Engagierter »Hoffmann« in Katalonien



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Besuchte Vorstellung 23.Februar 2011 (Premiere)





das

Dirigent


Rubén Gimeno

Chorleitung


Daniel Gil de Tejada

Bühnenbild


Jordi Galobart

Version


Guiraud - Choudens

Sprache


Französisch




Hoffmann


Javier Agulló

Muse


Gemma Coma-Alabert

Olympia


Saoia Hernández

Antonia


Maite Alberola

Giulietta


Marta Valero

Widersacher


Svetozar Rangelov











Fazit: Ein gelungener »Hoffmann« auf professionellem Niveau, durchweg gut gesungen und begleitet, aufgeführt von einem Ensemble, das zu dieser Inszenierung von der Vereinigung der Opernfreunde von Sabadell zusammengestellt wurde. Begleitet wurde die Oper vom Orquestra Simfònica del Vallès aus der Gegend um Sabadell.

Die Sänger und Musiker waren Profis, der Chor bestand aus Amateuren im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie konnten sich mit professionellen Theaterchören durchaus messen. Das Bühnenbild und die Kostüme waren einfach und zweckmäßig, aber durchaus einfallsreich. Offensichtlich war viel davon in Heimarbeit hergestellt.

Die Sänger hatten alle noch nie einen »Hoffmann« gesungen, außer vielleicht mal in einem Konzert, denn diese Oper gehört in Spanien nicht zum üblichen Repertoire. Außer der Madrider Inszenierung Noclas Joěls von 2006, die ich fünf Tage zuvor in Norwegen gesehen hatte, soll es in Spanien 20 Jahre lang keinen »Hoffmann« gegeben haben. Wie ich erfuhr, sollen einige Freunde dieser Oper von weit her in Spanien angereist sein, um mal wieder einen »Hoffmann« auf einer Bühne zu erleben. Naja, ich wohne ja auch nicht gerade in der Nähe Sabadells.




Sabadell ist eine Trabantenstadt der katalanischen Metropole Barcelona und liegt ca. 20 km nordwestlich davon. Sabadell hat 200.000 Einwohner und ein eigenes Theater, das La Farándula, mit ungefähr tausend Plätzen, das von außen kaum als Theater zu erkennen ist.

Mein Besuch dort wurde etwas stressig, denn erstens war ich gerade vom kalten Norden aus Bergen gekommen, als es schon weiter in den warmen Süden ging, zweitens weil sich die Kontaktaufnahme mit dem veranstaltenden Opernverein kompliziert gestaltete. Zwei spanisch geschriebene Emails wurden nicht beantwortet, mein Anruf dort brachte nichts wegen mangelnder Spanischkenntnisse meinerseits und fehlender Englischkenntnisse dort. Dann bat ich einen spanischsprechenden Bekannten anzurufen, da ich den Flug nach Barcelona schon gebucht hatte. Nein, Pressekarten gibt es nur für spanische Journalisten. Schließlich gelang es nach weiteren Anrufen und Faxen zwei Karten für insgesamt 62 Euro zu reservieren, weil man anfänglich nicht geglaubt hatte, dass ich auch wirklich komme. Damit erhöhte sich mein Reisebudget um 20 Prozent.

Das alles hätte es nicht gebraucht, denn das Theater war zur Premiere nur zu zwei Dritteln gefüllt. Aber das kann man vorher nicht wissen.




Als ich in Sabadell bei frühlingshaften Temperaturen ankam, war nicht zu übersehen, dass dort ein »Hoffmann« aufgeführt werden sollte. Ganze Straßenzüge der Stadt waren mit blauen Fähnchen dekoriert, welche für die Aufführung warben. So intensive PR für einen »Hoffmann« hatte ich noch nirgends gesehen. Und im Nordosten Spaniens blühte frühes Grün.

