Sennerin mit Laptops in Innsbruck

www.landestheater.at



Besuchte Vorstellung: 7. Februar 2009 (Premiere)








Regie


Brigitte Fassbaender

Dirigent


Jochen Rieder

Bühnenbild


Helfried Lacukner

Kostüme


Michael D. Zimmermann

Version






Hoffmann


Daniel Magdal

Muse


Lysianne Tremblay

Olympia, Antonia Giulietta


Anna Kim

Widersacher


Michael Dries







Fazit Innsbruck: Ein ansprechender Hoffmann mit einer Reihe neuer Gags, gut bis sehr gut gesungen, begleitet von einem Orchester das gut spielte, allerdings ein wenig den Schmiss vermissen ließ. Aber vergessen wir nicht, es war Premierenabend.

Erfreulich, dass ich nach Nizza schon die zweite Sopranistin erlebte, die alle Rollen sang. Und das schon wieder auf hohem Niveau.

Was mir weniger gefiel, war die gewollte Modernität der Inszenierung. Allgegenwärtige Computer spielten eine Hauptrolle in dieser Inszenierung. Doch Computer und CAD sind ja nun nicht mehr der allerletzte Schrei, auch die Doppel-helix der Genforschung ist mittlerweile schon tägliche Routine geworden. Eine Opéra fantastique war das nicht in Innsbruck. Aber an einem modernisierten Hoffmann haben sich auch schon andere die Finger verbrannt.



Einen roten Faden, wie man denn in Innsbruck die Oper grundsätzlich verstanden habe, konnte ich nicht erkennen.

Kammersängerin Brigitte Fassbaender hatte einen mutigen Versuch unternommen, einen Hoffmann in unsere Zeit zu verlegen. Die Glitzerwelt des High Tech und der Filmstudios hätte ruhig etwas deutlicher hinterfragt werden können.






Endlich mal wieder ein Hoffmann in unmittelbarer Nähe. 150 km sind es von München nach Innsbruck. Das ist gut für das Budget, und noch dazu inszenierte eine berühmte Mezzosopranistin, Brigitte Fassbaender, jetzt Intendantin am Tiroler Landestheater, höchstpersönlich einen Hoffmann.



Innsbruck lebt zwar hauptsächlich vom Wintersport, hat aber seinen eigenen gediegenen Stil und ein eindrucksvolles Landestheater. Nicht minder eindrucksvoll waren die Abendgarderoben des Premierenpublikums.



Voller gespannter Erwartung saß ich also im Parkett des ansprechenden Theaters der Tiroler Landeshauptstadt. Die Einleitung verdarb mir gleich die Stimmung. Wieder mal rasant durchgehetzt. Soll sich das jetzt einbürgern?



Der Vorhang ging auf, und man blickte in eine Kantine, in der Grautöne, Neonbeleuchtung und weiße Kacheln vorherrschten. Im Hintergrund die Essensausgabe. Erinnerungen an Luzern, ein Jahr davor, wurden wach.



Die Muse trat auf, inspizierte das Lokal und begann gleich mit gutem Gesang, wenn auch etwas nervös. Aber das ist bei einer Premiere normal.

Stella kam auf die Bühne, und dann „Hofrat" Lindorf. (Den Titel gibt es in Österreich tatsächlich noch.)



Lindorf war ein bulliger Riesenkerl, wie gerade frisch aus dem Fitnessstudio angekommen. Gekleidet war er wie ein Bierkellner in einem Gourmet-Restaurant. Mit schöner, voller und warmer Stimme begann er zu singen. Lutter präsentierte sich als Koch.



Der Chor trat in Rokoko-Kostümen auf. Ganz richtig, nebenan wird ja Don Giovanni gegeben.



War es Premierennervosität auch beim Chor, dass die Trinklieder ziemlich verhalten vorgetragen wurden? Oder sollten die Choristen einfach nur verkatert wirken? Darauf weist hin, dass kurz darauf Hoffmann auf die Bühne torkelte.



Dessen Sänger schien überhaupt nicht unter Nervosität zu leiden. Mit schöner Tenorstimme brachte er den Klein-Zach eher melancholisch rüber. Die Mimik dazu war eher sparsam. Den Lindorf schien er damit gar nicht zu beeindrucken, denn der mampfte dazu sein Fast-food.



Angenehm fiel mir die gute Akustik des Innsbrucker Theaters auf.



