Und nun noch Antworten auf häufig gestellte Fragen:



Warum sehen Sie diese Oper immer wieder?

Das hat mehrere Gründe. Jedenfalls faszinierte sie mich sofort nachhaltig, als ich sie 1956 am Stadttheater Regensburg zum ersten Mal sah. Es war sowohl die zauberhafte Musik Jacques Offenbachs als auch die Handlung, die mich gefangen nahmen. Als 16jähriger hat man ja meist fast nur Misserfolge bei Frauen hinter sich. Und dann war da der böse Mann, der Hoffmann verfolgt. Das hat mit meiner Biografie zu tun. Ich wurde 1940 geboren, und damals und auch noch in der Politik des Adenauer-Regimes waren eine Reihe böser Männer am Werk.



Wird es Ihnen nicht langweilig, immer die gleiche Musik zu hören und der gleichen Handlung zu folgen?

Ganz bestimmt nicht. Ich höre auch »Hoffmann«-CDs, wenn ich ein paar Wochen lang keinen »Hoffmann« besuche. Und außerdem ist kein »Hoffmann« wie der andere. Jeder Regisseur interpretiert diese Oper anders, jeder Sänger singt anders. Schließlich gibt es ja auch noch andere Betätigungen, die man immer wieder gerne tut, zum Beispiel gut essen.



Sehen Sie auch andere Opern?

Natürlich. Ich kenne die meisten großen Opern. Aber wenn eine vorbei ist, freue ich mich meist schon auf den nächsten »Hoffmann«.



Was ist Ihnen an einer Oper wichtig?

In erster Linie die Musik, die ich möglichst sinnlich und inspiriert hören will. Dann die Qualität der Inszenierung, was poetische Interpretation und psychologische Tiefe angeht. Auch für ein kongeniales Bühnenbild kann ich mich begeistern. Experimenten bin ich nicht abgeneigt, solange sie nicht auf billige und werkfremde Showeffekte hinauslaufen. Ausstattung und Kostüme sind mir jetzt nicht ganz so wichtig. Zwei meiner bevorzugtesteren Inszenierungen, die in Regensburg und Aachen, kamen mit sparsamsten Mitteln aus. Oper ist für mich die höchste Kunstform, denn sie vereint poetische Literatur, Musik und darstellende Kunst in sich. Im »Hoffmann« finden sich alle drei Elemente ziemlich ausgeprägt. Und die Art der Handlung lässt der Fantasie unbegrenzten Spielraum.



Welcher Akt gefällt Ihnen am besten?

Eindeutig der Antonia-Akt. Und bitte die Geigenarie nicht streichen. Ein »Hoffmann« ohne Geigenarie ist für mich wie eine Zauberflöte ohne die Arie der Königin der Nacht.



Welche Reihenfolge der Akte bevorzugen Sie?

Ich kann mit Olympia-Antonia-Giulietta genauso gut leben wie mit Olympia-Giulietta-Antonia. Für beide Reihenfolgen lassen sich inhaltliche Argumente dafür oder dagegen anführen. Den Antonia-Akt am Schluss zu spielen, finde ich persönlich sinnvoller, da Hoffmann in seiner Emotionalität zuerst einem seelenlosen Automaten und dann einer Hure verfällt, bevor er sich einer realen Frau zuwendet. Historisch korrekt dagegen ist die Reihenfolge Olympia - Antonia – Giulietta. Im Schauspiel Michel Carrés und Jules Barbiers, welches dem Opernlibretto zugrunde liegt, findet man auch diese Reihenfolge.



Soll man die Spiegelarie und/oder das Sextett singen lassen?

Eine schwierige Frage. Die Melodie der Spiegelarie ist immerhin von Jacques Offenbach (Ouvertüre zur Reise zum Mond), wenn auch nicht für die Contes komponiert oder adaptiert, wie die Barkarole, die Jacques Offenbach selbst aus den Rheinnixen übernommen hat – und nicht nur die Barkarole. Ein Vorläufer-Text der Spiegelarie findet sich immerhin in der vierten Szene des Giulietta-Aktes im Schaupiel Michel Carrés und Jules Barbiers. Auch im von Josef Heinzelmann entdeckten Zensurlibretto von 1880/81 findet sich ein Text der sog. Spiegelarie. (Reclam Universalbibliothek Nr. 18329, S. 150) Man kann also nicht behaupten, dass die sog. Spiegelarie völlig von fremder Hand in die Oper eingefügt wurde.

Hier der Text aus dem Schaupiel Michel Carrés und Jules Barbiers:

Dapertutto: Kostbarer Diamant? Wirst du mir helfen? Oh Diamant, der du glühende Funken sprühst, reines Feuer gleich dem Blitz, die Seele Giuliettas, die dich begehrte, ziehe sie zu deinen zahllosen Sternen, ziehe sie in den Schatten. Wie im Spiegel sich´s dreht, wird die Beute im räuberischen Netz des geschickten Jägers sich winden.

