Erfreulicher »Hoffmann« in Hildesheim zum Miterleben und Mitfühlen



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Besuchte Vorstellung 3. Dezember 2011 (Premiere)





Das Plakat, das in Lutters Taverne hing

Regie


Axel Heil

Dirigent und Chorleiter


Achim Falkenhausen

Ausstattung


Philippe Miesch

Version


Guiraud-Choudens

Sprache


Deutsch




Hoffmann


Christian Malchow

Muse


Dorothee Schlemm

Olympia


Aurora Perry

Antonia


Isabell Bringmann

Giulietta


Regine Sturm

Widersacher


Levente György































Fazit Hildesheim: Nach der grausamen Kreuzigung dieser Oper durch Richard Jones am Nationaltheater München erlebte sie am Theater für Niedersachsen in Hildesheim eine überzeugende Wiederauferstehung. Musikalisch und stimmlich war alles bestens. Herausragende Merkmale dieser Inszenierung waren das gute Verständnis des Regisseurs für diese Oper und die vielen kleinen und großen werkskonformen Details, mit denen dieses Verständnis für den Zuschauer szenisch umgesetzt wurde. Die Regie hatte sich korrekt an das Libretto gehalten und völlig auf werksfremde Ausschmückungen und weitgehend auf Bizarrerien verzichtet. Auch wer diese Oper zum ersten Mal sah, konnte Hoffmanns Erlebnissen gut folgen. Dem Sänger des Hoffmann schien diese Rolle wie auf den Leib geschrieben. Wieder einmal hatte die sogenannte Provinz eine Metropole um Längen geschlagen. Bühnenbild und Kostüme waren fantasievoll und passten gut zum Stil dieser Inszenierung. Vor der Premiere gab es eine gut besuchte und fundierte Einführung durch den Dramaturgen.

Die Zukunft dieses sympathischen Theaters ist keineswegs gesichert. Nur für die nächsten drei Jahre sind ausreichende Mittel vorhanden. Man kann diesem engagierten Ensemble nur die Daumen halten, denn dieses Theater bringt durch zahlreiche Abstecher in kleinere Städte hohe Kultur auch an Orte, die kein eigenes Theater besitzen. Daher auch der Name „Theater für Niedersachsen“.


Stella vor ihrem Plakat


Das Theater in Hildesheim wurde mit der Landesbühne Hannover zusammengelegt und ist in einem schlichten und eleganten Gebäude untergebracht. Das Theater war im zweiten Weltkrieg zerstört und ziemlich bald wieder aufgebaut worden. Knapp 600 Zuschauer finden in einem großen Parkett und auf zwei Rängen Platz. Die Akustik erwies sich als sehr gut. Im Orchestergraben zählte ich zwei Kontrabässe und drei Celli. Vor der Premiere gab es eine fundierte und gut besuchte Einführung.


Donner, Blitz und Rauch gingen den schön akzentuierten Auftaktakkorden voraus. Hoffmanns turbulente Erlebnisse kündigten sich an. Ein Plakat mit der Diva Stella wurde sichtbar, als der Vorhang aufging. Ein Radfahrer kurvte über die Bühne, doch der hatte anders als in Trier eine Funktion: er war Stellas Briefbote. Der Diebstahl ihres Briefes an Hoffmann wurde gut gespielt.


Das Bühnenbild war einfach, aber wirkungsvoll. Ein gravitätischer Lindorf trat auf. Als er sich vorstellte, ging eine elegante und mondäne Stella im Bühnenhintergrund vorbei. Schließlich ging es ja um sie. Und schon gab es den ersten Applaus für die gelungene Vorstellung des Widersachers.


Hoffmanns Freunde, 12 an der Zahl, strömten von außen herein, wo es offensichtlich regnete. Eine lebhafte und gut choreografierte Sängerschar trat auf, die für ihren Auftritt auch schon den zweiten Applaus bekam. Das geschieht selten.


Muse als Klein-Zach


Freudig wurde Hoffmann von seinen Freunden begrüßt. Der Hildesheimer Hoffmann war von der Regie her so konzipiert, wie ich ihn mag: ein melancholischer, sensibler, unsicherer Charakter, der durch seine fantastischen Abenteuer stolpert. Der Hildesheimer Sänger passte gut zu diesem Regiekonzept. Kein jovialer Grandseigneur, kein Kasperl wie in München oder gar ein die Handlung beherrschender Macho.


