Gelungenes und engagiertes »Hoffmann« - Experiment in Berlin

www.operaontap.org/berlin

Besuchte Vorstellung am 18.2.2016 (Generalprobe)






















































Fazit Berlin 2: Ein abgespeckter »Hoffmann« in einem ehemaligen Stummfilmkino am Prenzlauer Berg, ohne Orchester, Chor und Bühnenbild, aber mit professionellen Sängern, einem souveränen Pianisten, einer Cellistin, passenden Kostümen, straffer Regie, ausgefeilter Choreografie und unglaublichem Engagement der jungen Sänger. Einige schöne Stimmen, auf die so manches professionelle Stadttheater stolz sein könnte.


Berlin ist immer für eine Überraschung gut. Während München in einem Dämmerschlaf der gepflegten Routine versunken ist, spielt die Musik heute in Berlin, und nicht nur an der Komischen Oper, an der ich am 17.2. die vorläufig letzte Aufführung der genialen Inszenierung Barrie Koskies sah. Anschließend unterhielt ich mich in der Kantine, in die mich eine freundliche Pförtnerin eingelassen hatte, nachdem ich mein Begehr vorgetragen und mich indentifiziert hatte, mit einigen dort anwesenden Solisten. Darunter Sydney Mancasola (Stella) aus Kalifornien, die mir sagte, dass ein Freund am folgenden Tag an einer »Hoffmann« - Aufführung in einem ehemaligen Kino mitwirken würde. Veranstalter sei operaontap.org, eine internationale Opernvereinigung, die in den USA basiert ist. Opera on Tap kann man mit Kneipenoper übersetzen. Das war ja eine Überraschung.


Olympia und Hoffmann


Einen Wikipedia-Artikel dazu gibt es noch nicht, aber hier kann man einige Informationen finden. Opera on Tap entstand in der Kulturwüste der westlichen Führungsmacht USA; in der es nur in 18 der 50 Staaten überhaupt Opernhäuser gibt. Da es aber in den USA viele Operninteressierte gibt und natürlich auch Gesangsschulen, bilden sich hier und dort spontane Fringe Theater. Nur ist es für die Absolventen der Gesangschulen schwierig, an den wenigen Opernhäusern, die meisten ohne festes Ensemble, überhaupt die Möglichkeit zum Auftritt zu finden. Und so gründete sich 2005 in einer Bar Opera on Tap. Filialen gibt es in New York, Boston und Houston. Es gibt Liederabende und Opern, z.B. in Kunstgalerien oder Tavernen. Finanziert wird Opera on Tap zum gro0en Teil durch Crowd funding. Das ist eine hauptsächlich im Internet verbreitete Methode, Geld für ein Projekt von einer großen Zahl interessierter Unterstützer dieses Projekts zu sammeln. Im Jahr 2013 wurden weltweit über fünf Milliarden Dollar für verschiedene Crowd-funding-Projekte eingesammelt. (Die EU dagegen wird weitgehend durch Kraut-Funding finanziert) Für das Berliner »Hoffmann«-Projekt hatten gut 100 Unterstützer über 7500 Euro gespendet.


Ich muss vorausschicken, dass selbst im Opernland Nr. 1, in dem sich die Hälfte aller regelmäßig bespielten Opernhäuser der Welt befinden, nämlich in Deutschland, nur ca. einer von zehn ausgebildeten Opernsängern sein Geld auf der Bühne verdient. Die übrigen neun müssen sich irgendwie durch´s Leben schlängeln und abseits des professionellen Opernbetriebs ernähren. Kein Wunder, dass es junge amerikanische Sänger in das Opernparadies Deutschland zieht, wo es nicht nur Bühnen, sondern auch ein für Opernmusik empfängliches Publikum gibt. Einen passenden Rahmen entwickelte Opera on Tap.


Man versucht, mit einfachen Mitteln und auf hohem musikalischem Niveau Opern aufzuführen. Da Bühnenbild und Kostüme sowie Orchester und Chor kostenaufwändig sind, lässt man die einfach weg, soweit das geht oder bastelt sie selbst. Der Gesang steht im Mittelpunkt, aber die Aufführungen unterscheiden sich von konzertanten Aufführungen durch Choreografie und (vermutlich selbstgebastelte) Kostüme sowie einfache Requisiten auf der Bühne.


