Pittoresker »Hoffmann« als musikalische Nummernrevue in Stockholm

www.folkoperan.se

Besuchte Vorstellung 4. März 2015 (Premiere)






egie


Linus Fellbom

Dirigentin


Marit Strindlund

Chorleitung


Pelle Olofson

Bühnenbild und Kostüme


Dan Potra

Version


eigene

Sprache


Schwedisch




Hoffmann


Jesper Taube

Muse


Miriam Treichl

Olympia, Antonia, Giulietta


Elisabeth Meyer

Widersacher


Johan Schinkler
















Danke, dass Sie keinen Alkohol mit in den Zuschauerraum nehmen




Fazit Stockholm: Man nehme eine Oper, lasse alle Dialoge und Rezitative weg, und schwupp, hat man den Stockholmer »Hoffmann«. Dazu noch ein passendes Bühnenbild, bunte Kostüme aus der Zeit E.T.A. Hoffmanns, und eine begnadete Stella, die alle drei Rollen souverän sang. Auch die anderen Sänger und der Chor lagen auf gewohntem hohen schwedischen Gesangsniveau. Die reine Spielzeit reduzierte sich folglich auf zwei Stunden, aber alle wichtigen Arien wurden geboten. Wer diese Oper kennt, für den war die Stockholmer Inszenierung ein Genuss, da man nur die musikalischen Höhepunkte hörte. Auch für das Auge gab es viel zu staunen: fantasievolle Kostüme und ein kreatives Bühnenbild. Das Publikum war begeistert und klatschte oft und spontan wie selten in einer Oper zu hören. Wer Hoffmanns Erzählungen nicht oder kaum kennt, sollte sich vorher über den Inhalt und die Botschaft von Hoffmanns Erzählungen kundig machen.


Der Opernbetrieb in Schweden und die übrigen skandinavischen Länder wird bei uns leider kaum wahrgenommen. Dabei findet dort Musiktheater auf höchstem Niveau statt. Besonders die Orchester und Sänger sind an Qualität nicht zu übertreffen. Die Tradition von Jussi Björling, Nicolai Gedda und Birgit Nilsson verpflichtet. Leider hat es in Stockholm schon lange keine »Hoffmann«-Insznenierung mehr gegeben. An der Königlichen Oper Stockholm durfte ich im Sommer 2009 Jahren freundllicherweise den letzten »Hoffmann« in einer Aufzeichnung sehen. Danach fand dort die Generalprobe der Pique Dame statt. Ich war höchst beeindruckt von der Qualität des Orchesters und des Gesangs.


An der Folkopera Stockholm wurde zuletzt 1990 ein »Hoffmann« inszeniert. Und von dieser Inszenierung führt ein direkter Draht zur gegenwärtigen. Der Regisseur des aktuellen »Hoffmann« ist der Sohn des Regisseurs des »Hoffmann« von 1990, und seine Mutter dirigierte damals. Leider sah ich diese Inszenierung nicht, trotz meiner regelmäßigen Sommerbesuche in Schweden und der Stockholmer Gegend, denn vor Beginn der Theatersaison musste ich immer zurück zur Arbeit. Linus Fellbom war damals 13 Jahre alt und bekam natürlich die Arbeit seiner Eltern mit und sah die Oper. Sie gefiel ihm sofort. Ich kann gut nachvollziehen warum. In ähnlichem Alter sah auch ich meinen ersten »Hoffmann«. Als Teenager verliebt man sich ja dauernd in irgendwelche Mädchen und Frauen von der Nachbarstochter bis zu Marilyn Monroe, die man natürlich nie bekommt, oder die einem ein älterer oder sonstiger Rivale wegnimmt. Und genau das geschieht ja in dieser Oper. Linus Fellbom und ich haben also ähnliche Motive, warum wir diese Oper mögen. Bei mir kam noch das Motiv des bösen Mannes dazu, von dem es in der Zeit des Adenauer-Regimes viele noch aktive Exemplare aus vergangenen tausendjährigen Zeiten gab.


