Schillernder »Hoffmann« mit exquisiter Musik in Brüssel

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Besuchte Vorstellung 2. Januar 2020 (Dernière)





Regie


Krzysztof Warlikowski

Dirigent


Alain Altinoglu

Chorleitung


Martino Faggiani &

Alberto Moro

Bühne und Kostüme


Małgorzata Szczęśniak

Version


Kaye-Keck

Sprache


Französisch




Hoffmann


Eric Cutler

Muse


Michèle Loisier

Olympia, Antonia, Giulietta


Patricia Petibon

Widersacher


Gábor Bretz


















Aus technischen Gründen können vorerst keine Bilder eingefügt werden. Wer sich einen optischen Eindruck vom Brüsseler »Hoffmann« machen will, möge sich den nebenstehenden Link ansehen.


Fazit Brüssel: Ein dynamischer, multidimensionaler, oft verspielter »Hoffmann« an einem renommierten Theater, der besonders mit seinem ausgezeichneten Orchester und hervorragenden Stimmen überzeugen konnte. Dieses hohe musikalische Niveau wird nur selten erreicht. Von der Interpretation her setzte die Regie einige eigene Akzente und verzierte die Oper mit Zitaten aus der Filmwelt. Spielerische Elemente und Balletteinlagen fehlten nicht. Als durchgehend roten Faden war zu erkennen, dass Warlikowski die Charaktere der Oper nicht als plakative klischeehafte Gestalten, sondern als vielschichtige Wesen in ihrer Widersprüchlichkeit darstellen wollte. Eigentlich müsste man diese Inszenierung mehrfach sehen, um sie ganz zu durchblicken. Das Bühnenbild und die Kostüme waren modern und wurden durch zahlreiche Videoprojektionen ergänzt. Auf der Bühne wurde viel geraucht. Zwischen, nach und vor den Akten fanden Dialoge statt, deren tieferer Sinn sich nicht sofort erschloss. Die letzte Vorstellung war wie alle neun vorhergehenden ausverkauft. Die Inszenierung kann vom 6. Januar 2020 bis zum 16. Februar 2020 unter diesem Link im Internet angesehen werden:

https://www.demunt.be/nl/streaming/1567-les-contes-d-hoffmann

Wenn man rechts oben auf EN klickt, kommen die Untertitel auf Deutsch.



Das Brüsseler Opernhaus gehört zu den bekanntesten Europas. Es steht mitten in der Stadt und hat eine lange Geschichte. An seiner Stelle stand zuerst ein Kloster, dann eine Münzstätte und ein Vorgängerbau. Das Innere gehört zu den prächtigsten Theatern überhaupt. Ich kenne nur zwei vergleichbare Theater: die Nationaloper in Prag und die Garnier-Oper in Paris. De Munt wird als eine der wenigen Kulturinstitutionen vom Bundesstaat Belgien betrieben, das Gebäude selbst gehört der Stadt. Wegen der Zweisprachigkeit in der Gegend wird alles auf Französisch und Niederländisch präsentiert. So gab es auch vor der letzten Vorstellung zwei Einführungen in verschiedenen Stockwerken. Ich besuchte die letzte Vorstellung, weil für die Premiere keine Pressekarte für www.hoffmannserzählungen.de verfügbar war, in der Hoffnung, dass nach abgespielter Oper eine kleine Zusammenkunft der Sänger stattfinden würde.


Das traditionell gebaute Theater hat 1100 Plätze und vier Ränge über dem Parkett. Der Grundriss des Zuschauerraums ist eher ein Halbrund denn ein Hufeisen. Im Orchester zählte ich vier Kontrabässe und fünf Celli. Dank einer glatten Kuppel über dem Parkett ist die Akustik ausgezeichnet. Obwohl die Inszenierung im Internet übertragen wurde, war jede Vorstellung ausverkauft. Über der Bühne prangen die Buchstaben S.P.Q.B., die wohl SENATVS POPVLVSQUE BELGICVS bedeuten. Die Übertitel wurden auf Französisch und Niederländisch angezeigt.



Der Dirigent wurde nicht nur mit Applaus, sondern auch mit lauten Rufen begrüßt. Vom Aussehen her erinnerte er mich an Gustavo Dudamel. Ein dunkler Trommelwirbel erklang, als Hoffmann hereinkam und sich die Hände wusch und immer wieder mit Taschentüchern abtrocknete. Er schien unter Waschzwang zu leiden. Hoffmann stammelte Zusammenhangloses auf Englisch. Eine rot gekleidete Frau kam herein und sagte auch etwas auf Englisch. Etwas mysteriös, das Ganze. Hoffmann hatte anscheinend eine Tochter. Dann traten drei neckische Balletteusen in rosa Kostümen auf, die nach Marilyn Monroe gestylt waren. Sie erschienen in allen Akten und führten neckische Tänze auf.



