Ohrenschmaus in Frankfurt

www.oper-frankfurt.de



Besuchte Vorstellung 3. Oktober 2010 (Premiere)







Regie


Dale Duesing

Dirigent


Roland Böer

Chor


Matthias Köhler

Bühnenbild


Boris Kudlička

Kostüme


Arno Bremers

Version


Oeser

Sprache


Französisch




Hoffmann


Alfred Kim

Muse


Jenny Carlstedt

Olympia


Brenda Rae

Antonia


Sylvia Hamvasi

Giulietta


Claudia Mahnke

Widersacher


Giorgio Surian








Fazit: Ein »Hoffmann« der Sonderklasse, was den Gesang angeht. Auch das Orchester spielte so perfekt und inspiriert, wie man das sehr selten zu hören bekommt. Die Regie des Bass-Baritons Dale Duesing beschränkte sich auf das Notwendigste, was den optisch-sinnlichen Bereich angeht: oft verhaltenes Agieren der Sänger und sparsames Bühnenbild. Dale Duesing hat dem Publikum im Wesentlichen das präsentiert, was er selbst am besten beherrscht: hervorragenden Gesang, dessen Niveau dem an der Met gleichkam. Wie die Diva Brigitte Fassbaender mit ihrem Hoffmann in Innsbruck 2008/09 hat auch Dale Duesing regiemäßig nicht viel mehr als gute Hausmannskost abgeliefert. Eine eigene Interpretation der Oper suchte man vergebens. Freundlicher Applaus des Premierenpublikums, Begeisterung für die Sänger und das Orchester.

Der österreichische Dirigent Nikolaus Harnoncourt hat einmal gesagt: Töne sind höhere Worte. In Frankfurt gab es viele schöne Töne.


Die Frankfurter Oper erfreut sich eines ausgezeichneten Rufes und wurde in den vergangenen Jahren von Opernkritikern mehrfach ausgezeichnet als beste Oper Deutschlands und auch für ihr Orchester. Noch mit dem Mannheimer »Hoffmann« vom vorhergehenden Abend im Kopf freute ich mich auf die zweite Premiere innerhalb von 24 Stunden. Ähnliches hatte ich schon vor zwei Jahren mit Bern und Erfurt erlebt, aber diesmal war die Distanz zwischen beiden Theatern wesentlich komfortabler, und auch in der Qualität lagen beide Theater nahe beisammen.



Die Frankfurter Oper liegt gleich gegenüber der augenblicklichen Residenz der Europäischen Zentralbank, und ein riesiges Einheitswährungssymbol grüßt von der anderen Straßenseite. Die Kommunikation mit der Presseabteilung der Frankfurter Oper war freundlich, locker und entgegenkommend.



Das Theater ist ein moderner Bau mit elegantem Inneren und hat gut 1300 Plätze. Die vorherrschende Farbe ist Blau.



Im Foyer merkte man sogleich, dass man sich in einem Haus der gehobenen Kategorie befindet, wenn man sich z.B. die Garderoben der Damen ansah. Auch viele der Herren waren in feines Maßgeschneidertes gewandet, und einige schienen frisch vom Kosmetiker gekommen zu sein. Auch das Orchester war schick gekleidet mit Frack und weißer Fliege.




Olympia, Antonia, Giulietta und Hoffmann an der Bar


Vor Beginn wurde das Publikum in Kenntnis gesetzt, dass die vorgesehene Sängerin der Antonia, Elza van den Heever, wegen Erkrankung nicht singen könne, dass man aber mit Sylvia Hamvasi von der Rheinoper Düsseldorf-Duisburg Ersatz gefunden habe. Nachdem sie mich im Rheinischen Hoffmann vor knapp einem Jahr in der gleichen Rolle voll überzeugt hatte, sollte mir das recht sein


Schön maestoso akzentuiert, aber nicht ganz so wuchtig wie am Vorabend, kamen die Auftaktakkorde. Die riesige Bühne ging auf, und ein Hoffmann in Lila befand sich ganz einsam vor der ebenfalls riesigen Bar, welche den Bühnenhintergund ausmachte. Graue Kassetten bildeten das geometrische Muster des Kubus, in den man blickte.