Die Folkopera liegt in einem südlichen Stadtteil Stockholms und ist in einem ehemaligen Kino untergebracht, das einmal Garbio hieß. Benannt nach Greta Garbo. Und Kino heißt auf Schwedisch bio, kurz für biograf. Die Folkopera ist kein staatliches oder städtisches Theater, sondern eine Stiftung, die aber Zuschüsse bekommt. Sie wurde 1976 gegründet und befindet sich seit 1985 am Ort in der Hornsgata 72.


Der Eingang hing voll leerer Plastikflaschen, deren ehemaliger Inhalt auf Alkohol schließen ließ. Wo immer ein Plätzchen war, standen solche leere Flaschen herum. Im Foyer spielte eine Drei-Mann-Combo. Von der Decke hingen Schilder wie musikalisk orgasm. Die Premiere war schon Monate vorher ausverkauft. Ob das Schild, auf dem gebeten wurde, keinen Alkohol mit in den Zuschauerraum zu nehmen, ernst gemeint war oder einen Bezug zu den vielen leeren Flaschen darstellen sollte, vergaß ich zu fragen.


Das Innere des Theaters, das keinen Orchestergraben hat, strahlt den Charme eines alten Kinos aus und ist ganz in Blau gehalten. Ich konnte keinen leeren der 589 Plätze entdecken. Es gibt ein ansteigendes Parkett und einen großen, stark ansteigenden Balkon. Die Bestuhlung auf dem Balkon war ziemlich eng, wie in der Holzklasse eines französischen TGV. Ein Sitznachbar kommentierte, dass dies wohl Absicht war, damit niemand einschlafen kann. Ein typisches Beispiel für den trockenen schwedischen Humor.


Links auf der Bühne war Platz für ein zehnköpfiges Orchester plus Dirigentin. Bläser, Streicher, und auch ein Hackbrett und Bandoneon. Auf der Bühne stand ein riesiger Büffetschrank, der voll leerer Flaschen stand. Jemand pfiff die Auftaktakkorde, und nicht einmal zu schnell. Dann spielte das Orchester den Auftakt im Stil ungarischer Czárdás-Musik. Passt, ein Czárda ist ein ungarisches Wirtshaus, und wir befanden uns ja in Lutters Taverne.


Dann folgte der klassische Chor mit den fröhlichen Trinkliedern. Dazwischen ein paar Tangoklänge. Der Chor war farbenprächtig gekleidet wie einfache Menschen zur Biedermeierzeit, also ungefähr als E.T.A. Hoffmann lebte. Für die 20 Choristen gab es gleich mal den ersten Applaus. Da sage mal jemand, die Schweden seien reserviert. Ich kenne die anders, und zwar schon seit 1966 und von mindestens 50 Besuchen in ihrem Land.


Ein alter Hoffmann in Hausrock und mit schütterem Haar sang unmittelbar danach den Klein-Zach, dessen vorzüglicher Gesang mit dem zweiten Applaus belohnt wurde. Das war auch schon das ganze Vorspiel in Lutters Taverne.


Für den Olympia-Akt verwandelte sich der alte Hoffmann flugs in einen jungen Mann. Auf dem Tresen stand Coppelius als eine Art Kobold, der auch noch gleich die Rolle des Spalanzani mit übernommen hatte. In die Musikbegleitung wurden ein paar Klezmer-Töne eingestreut. Coppelius peppte sich mit irgendwas auf, präsentierte sich theatralisch und verpasste dann dem Hoffmann die Zauberbrille. Und plötzlich fielen alle hundert oder mehr Flaschen oben auf dem Büffet um und wurden an Seilen über das Publikum gezogen. Was für ein aufwändiger Effekt. Damit nichts passieren konnte, waren die Flaschen aus leichtem Kunststoff.



Und nochmal gab es Applaus für den Chor, als der den Einzug von Spalanzanis Gästen besungen hatte. Und dann ertönte die Geigenarie, die sonst zum Antonia-Akt gehört. Schön und emotional von Niklaus gesungen, wofür es natürlich wieder einmal den verdienten Applaus gab.




