Dieser Text basiert auf einem Artikel
für die PRO BAHN Post Oktober 2021.
Bearbeitungsstand: 24.9.2021

 
 

Reisen mit der GDL

August 2021 – bei der Deutschen Bahn ist Streiksaison. Nebenbei ist in Bayern auch noch Urlaubssaison. Da 2020 coronabedingt viele Menschen auf Reisen verzichtet haben, ist 2021 dank Impfung häufig die erste Urlaubsreise mit der Bahn nach längerer Zeit geplant. Die GDL streikt im August zweimal für zwei Tage. Leider erwischt es mich beide Male.

Frühstart in den Bayerischen Wald

Am Donnerstag, den 12. August möchte ich von Unterschleißheim nach Grafenau fahren und dort in einen Bus nach Waldkirchen umsteigen. Weil es günstiger ist, und bezüglich der Fahrgastrechte besser abgesichert, habe ich ein Fernverkehrsticket von Augsburg via Unterschleißheim nach Grafenau gebucht. Am 10. August kündigt die GDL an, mittwochs und donnerstags den Personenverkehr der DB zu bestreiken. Betroffen ist auch die S-Bahn München und der Donau-Isar-Express, den ich bis Plattling nutzen möchte. Ich suche direkt mal eine DB-freie Verbindung (Bus und U-Bahn nach München, Alex nach Regensburg, Agilis bis Plattling), aber die DB veröffentlicht dann einen Notfahrplan mit ausgedünnten Takten.

Der von mir eingeplante Zug nach Plattling fällt aus. Also heißt es eine Stunde früher los. Am Morgen meldet dann die S-Bahn noch Verzögerungen auf der Stammstrecke. Da ich den auch sonst schon unsicheren Fünf-Minuten-Übergang in Freising im Zwei-Stunden-Takt nicht riskieren möchte, starte ich spontan nochmals 20 Minuten früher. Die zusätzliche Zeit in Freising kann ich für Proviantergänzung bei der dortigen "Bahnhofsgastronomie" und für einen etwas erstaunten Blick auf die dank Streikausfällen durcheinander gekommene Abfahrtsanzeige nutzen.

Auch die Anzeige eines angeblich in Landshut stehenbleibenden Zugteils erweist sich angesichts des einfahrenden Doppelstockzugs (statt Baureihe 440) als obsolet. Dafür verläuft die Fahrt bis Plattling und das Umsteigen in die Waldbahn völlig problemlos. Über die Donau geht es nach Deggendorf, dann folgt die landschaftlich schöne Strecke hoch in den Bayerischen Wald.

Aufgrund des früheren Starts und des Zweistundentakts der Linie nach Grafenau habe ich zwei Stunden "Bahnzeit" in Zwiesel gewonnen. Leider ist das dortige Bahnhofscafé in einem strengen Corona-Modus. Keine Tische und Stühle vor der Tür, sondern nur Verkauf "to go". Die Geschäfte müssen wohl auch ohne mich als Kunden florieren. Immerhin kann ich mir das Treiben der Waldbahn im Knotenbahnhof Zwiesel anschauen, etwas eingeschränkt durch Sperrung der Strecke nach Bayerisch Eisenstein. Mein erster Streiktag endet mit der pünktlichen Weiterfahrt nach Grafenau. Von dort lege ich die restliche Strecke nach Waldkirchen im unbestreikten Bus zurück. Wie es im Bayerischen Wald weiterging, kann man auf www.myway.de/souvenirs/waldk2021 nachlesen.

Grafik 512*301 - GDL-Logo

Halber oder ganzer ICE?

Der zweite GDL-Streik erwischt mich am 24. August. Für eine Fahrt ins Rheinland ist ein Supersparpreis-Ticket erster Klasse gebucht. Am Freitag, den 20. August kündigt die GDL den Streik (im Personenverkehr) für Montag und Dienstag an; am Abend hat die DB die Notfahrpläne in der Online-Auskunft. Mein Zug via Nürnberg fällt aus; via Stuttgart geht laut Auskunft gar nichts. Eine Stunde früher als gebucht fährt ICE 720. Dieser mit ICE 3 bestückte Zug hat normalerweise die Besonderheit, dass er gekuppelt mit ICE 1228 in München startet, um in Würzburg getrennt zu werden. ICE 1228 fällt aus; in der Buchungsmaske sind nur die Wagen mit 20er-Nummern erkennbar. Ich muss also bei sowieso auf 25 Prozent reduziertem DB-Fernverkehr auch noch mit einem "Kurzzug" rechnen.

