Glasgow - Verachtet mir die Schüler nicht


Besuchte Vorstellungen am 27. (Premiere) und 29. Juni


Regie: William Relton

Dirigat: Timothy Dean

Ausstattung: Bridget Kimak


Besetzung am 27. Juni:


Hoffmann: Jung Seo Yun

Muse: Charlotte Tetley

Olympia: Clare Tucker

Antonia: Maria Koslova

Giulietta: Miranda Sinani

Lindorf: Nicholas Morris

Coppelius: Andrew McTaggart

Dr Miracle: Michel de Souza

Dapertutto: Felipe Oliveira

Mutter: Lynda-Jane Workman


Fazit Glasgow: Ein engagiert gespielter, teilweise hervorragend gesungener Hoffmann ohne Schwächen. Eine einfallsreiche Regie mit einigen neuen Ideen. Hervorragendes, manchmal leicht übertrieben wirkendes Bewegungsspiel und selten zu sehende intensive Interaktion der Darsteller, ein gutes Orchester mit den genannten kleinen Schwächen. Eine großartige Antonia, ein guter Hoffmann, eine putzige Olympia und eine laszive Giulietta. Vier verschiedene Widersacher, die alle überzeugten. Leider ein etwas sparsames Publikum, was den Applaus angeht. Diese Schüler hätten wesentlich mehr Applaus verdient.

Leider gab es nach der Vorstellung keine Premierenparty. Das wunderte mich, da ich die Schotten als feierfreudig kenne.


Schottland ist mir immer eine Reise wert, schließlich habe ich dort mal zwei Jahre studiert und immer noch Verbindung zu Freunden. So fiel mir die Entscheidung nicht schwer, nach Glagow zu reisen, zumal mir die Royal Scottish Academy for Music and Drama versichert hatte, dass in Glasgow die Geigenarie gesungen werde, und für eine Geigenarie reise ich bekanntlich meilenweit. (Warum ist die nur auf kaum einer Einspielung der Oper dabei, außer bei Cambreling?)

Nachdem ich letztes Jahr am Theater Nordhausen eine ausgezeichnete Finta Giardiniera von Gesangsschülern des Opernstudios Thüringen gesehen hatte, wusste ich, dass sich Studenten von Opernschulen meist viel mehr anstrengen als mancher fest angestellte Routinier an einem Stadttheater.

Frau Dick von der RSAMD, der ich meinen Besuch angekündigt hatte, äußerte nämlich Bedenken, ob der Glasgower Hoffmann den Ansprüchen von jacques-offenbach.de genügen würde. Ich kann gleich vorweg sagen: Er übertraf sie deutlich, teilweise bei Weitem.

Händel hatte einmal gesagt, England sei ein Land ohne Musik. Über Schottland sagte er das nicht. Und jetzt weiß auch ich, dass die Schotten musikalisch weit mehr zu bieten haben als nur Dudelsäcke. Allerdings muss man auch anmerken, dass z.B. eine wohlhabende Groß- und Universitätsstadt wie Aberdeen mit über 300.000 Einwohnern kein regelmäßig bespieltes Theater hat. Dort kommen höchstens mal Theatertruppen vorbei, die darauf warten, dass im Londoner Westend das Theater frei wird. Und viel mehr als Probenniveau bekommt man da meist nicht geboten.

Zum äußeren Rahmen des Hoffmann in Glasgow: Die Inszenierung war die Semesterarbeit der Schule, und man hatte sich drei Monate Zeit genommen für die Einstudierung. Gesungen, gespielt und musikalisch begleitet wurde der Hoffmann von Opernschülern der höheren Semester, und die wurden von Profis angeleitet. Man hatte die Rollen der drei Soprane und der Muse doppelt besetzt, so dass alle mal drankamen, nur der Hoffmann durfte alle Aufführungen singen. Tja, im Gegensatz zu guten Sopranen und Mezzos sind gute Tenöre eben rar.

Die Musikschule hat ein eigenes Theater mit 360 Plätzen, und die Atmosfäre unterschied sich gewaltig von der an einem Stadttheater. Im Vorraum, zugleich Kantine, sah man schon einige Darsteller geschminkt und in Kostümen, und die Premierennervosität, sonst hinter dem Vorhang verborgen, war allgegenwärtig. Und was man sonst praktisch nie sieht, fast nur junge Leute weit und breit. Kein Hauch von der üblichen Bussi-Bussi-Gesellschaft in deutschen Opernhäusern.

