Traumhafte Szenen einer Ehe in Bern

www.stadttheaterbern.ch

***** Hoffmann des Jahres 2008 *****

Besuchte Vorstellung 6. September 2008 (Premiere)





Das Stadtheater Bern © Wladyslaw Sojka/Wikipedia

Regie


Johannes Erath

Dirigent


Srbjolub Dinic

Bühnenbild


Kaspar Glarner

Kostüme


Eva Dessecker

Version


Oeser




Hoffmann


Fabrice Dalis

Muse


Claude Eichenberger

Olympia


Heidi Wolf

Antonia


Helène le Corre

Giulietta


Fabienne Jost

Widersacher


Carlos Esquivel







Fazit Bern: Eine gewaltige und kreative Leistung eines jungen Regisseurs, von dem man noch hören wird - Götz-Friedrich-Preisträger ist er schon.

Unterstützt wurde er von einer Dramaturgin und einem Dramaturgen (Regine Palmai und Francis Hüsers), die diesen Namen verdienen - Theater-Arbeiter im besten Sinne des Wortes.

Kongenial dazu ein Bühnenbild mit eindringlichen Szenen, die noch lange vor meinem geistigen Auge auftauchen werden. Ein gutes Orchester und eine hervorragende Leistung des Berner Ensembles und eine Aufführung ohne die üblich gewordenen läppischen und aufgesetzten Gags machten die Premiere für mich zu einem unvergesslichen Erlebnis. Hoffentlich macht man in Bern eine Aufzeichnung von dieser großartigen Inszenierung.

Der Berner »Hoffmann« wird in mein Gedächtnis eingehen als einer der fünf besten, die ich im Laufe meines nicht mehr jungen Lebens kennengelernt habe. Meine persönliche Siegespalme für die beste Regie des Jahres ist ihm sicher.

Ingmar Bergman hat ja in seinem Alter geplant, noch »Hoffmanns Erzählungen« zu inszenieren. Leider kam er nicht mehr dazu. Wenn jemand je dem Geist eines möglichen Bergman'schen »Hoffmann« nahe gekommen ist, dann meine ich, war es Johannes Erath in Bern.









Das Berner Stadttheater liegt gleich am Fluss Aare, der durch die Bundeshauptstadt fließt, und nachdem ich endlich einen Parkplatz gefunden hatte, fühlte ich mich gleich wohl in dem klassizistischen Bau. Freundlich wurde ich von den Pressesprechern des Berner Stadttheaters empfangen, die mit vorsichtigem Interesse einem Vertreter der Seite www.jacques-offenbach.de, für die ich damals schrieb, entgegensahen. (Die üblichen Verdächtigen - die örtlichen Kritiker - kennt man ja schon zur Genüge.)



Zur Premiere des »Hoffmann« hatte das Berner Stadtheater geflaggt, denn mit der »Hoffmann«-Premiere am 6. September wurde auch die Spielzeit 2008 / 2009 eröffnet.



Der Zuschauerraum des Theaters mit 700 Sitzen bildet fast eine Rotunde, ziemlich hoch, und dunkel gehalten. Die Bühne war, wie bei den meisten »Hoffmännern« üblich geworden, mit schwarzem Textil eingerahmt. Für den Umschlag des Programmheftes hat man sich ein grafisch gelungenes Bild einfallen lassen: Vignettenartig greifen drei Frauengesichter ineinander, die drei Frauengestalten Hoffmanns symbolisierend.



Das Orchester, dirigiert von Srboljub Dinic, begann gut und dynamisch, und schon kam die erste Überraschung auf der Bühne: ein Doppelbett beherrschte die Szenenmitte, in der eine Gestalt schlief und auf dem sitzend eine andere, weibliche, mit verdrossenem Gesicht eine Zigarette rauchte. Der Regisseur Johannes Erath hat neue eine Variante der Beziehung Dichter - Muse gewählt und dabei das Ende schon vorweggenommen: Hoffmann und die Muse sind verheiratet, und offensichtlich sind die Flitterwochen schon lange vorbei.


Hoffmann


Hoffmann träumte noch und stieß, im Schlafe sprechend, den Namen „Stella" aus, sehr zum Verdruss der Muse, seiner Ehefrau. Irgendwann wälzte sich der Hoffmann schläfrig aus dem Bett. Die beiden Eheleute schienen nicht mehr viel für einander übrig zu haben.