(Aus dem Programmheft zur Inszenierung der »Contes« am Württtembergischen Staatstheater. Deutsch von Angela Fremont-Borst und Regine Friedrich)



Vom Sextett ist der genaue Ursprung bislang unbekannt. Aber wie die Spiegelarie ist es bei Sängern wie beim Publikum beliebt.

Sagen wir mal so: Im Neuen Testament steht auch kein Wort von der Jungfrauengeburt oder dem ewigen Leben im Himmel. Trotzdem wäre der christliche Glaube ohne diese in der Tradition entstandenen Elemente ärmer.

Ich kann ohne beides gut leben.



Bezahlt Sie jemand für Ihre Besprechungen?

Leider nein, und das wird sich wohl auch nicht ändern. Meistens bekomme ich eine kostenlose Pressekarte. Bei kleineren Theatern bezahle ich meine Karten selbst, denn viele Theater haben eine Eigenfinanzierungsquote von nur 15% oder weniger. Das Teuerste sind ohnehin die Anreise und das Hotel.

Solange ich mir diese Reisen gesundheitlich und finanziell leisten kann, werde ich sie fortsetzen. Da Opernspielpläne lange vorher feststehen, kann man bei Flug- und Hotelbuchungen günstige Angbote im Internet finden.



Schreiben Sie auch für eine Opernzeitung?

Nein. Ich glaube auch nicht, dass die meine subjektiv gefärbten und manchmal flapsig formulierten Berichte mögen. Ich bin absoluter Laie, was Musikwissenschaft angeht. Außerdem beherrsche ich den Kritikerjargon nicht und will ihn auch gar nicht lernen. Bei professionellen Opernkritikern gilt es als Tabubruch, mit Regisseuren und Darstellern in Kontakt zu treten und über ihre Arbeit zu diskutieren. Das finde ich gar nicht. Bei solchen Gesprächen habe ich schon oft Unklarheiten und Missversändnisse ausräumen können. Außerdem gehe ich gerne auf Premierenfeiern und beglückwünsche Sänger und Regisseure zu guten Leistungen.



Was halten Sie von Opernkritikern?

Manche sind ausgezeichnet und charakterisieren den Geist einer Inszenierung präzise in wenigen Worten, wie ich das nie könnte. Andere schreiben so wolkig, dass man eine Inszenierung kaum wiedererkennt. Wieder andere schreiben einen solchen Schmarrn, dass man meint, die Zeitung hätte einen gelernten Fußballreporter in eine Opernpremiere geschickt. Ich bekam auch den Eindruck, dass sich in einigen Städten ein Hassverhältnis zwischen Lokalzeitung und Theater aufgebaut hat. Da wird nur an Allem rumgenörgelt und das Positive nicht erwähnt. Schlechte Kritiken wirken sich nach Erfahrung von Intendanten sofort an der Theaterkasse negativ aus. Das kann im Extremfall dazu führen, dass ein Theater zumacht. So hätte sich ein notorischer Theaterkritikaster seine eigene Existenzgrundlage weggeschrieben. Damit will ich natürlich nicht sagen, dass man alles grundsätzlich loben soll.



Welcher »Hoffmann« war Ihrer Meinung nach der beste?

Diese Frage will und kann ich nicht beantworten. Jede Inszenierung hat ihre Stärken und Schwächen. Selbst Covent Garden und die Met waren nicht perfekt. Außerdem ist Oper live, das ist ihre große Stärke. So schwanken auch einzelne Inszenierungen von Aufführung zu Aufführung. Den perfekten »Hoffmann« wird es nie geben, hoffentlich, denn sonst wäre die spannende Entwicklung dieser Oper zu Ende und überall würde der gleiche »Hoffmann« gespielt.

Ich habe bisher folgende persönliche Favoriten:

    1. Die Inszenierung von Dmitri Bertman (Helikon-Theater Moskau), die ich in einer Übernahme in Tartu / Estland sah. Die szenische und psychologische Umsetzung der Botschaft dieser Oper war perfekt gelungen.

    2. Die Inszenierung von Lorenzo Fiorini am Theater Osnabrück. Sie bietet eine Reihe überraschender neuer Ideen, die aber dem Geist des Librettos nicht widersprechen, z.B. die Interpretation der Rolle des Franz.

    3. Die Inszenierung Christof Nels am Nationaltheater Mannheim. Sie bot einen überzeugend charakterisierten Protagonisten und erfreute durch die völlige Abwesenheit von augesetzten und werksfemden Showeffekten.

    4. Die Inszenierung von Johannes Erath am Stadttheater Bern. Die intensive Darstellung und die Ausschmückung mit unter die Haut gehenden Szenen berührten mich ungemein.

    5. Die Inszenierung an der Breslau Breslau von Waldemar Zawodsinski. Mit einem fantastischen Bühnenbild, das er auch selbst gestaltet hatte, gab der Regisseur die Oper so wieder, wie ihr Untertitel es verlangt: une opéra fantastique.

    6. Harry Kupfers monumentale Inszenierung, die vom Großen Theater Warschau übernommen wurde.

    Daneben gab es noch eine Reihe ausgezeichneter Inszenierungen, deren Stärken ich in den einzelnen Besprechungen würdige.



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