Wechsel zu Spalanzanis Werkstatt. Die Kantine hatte sich zu einem Labor voller Laptops gewandelt. Olympia wurde angekündigt, zunächst nur in Form einer Doppelhelix auf einer Leinwand, welche ihre Gene enthielt. An die Konstruktion der Homuncula machte sich dann eine Schar Wissenschaftlerinnen, die an den zahlreichen TFT-Bildschirmen ans Werk gingen.



Im Computer Assisted Design gewann eine virtuelle Olympia so langsam an Gestalt, vorläufig noch ohne Augen. Niklaus stellte sich vor das entstehende Wesen und äffte Olympias Bewegungen nach.



Als Spalanzani, ein fieser junger Kerl im Bermuda-Shirt, die Olympia vollendete, sang Niklaus die Vogelarie.


Olympia


High-Tech in Innsbruck: Hoffmann bekam einen elektronischen Handschuh und eine Cyberbrille von Coppelius, und schon erhielt der Automat Augen. Das war nun neu: Hoffmann selbst steuerte die Olympia. Und wie er dabei das Geschöpf anschmachtete, sehr zur Freude Spalanzanis und Coppelius´, die dann CDs mit den Programmen für Olympia austauschten. Das war wirklich ein High-Tech-Labor. Dazu passte, dass im Chor viele Asiaten waren.


An Olympias Outfit wurde immer noch gebastelt, was ja mit einem Computer einfach geht. Schließlich nahm sie ihre endgültige Gestalt an als Sennerin im Minirock mit grünen Haaren. Die Leinwand, auf die sie bisher projiziert war, wurde aufgerissen, und da stand sie nun höchst lebendig, wie am Computer entworfen.


Und dann kam die Arie „Les oiseaux dans la charmille“, begleitet von Cochenille am Keyboard. Dazu gab es eine kleine Jodeleinlage, um das einheimische Publikum zu erfreuen oder auf den Arm zu nehmen. Dazu vollführte sie die üblichen automatenhaften Bewegungen. Hoffmann war völlig hingerissen von diesem Auftritt. Wenig Premierennervosität bei Kim, die mit ihrer kräftigen Stimme begeisterte. Eine lebhafte Olympia bekamen wir zu sehen. Und dazu tanzte sie noch einen bajuwarischen Schuhplattler oder etwas Ähnliches. Und der Spalanzani bekam ein herziges Busserl. Die Innsbrucker Olympia war eine Mischung aus einer Vorzeige-Sennerin und einer Jahrmarktfigur. Sie bekam langen Applaus für ihren deftigen Auftritt, der von Cochenille und Coppelius dirigiert wurde.


Der Innsbrucker Hoffmann sang mit mächtiger Stimme und agierte lebhaft, hatte aber Schwierigkeiten, seine manchmal zu laute Stimme zu beherrschen.



Niklaus warnte Hoffmann, dass Olympia nicht wirklich lebte. Daraufhin nahm er seine Cyberbrille ab, wollte aber seine Verblendung partout nicht einsehen und setzte die Zauberbrille einfach wieder auf. Mundus vult decipi – wussten schon die alten Römer, die Welt will getäuscht werden. Den Tanz mit dem Automaten jedenfalls schien er zu genießen.



Die Zerstörung der Olympia geschah natürlich auch virtuell; sie wurde deprogrammiert. Dabei gingen auch ein paar der Laptops zu Bruch. Nun endlich merkte Hoffmann, wie übel man ihm mitgespielt hatte.



Der Antonia-Akt fand in Crespels Geigenlabor statt. Denn auch Krespel entwarf seine Klangkörper am Computer. Allerdings fand sich auch ein richtiges Cello in der Werkstatt.



Antonia trat mit einer toten Taube auf, die ihre Stimmung symbolisierte. Kim gab nun einen sensiblen, manchmal auch dramatischen Sopran. Eine gute Mischung, je nach Situation. Franz bastelte an einem Flügel herum und verhedderte sich dabei mit einem langen Kabel. Dann wollte er Antonia die tote Taube wegnehmen. Krespel hackte derweil in einen der allgegenwärtigen Rechner.



Dann kam Franz´ Auftritt. Während er sang „Tanzen ist mein größtes Talent", saß er. Ansonsten bot er eine gute komödiantische Leistung. In der Übersetzung tauchte wieder die „Methode" auf. Es sollte sich doch langsam herumsprechen, dass man von einer „Gesangstechnik" spricht. Wenn man französisch „la méthode" singt, kann man doch auf den Übertitel die korrekte deutsche Übersetzung einblenden.