Hinter dem Ehebett und von unten her tauchten düstere Gestalten auf, in Schwarz gekleidet. Wie Ungeziefer fielen sie über den schlafenden Hoffmann her und rissen ihm die Bettdecke weg. Aus Hoffmanns fröhlichen Saufkumpanen sind in der Berner Inszenierung düstere und aufdringliche Voyeure geworden, die sich im Schlafgemach der Eheleute breit machten und alles andere als wohlgesonnen wirkten. Zu ihnen gesellte sich Lindorf, gesungen von Carlos Esquivel, einem Neffen des südamerikanischen Jazzmusikers.


Der Berner Hoffmann wurde von einem eher lyrischen Tenor mit wohltönender Stimme gesungen. Der Kritiker der Berner Zeitung „Der Bund" bemängelte, dass Fabrice Dalis kein strahlender Tenor ist. Damit mag er Recht haben. Ich bin keineswegs der Ansicht, dass ein Hoffmann von einem strahlenden Tenor oder gar Heldentenor gesungen werden soll. Eher im Gegenteil. Von der Botschaft der Oper her ist der Hoffmann weder ein Held noch ein Playboy oder ein Gentleman-artiger Grandseigneur.



Insofern passte der Stil des Berner Hoffmann-Darstellers gut zu dem Typ Hoffmann, den der Regisseur auf die Bühne bringen wollte: ein versponnener Träumer, ja sogar ein Verlierer-Typ. Diese Art der Hoffmann-Interpretation ist mir persönlich die liebste, und leider sieht man sie nur sehr selten (zuletzt in Aachen).



Von Anfang an wurde klar, dass das Regieteam - man soll ja nie die Rolle der Dramaturgie vergessen - der Muse eindeutig die Rolle der Vernunft zugedacht hatte, die meist mit verdrossener Miene spielte – aus verständlichen Gründen.


Lindorf und Hoffmann


Den Klein-Zack brachte Hoffmann verträumt rüber und umarmte dabei die Muse, als er zur Beschreibung Stellas überging, was die Muse natürlich nicht mehr besonders lustig fand, sobald sie merkte, dass Hoffmanns Schwärmerei nicht ihr, sondern Stella galt.


Als er von den drei Frauen erzählte, wandelte eine stumme Stella als Traumgestalt über eine Galerie auf dem Bühnenhintergrund. Obwohl er gut sang und passend zum Inhalt der Ballade agierte, verweigerte ihm das Berner Premierenpublikum den sonst üblichen Applaus. Fast peinlich. Denn ich war von allem, was ich bisher gesehen und gehört hatte, äußerst angetan.


Die Berner Inszenierung bot nämlich einen fulminanten Auftakt, indem sie den Zuschauer mit packenden Szenen sofort mitten ins Geschehen riss. Schon das Bühnenbild fand ich anregend. Nicht die übliche Kneipe, sondern ein düsterer, zu den Zuschauern hin offener zylindrischer Raum, den man im Keller eines heruntergekommenen Industriebetriebes lokalisieren würde. Der Kritiker des Berner „Bundes" sprach zutreffend vom Boden einer Zisterne.


Auf halber Höhe führte eine Galerie um das Halbrund, zu der eine wackelige Aluminiumleiter hinaufführte. Eine zweite Ebene sozusagen, auf der sich eine andere Realität darstellen ließ.



Der Hintergrund des Bühnenbildes änderte sich während der ganzen Oper nicht, was mich im Gegensatz zur Luzerner Kantine nicht störte, denn bei den Accessoires in den einzelnen Akten ließ sich die Berner Ausstattung durchaus etwas einfallen.



Der heruntergekommene Industriekeller unterstützte die Absicht des Regisseurs, eine ausweglose Situation darzustellen. Und in dieser Inszenierung purzelten die optischen Überraschungen in so dichter Folge, dass ich kaum mit dem Wahrnehmen nachkam. Ein vitaler Lindorf wurde nun aktiv und brachte etwas Leben in das ziemlich lange Vorspiel.


Olympia und Spalanzani


Dann wurde Olympia in einem sargähnlichen Glaskasten auf die Bühne gebracht. Sollte ein weißes Leintuch, vermutlich das Bettuch, das Hoffmann im Vorspiel gefaltet hatte, ein Utensil eines Zauberers darstellen, der gerade einen tollen Trick vorführt? Oder war Olympia ein Schneewittchen im Glassarg?


