»Hoffmann« als intellektuelle Frauenphantasie

mit himmlischem Klang und Gesang

in Hagen


www.theaterhagen.de




Besuchte Vorstellung 30. November 2019 (Premiere)







Regie


Intendant Francis Hüsers

Dirigent


Joseph Trafton

Chorleitung


Wolfgang Müller-Salow

Bühne


Alfred Peter

Kostüme


Katharina Weissenborn

Version


Guiraud-Choudens

Sprache


Französisch




Hoffmann


Thomas Paul

Muse


Maria Markina

Olympia


Cristina Piccardi

Antonia


Angela Davis

Giulietta


Netta Or

Widersacher


Dong-Won Seo







Fazit Hagen: Ein in zwei Kategorien bemerkenswerter »Hoffmann« am Theater Hagen im Ruhrgebiet. Zum einen wurden Hoffmanns Erlebnisse eigenwillig ausgelegt, doch diese interessante Interpretation liegt durchaus im Rahmen dessen, was E.T.A. Hoffmanns Erzählungen erlauben. Zum anderen wurde am Hagener Theater so hervorragend gesungen und musiziert, wie man das sonst nur an den ersten Adressen der Metropolen oder in Haupstädten zu hören bekommt. Kostüme und Bühne standen dieser Exzellenz in keiner Weise nach. Das Theater Hagen wurde 2019 als beste Bühne abseits großer Zentren ausgezeichnet. Dieser »Hoffmann« bestätigt diese Würdigung nicht nur, sondern stellt Hagen in die erste Reihe der deutschen Bühnen. Das Publikum ging gut mit und spendete häufig spontanen Applaus. Der begeisterte Schlussapplaus dauerte fast zehn Minuten und liegt damit über dem Durchschnitt.




Das bestens organisierte Theater Hagen liegt mitten in einer Stadt, die im zweiten Weltkrieg fast völlig eingeebnet wurde. In der Innenstadt ist kaum ein altes Gebäude im Originalzustand erhalten. Auch das 1907 erbaute Theater musste zum Sieg über das 3. Reich zerstört werden. Doch es wurde weitgehend im Originalzustand wieder aufgebaut, und die sanften geschwungenen Linien im Zuschauerraum erinnern an den Jugendstil, doch auch schon Elemente des Art Deco sind erkennbar. Die Theaterarchitektur liegt näher an den modernen Theatern als an den traditionellen Hufeisenformen. Das Theater hat knapp 800 Plätze. Die Zusammenarbeit mit der Presseabteilung war freundlich und problemlos.


Im Orchester zählte ich drei Kontrabässe und vier Celli. Die Handlung und Kostüme waren in die Gründerzeit des Theaters gelegt. Das Publikum war altersgemäß gut durchmischt, wenn auch die ältere Generation überwog. Die Premiere war zu gut 80% besetzt. Eine junge Frau in einem Fantasiekostüm wie aus einem Märchen erregte Aufsehen.


Vor Beginn der Aufführung fand eine gut besuchte Einführung statt, die man unbedingt besuchen sollte, denn ohne das dort Gesagte wird die Hagener Interpretation dieser Oper nicht immer verständlich. Der selbst inszenierende Intendant ist ein deutscher Intellektueller, wie sie weltweit berühmt und ob ihres Scharfsinns gefürchtet sind. Allerdings neigen diese Intellektuellen manchmal dazu, ihr Publikum geistig zu beanspruchen und ihre Botschaften zu verschlüsseln. Doch keine Angst, die Grundstruktur dieser Oper blieb voll erhalten, nur einige Details bedurften einer Erklärung.


Wenn ich es richtig verstand, hatte die Regie Hoffmanns Erlebnisse als Frauenphantasie gestaltet. Diese Idee ist ebenso neu wie bemerkenswert. Das Thema ist schließlich das ewige Spiel um Liebe und Leidenschaft, und das Erstaunliche daran ist, dass noch keine Regisseurin darauf gekommen war. Aber im Regieteam ist schließlich auch mit Rebecca Graitl eine Frau. Gehen wir also davon aus, dass die drei Frauen und Hoffmanns Muse Hoffmanns Abenteuer in ihrer Phantasie entstehen lassen, um dann diesen Mann als Ziel ihrer Verführungskünste zu nehmen. Es soll ja in der Zeit des florierenden Feminismus und der LGBT noch Frauen geben, die Lust auf Männer und auf das Spiel mit ihnen haben. Auch die Muse, sonst Über-Ich des Hoffmann, wurde so zu seiner Gespielin, statt wie sonst zu versuchen, den irrlichternden Hoffmann in seinen Verblendungen – meist vergeblich – auf den Pfad der Vernunft zurückzuführen.


Die Verschwörung gegen Hoffmann: Olympia, Antonia, Giulietta, Lindorf, Muse


Das ist eigentlich keine abwegige Idee, Schließlich sind Männer Geschöpfe von Frauen, und dass wir im Abendland schon längst im Matriarchat leben, haben sich die meisten Frauen und der Feminismus nur noch nicht bewusst gemacht.