Ich saß in meinem bevorzugten zweiten Rang und war gleich angetan, als das Orchester pünktlich anhob: Eine wunderschön gefühlvolle, gut akzentuierte und majestätische Einleitung sorgte gleich für gute Stimmung meinerseits. Mit die schönsten Auftaktsakkorde, die ich je gehört habe.

Gesungen wurde übrigens französisch mit englischen Übertiteln, wobei die britischen Darsteller die landesüblichen Pröbleme mit "ü" und "ö" hatten.

Ich blickte in eine moderne, etwas schräge Kneipe mit einer Rockola, in die von links oben eine Treppe führte, rechts ein Barkeeper hinter seinem Stand, wo es Cola und Hotdogs gab.

Hoffmanns Saufkumpane waren entweder Punks oder in Faschingskostüme ge-kleidet - opéra fantastique à la moderne.

Die Muse (Charlotte Tetely), eine post-feministische Dame du monde lieferte gleich einen feurigen Auftakt. An der Bar verwandelte sie sich in Niklaus.

Lindorf (Nicholas Morris), mit Blume im Knopfloch und Spazierstock mit Silberknauf, erschien ganz in Weiß.

Gut wurde die Erschleichung des Briefes gespielt. Seine Vorstellung, wer er ist, erledigte Lindorf ganz alleine auf der Bühne, und ganz prima. Souverän und ohne Nervosität sang er mit angenehmer, voller Stimme.

Hoffmanns punkige Saufkumpane agierten ganz lebhaft. Zu den Trinkliedern tanzten sie sogar. Die Erklärung dazu fand ich im hausgemachten und kostenlosen Programmheft: Die RSAMD leistete sich eine eigene Bewegungs-regisseurin (Kally-Lloyd Jones). Und dazu wurde richtig mächtig gesungen - voller Sound in dem relativ kleinen Theater. Und von Nervosität keine Spur. Die veranstalteten eine richtige Party auf der Bühne.

Hoffmann und die Muse trugen nun beide Trenchcoats, und Hoffmann einen Hut. Dann hob der Hoffmann zum Klein-Zach an. Begleitet wurde sein Gesang durch lebhafte Gestik und Mimik sowie allerlei Schritte, die mich irgendwie an den Popstar Michael Jackson erinnerten. Wunderschön gefühlvoll brachte er den Übergang zu Stella hin. Alles im grünen Bereich bisher. Applaus für den Klein-Zach. Doch was tat der Dirigent? Anstatt die Leute aus vollem Herzen klatschen und dem Hoffmann seinen verdienten Applaus zukommen zu lassen, spielte er in denselben hinein. Das war nicht fair.

Komödiantisch gut wurde das gegenseitige Anfiesen von Lindorf und Hoffmann dargestellt.

Und am Ende des Vpsrpiels (jaja, ich weiß, des ersten Aktes), der nahtlos in den Olympia-Akt überging, spielte der Dirigent schon wieder in den Applaus hinein. Naja, sonst gefiel mir ja seine Leistung.

Olympia gehörte zu einer Schaustellertruppe auf einem Jahrmarkt und wurde auf einem Plakat angekündigt: What a doll! Ähnlich wie in Dijon, wo man den Olympia-Akt in einen Zirkus verlegt hatte, war Olympia nun eine der Sensationen auf einem der in Großbritannien verbreiteten Vergnügungsparks. Alle wurden sie auf Plakaten angepriesen: Unique Monique, Madame Salamander, die Frau ohne Kopf. Hoffmann hatte keine Möglichkeit, den marktschreierischen Anpreisungen zu entgehen.

Spalanzani war der Chef einer solchen Jahrmarktbude und gleichzeitig ihr Ausrufer. Coppelius verkaufte Brillen aus einem Bauchladen heraus. Hoffmann erstand dort seine rosarote Brille.

Hinter dem semitransparenten Olympia-Plakat sah man mal dank fantasievoller Beleuchtung, die übrigens auch sonst Gutes leistete, schon eine Vorschau: Dank Zauberbrille erspähte er die leibhaftige Olympia, die dahinter auf einem Stuhl saß, und Hoffmann bekam schon mal Appetit gemacht auf sein Objekt der Begierde.

Wunderschön gespielt und gesungen das Trio zwischen Coppelius, Hoffmann und der Muse.

Charlotte Tetley, die sich von einer Volksschullehrerin zur Opernsängerin umschulen ließ, gefiel mir ausnehmend gut in dieser Rolle. Mit voller, kultivierter und gut artikulierender Stimme sang sie.