Ich kam mit der raschen Folge von überraschenden Bildern kaum mit. Hoffmann bekam von Cochenille (Roberto Covatta) eine gelbe Armbinde verpasst, die ihn als Blinden auswies.


Spalanzani (Xavier Rouillon) war ein eleganter Jungunternehmer wie aus der New Economy, ein geschmeidiger Gangster und mediengerechter Jungkapitalist aus den Soaps von Sat.1 oder Pro7 mit einem Start-Up-Unternehmen zur Geldvermehrung. Er war der einzige, der durchzublicken schien und mit seinem unwiderstehlichen Manager-Drive die Handlung wie selbstverständlich bestimmte.



Coppélius mit einem sonoren Bassbariton hypnotisierte den Hoffmann, so dass der gar keiner Brille bedurfte wie der Chor. Die restliche Gesellschaft war blind, Frauen wie Männer. Hoffmann mit seiner gelben Armbinde war ein Blinder unter Blinden und der Anführer dieser Gesellschaft, die hinter ihm über die Bühne stolperte. Nur die Muse, Spalanzani, Cochenille und Coppélius waren Sehende. Logisch.


Wunderschön ironisch dargestellt, wie sich Spalanzani und Coppélius gegenseitig ihrer Freundschaft versicherten: »Mon cher ami!« Und die Muse schaute dem ganzen Treiben skeptisch zu. Auch Stella betrachtete das Geschehen schweigend von der Galerie wie eine unheilverkündende Cassandra. Eine schöne Szene entwickelte sich, als Olympia zwischen der Muse und Hoffmann stand.


Spalanzani und Olympia


Heidi Wolf war bei der Premiere übernervös, wie so viele Sänger bei Premieren, und sang unter ihrem Wert. Dazu konnte sie noch dank einem enggeschnürten Kleid, das bis zu den Knöcheln reichte, nur kurze Trippelschritte machen. Die Rolle der Olympia bietet zwar einerseits die Chance, mit einer berühmten Koloraturarien zu glänzen, andererseits hat die Olympia nur diese eine Chance. Auch Olympia war eine Blinde mit schwarzer Brille, denn sie ist ja nur ein Werkzeug in den Händen Spalanzanis. Wunderschön dargestellt, wie eifrig Cochenille zu ihrer Arie die Harfe bearbeitete.


Als Olympia schwächelte, bekam sie einen Blindenstock verpasst. Und die Muse blickte dem Treiben ihres Ehemannes auf Abwegen skeptisch zu. Irgendwann wurde es ihr zu bunt, und sie riss Hoffmann von Olympia weg. Die Festgäste verließen die Bühne und kamen als an Bändern hängende Marionetten wieder herein. Coppélius stieg aus dem Glassarg und tötete schließlich Olympia mit einem Judaskuss. Die zerstörte Olympia wurde zurück in den Glassarg gelegt. Was für ein einfallsreicher Olympia-Akt, was für überraschende Szenen und was für werkgetreue und doch neue Interpretationen!



Nach dem Olympia-Akt war Pause, denn der Prolog oder erste Akt war ja ziemlich lang. Ich war völlig hingerissen von diesen Traumbildern und fühlte mich wie in einer Produktion von Ingmar Bergman oder in einem Fellini-Film. Schon in der Pause wurde mir klar: Diese Inszenierung muss ich mir noch einmal ansehen, denn die sich überschlagenden Bilder bekam ich in all ihren Details gar nicht alle mit. Und dann will ich ja noch dazu Jacques Offenbachs berückende Musik genießen.



In der Pause fiel mir auf, dass im Publikum des Berner Stadttheaters mehr junge Leute waren als sonst üblich. Nicht ganz so viele wie in Warschau, aber ein Anteil, der optimistisch für die Zukunft der Oper macht, zumindest in Bern.


Hoffmann und Antonia


Weiter ging es mit dem Antonia-Akt. Wie schon vorher lag eine menschliche Gestalt in einer Art kleiner Nische unterhalb der Galerie. Erst dachte ich, das sei eine Puppe, doch irgendwann bewegte sich diese Gestalt und wandelte sogar auf der Galerie herum. Sollte das der Geist E.T.A. Hoffmanns sein? Später erfuhr ich von der Dramaturgie, dass diese Gestalt nichts weiter als eine „atmosfärische Figur" sei. Regisseure lassen sich ab und zu irgendwelche bizarren Nebengags einfallen, wie z.B. die kleinwüchsige Frau in Aachen, welche vor jedem Akt die Bühne beging, den Spalanzani mit Blindenbrille, Blindenstock und gelber Armbinde mit drei Punkten in Luzern oder die immer wieder auftauchenden Apparate in Nordhausen.


