Perfekt gesungener und begleiteter Hoffmann an der Met


www.metopera.org


Besuchte Vorstellung: 16. Dezember 2009




© Metropolitan Opera

Regie

Bartlett Sher

Dirigent

John Keenan

Bühnenbild

Michael Yeargan

Kostüme

Catherine Zuber

Version

Oeser



Hoffmann

Joseph Calleja

Muse

Kate Lindsey

Olympia

Kathleen Kim

Antonia

Anna Netrebko

Giulietta

Ekaterina Gubanova

Widersacher

Alan Held







Die Fassade der Met


Das Treppenhaus der Met


Fazit Met:

Das beste Opernorchester, das man sich wünschen kann, wenn auch Maestro Levine nicht selbst dirigierte. Einfach nur überirdisch gut und schön, dieser Klang und diese Präzision. Dazu perfekter Gesang in allen Rollen. Den durchgesagten Namen des eingesprungenen Dirigenten hatte ich nicht registriert, aus lauter Aufregung, dass vielleicht La Netrebko nicht singen würde.

Das Bühnenbild und die Kostüme rissen einen jetzt nicht vom Hocker, waren aber angemessen.

Bei der Ausgestaltung der Rolle der Giulietta zeigten sich Defizite.

Joseph Calleja gab einen eher sensiblen und unsicheren Hoffmann, nicht einen strahlenden Helden oder gar einen jovialen Grandseigneur, wie in früheren Inszenierungen der Met. Er überzeugte sowohl gesanglich wie auch darstellerisch.

Die Inszenierung riskierte keine großen Experimente und folgte brav dem Libretto-Mainstream. Die Zahl der originellen Einfälle hielt sich in Grenzen. Bartlett Sher hat zwar schon ein paar Opern inszeniert, ist am Broadway aber eher als Musical-Regisseur aufgetreten.

Die von ihm im Programmheft angekündigte Nähe seiner Inszenierung zu sowohl Kafka als auch Fellini konnte ich nicht entdecken. Für eine kafkaeske Oper hätte der Widersacher dämonischer und geheimnisvoller gezeichnet werden müssen. Eine Nähe zu Fellini hätte mehr fantastische und verspielte Elemente erfordert, z.B. eine erotische Giulietta.

Eine mögliche Erklärung für die konventionelle Interpretation der Oper ist die wirtschaftliche Konstruktion der Met. Experimente, die zu halbleeren Zuschauerrängen führen, können schnell die finanzielle Basis der Met gefährden, die sich nicht auf reichlich fließende Steuergelder verlassen kann.





English Summary

Link to Neil Kurtzman´s review on www.medicine-opera.com

http://medicine-opera.com/2009/12/tales-of-hoffmann-in-hd





Gleich eine Vorwarnung: Dieser Bericht wird noch länger als manch anderer, denn wann kommt man als Old European schon an die Met. Bei mir herrschte natürlich gleich große innere Aufregung, als mich Opernfreund Herbert im Frühjahr auf den Hoffmann an der Met aufmerksam machte. Da muss ich hin, war mein erster Gedanke. Herbert meinte, der werde doch ohnehin live in ausgewählte Kinos in Deutschland übertragen. Aber nachdem ich noch akzeptable Flugpreise vorfand, stand mein Entschluss fest: Diesen Hoffmann schaue ich mir live an. Noch dazu sollte Rolando Villazon samt Anna Netrebko und Elina Garanca singen und James Levine dirigieren. Was mehr kann man sich wünschen. Und noch dazu am wohl begehrtesten Theater der Welt.




Blieb noch das Problem der Karte. Neuinszenierungen an der Met sind oft innerhalb von zwei Stunden nach Kasseneröffnung ausverkauft, besonders, wenn Anna Netrebko und Rolando Villazon singen. Also an die Presseabteilung gemailt. Doch die hatten ein dreiviertel Jahr vor der Vorstellung noch gar keine Pressekartenkontingente. Anrufe und Emails gingen hin und her. Wer ist www.jacques-offenbach.de überhaupt? Wie viele Besucher haben Sie denn auf der Webseite pro Monat usw.?


An einem kleinen Provinztheater bekommt man eine Pressekarte sofort und mit Begleitperson, denn dort ist man froh, wenn jemand von außerhalb kommt, und weil die örtlichen Kritiker meist ohnehin nur an allem rummäkeln.



Endlich, im September die erlösende Antwort: am 16. 12. ein Platz im Parkett. Flug gebucht zu noch akzeptablem Preis. Und natürlich schon gespannte Erwartung. Inzwischen hatte Rolando Villazón absagen müssen. Ich hatte ihn ja schon am Royal Opera House Covent Garden als Hoffmann genießen dürfen. Hoffmänner in Tartu, Lodz, Baden bei Wien, Düsseldorf und Breslau halfen mir, die Zeit zu überbrücken. Und auch Elina Garanca stand nicht mehr auf der Besetzungsliste.