Wuchtig und nuanciert erklangen die Auftaktakkorde. Ein lässig-souveräner Lindorf trat in weißem Smoking auf und überzeugte sofort mit mächtiger Stimme. Die Muse erschien in schwarzer Unterwäsche und mit blonder Perücke. Im Hintergrund wurde Stella in verschiedenen Gestalten projiziert und bot eine Vielzahl von Grimassen. Ein wunderschöner Tenorgesang leitete den Klein-Zaches ein. Beim Übergang zu Stella erschienen wieder ihre Projektionen. Hoffmann sang in ein Shure-Mikrofon, das aber nur Staffage war. Der Chor agierte zum Klein-Zaches, und auch die Balletteusen tänzelten dazu. Für den brilliant gesungenen Klein-Zaches gab es keinen Applaus. Die Muse hatte sich inzwischen angezogen und nun dunkle Haare. Die Orchesterbegleitung war präzise nunanciert,und immer einfühlsam der Handlung auf der Bühne folgend, also absolute Spitzenklasse



40 Minuten dauerte das Vorspiel in Lutters Taverne. Da hätte man Einiges kürzen können. Kurzer Applaus für den 1. Akt. Beim Umbau zum Olympia-Akt befand sich Hoffmann vor dem Vorhang mit den drei Tänzerinnen, die sich dann links vorne hinsetzten und mich irgendwie an die Putten in der Sixtina erinnerten.


Zum Olympia-Akt befanden wir uns wieder im nachgebauten Brüsseler Theater, d.h. vor dem goldenen Bogen, der die Bühne einrahmt. Olympia war noch nicht geanz fertig, denn ihre Augen mussten noch eingesetzt werden. Als sich Hoffmann zu sehr für Olympia interessierte, schmollte Niklaus und setzte sich zwischen die beiden, wurde aber von Hoffmann weggeschickt. Das bei polnsichen Regisseuren offensichtlich unvermeidliche Ballett war inzwischen auf fünf Tänzerinnen und eine muskulöse Transe angewachsen. (Ich habe noch keinen von einem polnischen Regisseur inszenierten »Hoffmann« gesehen, in dem nicht ausführlich getanzt wurde.) Ein grell geschminkter Clown kam noch dazu, der gekonnt mit Bällen (= Augen?) jonglierte.


Spalanzani kam herein, und er saß im Rollstuhl. Was das nun wieder sollte? In Luzern 1908 hatte man Spalanzani als blinden Invaliden interpretiert. Ich fragte damals, was der bedeuten sollte und bekam zur Antwort, dass jemand die Idee aufgebracht hatte und dann einfach bestehen blieb. Dabei gab es doch den Professore Spallanzani von Pavia wirklich, und er war ein echter Wissenschaftler. Superschnell und präzise sangen Spalanzanis Gäste das Lob auf Olympias Augen. Neuer Rekord? Jedenfalls wurde an der Munt auch bei der letzten Vorstellung nicht geschlmapt, sondern mit vollem Einsatz gesungen, gespielt und agiert. (An vielen Bühnen ist es Brauch, bei der letzten Vorstellung alles etwas lockerer anzugehen und Scherze einzubauen.)



Eine perfekt gesungene Arie der Olympia folgte. Wie sie das gerne tut. Hängte Patricia Petibon allerlei Schnörkel und Verzierungen an die Arie der Olympia, aber nicht so viele, wie sie das auf diesem Video tut. Immer wenn sie schwächelte, erholte sie sich aus eigener Kraft. Kräftiger Applaus belohnte sie.



Der um sein Geld betrogene Coppelius ging auf Spalanzani los. Olympias Zerstörung wurde auf den Hintergrund projiziert, indem man sie kopfüber abtürzen ließ. Auf einer Bahre wurde sie dann hereingefahren, und der hereingelegte Hoffmann betrauerte sie. Kräftiger Applaus für diesen Akt, und Pause. In der kam Spalanzani in den Zuaschuerraum und wünschte dem Publikum ein exzellentes neues Jahr, ebenso wie später der Intendant. Da auch Deutsch seit 1919 Amtssprache in Belgien ist, auch auf Deutsch. In der Pause konnte ich erfreut feststellen, dass sich im Publikum sehr viele junge Leute und solche im mittleren Alter befanden. Bravo Belgien.