Vor Beginn der Oper saß auf der Bühne ein Mann in einem blauen Jeansanzug rechts an einem Tisch. Dann setzten sich drei Frauen an den Tisch und begannen ihre Verschwörung. Eine vierte gesellte sich zu ihnen. Der Mann im Jeansanzug wurde brüsk vom Tisch weggeschickt., und die Frauen schienen irgendetwas aushecken zu wollen. Dazu spielten sie Karten. Da denkt man doch gleich an Theodor Fontanes Gedicht von den drei Hexen aus Shakespeares Macbeth, die sich zusammensetzen, um die Eisenbahnbrücke am schottischen Tay zum Einsturz zu bringen. Wuchtig und maestoso, wie es sich gehört, erklangen die Auftaktakkorde.



Der Mann im Jeansanzug, er war Lindorf, wurde von den Damen in etwas Besseres umgezogen. Der nun elegante Mann wurde von den Frauen umgarnt. Ein Glas auf Stella wurde geleert. Die drei Frauen hielten große Spielkarten in den Händen: Olympia die Karodame, Antonia die Pique Dame, und Giulietta natürlich die Herzdame. Entsprechend sexy war sie gekleidet. Und schon gab es kräftigen, anhaltenden Applaus für die Trinklieder des Chores. Die drei Damen sollten nun fast immer auf der Bühne zu sehen sein, denn sie waren es ja, die diese Karten der Handlung mischten.


Hoffmann beim Klein-Zaches


Ein sensationell guter Hoffmann begeisterte sofort mit seiner wohlklingenden und gut artikulierten Stimme. Jung, gut aussehend, sich elegant bewegend brachte er den Klein-Zaches. Kräftiger und langanhaltender Applaus belohnte ihn. Neben Rolando Villazon einer der überzeugendsten Hoffmänner, die ich je sah und hörte.


Coppelius trat auf und brachte in einer Doktortasche allerlei technische Geräte herbei. Schnell, präzise und staccato kam das Lob auf Olympias Augen durch den Chor. Mit glasklarer Koloraturstimme sang Olympia ihre Arie. Als sie schwächellte, half ihr Hoffmann wieder auf die Sprünge. Brilliant sang Hoffmann seine Liebeserklärung an Olympia. Wieder Applaus. Dann geriet Olympia außer Rand und Band. Immer wieder gab es Applaus für die turbulente Handlung auf der Bühne und den schönen Gesang.


Olympia zerstörte sich schließlich selbst, und der verzweifelte Hoffmann wurde kräftig verlacht. Dann kam die Pause, die allerdings ziemlich kurz war. Wie soll da die Gastronmie alle durstigen Kehlen füllen? In der Pause konnte ich das Hagener Publikum studieren. Klar, die älterre Generation überwog wie überall in Germanien, aber auch die mittleren Jahrgänge waren vertreten, und sogar eine Reihe Jugendlicher. Die verdankt das Theater einer rührigen Presseabteilung. Im Publikum entdeckte ich eine junge Dame in einem Phantasiekostüm, die ich zuerst für einen Teil der Inszenierung hielt. Aber nein. In Dessau befand sich ein Herr in einem schwarzen Lederkostüm, wie man es in der Sad-Maso-Szene findet. Da gefiel mir doch dieses Märchenkostüm wesentlich besser.


Mutter und Antonia


Mit Antonia erlebten wir schon wieder eine so schöne Stimme, die auch beklatscht wurde. Von sieben Geigen wurde die Tochter des Geigenbauers Krespel eingerahmt. Dann gab es wieder einmal einen mäßig originellen Franz. Die Texter der Übertitel hatten gut aufgepasst: Statt der üblichen Methode beklagte Franz den Mangel an Technik bei seinem Gesang. Zwei hervorragende Stimmen boten die Duette Hoffmann – Antonia, und das Publikum belohnte sie. Auch das Terzett Krespel – Mirakel – Hoffmann gefiel.


Antonia wurde von Mirakel ferngesteuert. Die Mutter sang erst aus den Kulissen und wurde in den Hintergrund projiziert, aber dann, mitten im Terzett, fuhr sie aus dem Untergrund in die Höhe. Erstaunlich, wie die Bühnentechnik das mitten im Terzett Antonia – Mirakel – Mutter hinbekam. So perfekt gesungen hört man diesen musikalischen Höhepunkt der Oper nur selten. Auch dieser Akt war straff inszeniert, denn gerade im Antonia-Akt ergeben sich häufig quälende Längen; nicht so in Hagen. Gnadenlos verrichtete Mirakel sein Werk.


Giulietta und Muse bei der Barkarole


Im Giulietta-Akt standen die Muse und Giulietta nahe beieinander und schienen sich gegenseitig zu mögen. Erfreulicherweise hatte der Dirigent die Piccoloflöte herausgenommen, so dass die erotische Sinnlichkeit dieser Nummer nicht gestört wurde. Bei Giulietta fand ein großes Fest statt. Applaus, und auch als Hoffmann das Lob auf die Leidenschaft sang. Dapertutto filmte von der Seite das Geschehen, dann tat das auch Giulietta, und Hoffmanns Gesang wurde in Echtzeit auf den Hintergrund projiziert.


