Gefühlvoller »Hoffmann« in Vaduz



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Besuchte Vorstellung: 9. Mai 2010





Das fürstliche Schloss über dem Vaduzer-Saal

Regie und Dirigat


Martin Biedermann

Bühnenbild


Enrico Caspari

Richard Huber

Kostüme


Gisela Corrinth

Version


Guiraud - Choudens




Hoffmann


Joel Montero

Muse


Dora Kutschi-Doceva

Olympia, Antonia, Giulietta, Stella


Vera Schoenenberg

Widersacher


Claudio Danuser









© Opernverein Vaduz


Fazit: Der vom organisatorischen Rahmen ungewöhnlichste »Hoffmann«, den ich je gesehen habe. Mit einfachen, aber wirkungsvollen Mitteln wurde die Geschichte von Hoffmanns Scheitern überzeugend dargestellt. Auf jeden Schnickschnack und auf jede Bizarrerie wurde verzichtet. Dafür wurde umso mehr darauf geachtet, die immanenten und intensiven Gefühle dieser Oper herüberzubringen. Und das gelang. In Vaduz sah ich einen ergreifenden Hoffmann, der mir unter die Haut ging. Es wurde schön gesungen und gut musiziert, und das mit selten zu erlebendem Engagement. Glückwunsch an dieses ad-hoc-Ensemble aus Profis und Amateuren, das sich hinter etablierten Profi-Bühnen nicht zu verstecken braucht. Nach langer Zeit erlebte ich wieder eine Sopranistin, die Olympia, Antonia und Giulietta zusammen verkörperte und noch dazu auf sehr hohem Niveau. Ein sensibler Hoffmann überzeugte mit schöner Stimme.




Unverhofft kommt oft. Als es mal wieder regnete, wie so oft im Frühjahr 2010, suchte ich bei Google nach Fundstellen zum »Hoffmann«. Google ist bekanntlich keine Suchmaschine, sondern ein kommerzielles Unternehmen, bei dem man einen der vorderen Plätze bei den Suchresultaten käuflich erwerben kann. Da Google auch viele belanglose Fundstellen aufweist, finden sich die wesentlichen oft weit hinten. So landete die Meldung, dass in Vaduz ein »«Hoffmann aufgeführt werde, J-W-D auf Seite 20 oder so. Ich hatte es nur dem Regen zu verdanken, dass ich so viele Seiten angesehen hatte.

Ein Anruf bei Martin Biedermann, dem künstlerischen Leiter in Vaduz, bestärkte mein Interesse: Da fahre ich am nächsten Tag hin.


Vaduz ist bei uns bekannt als die Hauptstadt der Fürstentums Liechtenstein, in dem so mancher Steuerflüchtling Asyl für sein Schwarzgeld fand. Und überall sieht man die ominösen Briefkästen mit hinreichend bekannten Namen.



Mir war es vergönnt, eine andere, wesentlich sympathischere Seite Liechtensteins kennenzulernen und erlebte dort einen der bemerkenswertesten »Hoffmänner« meiner Serie.



Vaduz hat gut 5000 Einwohner und ist somit die kleinste Stadt, in der ich je einen Hoffmann sah. Monaco wäre ähnlich groß gewesen, aber dort hatte man trotz meiner frühzeitigen Anfrage weder eine Presse- noch eine Kaufkarte für mich. In Vaduz dagegen wurde ich höchst freundlich empfangen.




In Vaduz gibt es kein Theater mit einem festen Ensemble, aber dafür einen höchst rührigen, 1997 gegründeten Opernverein, der jedes zweite Jahr eine Oper inszeniert. Künstlerischer Leiter ist Martin Biedermann, Jahrgang 1952, der auch an der Liechtensteinischen Musikschule unterrichtet, sowie Leiter verschiedener Chöre der Region und Chef der Operettenbühne Vaduz war.


Der Vaduzer-Saal liegt in der Haupstadt unter dem fürstlichen Schloss, das romantisch vom Berg herab grüßt. Er ist ein moderner, elegant gestalteter Mehrzwecksaal mit einem Balkon und einem richtigen Orchestergraben, in dem ich zwei Kontrabässe und drei Celli zählte.


Die familiäre Atmosfäre des Vaduzer Opernvereins fiel mir sofort auf. Nina Biedermann, Ehefrau des künstlerischen Leiters, verkaufte die Eintrittskarten, deren Sohn die Programmhefte, und Choristinnen – schon im Kostüm – kontrollierten die Eintrittskarten.