Und dann wurde Olympia auf der Treppe herunter gebracht. Pippi Langstrump, war mein erster Gedanke. Die Frisur jedenfalls erlaubte diese Assoziation. Gekleidet war sie in ein Mieder, darunter in einen knappen Petticoat und die Beine in schenkel-hohen schwarz-roten Ringelstrümpfen. Auf den Wangen knallrote Herzchen. Was für ein fantasievolles Kostüm. Und dann erst die Harfe! Ein ätherischer Jüngling in griechischem Kostüm hatte ein paar Seile als Saiten an einem Bein und einem Arm befestigt, und wenn er den Arm hob, stand er als menschliche Harfe da und blickte huldvoll von der Galerie ins Publikum. Einfach genial!

Wunderschön akzentuiert trug Olympia ihre Arie vor, und die ganze Festgesell-schaft fieberte mit ihr. Was tut sie jetzt als Nächstes? Wenn sie schwächelte, brachte sie die menschliche Harfe von oben her wieder in Gang.

Das war die komödiantischste aller Olympien, ohne dass sie ins Lächerliche abglitt, wie verschiedentlich gesehen. Sie war ein tumb-geiles und gleichzeitig hilfloses Geschöpf, das seine Rolle perfekt erfüllte, und das mit ungeheuer lebhafter Darstellung. Eine perfekte Illusion, wie es sich auf einem Jahrmarkt gehört. (Mir ist heute noch nicht klar, wie die Dame ohne Kopf funktionierte, die ich als Kind einmal sah.)

Herzlicher, aber kurzer Applaus für ihre Arie, und dann ebensolcher für den Akt.


Antonia saß an einem Harmonium in einem Zimmer mit Erinnerungsstücken an ihre Mutter. Und was für eine großartige Stimme, voll und weich, lyrisch und dramatisch zugleich und sensibel und noch dazu überzeugend gespielt. Ich war gleich fasziniert von Maria Koslova, einer Russin. Würden Sänger an der Börse gehandelt, würde ich in Optionsscheine "Maria Koslova" investieren.

Dann sang Charlotte Tetley eine wunderschöne Geigenarie. Es wird mir noch eine Zeit lang leid tun, dass ich nicht den Applaus eröffnete. Ich hatte es schon ein paar Mal getan, und die Schotten waren mir kaum oder nur zögerlich gefolgt oder der Dirigent hat ungerührt weiter spielen lassen.

Geizig sind die Schotten ja überhaupt nicht, wie ich von meinem zweijährigen Aufenthalt bei ihnen weiß, aber freigiebig mit Applaus war das Glasgower Publikum nicht gerade.

Naja, wenigstens der komödiantische Franz (Warren Gillespie) bekam sein verdientes Bravo.

Der Mirakel von Michel de Souza war sowohl dandyhaft als auch diabolisch und sang ganz ausgezeichnet. Ich muss hier erwähnen, dass die Rollen des Widersachers durch vier Darsteller verkörpert wurden. So bekam jeder seine Chance, denn Bassbaritöne gibt es mehr als Tenöre. Zu Beginn der Oper waren alle vier Widersacher in der Kneipe aufgetreten. Außer Lindorf waren alle stumm. Eindrucksvoll war das Trio Hoffmann - Mirakel- Krespel. Krespel versuchte, den Mirakel mit einem Kreuz zu vertreiben, doch der gab nicht auf. Schnupfte der Mirakel Kokain? Es sah so aus. Die Mutter saß die ganze Zeit stocksteif wie eine Wachsfigur oder Mumie in einem gazeverhangenen Kasten und begann plötzlich zu singen Richtig gespenstisch und gut gelungen. Antonia, die schon von Anfang an großartig gesungen hatte, steigerte sich zum Schluss des Aktes noch in ihrer Daramatik und hatte die nervositätsbedingten leichten Schwächen in ihrer Stimmkultur überwunden. Was für ein großartiger Antonia-Akt!

Leider waren inzwischen zwei Stunden ohne Pause vergangen. Das sind schon wagnerianische Dimensionen.


Und weiter ging es nach der Pause mit Giulietta. Zu meinem Erstaunen waren ein paar mehr Sitze frei im Parkett. Sollten da ein paar Zuschauer gegangen sein?

Keine Gondel auf der Bühne, dafür ein angedeutetes gotisches Maßwerk-Element, wie am Dogenpalast.

Wieder mal hatte der Dirigent das Pikkolo nicht herausgenommen, aber das kommt erfreulicherweise immer seltener vor. Auch hätte das Orchester etwas gefühlvoller die Barkarole begleiten können.

