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Wo die „goldenen Äpfel“ wachsen
Dem Charme der barocken Hesperidengärten in Nürnberg erliegen Jung und Alt gleichermaßen

Es war einmal, in einem fernen, fernen Lande, ein Göttergarten, da wuchsen goldene Äpfel. Deren Saft schmeckte so erfrischend wie das reine Wasser einer Gebirgsquelle. In diesem Garten lebten drei wunderschöne Nymphen, welche die Äpfel hüteten. Ihr Vater Hesperus hatte sie Aegle, Arethusa und Hesperethusa getauft – die Hesperiden.

Garten? Erfrischende Früchte? Hesperiden? Vielleicht kann schon einer den Faden ins heutige Nürnberg knüpfen. Er führt aus der griechischen Mythologie über die Nürnberger Barockzeit mit ihrer Kultur der Bürgergärten, die im 18. Jahrhundert ihren Höhepunkt erreichte, und endet an den zur Pegnitz abfallenden Südhängen in St. Johannis. Dort, an der Johannisstraße 47, wo die Straßenbahnlinie 6 alle zehn Minuten durch die abgasgeschwängerte Luft rumpelt, befindet sich in einem unscheinbaren Fachwerkhäuschen der Eingang zu einem kleinen Paradies: die Hesperidengärten, nach historischem Vorbild in den achtziger Jahren wiederbelebt.

Es ist, als hätte nie jemand das Auto erfunden, als hätte man das Wort „Arbeit“ noch nie gehört und als bestünde die größte aller Tugenden darin, tagaus, tagein auf knirschenden Kieswegen zu lustwandeln und sich unter schattigen Hecken auszuruhen. An den Wegkreuzungen plätschern Springbrunnen, kleine grüne Algenschwämmchen wabern am Sandstein-Beckenrand. Eine sanfte Brise weht Kräuterduft in die Nase: In den Beeten nahe der Trauerweide gedeihen Minze, Salbei und Lavendel. Auf den Holzbänken liegen dösend Menschen, die Armbeuge über die Augen gelegt. Ein junger Mann streckt die Zehen gen Himmel und schläft unter seiner Zeitung, daneben stillt eine Mutter ihr Baby. Es herrscht andächtige Ruhe – fast wie in der Kirche. Auch die drei Männer mit den Supermarkt-Plastiktüten haben ihr Kofferradio leise gedreht und trinken monoton brabbelnd eine Dose Bier.

Ganz leise

Von den Sockeln am Wegrand aus haben Frauen mit barocken Schenkeln und Bäuchen die ganze Szenerie im Blick. Lasziv halten manche nur eine Brust bedeckt, der rund bearbeitete Stein ihrer Körper verführt zum heimlichen Anfassen. Neben der Sonnenuhr aus akkurat zu römischen Ziffern gestutzten Buchshecken sitzt Florian und lernt für sein BWL-Studium, natürlich auch ganz leise. „Ich bin aus der Rosenau geflüchtet. Da kommt man vor lauter ,Hallo'-Sagen zu gar nichts“, erzählt der Student und ver tieft sich weiter in seine Ordner, weil er nicht schon wieder plaudern will.

Später geht er vielleicht im „Barockhäusle“-Biergarten einen Kaffee trinken, denn dort kann ein Hesperidengarten-Besuch wunderbar ausklingen oder beginnen: Zum Beispiel bei einer frischen Waffel mit Sahne, heißen Himbeeren und Vanille-Eis. Oder mit einem Krug Bier wie bei dem Trupp Rentnerinnen am Nebentisch, die bereits bei der zweiten Runde angelangt sind. Da heißt es „horch!“ und „nu freili!“ und es geht um Themen wie die „goude Schdaddwoschd“ und „Elfriede, die ständig zum Doggda renna dudd“. Auf der Stuhllehne lauern derweil furchtlose Spatzen auf Kuchenbrösel. Gegen Abend schmoren bei schönem Wetter Steaks und Bratwürste auf dem Rostgrill im Innenhof. Beim zünftigen Mahl wirft man dann noch einen Blick über das schmiedeeiserne Türchen. Hinein in den Göttergarten, wo die „goldenen Äpfel“ wachsen, gut getarnt als Früchte der Orangen- und Zitronenbäumchen.
HANNA GRABBE

„Barockhäusle“, Johannisstr 47, 90419 Nürnberg. Öffnungszeiten der Kaffeestube: täglich 10 bis 18 Uhr; Weinstube: täglich ab 18 Uhr. Die Hesperidengärten sind vom 1. April bis 31. Oktober jeweils von 8 Uhr bis 20 Uhr geöffnet, Hunde dürfen nicht hinein.

  
Diese Kritik erschien am 13.08.2001 in den "Nürnberger Nachrichten"
                
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