Und dann war es endlich so weit. Zur Einstimmung in die Met sah ich mir eine Elektra am Abend vorher an, wobei ich im dritten Rang (Dress Circle) die ausgezeichnete Akustik des doch riesigen Theaters mit 3900 Plätzen bewunderte. Und das Orchester! Was für ein himmlischer Klang, gepaart mit absoluter Präzision schallte da aus dem Orchestergraben.

Naja, James Levine, seit fast 40 Jahren an der Met aktiv, hat dort den perfekten Klangkörper geschaffen. Bitte nicht böse sein in Genf, Lissabon, Düsseldorf und Breslau, ihr wart hervorragend, aber das Orchester der Met spielt noch einen Tick vollkommener.



Dann kam der Tag des großen Ereignisses. Als ich am Nachmittag meine Karte abholen wollte, großer Schreck. Nein, für Wiesend ist keine Pressekarte da. Doch der Press Officer hatte nur meinen Namen undeutlich geschrieben.



Dann buchte ich noch eine interessante Führung hinter die Kulissen der Met, die täglich um 15:30 stattfindet. Sehr zu empfehlen. Kostet 16 Dollar und dauert 90 Minuten. Anmeldung zur Sicherheit am Tag vorher vornehmen.



Endlich war es abends so weit. Opern beginnen an der Met meistens mit leichter Verspätung. Nicht, weil man dort unpünktlich ist, sondern weil die Zuschauermassen nicht rechtzeitig an ihre Plätze kommen. Garderoben gibt es kaum. Jeder wurstelt seinen Mantel oder Nerz irgendwo unter oder hinter den Sitz.



Noch ein paar Informationen zur Met. Sie liegt im Lincoln Center neben einem Konzertsaal und der New York City Opera am Broadway. Die nächste U-Bahnstation ist die 66th Street. Der Times Square liegt in der Nähe.



Die Met bekommt keinen regelmäßigen warmen Regen aus Steuergeldern und muss sich daher weitestgehend aus Eintrittsgeldern und Spenden finanzieren. Spenden machen über die Hälfte des jährlichen Haushalts von 285 Millionen Dollar (2009) aus. Die Münchner Staatsoper ist da nicht viel sparsamer, dafür satt mit Steuergeldern gemästet.



Die Kartenpreise an der Met sind gegenüber vielen anderen Theatern und gemessen an der Qualität der Musik eher moderat. Am teuersten unter den großen Bühnen ist Covent Garden.



Wer kräftig spendet, dessen Name wird an irgendeiner Stelle im Gebäude und im Programmheft verewigt. Sogar an jedem Sitz ist ein Schild angebracht, wer den gestiftet hat. Jeder noch so kleine Nebenraum wurde nach jemandem benannt, der ihn gesponsert hat.



Vor jedem Platz, auch an den Stehplätzen, ist ein kleiner Bildschirm, auf dem die gesungenen Texte auf Englisch, Deutsch oder Spanisch angezeigt werden. Aus dem Rat Lindorf war dort ein Rechtsberater geworden. Da hatte wohl jemand councillor und counselor verwechselt.



Das Innere der in den 60er Jahren gebauten Oper ist amerikanisch-elegant mit großzügig geschwungenen Treppen. Der Zuschauerraum ist in Altgold gehalten und eher hausbacken gestaltet, aber weit schöner als der des Wiener Burgtheaters.



Das Parkett der Met, „Orchestra Stalls" genannt, weist eine architektonische Eigenart auf. Während das Parkett in den meisten Theatern mehr oder weniger stark ansteigt, um freie Sicht auf die Bühne zu gewährleisten, sinken in der Met die Sitzreihen nach den ersten paar Reihen ab und steigen erst ab der Parkettmitte wieder an. Das erklärt den stark nach vorne geneigten Boden der Bühne, damit die Zuschauer auf den tiefen Plätzen auch noch was sehen. Die Akteure stehen also immer auf einer schiefen Ebene.



Ein Problem sind die Toiletten, bzw. deren geringe Zahl. In den Pausen stehen sogar vor den Männertoiletten Schlangen bis auf den Gang. Die sind bei den Damen noch viel länger. Am ehesten hat man noch im 1. Rang, genannt Parterre eine Chance, doch dort sind die Toiletten ziemlich versteckt. Die Toiletten sind die einzigen Räume, die von niemandem gesponsert wurden. Vermutlich gibt es deswegen so wenige davon.


Stella als Donna Anna


Programmhefte und Besetzungszettel gibt es umsonst. Bars und Restaurants gibt es im Vergleich zu anderen Theatern ganz wenige. Am reichsten ist Covent Garden damit ausgestattet.


Das Publikum war, wie meist in Westeuropa, in seiner Masse deutlich jenseits der 50, so dass ich mich nicht alleine fühlte. Ich konnte alle Arten von Abendkleidung sehen, von nerzbewehrten Damen bis zum Herrn im Flannellhemd und breiten Hosenträgern ohne Jackett.


Damit sich niemand während der Pause reinschmuggelt, werden zu Beginn der Pausen Auslasskarten verteilt. Auch werden Handtaschen inspiziert. Vor dem Theater sieht man immer mal wieder bewaffnete Polizisten. Das ist für einen Old European schon befremdlich.