Giulietta wirkte gleich sehr erotisch und sang mit schöner und glockenheller Stimme. Leider wirkte die Barkarole etwas nervös, da Giulietta dauernd herummarschierte und mit allerlei Männern auf der Bühne flirtete. Die soll sich neben die Muse stellen und gefühlig und hingebungsvoll singen.

Hoffmann, der bisher eine einwandfreie Leistung geboten hatte, wirkte nun etwas gestresst. Vielleicht machte es ihn unruhig, dass bisher alles so gut geklappt hatte.

Giulietta wirkte nun wie eine laszive fromme Helene, die andere Seite ihres Wesens darstellend. Die eine war die einer Domina. Miranda Sinanis leichter Sopran kam frisch und lebhaft und gut artikuliert mit hoher Stimmkultur. Bemerkenswert ihr verführerisches Augenspiel. Dapertutto wurde von Felipe Oliveira ganz hervorragend gesungen und dargestellt. Er trat als Zuhälter in einem weißen Glitzerkostüm auf, wie amerikanische Zuhälter üblicherweise dargestellt werden.

Zum ausführlichen Duell, das mit Dolchen gefochten wurde, erklang wieder das nervige Pikkolo.

Eine Gondel, allerdings nur als Coupé, wurde für Giulietta und Hoffmann zum Lotter-Separée. Hoffmanns Hörigkeit zu Giulietta wurde gut herausgestellt, ebenso später seine Verzweiflung und Ernüchterung. Der Spiegel, in den Hoffmann geblickt hatte, war plötzlich blind. Gut gemacht. Das ist ja eine der am schwierigsten Szenen der Oper.

Giulietta mutierte zu einem lasterhaften und gewissenlosen Weib. Sie vergiftete sich mit Wein. Hoffmann wollte sie retten, doch vergebens.

Spiegel-Arie und Sextett wurden, offenbachisch-korrekt, nicht gesungen.


Schlussakt. Eine mir bis dahin unbekannte Version des à capella Gesangs ertönte, allerdings gefällt mir die sonst gesungene Version von Keck-Kaye melodisch besser.

Stella trat auf. Ihre Frisur erinnerte irgendwie an die legendäre Lady Diana. Hoffmann trug ein wundervolles Ende des Klein-Zack vor und blamierte sich vor Stella mit perfekt gespielter Trunkenheit. Dann stand er alleine auf der Bühne. Ein erbärmliches Bild. Doch die treue Muse erschien wieder und trug einen großartigen Abgesang auf Hoffmann vor. Das war perfekte Stimmkultur.

Das Ende war eindrucksvoll. Hoffmanns Gefährten standen auf dem Balkon und blickten auf ihn herab. Und Stella sah stumm auf ihn.










Zweite Vorstellung zwei Tage später


Abweichende Besetzung:


Muse: Rebecca Afohwy-Jones

Olympia: Sun Eun Seo

Antonia: Margret Einarsdottir

Giulietta: Elysia Leech



Die Muse und die drei Soprane waren nun von anderen Sängerinnen besetzt.

Das Orchester spielte wesentlich präziser mit nur ganz wenigen Fehlern. Auch waren Orchester und Chor immer im Takt. Keinerlei Routine in Gesang und Spiel, alles wieder sehr engagiert wie bei der Premiere.

Sun Eon Seo überzeugte als Olympia mit ihrer brillianten Koloratur und schö-nen Stimme, war allerdings ziemlich nervös. Sie setzte einen extra hohen Ton auf ihre Arie drauf.

Clare Tucker bei der Premiere hatte dagegen die bessere Gesangstechnik.

Hoffmann war weniger nervös als bei der Premiere und stellte einen stellenweise strahlenden Tenor auf die Bühne.

Die Darstellerin der Antonia, Margret Einarsdottir, kommt aus Island, der Heimat Brünhildes im Nibelungenlied. Und so sang sie auch. Was für ein voluminöser, hochdramatischer Heldinnensopran. In ein paar Jahren wird sie ihre isländische Ahnin singen. Ihr Duett mit Mirakel war ein akustisches Erlebnis, und die Grund-festen des Theaters erbebten.

Die ideale Besetzung für eine Antonia war sie sicher nicht, dafür ist diese Rolle zu lyrisch. Maria Koslova brachte mehr Seele und Poesie herüber. Margret Einarsdottir sang den armen Hoffmann gnadenlos an die Wand. Verschaffte sich hier eine neue Birgit Nilsson Gehör?

Rebecca Ahfowy-Jones gab eine gute Muse. Ihre Geigenarie war ergreifend, technisch und stimmlich perfekt.