Als Hoffmann zum Klein-Zach anhob, wurde die Muse von den Zechkumpanen zur Projektionsfigur für die Beschreibung des Zwergs umfunktioniert. Die Muse fand das aber gar nicht lustig und machte nur unter Protest mit, wie ihr lebhaftes Mienenspiel erkennen ließ.


Als Hoffmann zu Stella überging, wandte er sich dem Plakat mit Stella zu, die er sehnsüchtig ansang. Dann umarmte er seine Muse, als er zum Zwerg zurückkehrte. Es gab herzlichen Applaus für die schön gesungene Auftrittsarie Hoffmanns.

Bald wurde mir klar, dass hier in Hildesheim eine ordnende Hand erster Güte Regie führte, was die werkgetreue und detailverliebte Interpretation und Ausschmückung dieser Oper anging. Der Kontrast zur eigenartigen Inszenierung in München, die ich zwei Wochen zuvor gesehen hatte, war augenfällig. Hier war ein klares Konzept erkennbar, das auf der Linie des Librettos lag. Hoffmann wurde zwar nicht unbedingt immer als Dichter erkennbar, aber es wurde bald klar, dass er das Opfer der um ihn herum agierenden unberechenbaren und ihm meist übel wollenden Charaktere wurde. Solche »Hoffmänner« gibt es eher selten. Ein bekanntes Beispiel dafür ist die Inszenierung Giancarlo del Monacos, die auch auf DVD erhältlich ist.


Olympia (Mitte) mit Kolleginnen, dahinter Spalanzani


Olympia – Niklaus - Hoffmann


Nach knapp 30 Minuten war das Vorspiel in Lutters Keller beendet, und der Vorhang für den Olympia-Akt ging auf. Vier mannshohe Kästen standen auf der Bühne. Ein lebhafter Zeremonienmeister Spalanzani in Rokokokostüm trat auf. Eine schön gesungene Vogelarie des Niklaus wurde mit lebhafter Mimik vorgetragen, wobei Hoffmann in seiner Naivität verspottet wurde.


Ein süffisanter Coppelius stieg aus einem der Kästen und verkaufte Hoffmann eine Zauberbrille. Dann öffnete er einen der Kästen, und Olympia, als Braut gekleidet, trat heraus.


Die Damen und Herren des Chores, gekleidet in schicke Anzüge und Kostüme, betraten die Bühne. Sie alle bekamen 3D-Brillen verpasst. Spalanzanis Faktotum Cochenille erinnerte mich an Seifenstein aus der österreichischen Fernsehserie Wir sind Kaiser, aber das war Zufall, denn im höheren Norden sieht man wohl den ORF seltener als in Bayern.


Durch ein rosenumkränztes Portal trat Olympia auf. Doch die als Braut gekleidete Olympia war nicht alleine. Vier weitere Bräute rahmten sie ein, eine hübscher als die andere. Cochenille setzte sich dann einen Kaninchenkopf auf, was wohl eher in die Abteilung Bizarrerie gehörte.


Hoffmann mit zerstörter Olympia, dahinter Cochenille


Und immer wieder versuchte Niklaus, Hoffmann von seiner Verblendung zu retten. Die Handschrift eines detailverliebten Regisseurs, der diese Oper gut verstanden hatte, wurde immer wieder sichtbar.


Olympia begleitete ihre ausgezeichnet gesungene Arie mit lebhaftem Mienenspiel. Sie war keine mechanische Puppe, wie man Olympia in München einfallsarm gestylt hatte, denn wenn Hoffmann seine Zauberbrille aufhat, kann er doch die Olympia nicht als Puppe wahrnehmen.


Olympias vier Kolleginnen tanzten zur Arie, und die kapriziöse Olympia flirtete dabei heftigst mit Hoffmann. Keine Hand im Theater klatschte zu früh, wie schon vorher nicht beim Klein-Zach, aber dann gab es donnernden Applaus für Aurore Perry.


Sie hatte ein raffiniertes Wickelkleid an, an dessen unterem Saum Hoffmann so lange zog, bis Olympia im weißen Unterkleid dastand.