Genug der Ouvertüre. Es ist jetzt kurz nach acht, und ein Herr mit Mikrofon betritt die Bühne. Lähmender Schreck. Ist die Netrebko erkältet? Doch es ist „nur" James Levine, der nicht dirigieren kann. Doch damit hatte ich schon gerechnet, nachdem der 66Jährige Maestro kürzlich allerlei Probleme mit seinem Rücken hatte. Und ich traute ihm zu, dass er das Orchester so gut eingespielt hat, dass sein Fehlen dem Hörgenuss keinen Abbruch tun würde.


Das Licht ging aus, und leider kam der Auftakt ziemlich schnell und unakzentuiert. Naja, nobody is perfect. Ich möchte vorausschicken, dass dieser etwas zu schnelle Auftakt das Einzige war, was ich den ganzen Abend lang am Orchester auzusetzen hatte.



Nur die Akustik im Parkett, ich saß ungefähr in der Mitte, war weit schlechter als im dritten Rang am Abend zuvor. Man hört die Musik schon von ziemlich weit her, aber noch ausreichend laut für einen passablen Hörgenuss.


Muse, Lindorf und Hoffmann


Die Bühne ging auf, und Hoffmann (Joseph Calleja) wurde gleich als Dichter vorgestellt, denn auf seinem Schreibtisch stand eine alte Schreibmaschine. Allerdings benützte er dieselbe nicht, sondern vernaschte auf dem Tisch eine rot gekleidete Schöne. Sozusagen zum Trost für den Verlust von Stella. Doch die wahre Befriedigung durch den Quickie muss wohl ausgeblieben sein. Er schob die Enttäuschte grob weg und griff zur Flasche.


Dann ging es weiter zur Kneipe, die schon eher einem Bordell glich, denn allerlei leichtbekleidete Damen bevölkerten die Bühne. Jede Menge Strapse und blanke Busen, allerdings mit abgeklebten Nippeln wie bei Burlesque-Tänzerinnen. Schließlich waren wir ja in Amerika, wo nackte Busen höchstens mal im Playboy vorkommen ...


Bei der Erwähnung von Stella erschien sie gleich als Bild in einem Theater, das auf den Bühnenhintergrund projiziert wurde.


Die Muse (Kate Lindsey) setzte sich bald einen Zylinder auf und wurde zu Niklaus. Olympia schwirrte schon mal über die Bühne, und auch ein Sensenmann erschien.


Lindorf, ganz in Schwarz, sah ziemlich massiv und mongolisch-dämonisch aus mit seiner Glatze, die so perfekt an seinem Kopf befestigt war, dass ich durch meinen Feldstecher keinerlei Übergang zu seiner Kopfhaut entdecken konnte. Auch hier höchste Professionalität.


Hoffmann beim Klein-Zach


Bisher gesanglich und vom Orchester her alles perfekt.


Aus dem projizierten Theater kamen dann auch Hoffmanns Kumpane, gekleidet wie Herren der Belle Epoque. Sie agierten lebhaft und sangen gut. Viele von ihnen trugen Melonen auf dem Kopf, wie sie auf den Plakaten und Bildern zu sehen waren.


Als Hoffmann zum Klein-Zach anhob, stellte vor ihm ein Tänzer den hässlichen Zwerg dar. Der enthob den Hoffmann von der Pflicht zu mimen, und er konnte um so schöner singen.

Das Publikum kannte die Oper wohl nicht so gut, denn der erste Applaus kam mal wieder zu früh.


Aber das kommt in den besten Häusern vor. Lieber einmal zu viel geklatscht als einmal zu wenig.


Um den Hoffmann herum tanzten dann schließlich acht Zwerge.

Auch die kleineren Rollen wie Lutter, Andres, Nathanael und Herrmann waren mit hervorragenden Sängern besetzt. Die Muse agierte eher zurückhaltend, sang aber gut.


Hoffmann, Spalanzani und Niklaus


Der Olympia-Akt wurde angekündigt, indem man fünf Ballerinen in identischen Kostümen über die Bühne schwirren ließ.


Spalanzani´s Palace wurde sichtbar. Ein Show-Labor war aufgebaut worden, darüber groß in Goldbuchstaben SPALANZANI in Spiegel-schrift, denn wir Zuschauer waren ja schon innen drin.


Spalanzani war mit einem weißen Kittel bekleidet und hatte grobe schwarze Gummihandschuhe an wie ein Tierarzt. Für sein Gesicht hatte wohl Benito Mussolini Pate gestanden. Er herrschte über ein fantastisches Labor angefüllt mit zahlreichen Puppen und Prothesen. Darüber schwebte ein großes Auge, und eine Schlange senkte sich herab.


In der, wie ich sie in Ermangelung einer anderen Bezeichnung nenne, Vogelarie (Cocorico …) warnte Niklaus Hoffmann vor Olympia. Kate Lindsey sang mit wunderschön akzentuierter, klarer und strahlend reiner Stimme. Sie bekam dafür verhaltenen Applaus, der ihr gut zu tun schien, denn sie taute auf, sang danach viel lockerer und agierte deutlich lebhafter.