Eine schwelgerische Hymne des Hoffman folgte, als er Giulietta seine Liebe erklärte. Nicht zu vergessen, in dieser Inszenierung wurde Hoffmann als Frauenphantasie gesehen, und welche Frau freut sich nicht über eine Liebeserklärung? Dazu kamen die erotische Ausstrahlung und das sexy Kostüm der Giulietta, die Hoffmann unwiderstehlich für sich einnahm. Das Liebesspiel der beiden wurde von Dapertutto gefilmt.


Dann erkannte Hoffmann, dass er durch das Filmen seine Seele sein Spiegelbild verloren hatte. Dann folgte ein Degenduell zur Barkarole. Welcher Kontrast: Liebe(snacht) und Tod. Doch Hoffmanns Freude über den eroberten Schlüssel währte nicht lange, denn die Muse warnte vor den herannahenden Polizei, und seine Illusion war verflogen. Applaus für diesen ereignisreichen Akt.


Zum Finale stand Hoffmann wieder im Kreise seiner Gesellschaft. Seine drei Frauen erschienen wieder, und die Muse stellte sich zu ihnen. Bacchantische Trinklieder folgten.


Das Ende kam schnell und überraschend. Hoffmann erschien im Jeansanzug, in dem Lindorf zu Anfang der Oper aufgetreten war, und plötzlich war die Oper aus, ohne dass es eine Apotheose der auf Hoffmann Muse gegeben hatte. Hmm. Da musste man erst mal nachdenken, was da vor sich ging. Klar, wenn die Muse Teil der Weiberwirtschaft war, die den Hoffmann in ihrer Phantasie kreiert hatte, durfte sie auch keine Apotheose auf ihn singen und sich auch nicht mit ihm vereinigen.

Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen bei und beim Fotografen Klaus Lefebvre und beim Theater Hagen. Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.


Aber trotzdem, das Publikum war begeistert. Nach ein paar Schrecksekunden schwoll der Applaus an. Schon für den Chor gab es langen Applaus. Der Jubel begann, als die Muse ihren Soloaufrtritt hatte. Und auch die anderen Solisten wurden bejubelt, allerdings verhaltener, als man an anderen Theatern bei nicht so hervorragenden Gesangsleistungen hört. Fast zehn Minuten dauerte der Premierenapplaus, die leicht über Durchschnitt Minuten lagen.



Nachbemerkung: Die Idee des Regieteams, Hoffmann als Phantasie der Frauen zu interpretieren, war neu und ist begrüßenswert. NUR, sie hätte szenisch deutlicher dargestellt werden müssen. Wie schon gesagt, der inszenierende Intendant ist neben seiner handwerklichen Theaterkunst auch ein Intellektueller, und die deutschen Exemplare dieser Spezies vermeiden es gerne, sich klar und einfach auszudrücken. Wir hausbackenen Opernbesucher gehen nicht in die Oper wie zu einem Heidegger´schen Oberseminar, sondern wollen in erster Linie die schöne Musik Jacques Offenbachs genießen, passende Kostüme samt Bühnenausstattung bewundern und die an sich schon anspruchsvolle Handlung verfolgen. Um kryptische Andeutungen analysieren zu können, bleibt da nur mehr wenig Energie. Wer keine Zeit hatte, sich die plausible Einführung anzuhören oder das gut gemachte Programmheft aufmerksam zu lesen, blieb etwas ratlos.



Wie wäre es, wenn am Anfang die Intention der Regie deutlicher dramatisiert worden wäre, z.B.: Hoffmann wird aus einem Schrank oder aus den Kulissen etc. geholt, an einen Stuhl drapiert und dann von den Damen ausführlich begutachtet. Anzügliche Gesten und Bemerkungen wären, wie auch im richtigen Leben, durchaus angebracht. Kichernde Anmerkungen und ein paar erotische Hüftschwünge und ähnliche Posen könnten diese Intentionen abrunden, und alle, die nicht auf´s Hirn gefallen sind, wären sofort im Bilde. Doch diese Kritik sei nur am Rande angebracht. Insgesamt kann man in Hagen eine höchst erfreuliche Version dieser Oper erleben, und der wunderschöne Gesang in allen Rollen alleine ist schon eine Reise nach Hagen wert.


Das hochverehrte Publikum wurde, wie es sich gehört, zur Premierenfeier eingeladen, auf der sich, wie fast immer, interessante Gespräche mit Ensemblemitgliedern und Besuchern ergaben. Auch die rührigen Hagener Theaterfreunde trugen zum Gelingen der Premierenfeier bei.




Das Ensemble



Regisseur und Dirigent



Giulietta, Antonia, Olympia


Muse





Hoffmann





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