Nach der Pause wurde der Dirigent noch lautstärker begrüßt, durchaus verdient, denn er und sein Orchester boten wirklich Musikbegleitung auf höchstem Niveau. Antonia trat vor den Vorhang und hüstelte. Für ihr bewegend gesungenes Auftrittlied bekam sie Applaus. Niklaus war in Rot gekleidet, als er (sie) die Geigenarie sang. Applaus dafür. Niklaus war empört, als sich Hoffmann und Antonia freudig begrüßten. Applaus für die Duette Hoffmann – Antonia. Mirakel war richtig dämonisch dargestellt. Mit weiß geschminktem Gesicht und roten Lippen erinnerte er mich an den Joker aus dem Kino. Hollywood ist wohl das Hobby des Regisseurs. Ein Opernkritiker soll einmal gesagt haben, Krzysztof Warlikowski solle sich lieber mehr Opern als Hollywood-Kommerz ansehen.



Es gab keinen Franz, den ich auch nicht vermisste. In der Video-Aufzeichnung ist er allerdings enthalten. Zum Terzett kam die Mutter als moderner Vamp und sang mit gewaltigem Mezzo. So dass Antonia und Mirakel alles abverlangte wurde. Sie flirtete dabei mit Mirakel. Erfreulicherweise ließ der Dirigent nach diesem großartig gesungenen Terzett das Publikum klatschen. Mit ersterbender Stimme sang sich Antonia in den Armen ihres Vaters Krespel zu Tode. Hoffmann stammelte wieder vor dem Vorhang herum „What´s wrong, sweetheart?“ und schickte das Publikum in die zweite Pause. Zum Ende der Pause wird an der Munt unüberhörbar und lange geklingelt.


Noch lauter als zuvor wurde der Dirigent begrüßt. Zur Barkarole pfiff mal wieder eine Pikkoloflöte, aber gerade noch erträglich laut. Zuerst wurde die Barkarole nur gespielt, während Giulietta und Niklaus unüebrsehbar miteinander schmusten. Dann wurde die Barkarole doch noch gesungen, und die Balletteusen trippelten einen Spitzentanz dazu. Giulietta ließ sich von einm ihrer Verehrer verwöhnen, sowohl a priori wie auch a posteriori.


Dapertutto war nun unübersehbar als Joker geschiminkt. Das Duell zwischen Hoffmann und Schlemihl wurde mit Fäusten und Füßen ausgetragen, und schließlich schlug Hoffmann seinem Rivalen eine Flasche über den Schädel. Giulietta deckte ihn mitfühlend mit ihrem Kleid zu. Applaus für Hoffmann und seine Ode an die Leidenschaft, ebenso für seine Duette mit Giulietta.



Hoffmann verlor sein Spiegelbild, indem er gefilmt wurde und keine Projektion erschien wie bei vorherigen Gelegenheiten, und er stand in Unterwäsche da, ebenso Niklaus. Der böse Joker mimte zum à cappella-Männerchor, der aus den Kulissen kam, allerdings zu leise. Gespenstisch, wie Hoffmann den Rest des Klein-Zaches an den abwesenden Lindorf in eine Filmkamera sang. Applaus und Vorhang.



Dann kam Mirakel oder Dapertutto vor den Vorhang und verlieh einen Oscar, diesen Blechorden für Hollywood-Trash, an Stella, die darob völlig außer Fassung geriet. I am so nervous. The evening was so long. Auch ein ziemlich derangierter Hoffmann stieß zu ihr. I am so proud of you. Und dann erst war die Show zu Ende, und der Applaus begann.


Jubel erhob sich für die Solisten und den riesigen Chor. Kräftigen Applaus gab es für die Mutter und ihren Witwer Krespel., Jubel für den Widersacher, großer Jubel für die Muse, Jubel für Stella und Hoffmann. Dann wurde der Applaus durch die Verabschiedung eines Sänger der Oper unterbrochen. So war es schwer, die Länge des Applauses einzuschätzen. Es mögen fünf Minuten gewesen sein.



Für mich gab es ein Happy End, als nach der letzten Vorstellung ein Empfang des Theaters für geladene Gäste veranstaltet wurde, zu dem ich mit allerhöchster Genehmigung des Intendanten kommen durfte. Zwar waren nicht alle Ensemblemitglieder anwesend, aber Stella, der Widersacher und der Dirigent waren gekommen, und es wurde eine nette Feier zum Abschied von dieser spektakulären Inszenierung.



Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen bei der Oper … und beim Fotografen...... Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.



















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