Coppelius rollte einen Tisch herein, in dem mehrere Vorratsgläser voller Augen zu sehen waren.


Spalanzani, Olympia und Cochenille


Hoffmann bekam seine Brille verpasst, die so zauberkräftig war, dass er sogleich eine noch gar nicht sichtbare Olympia ansang.


Mit den Gästen zu Spalanzanis Festvorstellung tanzte auch ein Ballett herein. Solche Tanzeinlagen sah ich im Jahr 2009 schon öfter. Mir ist es recht, wenn man den Olympia-Akt operettenhaft inszeniert, so lange man keinen Klamauk daraus macht. Man kann doch den Hauptteil von Jacques Offenbachs Lebenswerk, seine vielen spritzigen Operetten, nicht verleugnen.


Eine puppenhafte Olympia wurde hereingetragen und auf ein Podest gestellt. Viele Augen kreisten herum.


Dann begann Kathleen Kim mit ihrer Arie, die im fantasiearmen anglo-amerikanischen Sprachraum despektierlich „Doll Song" genannt wird.


Kathleen Kim sang dynamisch mit präzis artikulierter und silberherller Koloraturstimme, klar wie Quellwasser. Einfach nur begeisternd.


Als Olympia schwächelte, versuchte Niklaus vergeblich, Hoffmann vom Automaten Olympia abzulenken.


Olympia bekam einen Riesenapplaus für ihre Arie.


Hoffmann und Olympia


Dann merkte Coppelius, dass er von Spalanzani hereingelegt worden war. Hier hätte nun die Regie in New York, dem Weltzentrum der Finanzgauner, nur wenige Meilen von den Finanzjongleuren der Wall Street entfernt, ein paar Anzüglichkeiten loslassen können. Doch nein. Da hätte ich mir ein paar eindeutige Anspielungen gewünscht. Auch Elias´ Religion ließ man dezent unerwähnt. Naja, vielleicht wollte man vergangene und künftige Sponsoren nicht verprellen.


Dazwischen gab es immer mal wieder Ballett. Schließlich nahm Olympia höchstpersönlich dem Hoffmann die Brille weg, woraufhin der endlich merkte, dass er hereingelegt worden war und umfiel. Großer Applaus für den Olympia-Akt und erste Pause.


Die Schlangen vor den Toiletten utriusque generis waren inzwischen noch länger als vor Beginn der Vorstellung. Wer in die Met geht, sollte drei Stunden vor Beginn der Vorstellung nichts mehr trinken und nur mehr Trockenfutter zu sich nehmen.


Nach der Pause dauerte es wieder sehr lange, bis sich das riesige Parkett füllte.


Antonia und Krespel


Der Vorhang, made in Germany, ging auf und zeigte eine kahle Winterlandschaft. Außer dem obligatorischen Flügel keinerlei Utensilien auf der Bühne. Ein paar kahle Bäume, auf Stoffbahnen gemalt, senkten sich herab, und Schnee auf dem Boden verbreitete eine depressive Stimmung. Ein mit einfachen Mitteln effektvoll gestaltetes Bühnenbild. Und dann kam SIE: Anna Netrebko leibhaftig. Und was für eine Stimme führte sie uns vor. Mit erstaunlicher Fülle in Höhen und Tiefen, ohne dass dabei ihre Stimme den Charakter und die Klangfarbe änderte, sang La Netrebko. Großer Applaus für Elle a fuit, la tourterelle.


Der Franz wurde eher zurückhaltend dargestellt ohne besondere Komik, bekam aber trotzdem seinen Applaus. Wenn man den Franz schon drin lässt, und Dmitri Bertman hat in Tartu gezeigt, dass dieser Akt auch ohne den Auftritt des Franz hervorragend dargestellt werden kann, dann sollte man ihn schon ein wenig ausschmücken. Das hat die Regie hier nicht getan.


Schön, wie dann Niklaus die Olympia nachäffte. Eine richtige Mezzo-Koloratur war das.


Und dann sang sie auch noch meine geliebte Geigenarie. Dazu senkte sich eine hell beleuchtete Geige vom Bühnenhimmel. Ein Genuss, und großer Applaus. Danach hatte Niklaus nicht mehr viel zu tun und stand meistens nur herum.


Hoffmann und Antonia


Die Duette Hoffmann - Antonia waren wunderschön gesungen, nur leider hatte man den beiden eine Strophe gestrichen. Naja, man kann nicht alles haben.


Mirakels erster Auftritt wurde eindrucksvoll dargestellt. Er fuhr in einer von einem Pferd gezogenen Kutsche vor, die als eine Art Schattenspiel im Bühnenhintergrund gezeigt wurde. Nach den Bühnenregeln korrekt kam er als negative Person von rechts.


Ein ominöses Detail: als sich Antonia und Hoffmann verabschiedeten und für den nächsten Tag verabredeten, drehte sich Hoffmann noch einmal nach Antonia um, die sich aber nicht zu ihm.


