Große Oper in einem kleinen Theater

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Besuchte Vorstellung: 7. Juni 2007





Das Theater im alten Gewandhaus Zwickau © André Karwath/Wikipedia

Regie


Judica Semmler

Dirigent


Georg-Christoph Sandmann

Bühnenbild

und Kostüme


Robert Schrag

Version


Kaye-Keck

Sprache


Deutsch






















Hoffmann


Guido Hackhausen

Muse


Silke Richter

Olympia


Inga-Britt Andersson

Antonia


Maria Gessler

Giulietta


Judith Schubert

Widersacher


Michael Junge








Fazit Zwickau: Insgesamt die sympathischste Aufführung von allen vieren bisher von mir besuchten, die werkgetreueste und die intimste. Zwickau bot beste Schauspielkunst, das angemessenste Bühnenbild, eine souveräne Olympia und eine hervorragende Muse sowie eine sensible und lyrische Antonia. Interessanterweise waren sowohl die Bremer wie die Zwickauer Darstellerinnen der Olympia Skandinavierinnen. Dort scheinen hervorragende Koloratursoprane zu wachsen. In allen vier Aufführungen war die Muse die durchgehend am besten besetzte Rolle, auch was die folgenden Aufführungen angeht. Der Zwickauer Niklaus war aber der sympathischste, wie überhaupt die ganze Aufführung mir den ursprünglichen Geist der Oper am nächsten brachte, weil sie keine modernistischen Ambitionen riskierte. Aber das ist eine subjektive Bewertung. Ein großes Kompliment an die einfühlsame Regie von Judica Semmler.






Hoffmann und Muse / Niklaus


Eigentlich hätte Zwickau / Plauen bei meiner Opern-Tour an erster Stelle stehen können, zwei Tage vor Berlin, doch ich hatte diese Inszenierung glatt verpasst. Ich hatte es einfach versäumt, die kleineren Bühnen nach „meiner" Oper abzuklappern. Die Inszenierung von Annaberg-Buchholz habe ich ganz verpasst. Um ehrlich zu sein, hatte ich noch nie von der Stadt Annaberg-Buchholz mit gut 23.000 Einwohnern gehört, in der es eine Repertoire-Bühne gibt. In der Industriestadt Zwickau mit gut 100.000 Einwohnern gibt es ein Theater mit Opern-Repertoire, das mit der Stadt Plauen (70.000 Einwohner) eine Theater-gemeinschaft bildet. Man darf nicht vergessen, dass in der DDR die Opernkultur hoch entwickelt war. Leider wurden inzwischen einige Theater in den neuen Bundesländern geschlossen. Tja, man soll eben die kulturelle Vorarbeit des DDR-Bildungssystems nicht unterschätzen, in dem der Jugend noch was beigebracht wurde, und auch den Arbeitern, die man betriebsweise in die Oper schleppte. Nicht unbedingt zu aller Gefallen, aber der eine oder andere wurde auf diese Weise zum Theater-Fan.

Und so fuhr ich in das Land Sachsen, um mir die letzte Aufführung, eine echte Dernière also, anzusehen.


Mit 16 Euro für einen Platz in der ersten Reihe des Rangs war Zwickau die mit Abstand preiswerteste Aufführung, und bot, was die Qualität angeht, das beste Preis-Leistungs-verhältnis. Das Theater befindet sich im schön restaurierten Gewandhaus, das seit 1823 als Theater dient.


»Hoffmanns Erzählungen« in Zwickau begann mit dem Dichter und seiner Muse bei der Arbeit. Hoffmann und Niklaus waren identisch gekleidet, auch geistig ein Zwillingspaar, in zeitgemäßer Kleidung. Hoffmann schrieb mit einer Gänsefeder in ein Heft. Gewölbe bestimmten das Bühnenbild und bildeten einen intimen Rahmen. Man merkte gleich, dass man zu Lebzeiten E.T.A. Hoffmanns gelandet war und blickte in einen Guckkasten vom Ende des 18. Jahrhunderts, in die plötzlich der Chor der Zechkumpane in hellen, modernen Anzügen platzte. Ganze zwölf Mann umfasste der Chor, gut dreißig Leute das Orchester. Und beide konnten sich hören lassen.


Der Zwickauer Hoffmann war einer schlanker, hochgewachsener Kerl, der seine Rolle etwas steif meisterte, fast auf Schritt und Tritt von seinem Zwillingsbruder Niklaus begleitet.


