Pfiffiger Hoffmann mit Hindernissen in Dijon


Besuchte Vorstellung: 11. März 2009


Regie: Olivier Desbordes

Dirigat: Dominique Trottein

Bühnenbild: Patrice Gouron

Kostüme: Jean-Michel Angays


Hoffmann: Andréa Giovannini

Olympia, Giulietta, Antonia: Isabelle Philippe

Widersacher: Jean-Claude Saragosse

Muse und Stimme der Mutter: Sabine Garonne



Fazit Dijon:


Ein pfiffiger und intelligenter Hoffmann, aufgeführt von einer reisenden Theatertruppe, die sogar ihr eigenes Bühnenbild mitbrachte. Stimmlich und darstellerisch alles im grünen Bereich. Phänomenal, mit welchem Einsatz die Sänger und Musiker agierten und die schwierige Situation der vom Orchester bestreikten Premiere meisterten. Ein Riesenkompliment an den Pianisten, der das Rumpforchester genial improvisierend zusammenhielt. Viele interessante Einfälle der Regie. Gute und nachvollziehbare Darstellung der Handlung der Oper. Ein einfaches, aber funktionales und in Details fantasievolles Bühnenbild.

Ein großes Kompliment auch an das Dijoner Publikum, das sich durch die Streikaktion nicht irritieren ließ und während der ganzen Vorstellung die Sänger und Musiker immer wieder durch kräftigen – und wohlverdienten – Applaus anfeuerte.


Version: Guiraud – Choudens

Reihenfolge der Akte: Olympia – Giulietta - Antonia


Dijon ist eine hübsche Stadt im Burgund mit einem gut erhaltenen mittel-alterlichen Stadtbild. Auch das Grand Theatre genau in der Stadtmitte beeindruckt mit seiner Kolonnade. Daneben gibt es noch ein neues, super-modernes Theater namens Auditorium. Optisch eine Mischung zwischen einem UFO und einem Fort der Maginot-Linie.

Als ich nachmittags anlässlich der Stadtbesichtigung im Theater vorbeischaute und schon mal ein Programmheft holen wollte, machte man dort ein bedrücktes Gesicht. "Nous avons des soucis." Souci, das heißt doch Sorge, an Sanssoucis denkend. "Une grève", ein Streik drohe, und es sei gar nicht sicher, ob es überhaupt eine Premiere geben würde. "Ce sont les musiciens?", fragte ich "Oui". Aha, kenne ich schon von Erfurt.

Aber ohje, nur fifty-fifty sei die Chance, dass man überhaupt spielen werde.

Naja, trotzdem habe ich mich fein gemacht und war um halb acht am Theater. Dort hingen schon die Spruchbänder, und Flugblätter wurden verteilt, denn in Dijon ist geplant, das Theaterorchester mit einem Kammerorchester zusammenzulegen, was den Protest auslöste.

Der Vorraum voller Leute, das Theater abgesperrt. Überall protestierende Musiker. Doch eine Viertelstunde vor dem geplanten Beginn ließ man uns ins Theater. Kein Musiker im Graben. Schaun wir mal. Noch war nicht alles verloren.

Dann ging der Vorhang auf. Die auf der Bühne versammelten Musiker verlasen eine Protesterklärung. „So, und jetzt können Sie wieder nach Hause gehen, denn es gebe keine Oper.“ Merde. 650 km Anreise und zwei Hotelübernachtungen, bei nicht allzu frühlingshaftem Wetter.

Doch dann kam ein rettender Engel in Form eines jungen Theatermanagers. Er verkündete, dass es eine Aufführung geben werde, aber nur mit Pianobegleitung und ein paar Instrumenten. Wer gehen wolle, bekomme sein Geld zurück. Doch die allermeisten blieben. Nur an die zwanzig Leute gingen. Ihre Plätze wurden sofort von weiter hinten Sitzenden in Beschlag genommen.

Einige Sympathisanten der Musiker im Publikum protestierten, verließen aber dann auch den Raum.

In Frankreich scheint es tatsächlich nicht so üblich zu sein, sich für einen Theaterbesuch, auch für eine Premiere, fein herauszuputzen. In meinem dunklen Anzug mit Krawatte kam ich mir vor wie ein Konfirmand in einer Disco.