Muse und Mitmanagerin


Das war nun der spontanste »Hoffmann« - Besuch meiner bisher 89 Hoffmaniaden. Der Aufführunsgort liegt am Prenzlauer Berg im ehemaligen Osten in einem Stummfilmkino, das entkernt wurde und lange leer stand. Von außen könnte man meinen, das Haus werde bald abgerissen. Innen nur kahle Wände, ohne Farbe und Tapeten, an manchen Stellen auch ohne Putz. Was funktionierte, waren die Heizung, die Toiletten und eine rudimentäre Bühnentechnik, die aus Scheinwerfern bestand.


Die Truppe von Opera on Tap hatte in anderen Lokalen geprobt und konnte erst am Tag der Generalprobe in das Haus. Den ganzen Tag über war man mit Stellproben und Einstellen der Beleuchtung beschäftigt. Ich hatte Opera on Tap-Berlin angemailt, nachdem ich um ein Uhr morgens nach der Aufführung an der Komischen Oper ins Hotel gekommen war, da ich einen Notebookcomputer dabei hatte. Am Vormittag hatte ich schon eine Antwort. Am Abend der Generalprobe hielt ich im BAIZ einen Vortrag über Epikur, den ich rechtzeitig beenden konnte. Das Delphi-Kino liegt in der Nähe, und eine Freundin fuhr mich hin. Freundlicher Empfang und kurze Einführung durch Anne, die später die Muse sang.


Im Raum vor der Bühne ein Flügel, dahinter zahlreiche Tische mit Stühlen drumrum, hinten eine Theke. Es sollten also auch Getränke angeboten werden. Außer der Regisseurin, die vom Balkon lenkte, gab es nur den Pianisten sowie eine Cellistin. Alles andere wurde von den Sängern erledigt. Die waren schon geschminkt und in Kostümen. Die meisten waren in Schwarz, und sie waren im Stil der Stummfilmstars grotesk geschminkt. Der Pianist war als Transvestit gestylt und trug hochhackige Schuhe. Pianist ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck, denn er saß an einem Flügel. Gibt es dafür ein eigenes Wort? Jedenfalls beherrschte er sein Hand- und Fingerwerk perfekt. Ab und an gesellte sich eine Cellistin zu ihm, die ansonsten für ihn umblätterte oder die Sänger dirigierte.


Olympia


Sarah hatte mich gebeten, etwas vor der geplanten Generalprobe um 21 Uhr zu kommen, aber das ging nicht wegen meines Vortrages. Außerdem beginnen Generalproben nie zur vorgesehenen Zeit. So um 20 vor Zehn wurde es dann ernst. Pianist und Cellistin nahmen ihre Plätze ein. Vorne links saßen um einen Tisch mehrere schwarz gekleidete Männer, bleich und grell geschminkt, rechts vorne auf einem Stuhl, der auf einem Tisch stand, räkelte sich eine sexy Frau, gekleidet in eine schwarze Corsage mit Netzstrümpfen und Strapsen. Sowas gefällt einem »Hoffmann«-Freund doch gleich. Schließlich spielt Erotik in dieser Oper eine bedeutende Rolle.


Die Muse stellte sich auf Deutsch mit feurigem Gesang vor, begleitet vom Piano, aus dem ziemlich schnelle Auftakte kamen. Die Muse stand dazu mitten im Publikum. Ab dann wurde aber auf Französisch gesungen. Ich merkte gleich, dass hier keine Amateure auftraten, sondern professionell geschulte Sänger.


Das Vorspiel in Lutters Taverne war auf das Wesentliche gekürzt, auch der Klein-Zach, in dem Hoffmann ziemlich schnell zu Stella überging. Der Chor bestand aus zwei Männern, die sich revueartig und kreativ zu ihrem Gesang bewegten. Ich kann vorausschicken, dass sich die Choreografie der gesamten Inszenierung auf hohem Niveau befand. Auch die Gestik erinnerte an die grotesken Stilmittel der Stummfilme.


Die über dem Publikum (eigentlich waren es außer mir nur ein paar befreundete Besucher der Sänger) thronende sexy Olympia überraschte mit einer perfekten Koloratur, sinnlich, feurig und schön anzusehen. Der Hoffmann war nun ein anderer als der, der das Vorspiel gesungen hatte. Er trieb allerlei neckische Spielchen mit der erotischen Olympia. Das war schon nicht mehr ganz jugendfrei.