Beim Blick ins Reservierungssystem sehe ich in der ersten Klasse nur noch sieben oder acht buchbare Plätze und kaufe daher eine zusätzliche Reservierung für Wagen 29. Die Sonderkulanzseite der DB im Internet verspricht: "Sitzplatzreservierungen können kostenfrei umgetauscht werden" – das allerdings nur bei Verkaufsstellen, nicht online. In einem Twitter-Dialog mit der DB kläre ich, dass das auch für die im Fahrpreis enthaltene Reservierung für die erste Klasse gilt, und auch nachträglich möglich ist. Es wäre deutlich weniger Bürokratie, wenn die DB die einmalige kostenfreie Umtauschmöglichkeit für Sitzplatzreservierungen nicht vor einiger Zeit abgeschafft hätte.

Montags schaue ich nochmals in die Online-Auskunft. Der ICE 720 wird weiterhin nur mit 20er-Teil angezeigt. Die DB hat aber Verbindungen ins Rheinland mit Umsteigen und längerem Aufenthalt in Stuttgart ergänzt. Diese Züge wären vielleicht leerer als mein "kurzer" ICE 3, da ich aber meine Reservierung habe, und eine knappe Stunde "Bahnzeit" in der Baustellenruine Stuttgart Hauptbahnhof nicht sehr attraktiv ist, gibt es keinen Grund, etwas zu ändern.

Am Dienstag bin ich dank (reduziertem) S-Bahn-Takt fast 30 Minuten vor ICE-Abfahrt am Münchner Hauptbahnhof. ICE&nsp;720 steht in voller doppelter Länge mit Wagen 21 bis 39 am Gleis, beide Teile via Frankfurt nach Düsseldorf. Ich stelle fest, dass die Wagen mit 30er-Nummern komplett ohne Platzreservierungen sind. In Wagen 29 sind dagegen sämtliche Plätze reserviert. Ich lasse die Reservierung ohne mich fahren, und gleiche die sehr asymmetrische Auslastung der beiden Zugteile dadurch etwas aus, indem ich mir einen leeren Platz in Wagen 38 suche.

Die Fahrt verläuft weitgehend normal. Zwischen Nürnberg und Würzburg sind laut DB spielende Kinder im Gleis, weshalb wir fast 20 Minuten Verspätung erhalten, die bis zum Ziel nur wenig ausgeglichen werden. In Siegburg wechsele ich von der Streikzone DB in die Problemzone des Verkehrsverbunds Rhein-Sieg (VRS). Die Weiterfahrt mit einem Bus der Rhein-Sieg Verkehrsgesellschaft (RSVG) wird natürlich nicht bestreikt. Alles halbwegs "normal": Die Abfahrtsanzeigen am Busbahnhof funktionieren bekannt unzuverlässig, in der App des Verkehrsverbunds fehlen Verbindungen (man hat wohl den kürzlichen unterjährigen Fahrplanwechsel einiger RSVG-Linien nicht eingearbeitet). Ein bisschen ÖPNV-Diaspora, obwohl Siegburg nicht im hintersten Bayerischen Wald liegt – der ganz normale Wahnsinn.

Am nächsten Tag bin ich aus anderem Grund nochmals in Siegburg und suche das Reisezentrum zwecks Erstattung der zusätzlichen Sitzplatzreservierung auf. Die 5,30 Euro werden anstandslos ausgezahlt. Hilfreich ist, dass ich Online-Ticket und Reservierung vor der Fahrt ausgedruckt hatte, und auch den entsprechenden Zangenabdruck "ICE720" vorweisen kann. Ich bekomme mein Ticket mit Verkaufsstellenstempel und Auszahlungsvermerk zurück. Wie der Vorgang bei reinem Handyticket abgelaufen wäre, weiß ich nicht.

Vorläufiges Streikfazit

Man kann also auch mit der Bahn reisen, wenn sie bestreikt wird. Zumindest solange nur Teile des Zugpersonals streiken und es der bestreikten DB gelingt, einen Notfahrplan zu organisieren, rechtzeitig anzukündigen und halbwegs zuverlässig zu fahren. Dies war im DB-Fernverkehr etwas lückenhaft der Fall. Im S-Bahn- und Regionalverkehr wurden die Notfahrpläne teilweise erst am jeweiligen Vorabend veröffentlicht. Bei einigen Verbindungen verliert man Zeit, oder muss früher starten, andere werden zum Hindernislauf oder erfordern Umwege.

Edmund Lauterbach

 


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