Lindorf trat auf, und wuchtig drohend dröhnten die Kontrabässe zu seinem Auftrittsmotiv. Aha, da denkt ein Dirigent gut mit, ging es mir durch den Kopf. Mit kultivierter Stimme stellte sich Lindorf vor, und Hoffmann hörte unbewegt zu. Das war schon gleich mal ein überzeugender musikalischer Auftakt, was das Orchester und die erste Stimme anging. Diese Sensibilität der Orchestereinstudierung sollte sich fortsetzen.


Die riesige und reich bestückte Bar rollte nach vorne und bevölkerte sich; Hoffmann blieb weiter unbewegt. Auch die ersten Passagen des Chores überzeugten voll.



Dann trat die androgyne Muse auf, farblich dem Hoffmann angepasst in einem lila Hosenanzug und mit Pferdeschwanzfrisur.


Muse und Hoffmann


Auch Hoffmann überzeugte gleich mit lockerer, voller und kultivierter Stimme. Hier schien sich ein musikalischer Ohrenschmaus anzukündigen, wenn es so weiter gehen würde.


Hoffmann sang einen witzigen Klein-Zach, sparte aber an der Mimik. Drei schicke Damen traten zu ihm, als er zur Stella überging. Das mussten Olympia, Antonia und Giulietta sein. Eine gute Idee. Diese drei Damen klatschten verfrüht zu seinem Klein-Zach, nicht aber das Publikum. Mit diesem Gag wollte sich wohl der Regisseur über den häufig zu hörenden deplazierten Applaus während des Klein-Zach mokieren, doch das Frankfurter Publikum ging ihm nicht auf den Leim. (Erfreulicherweise gibt es in den Opernhäusern noch keinen Übertitel APPLAUS! wie in den Trash-Shows des Privatfernsehens) Für den Klein-Zach, auf den Alfred Kim einen extra hohen Ton gekonnt gesetzt hatte, bekam er den verdienten Applaus.


Hoffmann mit Zaubertrank und Muse


Das Vorspiel dauerte 25 Minuten. Eine Wohltat nach den 40 Minuten des Vorabends.

Dann trat Olympia vor, die sich bis dahin mit den drei anderen Traumfrauen des Hoffmann an die Bar gelümmelt hatte. Sie war in ein Minikleid aus Goldlamé gekleidet, und lange Fransen auch dem gleichen Material umspielten ihre schönen Beine.

Spalanzanis Labor schob sich von der Seite auf die Bühne, und auf einer Schiene hingen allerlei Puppen – Kreationen des Spalanzani – herab und schwebten über die Bühne. Spalanzani gab seiner Olympia einen aufmunternden Schmatz auf die Wange.


Derweilen sang Niklaus mit guter Mimik die Vogelarie, in der er Hoffmann vor der leblosen Spieluhr warnte. Coppelius trat in einem grell gestreiften Zebra-Jackett auf.


Die Zauberbrille nahm in Fankfurt die Gestalt eines Zaubertrankes an, der dem Hoffmann so gut schmeckte, dass er gleich mehrere davon genoss.


Solchermaßen gestärkt war Hoffmann sofort von Olympia begeistert, nachdem Spalanzani sie hereingeführt hatte. Dale Duesings Olympia war mal kein Automat, sondern eine schöne Frau, die sich elegant zu bewegen wusste. Der schick gekleidete Chor erwies ihr die Ehre mit superpräzisen Achteln in allegro, die genau synchron zum Orchester kamen. Das hört man selten.


Links Spalanzani; Hoffmann und Olympia


Und dann kam der große Auftritt der Olympia. Was für eine Schau! Flüssige Legati, präzise Staccati, eine wunderschöne und klare Stimme, wie man sie selten hört. Und dazu zog Olympia eine Tanzshow ab mit Elementen vom Disco-Tanz bis hin zum Bauchtanz. So eine souverän gesungene und gespielte Olympia-Arie hatte ich erst einmal gesehen und gehört. (Luzern 2008/2009)

Immer wenn sie schwächelte, brachte sie Spalanzani mit einer Fernbedienung diskret wieder auf Trab. Er zeigte seinen Stolz über seinen Star ganz offen. Hoffmanns beide anderen Frauen hielten sich derweil an der Bar auf.


Hoffmann trug die Trümmer der zerstörten Olympia herein, die dann von Cochenille weggepackt wurden. Die Darstellerin gesellte sich wieder zu ihren beiden Kolleginnen an die Bar.