Nun zum Theater. Eine architektonisch gelungene Rotunde bildet den Zuschauerraum, der ziemlich kurz, dafür aber sehr hoch ist und drei Ränge hat. Der Stil ist schwer zu bestimmen. Der oberste Rang erinnerte mich an die Architektur einer Freimaurerloge.

Immer war noch nicht klar, ob und wie die Premiere stattfinden würde.

Dann keimte Hoffnung auf. Wie eine Erlösung erklang das erste Stimmen einer Geige, und noch ein Ton erklang, von einem Bläser. Viele waren es nicht, die sich einpielten. Und schon hörte ich eine paar Offenbach-Klänge. Erleichterung.

Dann kam der Dirigent (Dominique Trottein). Ein gewaltiger Applaus schwoll an, wie ich ihn noch nie vor einer Vorstellung gehört hatte, und der Hoffmann begann mit einer halben Stunde Verspätung.

Gut kamen die Auftakte, gespielt von zwei Handvoll Musikern. Also für meine Ohren klang das sehr ordentlich. Da habe ich schon einige schlechtere Auftakte gehört. Die Akustik des Theater war ausgezeichnet.

Ich dachte mir die ganze Zeit, wie die da unten improvisieren müssen. Alles hing wohl an der Kunst des Pianisten, der blitzschnell erfassen musste, welches Instrument gerade die tragende Melodie spielte. Er machte das grandios.


Der Vorhang ging nochmal auf, diesmal ohne Protestierer, und an einem großen runden Tisch saßen Hoffmanns Kumpane. Nach hinten wurde die Bühne von hohen, rechteckigen Elementen begrenzt.

Die Muse (Sabine Garrone) trat in einem schwarzen Pierrot-Kostüm auf und überzeugte gleich mit gutem Gesang. Die Choristen und auch alle Sänger waren aufwändig geschminkt, wie man das selten sieht. Lindorf (Jean-Claude Sarragosse) kam als diabolisch aussehender und agierender Finsterling in einem langen schwarzen Mantel, den er die ganze Aufführung hindurch anbehielt.

Dann trat ein jugendlicher und lebhaft agierender Hoffmann auf (Andréa Giovannini). Er sang mit frischer und voluminöser Stimme, die nur leicht metallisch war und richtig strahlend klang. Er agierte gut zum Klein-Zack und bekam seinen verdienten Applaus.


Der Olympia-Akt wurde als Zirkusnummer inszeniert, aber nicht läppisch oder klamaukhaft wie an Main und Rhein, sondern als richtige Zirkusnummer. Der große runde Tisch wurde zur Arena, auf der Cochenille peitschenschwingend als Zirkus-direktor das Kommando führte. Mit einem Sprachrohr kündigte er die Sensation OLYMPIA an.

Übrigens, in Dijon wurden nicht alle Dialoge gesungen. Ein Teil wurde gesprochen, wie weiland an der Opéra bouffe in Paris.

Aber wie hatte man die arme Olympia (Isabelle Philippe, sang alle drei Rollen) angezogen! Zuerst hatte man sie mit einem weiten, schwarzen Umhang verhüllt, aus dem nur der stark geschminkte Kopf ragte. Als Cochenille (Éric Vignau) sie von dem Umhang befreite, bot sie einen einmaligen Anblick: Nach Aachen die zweite hässliche Olymnpia. Das Ballettröckchen aus Tüll ging ja noch, aber ihre anderen Gliedmaßen hatte man mit einem fleischfarbenen und gepolsterten Textil überzogen, das ihr das Äußere einer Frau mit Ganzkörper-Cellulitis verlieh. Auf dem Kopf trug sie ein paar Glühlampen. Vom Typ her erinnerte sie mich an die Nebenfiguren zu Marlene Dietrich im Blauen Engel.Täppisch und ungeschickt bewegte sie sich auf der Bühne, immer bedroht von Cochenilles Peitsche, der sie wie ein Zirkuspferdchen vorführte. Spalanzani (Lionel Muzin) verlor dadurch etwas an Bedeutung. Er war ein wuseliger Einstein-Typ, im Aussehen ähnlich wie der in Hamburg. Coppelius verkaufte derweilen erfolgreich Brillen an das Publikum. Der Hoffmann bekam natürlich auch die seinige.