Die Berner Antonia hatte offensichtlich einen Selbstmordversuch hinter sich, denn sie hatte beide Handgelenke verbunden. War es ihre Verzweiflung über die erzwungene Trennung von Hoffmann oder über die verhinderte Karriere? Eher Letzteres, denn sie trug ein Kleid, das auf eine Bühnenrolle deutete.


Antonia sang ihr Lied von der Taube auf einem Flügel liegend, ein Requisit, das in vielen Inszenierungen im Mittelpunkt des Bühnenbildes des Antonia-Aktes zu finden ist. Die Antonia wurde von einer begnadeten Sängerin dargestellt, die wie für diese Rolle geboren schien. Einfach überwältigend gut.



Franz, die schwerhörige Domestike, wurde von der Regie folgerichtig zu seiner Selbstdarstellung geführt, denn vorher wurde er unsanft von seiner Herrschaft, einem gut agierenden und singenden Rat Krespel, herumgeschubst.



Die Dramaturgie des Theaters Bern hat sich auch Gedanken gemacht, was die deutschen Übertitel angeht (gesungen wurde französisch). Franz beklagte nämlich nicht wie üblich das Fehlen der „Methode", sondern der „Technik". Ein Bravo dieser Liebe zum Detail. „Gesangstechnik" macht Sinn. „Gesangsmethode" ist Quatsch, wenn auch weitgehend üblich. Ein Kompliment an die Dramaturgie.



Der Kritiker der Berner Zeitung „Der Bund" meinte, man sang französisch, weil die Sprachgrenze nur 30 km von Bern entfernt ist. Herrn Renggli scheint entgangen zu sein, dass seit einem Vierteljahrhundert Opern überwiegend in der Originalsprache gesungen werden, weil die Internationalisierung des Opernbetriebs das fast zwingend macht.



Herr Renggli begriff auch sonst wenig von dieser Inszenierung und ignorierte die geniale Regieleistung in seiner Besprechung fast völlig. Dabei mäkelte er an nebensächlichen Details herum und kritisierte das Orchester, an dem es meines Erachtens wenig auszusetzen gab. Dass bei einer Premiere mal ein oder zwei Einsätze nicht hundertprozentig klappen, ist schließlich normal. Eine Oper ist ja kein Symphoniekonzert.



Johannes Eraths Niklaus, die Muse, blickte dem außerehelichen Treiben ihres Gemahls Hoffmann skeptisch rauchend von der Galerie aus zu. Es störte mich überhaupt nicht, dass Niklaus durchgehend als Frau dargestellt war. Auf vielen Bühnen klebt man ihr ja einen Schnurrbart an oder weist das Publikum mit sonstigen Accessoires darauf hin, dass die Muse in den drei Hauptakten ein Mann ist.



Eraths Doktor Mirakel bewies bei zurückhaltender Dämonie hypnotische Fähigkeiten, denn alle Figuren bewegten sich traumwandlerisch wie in Trance unter seiner Regie. Er stieg von der Galerie herunter und war einfach nicht zu vertreiben. Kaum schubste ihn Krespel (Kristian Paul) zu einer Tür hinaus, kam er schon wieder zu einer anderen herein. Richtig grausig. Sand rieselte aus seiner Hand: Antonias Zeit war am Ablaufen.



Antonia, die bislang wie hypnotisiert auf dem Flügel schwebte, erwachte bei Mirakels Einflüsterungen von einer bevorstehenden Karriere als Sängerin aus ihrer Trance und erwuchs zu richtiger Größe. Schön wurde dargestellt, wie Antonia versuchte, sich gegen Mirakel zu wehren. Als der sie auf dem Flügel begleiten wollte, schloss sie die Klaviatur wieder, als ob sie sagen wollte: Ich darf nicht singen, ich bin doch mit Hoffmann verlobt.



Doch vergebens. Die Stimme der Mutter (Vesela Lepidu) ertönte von der Galerie herab. Sie trug ein schwarzes Abendkleid. Ein wunderschönes Terzett Antonia - Miracle - Mutter erklang.