Olympia


Jetzt begann mir langsam das Konzept der Regie zu dämmern. Ich hatte mich ja schon über die angekündigte kurze Spielzeit von zwei Stunden einschließlich Pause gewundert. Das war neuer Rekord, mal abgesehen von Hannover. Die Folkopera präsentierte uns einen »Hoffmann« praktisch ohne Dialoge und Rezitative und mit reduziertem Personal. Anhand der Arien wurde die Handlung dargestellt. Deswegen die Ankündigung „musikalisk orgasm.“ Lauter schöne Melodien aus der Hand Jacques Offenbachs.


Schnell und präzise sang der Chor das Lob auf Olympia, die daraufhin von Coppelius hereingetragen wurde. Olympia war in ein aufwändiges und farbenfrohes Ballettkostüm gekleidet und fiel erst mal um. Dann erfreute sie uns mit einer strahlenden und präzisen Koloratur. Immer mal wieder schwächelte sie, fiel um und wurde von Coppelius wieder belebt. Jubelnder Applaus für ihren glänzenden Auftritt.


Trickreich wurde während des Walzers, den Hoffmann mit Olympia tanzte, die Sängerin gegen eine identisch aussehende Puppe ausgetauscht, die nun plötzlich auf dem Boden lag und von Coppelius zerstört wurde. Und schon war der Olympia-Akt vorbei, für den es Applaus gab.


Auch Hoffmann lag deprimiert am Boden. Langsam erwachte er aus seiner katatonischen Starre. Mit hellem, lyrisch bis dramatischem Sopran stellte sich die gleiche Sängerin nun vor. Und wieder applaudierte das Stockholmer Publikum lebhaft. Herzliche Begrüßung Hoffmann – Antonia, gefolgt von wunderschönen Duetten der beiden, die natürlich auch wieder beklatscht wurden. Gleich pries ihr Mirakel die bevorstehende Karriere an. Der Sänger des Widersachers beeindruckte mit stentorhaftem Bariton, der auch ein riesiges Theater wie die Met füllen könnte.


Und gleich ging es weiter mit dem Terzett, das aber eigentlich ein Duett Antonia – Mirakel war. Die Stimme der Mutter wurde von einer Geige – oder war es eine Bratsche? - dazugespielt. Dann sang sich Antonia zu Tode, die Bühne verlassend. Das Orchester spielte Misstöne, und der Akt war schon aus und Applaus.Es hatte keinen Franz gegeben, auf dessen Auftritt ich gut verzichten kann, da die meisten Regisseure seine Bedeutung für die Oper ohnehin nicht verstehen.


Nun war Pause, und ich konnte mir das Publikum ansehen. Erstaunlich, wie gut es altersmäßig durchmischt war. Besonders die mittleren Jahrgänge unter 50 waren zahlreich vertreten. Die vermisst man an deutschen Theatern besonders.


Für den Giulietta-Akt sah ich in Stockholm Probleme voraus, denn die damals regierende Linkskoalition hatte 1999 ein Gesetz verabschiedet, das den Kauf von sexuellen Dienstleistungen unter Strafe stellt. Laufend werden in Schweden seitdem Männer zu Geldstrafen verurteilt, die sich ein Liebesabenteuer erkauften. (Bei Frauen und Schwulen schaut die Polizei weg.) In Malmö erwischte man sogar einen Richter, der prompt entlassen wurde. Und nun könnte es auch den Hoffmann erwischen, doch die Regie erlaubte sich keine Anspielung. Naja, Hoffmann bekommt ja von Giulietta nichts für sein Spiegelbild, aber die Absicht ist schon vorhanden.


Aber immerhin herrschte auf der Bühne keine fröhliche Atmosfäre, die man einem Bordell unterstellt. Giulietta war in ein riesiges Kleid gehüllt, dessen Rock so langsam entfaltet und in alle Richtungen ausgebreitet wurde. Der Durchmesser war sicher zehn Meter. Für diesen gelungenen Effekt gab es langen und jubelnden Applaus.