Der Erwerb der Karten ging dann problemlos über die Bühne, nachdem er langwierig vorbereitet werden musste. Der Beginn der Oper war für einen Mitteleuropäer ungewohnt. Während in Bergen der Dirigent um 18 Uhr seinen Taktstock hob, tat das sein spanischer Kollege um 21 Uhr. Aber schließlich arbeitet man in Spanien länger in den Abend hinein, und dann muss man sich ja noch umziehen. Aber wie in den meisten romanischen Ländern üblich, legte man auch in Sabadell nicht zwingend feine Abendgarderobe an.

Das Publikum war altersmäßig gut durchmischt mit vielen jungen Leuten im Publikum. Alles war gut organsiert, bis hin zu kleinen Erfrischungen, die im Foyer angeboten wurden. Und ich spürte die Aufregung und den Charme einer Premiere, die an einem Theater stattfand, das nicht von Routiniers betrieben wird.

Hauptsponsor der Oper war die örtliche Zeitung La Vanguardia.



Um 21 Uhr war das Parkett ziemlich voll, der große, zweigeteilte Rang ziemlich leer.

Der Dirgent hob seinen Taktstock für eine wieder mal schnelle und wenig akzentuierte Einleitung. Naja, ich bin inzwischen Kummer gewöhnt. Aber dann ging es gut weiter.



Vorne links an einem Tisch saß Hoffmann mit einer Flasche Wein vor sich. Hinter ihm im Dunkel stand der Chor und beschwor die Geister des Weins mit lebhaftem und präzisem Gesang. Ein guter Einfall der Regie: Im Takt zur Musik blitzten an verschiedenen Stellen im Chor bläuliche Lichter kurz auf. Schon war ich versöhnt. Die Übertitel waren nicht in kastilischem Spanisch, sondern im katalanischen Dialekt geschrieben, so z.B. senyor statt seňor.



Eine wie ein Engel in Weiß gekleidete Muse mit einer Harfe trat zum Hoffmann und beschwor sein dichterisches Genie. Sie musste einige Mühe aufwenden, um ihn zu wecken.



Ein düsterer und mephistophelischer Lindorf ganz in Schwarz und mit Glatze trat auf und erschlich sich Stellas Brief an Hoffmann. Er sang mit getragener Stimme und starkem Vibrato. Als er von Stella sang, erschien sie als stumme Figur hinter einem Gazevorhang. Für diese gelungene Vorstellung des Widersachers gab es den ersten Applaus für je suis vieux, mais je suis vif.



Dann wurde auf offener Bühne Lutters Taverne aufgebaut. Dazu reichten ein paar Tische, Stühle und Tischtücher. Was für eine wohltuende Schlichtheit. Die Männer des Chores waren weitgehend identisch gekleidet, mit eleganten Perücken im Stil des Rokoko mit sog. Mozartschwanz.



Dann wurde Hoffmann geweckt, und Niklaus (im Frack) trat an ihn heran. Den Klein-Zach sang Hoffmann auf dem Tisch und mimte dazu. Dafür gab es den zweiten Applaus.



Als er von seinen drei Lieben sprach, erschienen im Hintergrund die stumme Stella, daneben deren drei Verkörperungen, aber noch mit Schleiern verhüllt. Lindorf führte Hoffmann wieder an seinen Tisch links vorne, an dem er wieder einschlief.


Niklaus und Hoffmann in Spalanzanis Labor


Olympia


Dank einfachem Bühnenbild ging der Umbau schnell und bei offerner Bühne vor sich. Spalanzanis technische Geräte waren von einem Bastler aus Altteilen zusammengeschraubt worden und erfüllten voll ihren Zweck. Allerlei Lampen blinkten dazu. Olympia lag noch verhüllt auf einem fahrbaren Bett.

Die Festgesellschaft bei Spalanzani schien aus lauter Automaten zu bestehen. Besonders die Damen waren identisch gekleidet, mit gleichen Perücken, und alle bewegten sich automatenaft im Takt der Musik, wobei sie einfache Tänze aufführten und von Spalanzani dirigiert wurden.

