Erfurt – Hoffmann als Wasserleiche

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Besuchte Vorstellung: 7. September 2008 (Premiere)






Regie


Rupert Lummer

Dirigent


Walter Gugerbauer

Ausstattung


Hank Irwin Kittel

Version


Kaye-Keck




Hoffmann


Richard Carlucci

Muse


Stefanie Schaefer

Olympia


Julia Neumann

Antonia


Ilia Papandreou

Giulietta


Stéphanie Müther

Widersacher


Juri Batukov







Fazit Erfurt: eine aufwändige und teure Produktion, in der an nichts gespart wurde. Man spielte auch die teure Kaye-Keck-Version. In diesem »Hoffmann« hat man einiges vom Soli versenkt, wie auch in den Theaterneubau. Außer Spesen nichts gewesen, wäre unfair gegenüber der guten Ensembleleistung. Immerhin bekam man ein Spektakel mit aufwändigen Revue- und Cabaretelementen präsentiert, und ein paar schöne Stimmen gab es auch zu hören, zum Beispiel die Olympia und die Antonia, auch die Giulietta sang ordentlich. Der Hoffmann blieb als Charakter etwas blass, sang aber gut. Mir wurde nicht klar, in welche Richtung er eigentlich interpretiert werden sollte. Die Eigenschaften eines Dichters oder Künstlers entdeckte ich an ihm nicht. Das Orchester spielte gut, wie fast überall im deutschsprachigen Raum. Am Dirigat gefielen mir nicht die durchgehetzten Auftakte und das Piccolo bei der Barcarole.



Das Problem dieser Inszenierung lag meines Erachtens in der Regie. Den »Hoffmann« so modern zu inszenieren geht nur, wenn man die Figuren von innen heraus versteht und neu interpretiert. Dass das auch in unsere Zeit versetzt geht, hat Thilo Reinhardt an der Komischen Oper in Berlin eindrucksvoll bewiesen. Rupert Lummer gelang das nicht. Immerhin hat er eine schicke Oper mit überraschenden (leider nicht immer motivierten) Abweichungen von der üblichen »Hoffmann«-Routine auf die Bühne gestellt. Er brachte auch eine Reihe spektakulärer Einzelszenen auf die Bretter. An der Bühnenpräsenz der meisten Darsteller müsste noch gefeilt werden. Eine Portion mehr Pfeffer bei der Darstellung ihrer Rollen würde nicht schaden. Eine konsequente Chorregie vermisste ich. Meistens standen sie nur herum und wussten nicht so richtig, was sie tun sollten.



Irgendwie beschlich mich das Gefühl, hier einen autistischen »Hoffmann« gesehen zu haben. Den Darstellern schien man gesagt zu haben: haltet euch zurück mit Gefühlsäußerungen! Von dieser Inszenierung fühlte ich mich emotional wenig angesprochen. Aber bei der Premierenfeier habe ich ein paar nette und interessante Darsteller und Hoffmann-Freunde, darunter einen der großen »Hoffmann«-Experten, Josef Heinzelmann († Februar 2010) kennen gelernt. In der Einschätzung des Erfurter »Hoffmann« waren wir uns weitgehend einig.



Zwei »Hoffmann«-Premieren nacheinander, das hatte ich noch nicht erlebt. 660 km nordöstlich von Bern und einen Tag danach hatte der »Hoffmann« der Thüringer Landeshauptstadt Premiere. Gutes Timing. Erfurt eröffnete 2003 einen Theater-Neubau. Ein imposantes, modernes Gebäude mit beeindruckender, großzügiger Architektur. Ein riesiges und elegantes Foyer, weite Fluchten auf zwei Ebenen. Der Zuschauerraum ist fächerförmig angelegt, das Parkett steigt nach hinten deutlich an, so dass jeder gut sieht, ebenso gut ist der Rang angelegt.