Diese riesige, mit vielen verschiedenerlei Flaschen gefüllte Bar bildete während der gesamten Oper den Rahmen für die Handlung. Schließlich finden ja Hoffmanns Erzählungen in Lutters Kneipe statt. Auf den Hockern vor der Bar, mit dem Rücken zum Publikum, saßen Hoffmanns drei Frauen, wenn sie nicht gerade vorne gebraucht wurden.



Spalanzanis Labor wurde hinausgefahren, und gespenstisch rollte Antonias Flügel auf die Bühne. Ganz von alleine und ohne irgendwelche Kabel. Da musste jemand eine Fernsteuerung eingebaut haben, oder befand sich ein verborgener Chauffeur darin wie in des Widersachers Diablomobil in Sofia?

Antonia war, wie meistens, in Blau gekleidet. Spannung machte sich im Publikum breit: Wie würde die eingesprungene Sängerin sein? Ich sah ihr eher locker entgegen, denn ich kannte sie schon vom »Hoffmann« der Rheinoper Düsseldorf. Wunderschön kam ihr Lied von der Tourterelle. Das war einfach nur ergreifend.

Krespel war erstaunlich gut gekleidet mit Smoking und Fliege. Naja, die Nähe der Bankentürme wirkte wohl auf die Oper herüber.

Franz legte einen schaumgebremsten Auftritt hin, passend zum sonstigen Stil der Inszenierung. Dafür gab es auch keinen Applaus. Ein Kontrastprogramm zum Hoffmann in Gießen im April, wo der Bär tanzte. In den deutschen Übertiteln tauchte mal wieder die „Methode“ auf.

Unter die Haut gehende Duette Antonia – Hoffmann folgten. Das war Gesangskunst in Vollendung, gefolgt vom ebenso perfekten Terzett Mirakel – Hoffmann – Krespel. Leider fehlte meine geliebte Geigenarie, die man mal wieder gestrichen hatte. (Auf die Spiegelarie im Giulietta-Akt kann ich verzichten.)



Hier stimmte musikalisch einfach alles. Als Antonia leise sang „je ne chanterais plus“ spielte auch das Orchester pianissimo. Pefekte musikalische Koordinierung in Frankfurt, was die Anpassung der Orchestermusik an die Handlung oben auf der Bühne anging. Das hatte ich noch nie annähernd so perfekt erlebt, nicht einmal an der Met.



Die Stimme der Mutter erklang aus den Kulissen, da die Sängerin Katharina Magiera auch im richtigen Leben bald Mutter wird. Den Bezug zur Mutter stellte Antonia her, indem sie deren Portrait an sich drückte.



Der musikalische Höhepunkt dieser Oper ist meistens das Terzett Mutter – Antonia – Mirakel. Ich hatte es noch nie so schön gehört wie in Frankfurt. Hinreißend. Das Publikum wollte applaudieren, doch der Dirigent ließ weiterspielen. Ist ja auch ein dramatischer Moment in der Oper, den er vielleicht nicht unterbrechen sollte.



Nach Olympias Tod sackte auch Hoffmann verzweifelt zusammen.


Hoffmann und Giulietta


Der Übergang zum Giulietta-Akt erfolgte nahtlos. Eine breite Treppe senkte sich von oben herab und legte sich auf die Galerien, die von der Seite herein geschoben worden waren.


Vier Disco-Kugeln spiegelten von der Decke herab, und Giulietta trat auf. Eine sinnliche Giulietta in lindgrünem Kleid und mit roten Haaren. Halb auf der Treppe liegend stimmte Niklaus die Barkarole an, und Giulietta über ihr stehend schloss sich an. Kein Pikkolo in Frankfurt, wie es sich gehört. Hier hätte ich mir gewünscht, dass sie weiter vorne gesungen hätten, denn die große Bühne dämpfte doch die Lautstärke etwas.

Zwei allerdings züchtig in glitzernde einteilige Badeanzüge gekleidete Pole Dancer traten auf. Dapertutto war in einen schimmernden Satin-Anzug gekleidet. Das Orchester spielte ungeheuer spritzig und dazu präzise. Jacques Offenbach hätte seine Freude daran gehabt.