Und dann sang Dapertutto die Diamantenarie, aber endlich mal wieder die richtige von Jacques Offenbach, und nicht die dazugeschusterte von Andreas Bloch. Dieses Offenbach´sche Original wurde nicht zu knapp beklatscht. Giulietta war nun keine aktive Verführerin, sondern ließ den Hoffmann kommen. Der sang das Lob auf die Lust und Trunkenheit, natürlich applausbedacht. Danach gleich ein schönes Duett Giulietta – Hoffmann.


Hoffmanns Verlust des Spiegelbildes wurde aufwändig dargestellt. Ein riesiger Spiegel von mindestens fünf mal drei Metern zerbrach spektakulär, und dahinter saß die Diebin des Spiegelbildes, Giulietta.


Niklaus, Giulietta, Hoffmann, Dapertutto


Dann kam die fälschlicherweise Septett genannte Nummer, eigentlich ein Sextett mit Chor, das nun auf ein Quartett mit Chor reduziert war: Hoffmann – Dappertutto – Giulietta – Niklaus, die bisher außer der Geigenarie kaum etwas zu singen hatte. Doch Giulietta konnte sich nicht lange ihres Triumphes erfreuen. Sie starb, betrauert von Dapertutto.


Im Nachspiel in Lutters Taverne war Hoffmann nun wieder ein alter Mann, der auf sein Leben zurückblickte. Eine stumme Stella kam und ging mit Lindorf fort. Traurig sang ihr Hoffmann den Rest des Klein-Zach hinterher. Und das Orchester spielte ein paar klagende Klezmer-Töne. Wunderschön sang die Muse den bewegenden Abgesang auf Hoffmann, der am Tisch sitzend zusammengesunken war. Dann löschte sie stumm die Kerze, die auf Hoffmanns Tisch brannte. Ein rührendes Ende.







Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen bei der Folkopera Stockholm und beim Fotografen Mats Bäcker. Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.


Spontaner und lauter Jubel brach aus. So ein Publikum kann sich jedes Theater nur wünschen. Applaus für das Orchester, für den Chor. Alle bekamen Blumen, wie das sonst nur an den slawischen Theatern üblich ist. Dann natürlich Jubel für die Solisten. Applaus und Jubel auch für das Regieteam. Der Applaus dauerte gut fünf Minuten. Wie ich die Stimmung im Publikum einschätzte, hätten das leicht zehn Minuten oder mehr werden können, wenn man eine geschicktere Applausregie gewählt hätte. Man bettete nämlich die Solisten in Musiker und Choristen ein. Doch meiner Erfahrung nach will das Publikum am liebsten die Solisten alleine bejubeln. Theater, welche diesem Schema folgen, erzielen meist zehn oder fünfzehn Minuten Applaus.


Der Applaus für das Regieteam, rechts der Regisseur


Danach bauten fleißige Helfer im Garderobenforum flink Tische und Stühle für die Premierenfeier auf, die damit eingeleitet wurde, dass einige Choristen ein Trinklied aus der Oper sangen, nun nach der gelungenen Premiere sicher wesentlich erleichterter als auf der Bühne.


Auf der Premierenfeier, die von drei ziemlich langen Reden der Intendantin, der Dirigentin und des Regisseurs unterbrochen wurde, konnte ich mich mit den meisten Beteiligten unterhalten. Die großartige Stella erkannte gleich meinen Akzent und antwortete mir in akzentfreiem Deutsch. Sie ist die Tochter eines Schweizers und einer Schwedin und wuchs in beiden Ländern auf. Ich bin sicher, dass man noch viel von ihr hören wird. Der Sänger des Hoffmann, Jesper Taube, ist verwandt mit dem legendären schwedischen Barden Evert Taube (1890 - 1976). Auf und am Rande der Premierenfeier entstanden die folgenden Bilder.




Stella



Regisseur


Chorsängerinnen




Stella und Hoffmann


Muse










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