Am Bühnenhintergrund entdeckte ich den Spielplan des Innsbrucker Theaters. Schließlich befand man sich in der Kantine desselben.



Hoffmann und die Muse waren identisch gekleidet. Als Antonia und Hoffmann zusammen sangen, begleitete sie die Muse auf einem Cello. Niklaus agierte mehr und mehr als pfiffiger Kobold.



Mirakel trat eher als jovialer, manchmal derber, Eindringling auf. Dämonie hatte man ihm nicht gegeben. Dafür sang er mit einer sehr schönen Stimme. Was ich nicht verstand, war, warum er sein Köfferchen in ein weißes Nachthemd einwickelte. Eine der üblichen Bizarrerien.



Die Mutter sang aus dem Off durch Mirakels Mund. Sie erschien nur in der Form eines roten Kleides, das Antonia wohl von ihr geerbt hatte.



Niklaus war wenig präsent in diesem Akt. Auch die Geigenarie war nicht zu hören. Mirakel war dann lange alleine auf der Bühne mit Antonia, als er sie zu Tode singen ließ.


Giulietta mit Hoffmanns Spiegelbild auf Film


Ohne Pause ging es über zum Giulietta-Akt. Auch der war ganz modern. Giulietta trat als Diva auf, im weißen Glitzerkleid mit roter Schärpe. Sie befand sich nicht in einem Bordell, sondern in einem Filmstudio, in dem allerlei Kameras auf sie gerichtet waren. Kein abwegiger Gedanke, wenn man bedenkt, dass doch einige internationale Stars ihre Karrieren in Bordellen begonnen haben. Schlemihl agierte als Filmregisseur. Ganz unvermittelt und alleine auf der Bühne sang Dapertutto die Spiegelarie. Sonst agierte er als Kameramann. Der Standort Venedig wurde übrigens nur im Hintergrund angedeutet.


Hoffmann sang wieder mit schöner Stimme, zeigte aber wenig Stimmkultur. Anna Kim mit ihrer gewaltigen Stimme sang den Hoffmann glatt an die Wand.

Für den immer schiwerig darzustellenden Raub des Spiegelbildes hatte die Regie eine originelle Lösung gefunden: Eine Filmrolle enthielt Hoffmanns Seele. Und die lässt sich locker wegbringen. Es wurde ja fleißig gefilmt im venezianischen Studio.


Dank der guten Akustik im Innsbrucker Theater kam das Sextett ganz gewaltig rüber. Premierennervosität ließ Giulietta zu früh einsetzen.


Schlemihl hätte wohl nicht lässig Kaugummi kauen sollen. So wurde er in einem ungleichen Duell - er hatte nur einen Dolch - von Hoffmann ganz ungentlemanlike hinter-rücks erschossen. Aber, aber, Herr Hoffmann! Damit hatte er noch dazu Giulietta ganz schön erschreckt.


Hoffmann und Niklaus blieben an der Leiche zurück. Gut, dass man das Pikkolo heraus-genommen hatte.


Erstaunlich schnell hatte man das Filmstudio wieder zur Kantine umgebaut, in der nun das Finale stattfand. Hoffmanns Saufkumpane agierten immer noch etwas schwerfällig. Stella trat im kleinen Schwarzen auf. Hoffmann war nun ziemlich blau, und wirkte auch hier, wie schon während der ganzen Oper, kaum wie ein Dichter.



Als Hoffmann den Klein-Zach zu Ende brachte, schaute Stella nur skeptisch zu. Dann sank er besoffen zu Boden. Wunderschön brachte die Muse den Abgesang auf Hoffmann, in den Stella und dann auch noch Lindorf einstimmten. Die Übertitel hatten sich schon verabschiedet.



Hoffmann sank dann auf einen Stuhl, aber wenigstens schien er noch zu leben.



Dieser Schluss war nun nicht besonders einfallsreich, aber er war sehr gut und ergreifend gesungen worden.




Der Schlussapplaus war freundlich. Star war natürlich Kim. Auch Hoffmann und die Muse erhielten zahlreiche Bravo-Rufe.



Gerne hätte ich die Inszenatorin auf der Premierenfeier zu ihrem Konzept befragt, auch zu einigen anderen Details, die sich mir nicht erschlossen hatten. Aber die Gelegenheit bekam ich leider nicht, denn die Innsbrucker Premierenparty war intern, und dafür muss man Verständnis haben. Da die Darsteller nicht das Theater verließen, bekam ich auch keine Autogramme. Schade.


Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen beim Landestheater Innsbruck Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.





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