Antonia stand nun völlig unter dem hypnotischen Einfluss Mirakels. Als Hoffmann sie anzusprechen versuchte, reagierte sie überhaupt nicht mehr auf ihn. Fast leblos fiel sie über den verzweifelt am Boden liegenden Hoffmann. Doch sie war noch nicht tot. Unter Mirakels Einfluss schlafwandelte sie in den Flügel, den Mirakel geöffnet hatte. Die Musik wurde ihr Grab. Dann wurde die tote Antonia im Flügel in ein waberndes Krematorium geschoben.



Leider hatte man in Bern, wie so oft, die Geigenarie der Muse gestrichen - mein Lieblingsstück. Das Einzige, was ich an der Berner Inszenierung auszusetzen hatte.



Weiter ging es mit den werkimmanenten Einfällen und Bildkaskaden im Giulietta-Akt. Der Flügel hing jetzt kopfüber drohend über der Bühne. Gefesselt wie Odysseus beim Gesang der Sirenen war Hoffmann an die Leiter zur realen Welt gekettet, als die Muse und Giulietta das Gondellied sangen. Klar, dass er hingerissen war. In Bern hatte man richtig gehandelt, als man die Muse und Giulietta bei der Barkarole nebeneinander stellte. Das klingt einfach besser, als wenn die beiden ein Stück auseinander aufgestellt werden. Giulietta und die Muse fanden sich dabei richtig sympathisch.



Die Sängerin der Giulietta, Fabienne Jost, war anfangs etwas nervös, aber das ist normal bei Premieren. Bald fing sie sich und strahlte eine satte Weiblichkeit mit erotischer Stimme aus. Allerdings wurde sie nicht als die große Verführerin dargestellt. Ganz ruhig und locker ließ die den Hoffmann kommen, sich ganz ihrer Attraktivität bewusst. Die Berner Giulietta kannte die Männer!


Eine morbide Gesellschaft hatte sich da im venezianischen Bordell zusammengefunden. Der Chor, wie immer schwarz gekleidet, verkündete Unheil wie in einer griechischen Tragödie. Die Tristesse der Welt der Prostitution wurde unterstrichen durch das Ambiente. Denn auch der Giulietta-Akt spielte in der heruntergekommenen Zisterne. Kein plüschiges Bordell wie in so vielen Inszenierungen.



Gestalten aus den früheren Akten tauchten wieder auf: Olympia, Spalanzani, Antonia und die Mutter und auch Stella blickten schweigend auf das Treiben herab. Jetzt kamen zu Ingmar Bergmans und Frederico Fellinis Stilmitteln auch die noch Buñuel und Salvador Dali dazu.


Dapertutto, Hoffmann mit Double und Niklaus


Einzigartig auch, wie der Verlust von Hoffmanns Spiegelbild dargestellt wurde: Ein Double Hoffmanns wurde getötet und mitten auf der Bühne beerdigt. Totengräber waren die schwarzen Gestalten des Chores. Was für eine Fülle von neuen Eindrücken. Ich kam kaum mit dem Wahrnehmen dieser Bilderkaskaden mit.


Gut auch, dass der Dirigent Srboljub Dinic bei der Barcarole und deren Wiederholung das Piccolo herausgenommen hatte und die Begleitung von C-Querflöte, Oboe und Klarinette spielen ließ. Die zwei kreischenden Noten eines schrillen Piccolos haben mir schon bei einigen Aufführungen den Nerv geraubt.


Großartig wie das Sextett gesungen wurde. Selbst wenn es nicht von Jacques Offenbach stammen sollte oder auch nur von ihm skizziert wurde, es gefiel mir und ist immer wieder schön zu hören.


Die beeindruckendste Szene der Berner Aufführung geschah am Ende des Giulietta-Aktes: Hoffmann wollte der verderbten venezianischen Gesellschaft entkommen, in die ihn seine Vernarrtheit in Giulietta geführt hatte. Er hatte nun eingesehen, dass er dort nicht einmal das bekam, wofür er sein Spiegelbild an Dapertutto verlor, nämlich die Liebe Giuliettas.



Er stürzte auf eine verrostete Eisentür zu, die nach außen zu führen schien, bekam sie jedoch auch mit dem geraubten Schlüssel nicht auf und rüttelte lange verzweifelt an ihr, bis sie schließlich doch noch aufging. Aber nicht die Freiheit winkte ihm, sondern eine rohe Ziegelmauer im Türrahmen warf ihn zurück ins feindliche Dasein. Für mich der dramatische Höhepunkt dieses Opernabends. Geniale Bildsprache mit einfachsten Mitteln. Das war einer der Augenblicke im Theater, die ich nie vergessen werde.



