S-Bahn Geretsried zwischen DB-Planung und Verkehrspolitik
Wie Bahnausbau nicht funktioniert
Seit vielen Jahren wird eine S‑Bahn-Verlängerung von
Wolfratshausen nach Geretsried geplant. Aus Sicht des Fahrgastverbands
PRO BAHN war schon lange klar, dass Geretsried S‑Bahn-Anschluss bekommen muss.
Bereits in den 1990er Jahren legte PRO‑BAHN ein erstes Konzept dafür vor.
Ein kleiner Abriss der Entwicklung seitdem:
- PRO BAHN unterbreitet Anfang der 1990er Jahre Vorschläge für eine
S‑Bahn-Verlängerung.
- Im Juli 1992 beauftragt der Freistaat die Durchführung einer
Machbarkeitsstudie.
- Anfang der 2000er Jahren wird ein Raumordnungsverfahren für die Strecke
durchgeführt.
- 2004 beschließt der Geretsrieder Stadtrat auf Initiative der damaligen
Bürgermeisterin Irmer die bis heute geplante Trassenführung.
- 2005 berichtet Frau Irmer auf der Mitgliederversammlung von PRO BAHN
Oberbayern (siehe PBP 12/2005).
- Der damalige Ministerpräsident Stoiber, wohnhaft in Wolfratshausen,
meint 2006: "S‑Bahn rollt ab 2010 bis Geretsried".
- Die DB legt 2008 eine Entwurfsplanung vor, 2009 eine Kostenschätzung.
- Eine Nutzen-Kosten-Untersuchung erbringt kein positives Ergebnis. Insbesondere die in
Wolfratshausen geforderte Tunnellösung wird schlecht bewertet (siehe PBP
2/2009).
- Die Wolfratshauser Forderungen führen zum Streit und zu weiteren
Verzögerungen (siehe PBP 4/2010).
- 2011 verleiht PRO BAHN Frau Irmer einen Fahrgastpreis für ihr Engagement
für den Bahnanschluss (siehe PBP 4/2011).
- 2011 wird die erste Planfeststellung eingeleitet, 2013 werden die Pläne
ausgelegt.
- 2012 prognostiziert die DB die Fertigstellung für 2018.
- 2015 wird unter Verkehrsminister Herrmann eine Planänderung
zugunsten der Wolfratshauser Tunnellösung durchgesetzt. Das führt dazu,
dass sich die Prognose für den Baubeginn um mehrere Jahre auf 2024 verschiebt.
- 2017 rechnet die DB damit, die Strecke 2027 oder 2028 fertigzustellen.
- 2019 reicht die DB die geänderte Planung beim Eisenbahn-Bundesamt (EBA) ein.
- 2023 meint Verkehrsminister Bernreiter, die Planfeststellung erfolge
2024.
- Die PRO BAHN Post 10/2023 schreibt zur S‑Bahn-Verlängerung
"Niemand weiß, ob und wann sie kommt" – ein absoluter Tiefpunkt
bayerischer Verkehrspolitik.
- Mitte 2024 heißt es "Kein Zeitplan in Sicht".
- Oktober 2024: Die zum dritten Mal geänderten Planunterlagen werden von
der DB erneut beim EBA eingereicht. Weitere Änderungen nicht ausgeschlossen.
- Zur Finanzierung (das 2,5-fache der ursprünglichen Kalkulation) liegen
Beteiligungszusagen des Landkreises und der Städte vor (auf Basis der
Kostenschätzung 2024), aber der Baubeginn bleibt völlig im Unklaren.
- In einem Artikel zum Bahnausbau Region München (PBP 2/2025) wird Geretsried als
Beispiel dafür genannt, dass es in Bayern an der Umsetzung, nicht an Ideen
mangelt.
- Die Lokalausgabe des Münchner Merkurs fragt im Juli "S‑Bahn soll
bis Geretsried fahren – nur wann?". Ernüchterndes Fazit des Artikels:
"Die Kosten haben sich deutlich erhöht. Der Prozess läuft
schleppend."
Genaugenommen ist das Projekt das bayerische Musterbeispiel für einen
schleppenden Prozess. Die DB hat sich im Planungsverlauf bezüglich Dauer und
Kostenschätzung sicher nicht mit Ruhm bekleckert. Ein absolut vernichtendes
Urteil muss man aber dem Einfluss der bayerischen Verkehrspolitik auf das Projekt
einer S‑Bahn-Verlängerung nach Geretsried ausstellen.
Edmund Lauterbach