Nach Wagner klingende Fanfaren kündeten den Beginn der Vorstellung an. Doch was musste ich sehen: viele freie Plätze. Mindestens ein Fünftel der Sitze gähnte leer vor sich hin. Vor dem »Hoffmann« noch ein gesellschaftliches Ereignis: der Oberbürgermeister begrüßte allerlei Ehrengäste, und ein Vertreter der französischen Botschaft verlieh dem Erfurter Generalintendanten Guy Montavoni den Orden „Chevalier des Arts et Lettres", verbunden mit den in Frankreich landesüblichen Bussis und in beiden Ländern bei solchen Anlässen üblichen ebenso feierlichen wie langweiligen Reden. Zu diesem Anlass passte dann ja eine französische Oper als Rahmen ganz gut. Gesungen wurde dann natürlich französisch, compris? Die Vorstellung begann etwas später, da die Musiker wegen eines Lohnkonflikts streikten, dann aber doch noch zur Premiere aufspielten.


Muse und Hoffmann in der Werkstatt


Endlich begann der »Hoffmann«. Die Bühne war offen, und es tat sich schon was darauf, bevor die Oper angefangen hatte. Man blickte in eine Künstlerwerkstatt, in der nach dem Stil der Neuen Wilden gemalt wurde. Die Künstler könnten nicht typischer sein: Beatniks und Gammler allerorten, und der Hoffmann soff. Laut Programmheft sollte das Ganze ein Arbeitsbeschaffungsprojekt für Arbeitslose sein. Dann der erste Verdruss: der Dirigent (Walter E. Gugerbauer) hetzte den Auftakt allegro durch. Das war nach Regensburg und Luzern schon das dritte Mal. Hoffentlich greift das nicht weiter um sich. Doch wie Regensburg gezeigt hat, muss ein schlechter Auftakt keine schlechte Oper bedeuten. Ein schwarzer Porsche der neuesten Generation fuhr auf die Bühne, dem Lindorf und Stella entstiegen. Nicklaus sang auf den besoffenen Hoffmann ein.


Stella übergab Hoffmann persönlich den Schlüssel zu ihrer Garderobe und entschuldigte sich bei ihm für früher zugefügte Verletzungen. Das war neu. Lindorf schien das nicht weiter zu stören, väterlich jovial redete er auf Stella ein. Dann sang Richard Carlucci, ein Amerikaner aus Texas, den Klein-Zach (aus dem nahegelegenen Eisenach), allerdings ohne besondere Dramatik und Mimik. Er tat das eher im Belcanto-Stil, ohne Rücksicht auf die inhaltliche Bedeutung der Ballade.


Olympia; links Bodyguard


Inzwischen hatten sich die akustischen Schwächen des neuen Erfurter Theaters deutlich gezeigt. Man hat in Erfurt die Innenwände aus verhältnismäßig dünnem Sperrholz gebaut, das tiefe und mittlere Töne schluckt. Die üppigen Sitzpolster tun ein Übriges. An den Wänden hat man deswegen Reflektoren aus massivem Material angebracht. Die mäßige Akustik verlangte von den Sängern einiges, besonders wenn sie nicht vorne an der breiten und tiefen Bühne sangen. Die Auseinandersetzung Hoffmann - Lindorf wurde nun auf einmal breit ausgewalzt.


Hoffmann bekam eine Vorschau auf Olympia auf Video zu sehen, woraufhin Nicklaus seinen Schutzbefohlenen vor dieser warnte. Olympia wurde hereingebracht, dann auf der Bühne angezogen und zurechtgemacht: platinblond und lasziv auf hohen Stöckelschuhen. Coppélius war ein glatzköpfiger Finsterling, Spalanzani ein flippiger Glitzer-Ede, wie ich ihn heuer schon mehrfach gesehen hatte. Dann wurde Olympia der Gesellschaft und Hoffmann präsentiert. Was für ein spektakulärer Auftritt! In einem blau leuchtenden Lichtkasten, bewacht von vier martialischen GSG-9-Männern mit Machinenpistolen und im Kampfanzug mit Gesichtsmasken, beherrschte sie die Bühne. Naja, schließlich ist so ein Kunstwesen einiges wert und muss bewacht werden.


Die Sängerin hatte sich zwar vor Beginn der Aufführung entschuldigen lassen, dass sie erkältet und nicht im Vollbesitz ihrer Stimme sei, doch davon merkte ich nichts. Bravourös sang sie ihre Arie. In ihrem Mini wirkte sie wie die böse Marie oder eine Lilith. Hoffmann war natürlich hingerissen von dieser Schaufrau, doch als er sie ansang „Endlich allein", war die Bühne voller Leute. Naja. Da hatte die Regie nicht aufgepasst. Die spektakuläre Olympia wurde dann von Spalanzani und Cochenille zu Tode gehetzt und schließlich von Coppélius mit einer Injektion abgemurkst. Schade. Dass Spalanzani dazu beitrug, sein eigenes Geschöpf zu zerstören, wunderte mich.