Als Dapertutto die Spiegelarie sang, rotierte die fünfte Disco-Kugel ganz schnell.

Gut wurde dargestell, wie Giulietta zwischen Hoffmann und Dapertutto hin und her schwankte. Mit großer Dramatik sang sie dann ihr Klagelied, und das folgende Duett Giulietta – Hoffmann war einfach ein Genuss.



Der Verlust von Hoffmanns Spiegelbild wurde mit Hilfe der Disco-Kugeln dargestellt, wie ich das schon bei Dmitri Bertman in Tartu gesehen hatte.



Ein Duell Hoffmann – Schlemihl fand nicht statt. Hoffmann erschoss Schlemihl schnöde in den Rücken. Dann rief er noch der Giulietta zu: „Je t´ aime“, doch die hatte sich schon abgesetzt zu den beiden anderen Kolleginnen an der Bar. Und die Treppe mit dem toten Schlemihl hob sich.



Perfekt kam der ernüchternde Bläserchoral.

Die drei Damen gingen nun auf Hoffmann zu, wandten sich aber gelangweilt von ihm ab, als ob sie von ihm nichts mehr zu erwarten hätten. Der sang dann noch den Rest des Klein-Zach, als Lindorf einem flotten Vierer entgegenzugehen schien, denn Stella trat nicht auf – wie übrigens in ca. der Hälfte aller Inszenierungen.



Hoffmann und die Muse waren dann alleine auf der Bühne

Mit wunderschön samtigem Klang leitete das Orchester den Abgesang der Muse auf Hoffmann ein „Les cendres de ton coeur“

Die obigen Szenenfotos wurden uns freundlicherweise von der Frankfurter Oper Zur Verfügung gestellt.

Alle Rechte daran liegen beim Fotografen Wolfgang Runkel (www.wolfgang-runkel.de) und bei den Städtischen Bühnen Frankfurt.


Hoffmann erwachte aus seinem Rausch, und ein riesiger Chor von geschätzt über 70 Sängern bereitete der Oper ein musikalisch überwältigendes Ende.


Der Premierenapplaus war freundlich und dauerte gut sieben Minuten, und natürlich wurden die großartigen Solisten gefeiert, besonders die überragende Olympia und die tapfer eingesprungene Antonia, der man überhaupt nicht angemerkt hatte, dass sie bei der Einstudierung nicht dabei gewesen war.



Auf der Internetseite der Frankfurter Oper findet man einige Ausschnitte aus der Oper sowie Anmerkungen des Regisseurs Dale Duesing und des Dirigenten Roland Böer:

http://www.oper-frankfurt.de/de/page489.cfm?video=/fileupload/videos/teaser.flv&startBild=/fileupload/videos/teaser-startbild.jpg




Dem exzellenten Ohrenschmaus folgte ein guter Gaumenschmaus. Die Oper Frankfurt erfreute ihr Premierenpublikum mit einem exquisiten und reichhaltigen Buffet

Links zu weiteren Besprechungen:


Sehr emfehlenswert die fundierte Kritik von Uwe Schweikert in der OPERNWELT, Dezember 2010, in der die beiden »Hoffmänner« in Mannheim und Frankfurt gegenübergestellt werden.

Gießener Allgemeine: http://www.giessener-llgemeine.de/Home/Nachrichten/Kultur/Artikel,-Hoffmanns-Erzaehlungen-feiert-in-Frankfurts-Oper-Premiere-_arid,211111_costart,2_regid,1_puid,1_pageid,14.html

Frankfurter Rundschau: http://www.fr-online.de/kultur/musik/traeumereien-am-tresen/-/1473348/4711734/-/index.html (übrigens ein gutes Beispiel für eine perfekte deutsche Opernkritik)

Feuilleton Frankfurt: http://erhard-metz.de/2010/10/19/hoffmanns-erzaehlungen-in-der-oper-frankfurt/

Auf der Seite der Freunde des Nationaltheaters Mannheim findet sich ein Vergleich der Inszenierungen in Mannheim und Frankfurt (etwas runterscrollen): http://www.freunde.nationaltheater.de/pressestimmen-oper-mannheim-10.html




Bilder von der Premierenfeier





Regisseur Dale Duesing



Olympia auf der Premierenfeier




Giulietta auf der Premierenfeier



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