Mirakel wirkte nicht so sehr dämonisch, sondern eher massiv und energisch. Der Akt ging mit ergreifendem Gesang der Antonia zu Ende.


Dieser Akt war wirkungsvoll mit einfachsten Mitteln des Bühnenbildes gestaltet. Dass die Met sparen muss, ist bekannt. Die Krise ließ die Sponsorengelder spärlicher sprudeln. Ein Hinweis darauf, dass sich Krespel und Antonia auf der Flucht vor Hoffmann und somit auf einer Reise befanden, fehlte. Ein Koffer hätte da genügt. Dafür war Krespel in ein reich mit Gold besticktes Hausgewand gekleidet. Er wirkte darin eher wie ein reicher Firmenpatriarch als ein verzweifelt um das Wohl seiner Tochter besorgter Geigenbauer und Vater.


Wieder Pause. Übrigens: auch in der Met gibt es in den Pausen Hochprozentiges zu trinken, sogar Vodka. Brrr.


Das Theater hatte sich inzwischen sichtbar geleert. Viele Plätze waren nun unbesetzt, auch der links von mir. Wie kann man nur! Oder wollten die nur La Netrebko hören und dann gehen?


Hoffmann und Giulietta


Als der Vorhang die Sicht auf die Szene in Venedig freigegeben hatte, applaudierte das Publikum spontan. Ich fand das New Yorker Giulietta-Bühnenbild im Vergleich zu anderen Inszenierungen dieses Jahres, besonders der in Breslau, eher karg. Lampen dominierten. Oder applaudierten die Männer, weil die leichtbekleideten Damen mit ihren abgeklebten Nippeln wieder zu sehen waren? (In der weltweiten Übertragung drei Tage später trugen sie dann züchtige Bhs. Diese Rückbesinnung auf amerikanische Werte war auf einem Zettel in den Garderoben der Met angekündigt worden, und schließlich wissen wir seit Schiller, dass Theater eine moralische Anstalt ist.)


Alle Blicke richteten sich danach naturgemäß auf Giulietta. Wie hatte man Ekaterina Gubanova, eine Mezzosopranistin, angezogen? Sie trug ein weinrotes Rokoko-Gewand, bestehend aus einem weit nach beiden Seiten ausgestellten Reifrock und dazu eine hellgraue Perücke. Hoffmanns Schreibtisch war, wie schon im Vorspiel, wieder auf der Bühne.


Die Barkarole kam, wie es sich gehört, ohne Pikkolo. Leider ließ der Regisseur den Niklaus während dieses sinnlichen Höhepunktes der Oper herumwandern. Damit zerfasert dieses musikalische Kleinod. Schade. Vom Publikum kam auch kein Applaus dafür.



Hoffmann wurde währenddessen von vier ziemlich spärlich bekleideten Damen verwöhnt. Tenor müsste man sein. Niklaus trug nun keinen Zylinder mehr, sondern einen Dreispitz. Dapertutto sang die Spiegelarie gekonnt mit sonorer Stimme und bekam seinen verdienten Applaus.



Hoffmanns Verlust seines Spiegelbildes wurde nicht besonders eindrucksvoll dargestellt. Dafür tauchten just in diesem Moment ein paar Olympia-Klone auf der Bühne auf. Betrug war angesagt.



Dann wurde das Sextett gesungen, doch die Musik verlor sich in dem riesigen Raum. Dann gab es ein richtiges Duell, wobei es nicht Dapertutto, sondern Niklaus war, der Hoffmann den magischen Degen reichte. Und Giulietta verschwand samt Entourage in einer Gondel nach links.



Ich muss leider anmerken, dass die Regie es versäumt hat, die Giulietta als erotische Kurtisane darzustellen. In ihrem biederen Gewand wirkte sie eher wie die Hofdame an einem Fürstenhof der Zeit Ludwigs XIV, die darauf wartet, mit ihrer Herrin durch das Schloss zu wandeln. Eine erotische Ausstrahlung ging nicht von ihr aus. Seit Detmold die biederste Giulietta.



Dazu stand sie meist statisch auf der Bühne herum, da sie sich mit ihrem umständlichen Reifrock vermutlich nur schwer von der Stelle bewegen konnte. Ihr schöner Gesang verlor dadurch an Wirkung. Da Neuinszenierungen der Met oft über lange Zeit gespielt werden, sollte man bei einer Wiederaufnahme diese Rolle neu gestalten, was dem Akt zu Gute käme, da sie ja die Hauptperson ist, um die sich alles dreht.



Die Regie hatte während der ganzen Oper immer mal wieder dezent angedeutet, dass Niklaus und der Widersacher nicht unbedingt Gegner waren. (In Tartu war das viel deutlicher dargestellt.) An der Met tauschten die beiden nur ab und zu Blicke des Einverständnisses aus. Eine gute Idee, die man noch ausbauen könnte. Denn die Muse will ja eigentlich Hoffmann wieder in die Wirklichkeit zurückholen, damit er dichte.