Und dann blitzte es hinter der Bühne: Coppelius hatte Olympia zerstört. Hoffmann blieb nichts als ein kunstvoll nachgebildeter Kopf der Olympia, den er traurig liebkoste. Dabei schützte Niklaus den betrogenen Hoffmann vor dem Spott der Gäste.


Begeisteter Applaus für diesen Akt und Pause.


Antonia und Hoffmann


Der Antonia-Akt spielte in einer Geigenbauerwerkstatt. In einer Vitrine hing das Bühnenkleid von Antonias Mutter. Mit zarter und sehnsüchtig klagender Stimme, die sich zu ergreifender Dramatik erhob, sang Antonia ihr Lied von der entflogenen Taube. Sie tat das so überzeugend, dass man sie tröstend in den Arm hätte nehmen wollen.


Mit einem großen Hörrohr am Kopf trat Franz auf. Anders als an der Bayerischen Staatsoper sang er sein Couplet nicht unvermittelt, sondern sein Frust war gut herausgespielt worden. Naja, und wieder einmal fehlte einem Franz die Methode. Für seinen gut choreografierten Auftritt bekam er auch seinen Applaus.


Obwohl in Hildesheim aus wirtschaftlichen Gründen die honorarfreie Guiraud-Choudens-Version gegeben wurde, hatte man die Geigenarie hineingenommen. Das freute mich natürlich, und besonders weil sie mit großer Ausdruckskraft gesungen wurde. Das Publikum dankte mit Applaus.


Hoffmann und Antonia begrüßten sich stürmisch (all das hatte in München gefehlt). Herzerfrischende Duette der beiden folgten, wobei Antonia das verliebte Mädchen überzeugend darstellte. Die applausfreudigen Zuschauer dankten.


Hoffmann und Niklaus bei der Geigenarie


Auch Nebenrollen waren in Hildesheim stimmlich sehr gut besetzt, so zum Beispiel Vater Krespel. Mirakel trat in einem Fu-Man-Chu-ähnlichen Kostüm mit Zopf als Scharlatan einer fernöstlichen Placebo-Medizinschule auf. Gespenstische Beleuchtung herrschte auf der Bühne („Ein Schauder erfasst mich“), als Mirakel bei seiner Pseudo-Diagnose eine Geige malträtierte.


Ein höchst diabolischer und bedrohlicher Mirakel agierte da auf der Bühne, der auch stimmlich voll überzeugte. Nachdem Krespel ihn zur Tür hinausgeworfen hatte, kam er wie Garou-Garou durch die Tapete wieder herein.


In waberndem rotem Nebel beschwor er Antonia, doch zu singen. Antonia wurde ganz euphorisch, als ihr Mirakel die Karriere ausmalte, doch auch ihre Ambivalenz wurde dargestellt, wie sie sich die Ohren gegen den Einflüsterer zuhielt.


Dann erschien die Mutter hinter dem Kleid in der Vitrine, und ein großartig gesungenes Terzett Mutter - Antonia – Mirakel erklang. Antonia zog dabei eine Kopie des Bühnenkleides der Mutter an und tanzte beglückt darin.


Dramatisch sang sich Antonia zu Tode. Als sie geschwächt zusammenbrach, warf ihr Mirakel höhnisch einen Strauß weißer Blumen hinterher. Ergreifend und ganz pianissimo sang sie ihr Sterbelied; das können bekanntlich nur wenige.


Giulietta und Niklaus bei der Barkarole


Dann folgte eine besinnliche Stille, während der die Bühne umgebaut wurde.

Flirrende Geigen leiteten die Barkarole ein. Wie es sich gehört, befanden sich Niklaus und Giulietta in galanter Pose nahe beeinander, und kein Pikkolo pfiff. Ein üppiges Bühnenbild war sichtbar geworden. Viele Kurtisanen in roten Roben schmusten mit Gigolos im Frack auf samtigen roten Sofas. Wasserpfeifen standen herum. Dann erkannte ich, dass hier eine verkehrte Welt dargestellt wurde, sie waren nämlich TVs und KVs. Die Kurtisanen waren Transvestiten, und die Gigolos Kesse Väter. Viele Spiegel glitzerten auf der Bühne.