Dann wurde Olympia hereingefahren. Sie saß auf einem High-tech-Stuhl, über ihr leuchteten Lichtringe. Irgendwie erinnerte sie mich an ein Geschöpf aus Fritz Langs Metropolis. Sie trug eine hohe weiße Perücke, wie man sie z.B. von der Dubarry kennt. Wie viele andere Olympien verteilte sie Kusshände.

Die Koloratur kam gut und war schön nuanciert, und immer wenn sie schwächelte, wurde sie auf den High-tech-Stuhl gesetzt, Spalanzani schaltete die Lichtringe ein, und sie sang weiter. Während ihrer Arie packte sie den faszinierten Hoffmann derb und wiegte ihn hin und her. Beim zweiten Schwächeln fiel sie sogar (geplant) hin. Sie beendete ihre Arie bravourös und bekam kräftigen Applaus.



Dann bekam die aufgereihte Festgesellschaft elektrische Helme aufgesetzt, die von oben an Kabeln heruntergelassen wurden. Spalanzani war offensichtlich der umfassende Manipulator, der alles lenkte und beherrschte. Anscheinend wurde die ganze Show nur für Hoffmann aufgeführt, wenn die Festgäste als Kreaturen Spalanzanis gedacht waren. Die Festgäste tanzten dann auch noch zum Walzer, und Olympia machte sich ziemlich selbständig, als sie Spalanzani und Cochenille rumschubste. Dann vernaschte sie den auf dem Rücken liegenden Hoffmann, auf ihm reitend und sang dazu ein paar hohe Töne, was dem Hoffmann ziemlich zusetzte, denn er rührte sich nicht mehr. Est-il mort? Natürlich nicht. Er war nur erschöpft.


Dann trug der von Spalanzani betrogene Coppelius die zerstörte Olympia in Form einer beschädigten Schaufensterpuppe herein.


Es gab herzlichen Applaus für diesen Akt, und dann folgte die erste Pause.

Im Foyer gab es wieder Häppchen und spanischen Sekt. Ich fragte eine Mitarbeiterin des Theaters, ob es eine Premierenfeier geben werde, doch sie bezweifelte das, versprach mir aber, sich zu erkundigen. Wie an der Met wurden Austrittskarten für die Raucher verteilt.

Ich bekam den Eindruck, dass diese Oper in Sabadell zwar von Profis gesungen und von einem Berufsorchester begleitet wurde, dass aber die Organisation und das Drumherum von Opernenthusiasten gemanagt wurde. Respekt vor diesem Engagement. Dieses Modell schien das gleiche wie das in Vaduz/ Liechtenstein zu sein, wo ich im Mai 2010 auch einen von einem Opernverein organisierten »Hoffmann« gesehen hatte. Solche Aufführungen zeichnen sich meist durch ein sonst selten zu erlebendes Engagement aller Beteiligten aus.

Im Orchestergraben zählte ich drei Kontrabässe und vier Celli.


Antonia und Hoffmann


Zu Beginn des Antonia-Aktes saß Hofmann wieder träumend vorne links an seinem Tisch. Ich war mir nun sicher, dass der Regisseur damit ausdrücken wollte, dass Hoffmann seine Geschichten träumend fantasierte.

Antonia trat auf und enthüllte ein fast lebensgroßes und golden eingerahmtes Gemälde ihrer Mutter. Antonia trug ein langes helles Empire-Kleid und überzeugte gleich mit schöner voller und dramatischer Stimme, die bis in Höhen gleichmäßig und stabil blieb. Hoffmann wurde von Niklaus zum richtigen Zeitpunkt geweckt und war fortan physisch anwesend.

Es gab einen witzigen Franz, der auch auf Katalanisch von der fehlenden Methode sang.

Vater Krespel versuchte vergeblich, den falschen Doktor rauszuwerfen. Der omnipräsente Mirakel trat sogar doppelt auf.