Hoffmann und Stella


Der Übergang zum Finale geschah fließend. Niklaus warnte Hoffmann noch vor der Polizei, da erklang schon der ernüchternde Bläserchor.


Das Finale nach Oeser erklang, und Anna Netrebko erschien wieder als Stella. Hoffmann brachte noch den Klein-Zach zu Ende, und die Muse sang wunderschön „Des cendres de ton coeur" vor einer Kulisse, in der sich viele edel gekleidete Damen befanden. Olympia - Antonia (als Double) und Giulietta erschienen wieder.


Hoffmann erhob sich von seiner Trunkenheit und ging auf seinen Schreibtisch zu, wie es sich für einen Dichter gehört, und die Oper war aus.


Dann geschah etwas, was ich noch nie annähernd woanders erlebt hatte. Reihenweise sprangen Zuschauer auf, als der Vorhang sich zu schließen begann. Aber nicht, um zu applaudieren, sondern um aus dem Theater zu stürzen. Dabei gibt es doch eh kaum Garderoben an der Met, vor denen man, wie am Covent Garden, lange um seinen Mantel Schlange stehen muss, und die New Yorker U-Bahnen fahren auch die ganze Nacht.


Doch erfreulicherweise blieben noch ausreichend viele Zuschauer im Theater, um die Darsteller zu feiern, und das taten sie heftig im Fall von Anna Netrebko, Kathleen Kim, Kate Lindsey und Joseph Calleja. Viele verständige Opernfreunde bejubelten die Damen korrekt mit „brava" und die Herren mit „bravo". Ekaterina Gubanova bekam leider keinen Jubel, was ich nicht auf ihren mangelnden Gesang zurückführte, sondern auf die verfehlte Ausgestaltung ihrer Rolle. Besonders lange dauerte der Applaus nicht, gemessen an europäischen Maßstäben.


Happy End für Hoffmann und die Muse, rechts Stella


Rechts Anna Netrebko, leider ohne Blitz fotografiert...


Kate Lindsey


Joseph Calleja (ganz rechts) mit Fans


Dann machte ich mich auf die Autogrammjagd. Dank der Met-Führung am Nachmittag wusste ich, wo sich der Bühneneingang befand. Den hätte ich sonst nie gefunden. (Man geht in der Eingangshalle rechts eine Treppe herunter, wo auch eine Rolltreppe fährt. Von dort muss man den Ausgang zu einer Fahrstraße finden, auf der man direkt vor den Bühneneingang fahren kann. einige Meter links ist er dann, oder man findet jemand, der einem den Weg zur Stage Door erklären kann.)


Ein knappes Dutzend Fans nur warteten dort. Nun begann die schwierige Aufgabe, unter den Hunderten herausströmenden Mitarbeitern der Met die Stars zu entdecken, denn wegen der bitteren Kälte hatten sich alle vermummt. Irgendwann kam eine Dame mit einem weißen Kunstpelzkragen und Mütze heraus, und als sie 10 Meter weit gegangen war, rief jemand: Das ist Anna! Das musste La Netrebko sein. Ich sprintete ihr nach, hinter mir die restlichen Fans, und hielt ihr meinen Besetzungszettel unter die Nase. „Paschalusta“ „My god, everyone is rushing after me", sagte sie gespielt überrascht und gab mir freundlich das erste Autogramm - in kyrillischer Schrift.


Nach und nach kamen die anderen Stars, nur Ekaterina Gubanova entdeckten wir nicht. Ich hätte ihr gerne ein paar aufmunternde Worte gesagt. Joseph Calleja, Alan Held und Kate Lindsey erwiesen sich als sehr zugänglich und waren für einen kleinen Plausch zu haben. Joseph Calleja, der Frauenschwarm, sprach auch passables Deutsch, als er hörte, woher ich kam.


Nun, das war die erste Staffel einer Hoffmann-Neuinszenierung an der Met, die sicher noch oft gegeben werden wird. Man wird wohl im Laufe der Zeit noch das eine oder andere ändern.


Die Erlebnisse und Erkenntnisse aus meinem Besuch an der Met rechtfertigten auf jeden Fall die lange Anreise über den Atlantik. Einerseits das Erlebnis von überirdisch schöner Musik, andererseits die Erkenntnis, dass man an großen Häusern wie der Met (ebenso wie am Covent Garden) auch nur mit Wasser kocht. Aber diese beiden Spielstätten haben schon eine Aura, welche die längste Anreise rechtfertigt.





Nach dem Heimflug am 17.12. sah ich mir am 19.12. die Übertragung des Hoffmann im Cinestar-Kino in Ingolstadt an, da München schon seit Juli ausverkauft war. Dort gab ich eine Einführung in die Oper und stellte kurz die Handlung dar.


Ich hatte den Eindruck, dass bei der Vorstellung am 16. 12., die ich in New York gesehen hatte, besser gesungen wurde als während der weltweiten Übertragung am 19.12. Verständlicherweise war man etwas nervöser, wenn Millionen global zusahen, und dann noch die Kameras und Mikrofone überall. So waren z.B. im Olympia-Akt Chor und Orchester ein paar Mal außer Gleichtakt, was ich am 16. in New York nicht registriert hatte.