Hic tua res agitur - hier geht es um dich! Hier wurde mir ein Topos meines Lebens vor Augen geführt. Der junge Regisseur Johannes Erath - woher kann der denn all das schon mit seinen gerade dreißig Lebensjahren? - hat die Ausweglosigkeit des menschlichen Lebens, symbolisiert durch den Kessel, in dem alles stattfindet, mit dieser Szene auf den Punkt gebracht. Grandios. Hoffmann hat keine Chance, aber er hat sie wenigstens versucht zu nutzen und ist gescheitert.



Die übrigen Gestalten auf der Bühne reagierten konsequent: Der betrogene und hilflose Hoffmann wurde zum Schluss ausgiebig verlacht. Die conditio humana par excellence.



Zum Nachspiel hatte sich eine Trauergesellschaft versammelt, und ein Grab wurde geschaufelt. Der Schluss war genauso überraschend wie so vieles an dieser bemerkenswerten Inszenierung. Hoffmann, nun aller Frauen verlustig, in die er sich liebestrunken verknallt hatte, entdeckte seine Ehe neu und besang seine Liebe zur Muse = Ehefrau a cappella, und zwar mit gerade den Worten, die sonst die Muse singt.



Doch die kannte die Phantasmagorien ihres Herrn Gemahls zur Genüge und wandte sich nur gelangweilt ab. Kein Happy End also in Bern, sondern Szenen einer Ehe. Da blieb dem Hoffmann nichts anderes mehr übrig, als verrückt zu werden, und die Oper war leider aus. Diesen atemberaubenden Bildern und dem genialen Agieren der Darsteller hätte ich noch Stunden folgen können.



Der Premieren-Applaus des Berner Publikums war begeistert und langanhaltend. Nachdem man sich anfangs noch ziemlich zurückgehalten hatte, gingen die sonst eher als beherrscht bekannten Berner voll aus sich heraus. Jemand sagte mir, dass im Vergleich zu sonst das Publikum geradezu euphorisch applaudiert habe. Und das zu Recht.






Bern zum Zweiten



Inzwischen habe ich den Berner »Hoffmann« ein zweites Mal gesehen. Die kleinen Schwächen der Premiere waren ausgebügelt. Es wurde durchweg besser gesungen. Auch Heidi Wolf hatte ihre Nervosität abgelegt und bot eine gute Koloraturarie. Der Hoffmann sang eine Klasse besser. Antonia war brilliant wie schon bei der Premiere.



An einem anderen Theater saß ich nach einem »Hoffmann« mit mehreren Sängern in der Kantine, und alle sagten sie, dass sie bei Premieren oft schlotternd auf der Bühne stehen. Ein Krespel schilderte mir anschaulich, wie er sich fühlte: „Erstens muss ich singen, dann muss ich mich erinnern, bei welchem Ton ich den Fuss nach rechts stellen und bei welchem die Hand nach oben halten muss. Und dann sitzen noch der Regisseur und der Intendant mitsamt den Kritikern im Publikum."



Erfreulicherweise wurde der Berner »Hoffmann« von anderen Schweizer Zeitungen fair behandelt und nicht, wie ich beim „Bund" argwöhne, von einem Fußballreporter besprochen. Hoffentlich bleibt diese großartige Inszenierung in irgendeiner Form der Nachwelt erhalten, wenn sie nicht von einem anderen Theater übernommen werden sollte.



Nachdem sich das Jahr 2008 seinem Ende zuneigt und ich inzwischen auch als letzten den »Hoffmann« am Covent Garden gesehen habe, möchte ich den Berner »Hoffmann« nach meiner - sicher subjektiven - Beurteilung zum »Hoffmann« des Jahres« erklären. Auch meine »Hoffmann«-erfahrene Begleiterin stimmte meiner Einschätzung vorbehaltlos zu.



Weitere rundum gute »Hoffmänner« gab es in Nordhausen/Thüringen (Regie: Søren Schumacher), und in Aachen (Regie: Corinna von Rad), der inzwischen beendet ist.

Die Veröffentlichung der hier verwendeten Photographien erfolgt mit den ausdrücklichen Genehmigungen des Stadttheaters Bern & des Fotografen Philipp Zinniker (www.fotoziphil.ch), bei welchen sämtliche Rechte für die Nutzung der Bilder liegen. Vielen Dank für die freundliche Kooperation!








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