Olympia


Bis zur Unkenntlichkeit verschminkt kam Olympia auf einer Tragbahre in die Bühne gerollt und erwachte unter ihren grünen Krankenhauslaken langsam zum Leben eines clownesken Kunstwesens. Hier war eine Art Dr. Frankenstein am Werk gewesen bei der Erschaffung einer Homuncula. Den ersten Teil ihrer Arie erledigte sie im Sitzen. Und was für eine Stimme! Mit einer Leichtigkeit und Lockerheit schwang sie sich in die höchsten Höhen der Koloratur, Legato und Staccato perfekt beherrschend. Was für ein bravouröser Auftakt. Die zierliche Schwedin Inga-Britt Andersson könnte mit dieser Arie auf allen Bühnen der Welt bestehen und ist eine der besten Koloratursopranistinnen, die ich je hörte. Wieder einmal ein Beispiel dafür, wie viele von einer größeren Öffentlichkeit unentdeckte Talente an kleinen Theatern in der sogenannten Provinz schlummern.


Bald merkte ich, dass in Zwickau eine ordnende Hand am Werk war, die das Singspiel nicht mit externen Gags überfrachtete, sondern intelligente Einfälle auf die Bühne brachte, welche dem Geist des E.T.A. Hoffmann´schen Werks entsprachen. So trat gleich zu Anfang ein hübsche junge Stella auf, die aber stumm blieb. Irgendwann ging die weiß zugeschminkte Olympia durch einen der Torbögen hinaus, und beim nächsten kam die stumme Stella zu einem anderen Portal herein - identisch gekleidet und umgarnte den Hoffmann, der wieder mal seinem unerreichbaren Frauenideal nachspürte. Die Regisseurin Judica Semmler ließ dabei den Niklaus eine kurze Passage à la Olympia singen sowie deren Bewegungen nachäffen und so den Hoffmann mit seiner Verblendetheit auf den Arm nehmen. Dezente werkimmanente Einfälle, die ahnen ließen, dass sich hier jemand gute Gedanken über die Botschaft dieser Oper gemacht hat.


Antonia und Mirakel


Der intimste Akt mit der schönsten Musik ist immer der mit Antonia. Eine sensible, lyrische Sängerin wurde auf die Bühne gebracht, einfach herzergreifend, wie sie die Tragik der Antonia verkörperte. Auch hier wieder tanzte für einen Augenblick die stumme Stella, identisch gewandet, um den Hoffmann herum. Vater Krespel war ein Hüne von einem Mann, und der böse Verführer Dr. Mirakel war ein mephistophelischer Fiesling, dessen Darsteller die Bösewichter überzeugend verkörperte und der, selbst fast unbewegt, Hoffmann ins Verderben stolpern ließ.


Im Giulietta-Akt ließ die Regie die morbide Dekadenz der venezianischen Gesellschaft wunderschön aufleben. Rote Herzen schmückten das Puff, an dessen Eingang sich zwei gebrechliche alte Voyeure auf Krückstöcken herumdrückten und ungläubig-staunend dem Treiben zusahen. Die Giulietta war eine kalte Lebedame, welche den liebesblinden Hoffmann routiniert abblitzen ließ. Wunderschön, wie Niklaus und Giulietta das Gondellied sangen. Hat die Regisseurin Judica Semmler beim Bordell an das schillernde kapitalistische Westdeutschland gedacht, welches nach 1989 über die biedere DDR hereinbrach? Sollten die beiden Greise die morbide und spießige DDR symbolisieren, und das Bordell die dekadente und libertinäre westdeutsche Spaßgesellschaft?


Ergreifend der Abgesang, als ein deprimierter Hoffmann aus seinen Träumen erwachte, doch immer begleitet von seiner treuen Muse. Auch hier wieder erschien die geisterhaft-stumme Stella als surrealistische Traumgestalt.


Ein Kompliment auch an das Zwickauer Publikum. Es ging hervorragend mit und klatschte spontan an den richtigen Stellen, ganz anders als die drögen Hannoveraner, welche die dargebotenen musikalischen Perlen nicht zu schätzen wussten. Es waren genügend junge Leute im Zwickauer Theater, sodass zumindest dort die Hoffnung besteht, dass es in zwanzig Jahren noch ein Musiktheater geben wird. Die Jungen waren wohl auch die Quelle der Pfiffe im Schlussapplaus, die ich aber als Zustimmung und nicht als Kritik wertete. Unter ihnen war auch eine Schulklasse, und ich hoffe, dass nicht alle in ihren unausweichlichen Schulaufsätzen »Hoffmanns Erzählungen« mit dem Deppen-Apostroph schrieben.

Die Veröffentlichung der auf dieser Seite verwendeten Fotografien erfolgt mit den ausdrücklichen Genehmigungen des Theaters Zwickau

[www.theater-plauen-zwickau.de] & des Fotografen Petr Awtukowitsch, bei welchen sämtliche Rechte für die Nutzung der Bilder liegen. Vielen Dank für die freundliche Kooperation!





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