Und am 22.12. schon folgte ein diesmal durchaus Fellini-hafter Hoffmann in Linz, den ich mir ebenfalls nochmal ansehen werde. Was für ereignisreiche Tage vor Weihnachten.

Die Veröffentlichung der obigen Szenenfotos geschieht mit Genehmigung der Metropolitan Opera New York und des Fotografen Ken Howard, bei denen alle Rechte an diesen Bildern liegen. Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.




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Neil Kurtzmans Bericht von »Hoffmanns Erzählungen« an der Met

Neil Kurtzman ist Medizinprofessor in Lubbock/Texas und begeisterter Opernliebhaber. Auf seiner Seite www.medicine-opera.com berichtete er über den »Hoffmann« an der Met, den er bei der weltweiten Übertragung gesehen hatte. Mit seiner freundlichen Genehmigung wird hier sein Bericht in deutscher Übersetzung wiedergegeben.




Neil Kurtzman

»Hoffmanns Erzählungen« in HD


Bart Shers Neuinszenierung von Hoffmanns Meisterwerk wurde heute, am 19. Dezember 2009, weltweit in HD ausgestrahlt. Shers Interpretation von Rossinis Barbier war sehr erfolgreich. Diesmal bewies er eine weniger glückliche Hand. Sein Problem war, dass man kaum etwas sehen konnte. Seine Bühne war dunkel, noch dunkler, und ganz dunkel. Wenn man dennoch sehen konnte, was gerade geschah, war es deswegen, weil das gerade aktuelle Geschehen von Scheinwerfern beleuchtet wurde. Sein Konzept war, dass alles in Hoffmanns Kopf geschah – daher das seltsame Gemenge von Kostümen und Bühnenbild.

Daran wäre eigentlich nichts auszusetzen, solange man hätte sehen können, was gerade so geschah. Das Bühnenbild hätte genauso gut eine Tropfsteinöhle von Carlsbad/New Mexico wie Lutters Taverne darstellen können.

Seine nächste fixe Idee war, dass die Geschichte kafkaesk sei. Die Inszenierung wirkte eher wie die Präsentation von Edgar Allan Poes Fall of the House of Usher durch ein Tourneetheater als die eines Kafka, und auf der Bühne lag eine Menge wie zufällg hingeworfenes Zeugs. Die Inszenierung war nicht schlecht, aber es fehlte ihr einfach der Glanz, welche Offenbachs fantastische Partitur verdient. Und da wir schon von Fantasie sprechen, Sher hatte sie völlig herausgenommen. Dies wurde am klarsten im Antonia-Akt, in dem kein Bild zum Leben erwachte und Dr. Mirakel überhaupt nichts Mirakulöses an sich hatte. Was den Abend rettete, war das generell ausgezeichnete Niveau der Darsteller. Die Szene in Venedig wirkte eher wie ein Bordell von New Orleans, wie es in der Shjow einem Hotel in Las Vegas gezeigt wird, und nicht wie eines im Venedig des 18, Jahrhunderts. Und in Hoffmanns Geist spielten sich offensichltich eine Reihe merkwürdiger Dinge ab.

Da Offenbach starb, bevor sein »Hoffmann« aufgeführt werden konnte, weiß niemand genau, wie er aufgeführt werden soll. Jedesmal, wenn ich einen sehe, wird er anders inszeniert. Die gegenwärtige Produktion der Met lässt den Antonia-Akt an zweiter Stelle kommen, während Venedig an dritter Stelle folgt. Da ich die umgekehrte Reihenfolge gewohnt bin, ist sie mir lieber. Aber es sieht so aus, dass Offenbach die jetzt von der Met gewählte Reihenfolge wünschte.

Calleja hatte vor dieser Serie nie einen Hoffmann gesungen. Diese anspruchsvolle Rolle kann sowohl von einem lyrischen als auch von einem jugendlich-dramatischen Tenor gesungen werden. Richard Tucker, Placido Domingo und Neil Shicoff feierten alle große Erfolge als Hoffmann. Aber das taten auch Alfredo Kraus und Fernando de la Mora, die beide viel leichtere Stimmen hatten. Callejas Stimme ist noch rätselhaft. Sie ist hell, musikalisch, lieblich und sicher in den hohen Tönen. Zu meiner Überraschung ließ er im ersten Akt den optionalen aber üblichen hohen Ton aus. Was mich störte, war das schnelle Vibrato, das seinen Gesang beeinträchtigt. Ich finde, er hat noch nicht den klaren Standpunkt für seine Stimme gefunden. Wenn er dieses schnelle Vibrato ablegen kann, das alles, was er tut, beeinträchtigt, kann er sich als großer Sänger erweisen. Als 31Jähriger hat er noch etwas Zeit, diesen ärgerlichen Manierismus abzulegen. Dieser Tenor scheint in letzter Zeit deutlich zugenommen zu haben. Korpulenz ist eine Berufskrankheit von Tenören. Trotzdem war seine Schauspielkunst wie auch die stimmliche Darstellung der Rolle des hin und her gerissenen Protagonisten überzeugend.