Der Olympia schien das Ganze nicht zu behagen, denn in einem unbewachten Augenblick trollte sie sich heimlich von der Bühne, wurde aber gleich wieder eingefangen.

Eine neue und konsequente Interpretation des Olympia-Aktes durch den Regisseur (Olivier Desbordes). Nicht schlecht, was ich bisher gesehen hatte.

Irgendeine Premieren-Nervosität oder Verunsicherung konnte ich nicht feststellen, trotz des Orchesterstreiks. Ich hatte im Gegenteil den Eindruck, dass die Sängerinnen und Sänger mehr als ihr Bestes gaben.

Olympias Arie wird üblicherweise von einem Querflötensolo eingeleitet. Diesmal kam es vom Piano. Übrigens: die gut zehn Musiker legten sich so energisch ins Zeug, dass ich manchmal den Eindruck bekam, dass hier im Orchestergraben eine volle Besetzung am Werk war. Chapeau!

Olympias Arie kam gut, und sie ging dabei um die Arena herum, und der Zirkusdirektor Cochenille schwang seine Peitsche im Takt dazu, damit die arme Olympia gleich gar nicht auf dumme Gedanken kam. Herzlicher Applaus für ihre Arie.

Es kam, wie es kommen musste: Hoffmann wurde vom Zirkuspublikum ausgiebig verlacht, auch von der Olympia selbst. Kräftiger Applaus für diesen Akt.


Dann war Pause, denn Isabelle Philippe sang alle drei Frauenrollen. Erstaunlich war, dass ungefähr die Hälfte des Publikums während der Pause im Theater sitzen blieb.

Ich schaute dann in den Orchestergraben. Dort sah ich drei Blechbläser (Horn, Trompete, Posaune), eine Harfe, eine Pauke, ein Fagott, ein Piano, eine oder zwei Geigen, eine Bratsche und ein Cello. Erstaunlich, was die für einen Klang produzierten. Und dazu der geniale Pianist, der das Ganze zusammenhielt. Da waren richtige Musikanten im besten Sinne des Wortes am Werk.

Es wäre wohl etwas theatralisch, aus Churchills Rede nach der sog. Luftschlacht um England zu zitieren, ich tue es aber nach 650 km Anfahrt und zwei fest gebuchten Hotelübernachtungen doch: Never have so many owed so much to so few. (Nie haben so Viele so Wenigen so viel zu geschuldet.)


Weiter ging es mit dem Giulietta-Akt.

Keine Gondeln, dafür viel glitzerndes Murano-Kristall auf der Bühne. Die Gefahr eines nervenden Piccolos bei der Barcarole bestand ja hier nicht, da die Flöte streikte. Die Giulietta war in Schwarz als Königin der venezianischen Nacht funkelnd gekleidet. Sehr schön sangen sie und Niklaus die Barcarole.

Dapertutto agierte gut zur Spiegel-Arie.

Es fand immerhin ein Duell mit zwei Säbeln statt, es dauerte aber nicht lange. Hoffmann stach den Schlemihl schon mit dem ersten Stich ab.

Die Regie hatte sich immer wieder nette kleine Details einfallen lassen, zum Beispiel lachte die Giulietta den Hoffmann nur aus, als der ihr seine Liebe gestand.

Grandios erklang das Sextett. Das Theater von Dijon hat wirklich eine ganz aus-gezeichnete Akustik. Ich saß im Parkett, wo man normalerweise nicht so gut hört wie auf den Rängen.

Hoffmann wurde auch in diesem Akt wieder richtig vorgeführt, und Schlemihl (Alain Herriau) war gar nicht tot. Munter erwachte der eben Abgestochene wieder zum Ende des Aktes.


Überraschung: Es ging ohne zweite Pause weiter mit dem Antonia-Akt.

Isabelle Philippe scheint eine gute Kondition zu haben.

Die glitzernden venezianischen Leuchter wurden abgebaut, der leere Spiegel wurde allen gezeigt. Ein großes rotes Tuch wurde über den runden Tisch gelegt. Bleierne Stille herrschte im Theater.