Antonia weinte laut, nachdem sie versprochen hatte, nicht mehr zu singen. Dramatisch gut wurde dargestellt, wie Mirakel die schwankende Antonia überredete, doch wieder eine Gesangskarriere anzustreben. Was ich nicht verstand, war, dass auch die Mutter mehrfach auftrat. Nur die wirklich singende im Vordergrund wurde mit UV-Licht beleuchtet. Ein guter Effekt, der sie als Erscheinung aus einer anderen Welt kennzeichnete.

Das schöne Terzett Antonia – Mutter – Mirakel wurde von drei schönen Stimmen gesungen. Dafür gab es auch den verdienten Applaus.

Da die Guiraud-Choudens-Version gegeben wurde, gab es auch wieder einmal keine Geigenarie. (Nur am Royal Opera House Covent Garden, wo man auch die Guiraud-Choudens-Version spielte, hatte man offensichtlich die Rechte für die Geigenarie dazu erworben.

Wieder herzlicher Applaus für diesen Akt und zweite Pause.


Giulietta-Akt


Rot herrschte vor im Giulietta-Akt, und die Damen sahen aus wie Haremsbewohnerinnen. Auch erinnerten mich ihre Kopfbedeckungen und herabhängenden Schleier an die Tracht der Stewardessen der Fluglinie Emirates. Auch Giulietta war rot gekleidet und hatte eine rote Lockenperücke auf dem Kopf. Neben ihr saß ein androgyner Pitichinaccio, mit gleicher Perücke. Noch war eine Gondel war auf der Bühne.

Schön kam die Barkarole von zwei ausgezeichneten Stimmen und ohne Pikkoloflötenbegleitung. Niklaus und Giulietta standen nahe beisammen und streichelten sich. Dann kam doch noch ein Boot an, das Dapertutto anlieferte. Der sang dann eine Spiegelarie.

Giulietta sang mit feuriger Stimme, und es gab Applaus für ein Duett mit Hoffmann. Der Verlust des Spiegelbildes wurde unkompliziert mit einem Handspiegel gezeigt.

Beim folgenden Sextett überstrahlte Giuliettas Stimme allle anderen.

Es gab ein richtiges Säbelduell. Dann verschwand Giulietta mit Pitichinaccio in der Gondel.


Hoffmann und Giulietta


Alle anderen Beteiligten waren noch auf der Bühne, als der ernüchternde Bläserchor erklang, zu dem sie sich schweigend wegschlichen.

Die stumme Stella trat wieder auf, als sie besungen wurde.

Die Muse kam wieder mit der Harfe, diesmal allerdings im Kostüm des Niklaus. Dann kamen auch die drei Lieben Hoffmanns. Dann sang die Muse: Ich liebe dich, Hoffmann, und der Glückliche wurde von seinen fünf Frauen umringt.

Dann verfiel er wieder in seine Trance. Ob er tot sein sollte, wurde mir nicht klar. In den Übertiteln sah ich das Wort mort. Es kann aber auch eine Verneinung gewesen sein.

Nach dem Vorhang gab es Jubel von den Zuschauern.

Auch Antonia, Giulietta, die Muse und der Widersache wurden bejubelt. Kräftiger Applaus für Olympia und Hoffmann.


Die freundliche Mitarbeiterin des Opernvereins Sabadell hatte mich nicht vergessen und nahm mich nach dem letzten Vorhang mit in die Garderobe der Sänger. Es gab leider aus finanziellen Gründen keine Premierenfeier, denn Spanien wurde voll von der internationalen Finanzkrise und einer hausgemachten Immobilienkrise getroffen, die beide noch anhalten.

Ich konnte mich dennoch mit den meisten Beteiligten unterhalten.

Ich erfuhr, dass die Sänger kein festes Ensemble bildeten, aber die meisten schon mehrfach zusammen gesungen hatten.


Zwei Tage später, am Freitag sah ich diesen gelungenen »Hoffmann« noch einmal.

Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen beim Verein der Opernfreunde Sabadell und beim Fotografen Dr. X. Gondolbeu. Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.






Diese Bilder entstanden nach den beiden Aufführungen


Antonia und Giulietta







Krespel und Muse



Muse



Giulietta mit zufriedenem Besucher












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