Maestro Levine holte viele Musikpassagen aus der Partitur, oder besser gesagt, ließ Musik spielen, die man üblicherweise nicht hört. Die Rolle des Niklaus war erweitert worden, so dass sie zu einer der Hauptrollen wurde. Sher machte sie/ihn zum Komplizen der vier Widersacher. Niklaus versuchte, Hoffmann von den Objekten seiner Begierde wegzubringen und seiner Muse zuzuführen - zu ihm/ihr. Kate Lindseys Verkörperung der Muse war ernst und streng. Sie hatte ihre Stimme gut unter Kontrolle und beeindruckte während des ganzen Abends. Da erlebte man eine gute junge Künstlerin.

Alan Held hatte Hoffmanns Erzfeind schon oft gesungen. Er wirkte bedrohlich und sang ganz gut, wenn er auch nicht die Stimmgewalt eines Papé brachte oder wie sie James Morris in der Vergangenheit hören ließ. Er verzichtete auch auf die übliche hohe Note in der Spiegelarie.

Alan Oke zeigte in den vier Nebenrollen mehr Energie als sonst üblich.

Netrebko war klug beraten, als sie jeden Versuch aufgabe, alle drei Lieben des Hoffmann zu singen. Sie ist nicht Joan Sutherland und wäre im Olympia-Akt in Schwierigkeiten geraten. Die aus Korea stammende Sopranistin Kathleen Kim erhob sich so hoch in Olympias Stratosphäre der "Oiseaux dans la charmille", dass quasi die Sauerstoffmasken der Met herunterfielen. Ihr nächstes Engagement an der Met ist das der Zerbinetta in der Ariadne auf Naxos. Die Leichtigekeit, mit der sie die Arie des Automaten vortrug, lässt vermuten, dass sie mit der Großmächtigen Prinzessin keine Probleme haben wird. Ihre Stimme ist schlank und beweglich und meistert locker mehrere Töne über dem hohen C. Ihre Karriere ist eindeutig auf dem Weg nach oben. Sie sang nicht nur wie eine mechanische Puppe, sondern sah auch wirklich wie eine aus.

Netrebko gab sowohl die Stella wie auch die Antonia. Mit der ersteren Rolle kann man nicht mehr tun als deren Glamour vorzuführen. Und das tat sie.

Als Antonia hob sie an mit einem zurückhaltenden Elle a fui, la tourterelle, aber am Ende des Aktes hatte sie sich voll in die Rolle gestürzt - und buchstäblich auf den Flügel. Wie sie das junge Mädchen darstellte, welches sich zu Tode singt, war ziemlich bewegend. Ihre Stimme ist insgesamt voller und dunkler geworden und ist jetzt sehr üppig. Mit ihrem tollen Aussehen und ihrer samtigen Stimme vermute ich, dass sie sich bald in Richtung Puccini bewegen wird. Sie ist jetzt etwas schlanker als bei den letzten Fernsehübertragungen, hat aber noch nicht alle Pfunde nach ihrer Schwangerschaft verloren. Netrebkos schwingende Körperbewegungen hinter Deborah Voigt, während diese vor Beginn des dritten Aktes Anna Netrebko interviewen wollte, zeigten in einmaliger Weise den Auftritt einer Diva. Sogar die Diva Voigt sprach von einer Diva.

Ekaterina Gubanova sang als Kurtisane Giulietta gut, obwohl sie für diese Rolle zu matronenhaft aussah. Die ihr zugewiesene Rolle ist nicht umfangreich genug, als dass sie ihr ganzes Potenzial hätte ausspielen konnte.

Da Offenbach den dritten Akt und das Nachspiel nicht fertig komponierte, hört man bei jeder Neuinszenierung des Hoffmann wieder andere Musik. Ernest Guiraud leistete gute Arbeit, als er das Werk aufführungsfertig machte. Das große Sextett mit Chor am Ende des Giulietta-Aktes stammt von ihm, wobei es auf Melodien von Offenbach basiert. Maestro Levine fand diesmal einen Schluss, den ich nie zuvor gehört hatte. In ihr wird Hoffmann ganz alleine seiner Schreibmaschine überlassen.

Nächste Woche werde ich eine Zusammenstellung der verschiedenen Versionen des Finales auf meine Seite stellen, und Sie können selbst entscheiden, welche Ihnen am besten gefällt.*

Offenbachs erfolgreiche Oper ist ein großartiges Meisterstück, selbst wenn keine endgültige Version von ihr existiert. James Levine holte die ganze Schönheit und Leidenschaft aus diesem einzigartigen Werk heraus.

Mit Hilfe der stimmlichen, choristischen und orchestralen Möglickeiten der Met brachte er die Oper zu einem Triumph trotz einer wenig aussagekräftigen Inszenierung.

© Neil Kurtzman MD


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* http://medicine-opera.com/2009/12/hoffmanns-epilogue