber jetzt doch etwas weiter: von Kripp
gibt es eine Buslinie ins Ahrtal. Der Bus hält aber nicht an der Fähre,
von dort gibt es nur ein AST mit 30-minütiger Vorbestellung
(wohlgemerkt: werktags!). Also einen Stadtplan von Kripp gesucht:
www.kripp.de gibt es, scheint aber nicht zu funktionieren.
www.remagen.de zeigt eine Titelseite, die für das Menü notwendigen
Java-Applets zeigen aber keine Wirkung - der alltägliche Web-Wahnsinn.

Yahoo sei dank - dort gibt es auch von kleinen Käffern Stadtpläne.
Mittels diesem und einem aufgrund des Namens vermuteten
Haltestellenstandort gehen wir mal davon aus, daß die Bushaltestelle
fußläufig zum Fähranlieger liegt.

Ohne spontanen Entscheidungen vorgreifen zu wollen, legen wir mal einen
hypothetischen Ausflugsplan zugrunde. Ich bringe da auch meine eigenen
Erfahrungen ein, die ich letztes Jahr auf
http://www.myway.de/e.lauterbach/rheifel/ geschildert hatte. 

Also: Bus bis Ahrweiler, dort Aufenthalt, weiter mit der Bahn bis
Altenahr, am Nachmittag eventuell via Bonn zurück.

Der Bus wird VRM-Tarif sein. Die Ahrtalbahn inzwischen wohl auch, also
wahrscheinlich teurer als vor einem Jahr, als ich meine Bahncard dort
noch nutzen konnte. Kann man evtuell Kripp - Altenahr trotz
Fahrtunterbrechung durchlösen? www.vrm.de gehört irgendeiner Zeitung.
Google führt zu http://www.vrminfo.de/ - da hat mal wohl vom nörlichen
Bruder abgeschaut. Dort gibt es sogar Tarifbestimmungen zum download.
Aha - die Bahncard wird anerkannt - löblich! Nach runterladen und
Anschauen mehrerer PDF-Dateien: Kripp - Altenahr sind 7 Zonen, kostet
mit BC 3,75 EUR (ohne 4,95 EUR) und gilt 5 Stunden. 
"Fahrtunterbrechungen sind innerhalb der Geltungsdauer zulässig." Bingo! 
(zum Vergleich Ahrweiler - Altenahr DB/BC-Tarif letztes Jahr 2,40 DM,
VRM/BC-Tarif heute 2,20 EUR)
 
Die Rückfahrt: Linz liegt im VRS, aber nicht im Übergangstarif VRS-Ahr.
Also braucht man zwei verschiedene Fahrscheine (bei Umweg über Köln oder
Koblenz reicht einer - aber das ist natürlich teurer). Zwischen Altenahr
und Bonn sollte man die Wahl zwischen Übergangstarif und DB-Tarif haben,
wobei letzterer mit Bahncard billiger ist. Ab Bonn-Mehlem gilt der
VRS-Tarif, nutzen kann man ihn aber erst, nachdem man die Ahrtalbahn
verläßt und einen VRS-Fahrschein entwertet. Im VRS-Tarif ist es egal, ob
man ab Mehlem, Godesberg. oder Bonn Hbf einen Fahrschein nach Linz löst
(Tarifstufe C, 5 - 8 Zonen). Der DB-Tarif ist natürlich bis Bonn Hbf
etwas teurer (na ja, mit BC insgesamt 3,30 EUR), aber wegen weniger
Umsteigevorgänge auch etwas bequemer.

HAFAS besteht bei Altenahr - Linz natürlich wieder auf dem Umweg über
Koblenz. Bei "via Bonn Hbf" möchte HAFAS, daß man auf dem Weg nach Linz
vorzugsweise zwischen Ober- und Niederdollendorf mit etwas Fußweg
umsteigt. Die Umsteigewege zwischen Stadt-/Straßenbahn und
rechtsrheinischer DB-Strecke sind allerdings in Bonn-Beuel sowie in
Rhöndorf deutlich kürzer.

Zurück zum Tarif: VRM-Karte Kripp - Ahrweiler, Ahrweiler - Altenahr.
DB-Fahrschein Altenahr - Bonn, VRS-Fahrkarte Bonn - Linz. Da gab es doch
noch die famosen Ländertickets, lohnen sich insbesondere für mehrere
Personen. Aber oh je - zwei verschiedene Bundesländer. Das
Rheinland-Pfalz-Ticket scheidet direkt aus, da es nicht in Bonn gilt.
Des Schöner-Tag-Ticket NRW (STT) ist großzügiger: es gilt explizit im
rheinland-pfälzischen Ahrtal und wenn ich die Tarifbestimmung richtig
interpretiere auch in allen nicht zu NRW gehörenden Gebieten des VRS.
Wäre eine Lösung. Stellt sich nur noch die Frage, ob es im
rheinland-pfälzischen Linz käuflich zu erwerben ist. (Die kann ich nicht
beantworten - weiß das jemand?) Vom Preis her sieht es so aus: 3,75
(VRM) + 3,30 (DB) + 4,90 (VRS) = 11,95 EUR pro Person - da würde sich
das STT ab 3 Personen lohnen. 

Nun ja - ein Resümee: warum beschreibe ich das überhaupt?  Dies alles
spielt sich in einem städtischen Ballungsraum ab, durch den sich eine
etwas diffuse Tarifgrenze zieht. Diffus deshalb, weil der VRS einerseits
nach Rheinland-Pfalz hineinreicht, andererseits es einen Übergangstarif
gibt und zum dritten die exakten Länderticket-Bestimmungen schwer in
Erfahrung und nicht einfach zu interpretieren sind. Zumindest ein
verbundübergreifendes Tagesticket müßte man für diese Region haben (das
dann auch noch südlich von Linz also außerhalb des
STT-Gültigkeitsgebietes gilt und zu kaufen ist).

Und wenn ich mir jetzt überlege, wie da ein ortsfremder Besucher
(eventuell ohne die Möglichkeit einer Vorab-Info per Internet) mit
zurechtkommen soll, wieviel ich da schon an Vorwissen reingesteckt habe,
das ein Fremder nicht hat, dann weiß ich ganz genau wovon ich rede - vom
ganz normalen ÖV-Wahnsinn.


Schönen Gruß,

Edmund Lauterbach

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