Auch Niklaus war den Reizen Giuliettas verfallen. Und die wiederum war dem Dapertutto hörig, besonders als der die Spiegel-Arie sang. Ein Janus-köpfiger Pitichinaccio wandelte dazu über die Bühne.


Niklaus war völlig verzweifelt, als Hoffmann die Kurtisane anschmachtete, die ihn mit feurig-dramatischer Stimme umgarnte. Für ihren ausdrucksvollen Gesang bekam sie Applaus. Hoffmanns Verliebtheit wurde überzeugend dargestellt.


Giulietta und Hoffmann


Der Verlust von Hoffmanns Spiegelbild wurde einfach und wirkungsvoll dargestellt. In einem Rahmen befand sich eine spiegelnde Folie, vor der Hoffmann samt seinem Spiegelbild stand. Diese Folie samt Spiegelbild riss Dapertutto weg.


Im Duell, das mit Pistolen ausgetragen wurde, bekamen die beiden Duellanten schwarze Augenbinden, und Dapertutto führte Hoffmanns Hand, der dann sofort über seine Mordtat erschrak. Und er hatte auch sonst Grund zur Verzweiflung, denn Giulietta glitt ohne einen Abschiedskuss schnöde davon. Niklaus, der treue Begleiter, rettete Hoffmann vor der drohenden Verhaftung. Eine Alibi-Gondel war übrigens nicht auf der Bühne, ohne dass ich eine vermisste. Die Bordellatmosfäre kam gut herüber.


Die Transvestiten zogen ihre roten Roben aus, wurden wieder zu Männern und standen nun ziemlich demaskiert und lächerlich in Unterhosen da, wobei einige ihre roten Röcke anbehielten, und tanzten wild durch Lutters Taverne. Die fantastischen Geschichten waren zu Ende, Hoffmann war wieder in der Wirklichkeit angekommen, einigermaßen jedenfalls, denn er hatte einiges getrunken.


Muse mit trunkenem Hoffmann


Dann kam Stella mit ihrem Schlitz im Kleid und fragte: „Wo ist Hoffmann?“ Doch der lag betrunken am Boden. Seine Freunde wollten ihn wecken, doch vergebens. Seine treue Muse versicherte ihm, dass sie ihn liebe und legte sich zu ihm. Doch Hoffmann rührte sich nicht. Das war nun ein offenes Ende. Was aus Hoffmann und seiner Muse werden soll, muss sich der Zuschauer selbst ausmalen. Offensichtlich hatte man in Hildesheim eine Scheu vor einem Happy End, wie sie schon Ernst Bloch geäußert hatte. Aber wenigstens ließ man den Hoffmann nicht sterben, und das ist auch schon was.


Damit war die Oper in der gespielten Version zu Ende, und herzlicher Applaus mit einzelnen Jubelrufen ertönte. Die Hauptdarsteller wurden heftigst beklatscht und bejubelt, auch das Orchester und das Regieteam. Irgendwann ging der Applaus in rhythmisches Klatschen über, und als sich die Muse verbeugte, wurde sogar getrampelt. Fast zehn Minuten dauerte der verdiente Applaus.



Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen beim Theater für Niedersachsen in Hildesheim und beim Fotografen Andreas Hartmann. Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit und die ausgezeichneten Bilder.


Das Theater lud sein Premierenpublikum zu einer gut besuchten Premierenfeier ein, auf der die folgenden Bilder entstanden. Auf der Premierenfeier erfuhr ich, dass in Hildesheim vor eineinhalb Jahrzehnten ein »Hoffmann« mit einem erstaunlichen Antonia-Akt gespielt worden war: Antonia überlebte und verließ Hoffmann, um Karriere zu machen.

Nette Gespräche ergaben sich bei der Premierenfeier. Ich fragte eine der Mitwirkenden, die gerade mit einem der Tenöre geflirtet hatte, was denn Tenöre so attraktiv mache. Sie meinte entwaffnend: „Meine letzte Beziehung mit einem Bassbariton scheiterte; jetzt versuche ich es einfach mal mit einem Tenor.“





Stella mit ihrem Plakat



Antonia und Olympia



links Dirigent, rechts Hoffmann



Links Muse, rechts Olympia II (Julia Riemer), für die man auch einen eigenen Kopf für ihren bevorstehenden Auftritt angefertigt hatte.



Mutter und Olympia









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