Antonia brachte ihr Auftrittslied mit guter Dramatik und Intensität rüber. Man merkte, dass sie sich richtig verausgabte. Mein erster Eindruck, dass die Sänger wegen des Orchesterstreiks alles gaben, sowohl stimmlich wie auch darstellerisch, verfestigte sich.

Antonia stand in der Mitte des runden Tisches, und versank dabei langsam, bis nur mehr ihr Torso herausragte.

Éric Vignau, der schon den Cochenille gespielt hatte, gab auch einen guten Franz.

Sehr sensibel sangen Antonia und Hoffmann ihr Chanson d´amour.

Mirakel hatte die Antonia willenlos gemacht und konnte sie so selbst an ihrem Leib diagnostizieren. Das geschieht sonst nicht.

Mirakel brachte auch den Niklaus dazu, die Stimme der Mutter zu singen. Dabei holte er eine kleine Puppe aus dem Kostüm, die aussah wie die Olympia. Das verstand ich nicht ganz, da diese Puppe auch noch an anderer Stelle aufgetaucht war.

Zu ihrem todbringenden Gesang bekam sie ein richtiges Publikum: der Chor gruppierte sich um den runden Tisch und lauschte ihr.


Antonia erstarrte zu einer aufrecht stehenden Statue, und Mirakel triumphierte.


Den Antonia-Akt hatte man stimmlich sehr gut gegeben. Besonders der Sänger des Hoffmann zeigte sich hier von seiner besten Seite. Leider hatte man, wie so oft, die Geigen-Arie weggelassen.


Der Schlussakt war eindrucksvoll und dynamisch, allerdings relativ kurz, da man die Choudens-Version spielte. Stella war in der ganzen Oper nicht aufgetreten.


Großer Applaus für alle Beteiligten nach dieser improvisierten, aber gelungenen Vorstellung.


Nachdem der lange Applaus verebbt war, ging ich an den Orchestergraben, um mich bei den wackeren Streikbrechern zu bedanken, dass sie überhaupt gespielt hatten. Schließlich wäre ich umsonst 1300 km gefahren und hätte zwei Hotelübernachtungen bezahlt, ohne einen Hoffmann gesehen zu haben. Ich tat das in meinem holperigen Französisch. Jemand fragte mich, Ob ich „exprés de Munich?“ (= extra aus München?) gekommen sei. Das verstand ich nicht gleich und antwortete, „Nein, mit dem Auto.“ Gelächter, als sich das Missverständnis aufklärte. Dieses Gespräch hörte eine Dame aus der Theaterleitung mit, die in der Nähe stand. Als sie gehört hatte, dass ich extra aus München zu ihrem Hoffmann angereist war, lud sie mich spontan zur Premierenfeier im Foyer ein, wo ich einiges über die Hintergründe dieser Inszenierung erfuhr.

Frankreich hat ja bei Weitem nicht so eine umfangreiche Theaterlandschaft wie Deutschland, da die staatlichen und kommunalen Subventionen in der Grande Nation spärlicher fließen als bei uns. So entstanden reisende Theatertruppen, die mit einer Produktion durch das Land touren. Diese Truppe führte nun ihren Hoffmann in verschiedenen französischen Provinzstädten zwischen Bordeaux und Dijon auf. Sie hatten sogar ihr eigenes Bühnenbild und die Kostüme dabei. Dijon stellte das Theater und das Orchester, das zufällig am Premierenabend streikte. Nun verstand ich auch, warum ich den ganzen Abend lang keine Premierennervosität wahrnahm, die ja sonst deutlich zu spüren ist. Die hatten den Hoffmann schon mehrfach aufgeführt und sich so einige Routine erworben.

Es folgten interessante Gespräche mit den Darstellern, dem Regisseur und den Beteiligten des Theaters von Dijon. Eine Dramaturgin klärte mich auf über die Streiklust ihrer Landsleute. In Erfurt hatte ein Protest des Orchesters aus gleichem Anlass zu einer halbstündigen Verspätung des Opernbeginns geführt. In Frankreich aber werde immer gleich richtig gestreikt, meinte sie, denn das habe Tradition.

Da die meisten Sänger Deutsch sprachen, verbrachte ich einen netten und interessanten Abend nach dieser nicht alltäglichen Opernvorstellung.