Pünktlich begann die Vorstellung, nachdem der Dirigent (und Regisseur) mit freundlichem Applaus empfangen worden war.



Schön akzentuiert und maestoso kamen die ersten Takte. Das erfreut einen doch gleich.


Muse und Hoffmann


Der Vorhang glitt auf, und eine Kellerkneipe wurde sichtbar. Lindorf trat auf und stellte sich mit schöner, warmer und voller Bassbaritonstimme vor. In Vaduz wurde deutsch gesungen. Viele der Dialoge wurden gesprochen.


Der Chor war in zeitgemäße Kostüme gekleidet und bekam nach den ersten Trinkliedern gleich den ersten Applaus des Abends, und der war auch verdient. Während die Solisten und Orchestermusiker ausgebildete Profis waren, bestand der Chor aus Amateuren, die sich durchaus mit den Profis manches Stadttheaters messen können.


Hoffmann, in rotem Wams, trat mit der Muse auf. Beide überzeugten stimmlich. Hoffmann begleitete den Klein-Zach mit guter Mimik. Wunderschön romantisch sang und gestaltete er den Übergang zu Stella und seiner Liebe zu ihr. Dabei fiel er auf die Knie. Es sei dem Publikum verziehen, dass es zu früh applaudierte, aber das kommt auch in größeren Häusern vor. Umso herzlicher war dann der Applaus am Ende der Ballade.


Spalanzani und Olympia


Hoffmann und Olympia


Nach kurzer Umbaupause öffnete sich der Vorhang zum Kabinett des Spalanzani. Der wurde mal wieder als Einstein-ähnliche Figur dargestellt, zusammen mit einem witzig-grotesken Cochenille. Olympia ruhte unter einem Baldachin.


Schön und mit guter Mimik trug Niklaus die „Vogel“-Arie vor und bekam dafür ihren verdienten Applaus.


Hoffmann wurde von den Brillen des Coppelius ziemlich verwirrt, sogar von deren Effekt erschreckt; nur Niklaus blickte sofort durch. Allerdings ohne dass ihm sein Meister folgte. Die Zauberbrille musste natürlich sofort an der ruhenden Olympia ausprobiert werden.


Gut 30 festlich gekleidete Gäste fanden sich bei Spalanzani ein. An Theatern in viel größeren Städten habe ich schon deutlich kleinere Chöre erlebt.


Dann wurde Olympia präsentiert. Sie trug ein hellrosa Röckchen und eine weiße Perücke. Spalanzani höchstpersönlich begleitete sie auf der Harfe.


Mit präziser und treffsicherer Koloratur, hervorragend nunanciert in piano und forte, trug Olympia ihre Arie vor. Ich möchte vorausschicken, dass Vera Schoenenberg alle drei Sopranrollen sang, und die Koloratur ist dann häufig die Schwachstelle. Nicht so in Vaduz.


Ich möchte nicht versäumen, den warmen und vollen Querflötenton zu loben, mit dem die Arie der Olympia eingeleitet wurde.


Die Vaduzer Olympia trieb allerlei Scherze mit dem ihr völlig ausgelieferten Hoffmann und vernaschte ihn ziemlich aktiv. Danach schickte Hoffmann energisch den widerstrebenden Niklaus hinaus, um mit Olympia alleine sein zu können.


Dann folgte, vor dem Walzer Hoffmanns mit Olympia, eine Balletteinlage mit drei elfenhaften Tänzerinnen zu Jacques Offenbachs zauberhafter Musik.


Ergreifend wurde der Schmerz Hoffmanns über die verlorene Geliebte dargestellt. Er herzte und küsste die Büste einer Schaufensterpuppe. Herzlicher Applaus für den gelungenen Akt.



Pause im Vaduzer-Saal



Der Vorhang ging auf zum Antonia-Akt. Mit geschickter und stimmungsvoller Beleuchtung wurde das Ambiente für diesen Akt geschaffen. Die weiße Harfe aus dem Olympia-Akt stellte den Bezug zur Musik her, und auch die psychoanalytische Couch aus dem Olympia-Akt, auf der Olympia den Hoffmann vernascht hatte, war noch da.


Antonia trug ein langes weißes Kleid und sang nun mit großer Dramatik in ihrer Stimme. Ein witziger Franz (Jean-Francois Morin) bekam Applaus für seinen Auftritt.


Hoffmann stellte sich nicht nur als Dichter, sondern Harfe spielend auch als Musiker vor, der ja auch der historische E.T.A. Hoffmann auch war.