Coppelius bat Olympia eigenhändig auf die Bühne, wo sich dann der Rest des Aktes abspielte. Mit ausgezeichnetem Gesang in allen Rollen erfreute das Ensemble. Ein Bühnenbild im üblichen Sinn gab es nicht. Die nackten unverputzten Wände hinter der Bühne verliehen der Handlung schon einen leicht makabren Charakter. Die Chorpassagen fehlten, dafür waren natürlich die einzelnen Charaktere ausgefeilt gestaltet. Spalanzani sang mit krächziger Falsetto-Stimme. Viel und gut einstudierte Gestik und Mimik auf der Bühne.


Die drei Hoffmänner; von links: H II, H I und H III


Antonia trat in einem langen Goldlamé-Kleid auf. Nun war etwas Farbe in den schwarzweißen Stummfilm gekommen. Und wieder erklang eine wunderschöne Stimme. Franz sang bei seinem Couplet die Olympia an, die er dabei fesselte und mit einer Augenbinde blind machte. Nun kam der dritte Hoffmann auf die Bühne.


Dr Mirakel drängte sich herein wie Tartuffe im Stummfilm Freidrich wilhelm Murnaus aus dem Jahr 1925, als dieses Kinogebäude vermutlich seine besten Jahre erlebte. Die Cellistin hatte sich immer wieder mal an ihr Instrument gesetzt, aber meistens gab es nur Begleitung vom Flügel.




Mirakel hypnotisierte Antonia, Krespel und Hoffmann, die sich nach seinem Willen bewegten. Antonia saß auf Hoffmanns Schoß und blickte verklärt, als ihr der falsche Arzt die Karriere ausmalte. Die Mutter sang vom Balkon. Dieses Terzett Mirakel – Mutter – Antonia wurde ganz hervorragend interpretiert. Auch die Mutter stand unter dem Bann Mirakels.


Die Regie beabsichtigte wohl, dass sich Mirakel und die Mutter gegen Antonia verbündet hatten, denn beide gingen Hand un Hand und tanzten einen Walzer, als sich die arme Antonia zu Tode sang.


Zum Giulietta-Akt saßen die drei Hofmänner zusammen am Tisch links vorne, und Niklaus servierte ihnen Getränke. Hoffmann war jetzt wieder der aus dem Vorspiel. Bei der Barkarole standen Giulietta und die Muse zwar weit voneinander entfernt, aber dank der hervorragenden Akustik in dem kahlen Saal klang sie gut. Die Choreografie auf der Bühne war wiederum sehr plastisch.


Gut, dass die Regie auf die dröge Spiegelarie verzichtete und Dapertutto tourne, miroir singen ließ, aber nicht nach der Melodie aus der kaye-keck-Version. Giulietta war gestylt wie ein Stummfilm-Vamp und erinnerte mich an Gloria Swanson. Gurrend und verführerisch wirkte sie einfach unwiderstehlich. Den Schlemihl führte sie als Sklaven vor. Hoffmann bekam von ihr einen Liebestrank verpasst. An ebendiese Flasche verlor Hoffmann sein Spiegelbild. Verzweifelt starrte er die Flasche an, in deren Glas er sich nicht mehr sah.



Das Ende des Giulietta-Aktes wurde richtig dramatisch, als der getäuschte Hoffmann von der Bühne verjagt wurde. Dafür erschienen seine drei Grazien. Die sangen ein selten zu hörendes Terzett. Für dieses hatte der musikalische Leiter dieser Inszenierung, Tim Ribchester, zu einer Melodie Jacques Offenbachs ein Terzett für die drei Verkörperungen der Stella instrumentiert.

Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen beim und bei der Fotografin Jarka Šnajberková. Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.


Zur Apotheose kam die Mutter wieder auf die Bühne, und alle zwolf Mitwirkenden boten ein bewegendes Finale, nachdem die Muse den drei Hoffmännern ihre Erzählungen in Buchform gegeben hatte, während sie des cendres de ton coeur sang. Dann erklang ein gewaltiger Ensemblechor, und dieser ungewöhnliche »Hoffmann« war nach ca. zwei Stunden zu Ende. Leider hatte ich für Freitag meine Rückreise nach München gebucht und konnte deshallb die Premiere nicht erleben.

















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