Der Antonia-Akt begann überganglos, als sich ihr Gemach von oben herab senkte. Ein Mordstrumm von einer Konstruktion, schwer zu beschreiben. Hell und mit Reling erinnerte sie an den Mittelteil einer luxuriösen Privatjacht. In der Landeshauptstadt Thüringens scheint man viel Geld zu haben. Neben dem aufwändigen Bühnenbild spielte man die teure Keck-Kaye-Version, in der Hoffmann nach dem Schlemihl auch noch die Giulietta umbringt. Naja, ich kann mir sinnlosere Projekte für den Soli vorstellen. Antonia begann mit einer schönen und dramatischen Stimme. Straßenmusikanten umkreisten sie.



Die Darstellung des Franz (Jörg Rathmann) war eigenwillig. Er trat als alternder Dandy auf, mit einem Strohhut auf dem Kopf. So ähnlich sah Aschenbach in Viscontis »Tod in Venedig« aus. Unvermittelt begann er mit seinem Solo, ohne dass sein Frust in seiner Position als geschurigelter Domestike herausgearbeitet worden wäre. Anschließend flirtete er die Antonia an. Trotz vorher am Ende der Pause unüberhörbarer Fanfaren kamen mehrere Leute geräuschvoll zu spät zum Antonia-Akt. Die lässt man im Erfurter Theater nach Beginn glatt rein.



Dann wagte Frantz, der dandyhafte Domestike, als alternder Gigolo ein Tänzchen mit Antonia zu seinem Gesang. Soll das eine moderne Commedia dell'arte sein oder will uns der Regisseur ins Cabaret bringen? Mirakel leitete die Geigenarie ein (in der die Muse Hoffmann erneut vor einem Abenteuer warnt bzw. die Macht der Liebe beschworen wird), die dann von der Muse gesungen wurde. Dass ausgerechnet Mirakel, der Widersacher, die Geigenarie mit einer Violine initiieren soll, erschloss sich mir nicht. Dass er Antonia mit der Geige Antonia zum Singen verführen will, ist dagegen sinnvoll.



Dann stellte Mirakel seine Ferndiagnose, die Antonia zum Schwanken brachte. Weiß gekleidete Figuren stellten das unausweichliche Schicksal dar. Gespenstisch schlichen sie über die Bühne. Zu Mirakels Gesang führten sie einen Totentanz auf, und Antonia lag schon auf der Couch des Mirakel, dessen hypnotischer Beeinflussung hilflos ausgeliefert. Ihre Faszination für eine Gesangskarriere wurde kaum herausgearbeitet. Dabei muss sich doch Antonia zwischen Kind und Karriere entscheiden.



Die Mutter (Helena Zubanovich) sang ihren Part mit einer gewaltigen Stimme. Wie Mirakel war sie grau gekleidet. Ansonsten dominierte Weiß in diesem an sich düsteren Akt. Das ist selten. Auch der Flügel war weiß. Und das Ganze wurde hell beleuchtet. Antonia zerschlug in einem Anflug von Protest Mirakels Geige, doch es war zu spät. Von Musik(ern) eingekreist starb sie.



Pause in dem kühnen und modernen Bau. Die Großzügigkeit der Auslegung des Architekten führte allerdings dazu, dass sich die Zuschauer in den weitläufigen Fluchten verloren.

Es ging weiter mit dem Giulietta-Akt. Ein Nachspiel zum vorhergehenden Akt fand im Bordell statt, wo Antonia betrauert wurde. Das Reich von Dapertutto und Giulietta befand sich in einer großzügigen und modern möblierten Hotellounge, die in einem Millionärsresort in der Karibik liegen könnte. Eine Bordellatmosphäre konnte ich nicht erkennen. Die Bühne des Erfurter Theaters ist ziemlich breit und sehr tief. Man hat an nichts gespart, außer an der Akustik. Die Barcarole klang auch ziemlich leise, leider.