Mirakel trat am Anfang noch ganz jovial auf und untersuchte die virtuelle Antonia auf der Psychoanalytiker-Couch. Danach wurde sein Verhalten immer gespenstischer.



Die Mutter wurde von einer Gesangsschülerin (Nadja Nigg) dargestellt, die in einem langen weißen Kleid mit Kopfschleier auftrat. Die einfallsreiche Beleuchtung stellte sie in helles Licht, während Antonia und Mirakel eher im Zwielicht standen. Wie es sich gehört, wurde das Terzett Antonia-Mutter-Mirakel zum musikalischen Höhepunkt des Abends.



Dracula-ähnlich stand Mirakel in seinem Cape-Umhang beschwörend hinter Antonia. Für dieses gelungene Terzett gab es den verdienten Applaus. Dank an den Dirigenten, dass er das Publikum applaudieren ließ, ohne hineinzuspielen, wie das meistens geschieht. Dieses Terzett gehört zum Schönsten, das Jacques Offenbach komponiert hat. Wenn es, wie in Vaduz, ausgezeichnet dargeboten wird, soll das Publikum auch seine Freude ungehindert ausdrücken dürfen.



Pianissimo – und das können nicht alle Sopranistinnen - sang sich Antonia in den Armen ihres Vaters zu Tode. Das war ein ergreifender Schluss.


Niklaus, Hoffmann und Giulietta

Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen beim Opernverein Vaduz. Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.


Nach kurzer Umbaupause ging es weiter mit dem Giulietta-Akt. Venezianische Laternen erleuchteten die Bühne. Die drei Balletteusen erschienen wieder und tanzten, nun in gebückter Haltung, zur musikalischen Einleitung der Barcarole. Wie es sich gehört, ohne Piccolo.


Dann zog eine sorgfältig ausgearbeitete und verzierte venezianische Gondel in Originalgröße von rechts über die Bühne. In ihr saßen Niklaus und Giulietta und sangen das Gondellied. Dafür bekamen sie ihren verdienten Applaus. Der Gondoliere war übrigens der Erbauer dieser Gondel. Sie soll nach der letzten Aufführung verkauft werden.


Pitichinaccio war als venezianischer Lakai mit Gesichtsmaske als Giulettas Sklave gekennzeichnet. Hauptmann Dapertutto trat in schwarzem Umhang mit großem, scharlachrotem Kragen auf. Die Spiegel-Arie erklang.


Giulietta gab sich nun ziemlich kokett, um den Hoffmann für sich einzunehmen. Immer wieder ließ sie ihr langes, weinrotes Kleid auf die Oberarme hinabrutschen. Ein raffiniertes Luder wurde da gezeigt.



Dann konnte sie Hoffmann in der Gondel verführen. Dazu gab es ein schönes Duett mit Hoffmann. Dann erklang das Sextett.



Zwischen Hoffmann und Schlemihl gab es ein richtiges Degenduell. Und wieder erklang kein Piccolo. Wenn es schon sein muss, kann ich es mir in dieser Szene noch am ehesten vorstellen, da dessen scharfer Klang die dramatische Szene dazu passend begleitet.





Ungerührt ließ Giulietta den Hoffmann an Land zurück, während sie in der Gondel davonschwebte. Vergeblich lief er ihr nach.


Klar und ohne Kiekser kam der ernüchternde Bläserchor, und Niklaus wurde wieder zur Muse. Stella erschien mit Lindorf, im Arm einen großen Blumenstrauß. Das Ende nach Guiraud-Choudens war wie üblich kurz.


Noch während die letzten Töne des Finales erklangen, eröffnete das Publikum heftigen Applaus, der lange dauerte und hochverdient war.


Hintere Reihe: Chor. Vorne; Mutter, Schlemihl, Spalanzani, Muse/Niklaus, Hoffmann, Dirigent/Regisseur, Olympia/Antonia/Giulietta, Widersacher, Piti, Lutter




Nach der Vorstellung trafen sich einige Chorsänger und Solisten sowie Frau und Herr Biedermann im Gasthof Au zu einer Nachbesprechung. Immer wenn die Gläser erhoben wurden, erklangen mehrstimmig einige Strophen aus den Trinkliedern in Lutters Wirtschaft. Da Liechtenstein östlich des Rheins liegt, war die Kommunikation mit den Akteuren für mich einfacher als sie das auf der Westseite gewesen wäre, denn das Liechtensteiner Idiom ist eher österreichisch-vorarlbergerisch als schwyzerdütsch geprägt. Ein netter und geselliger Ausklang nach einem erfreulichen Opernabend.






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