Giulietta hatte man in ein einfaches Lederkostüm gesteckt und ihr eine blonde Kurzhaarperücke aufgesetzt. Sie wirkte in diesem Outfit alles andere als erotisch und erinnerte mich vage an weiland Clementine aus dem Waschmittel-Werbespot. Als ich die Sängerin bei der Premierenfeier in Zivil sah, wirkte sie viel attraktiver als auf der Bühne. Dort fand im Hintergrund jetzt ein Bodypainting an einer properen Halbnackten statt. Die Maler entwickelten allerdings wenig Fantasie. Ich muss gestehen, dass ich auch von der bemerkenswerten Naturoberweite des Modells abgelenkt gewesen wäre. Sie bekam einen Sonderapplaus. Das ist selten bei einer Statistin.



Dapertutto dagegen machte seine Sache sehr gut. Er wurde ja auch nicht abgelenkt, weil er nach vorne singen musste. Täppisch und desineressiert dagegen agierte die schicke Gesellschaft im Bordell. Das passte gar nicht zum eleganten Ambiente. Als Schlemihl hinterrücks erschossen wurde, wandte sich die Gesellschaft ab. Herbstlaub fiel auf den Boden. Ein kalter Winter kündigte sich an. Nervend war jetzt das Piccolo, das andauernd seine zwei Töne kreischte, als die Barcarole wieder ertönte. Es sollte sich mal bei »Hoffmann«-Dirigenten rumsprechen, dass die C-Querflöte mitsamt Oboe und Klarinette hier besser klingen. (Entschuldigung, Jacques Offenbach, oder wer auch immer diese Passage orchestriert hat!) Dapertutto im weißen Smoking erinnerte mich an Orson Welles, aber keinesfalls an einen Zuhälter.




Das Finale von Erfurt; unten der Porsche, rechts davon Stella, ganz rechts vorne Hoffmann, der sich ertränkt, ohne dass ihn jemand rettet.


Als Hoffmann und Giulietta am flachen Wasser saßen, das man vorne an der Bühne eingelassen hatte, verlangte sie sein Spiegelbild. Das Nachspiel wurde schon eingeleitet, als Hoffmann unvermittelt die nichtsahnende Giulietta erwürgte, mit der er gerade noch geschmust hatte. Das überraschte, denn die an sich harmlos wirkende Kurtisane wirkte in dieser Situation noch harmloser. So war der plötzliche Mord unmotiviert. Wie in Aachen wurde hinter der Bühne der Choral aus der Keck-Kaye-Version gesungen. Eine sehr schöne Melodie erklang dazu.


Das Nachspiel kam richtig in Gang, als der Porsche wieder auf die Bühne fuhr. Stella bemühte sich ausdauernd um Hoffmann und beschwor ihn: erinnere dich an unsere Liebe! Auch Lindorf bekam Stella nicht. Frustriert fuhr er mit seinem Energiesparauto davon. Hoffmann wandte sich nun bewusst von Stella ab. Er wirkte gar nicht besoffen. Stella übernahm von der Muse den Abgesang auf Hoffmann. Der nämlich soff im Wasser ab, in das er langsam und völlig unerwartet stieg und darin richtig unterging. Warum hat ihn Stella nicht daran gehindert, wenn sie ihn doch liebt? Ja so was! Den Tod des Hoffmann kenne ich schon von anderen Happy-End-Phobikern, aber als Wasserleiche habe ich ihn noch nicht gesehen. Die Oper war aus, und Richard Carlucci vermutlich ziemlich nass.


Stella dagegen sah unvermittelt alt aus. Ihr Hoffmann war nicht mehr als eine Wasserleiche, und Lindorf hatte sich in dem schönen Porsche aus dem Staub gemacht. Geschieht der Zicke Recht. Jetzt muss sie zu Fuß gehen zum Brötchenholen oder dieselben gleich selbst in kleinerer Ausgabe backen. Der Schlussapplaus war freundlich und ging irgendwann in rhythmisches Klatschen über. Doch wo blieb der Hoffmann? Endlich kam er auf die Bühne. Er trug einen weißen Bademantel zum nassen Haar.


Die Veröffentlichung der hier verwendeten Photographien erfolgt mit den ausdrücklichen Genehmigungen des Theaters Erfurt & des Photographen Lutz Edelhoff, bei welchen sämtliche Rechte für die Nutzung der Bilder liegen. Vielen Dank für die freundliche Kooperation!






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