Klassischer »Hoffmann« mit sensationeller Stella in Kosiče







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Besuchte Vorstellungen 23. Februar 2018 (Premiere)

und am 29. Juni 2018






Regie


Imre Halasi

Dirigent


Maroš Potokár

Chorleitung


Lukáš Kozubík

Bühnenbild und Kostüme


Henriette Laczó

Version


Guiraud-Choudens

Sprache


Französisch




Hoffmann


Tomaš Černy

Muse


Myroslava Havryliuk

Olympia, Giulietta, Antonia


Michaela Várady

Widersacher


Marián Lukáč











Fazit Kosiče: Wieder mal ein »Hoffmann«, wie man ihn sich zu sehen wünscht. Sehr guter Gesang in allen Rollen, überragt von einer Stella, die nicht besser sein kann, begleitet von einem tadellosen Orchester, dirigiert von einem Kapellmeister, der alles richtig machte. Der Chor war hervorragend aufgestellt und meisterte auch schwierigste Passagen einwandfrei. Diverse Balletteinlagen boten viel für´s Auge. Dazu ein passendes Bühnenbild mit kreativer Beleuchtung. Die Regie hatte Hoffmanns Erlebnisse und Leiden richtig interpretiert und auch seine Erlösung gut dargestellt. 


Ich muss gestehen, dass ich noch nie von Kosiče gehört hatte. Ein echtes Versäumnis. Nun ist diese hübsche Stadt in der Ostslowakei, nahe am Dreiländereck Slowakei, Ukraine und Polen auf meiner Landkarte fest eingeprägt. Ungarn ist auch nicht weit. Nicht nur die gelungene Oper, sondern auch das Stadtbild mit seiner gotischen Kathedrale und ihren original erhaltenen Schnitzaltären waren die elfstündige Anfahrt per Bahn mehr als wert. Kosičes Innenstadt besteht aus einer verkehrsberuhigten Fußgängerzone, die ca. einen Kilometer lang und +/- 50 m breit ist. Mittendrin stehen die Kathedrale und gleich daneben das Theater. Es wurde Ende des 19. Jahrhunderts, also noch zu k.u.k.-Zeiten in einem Stilmix aus Jugendstil, Neorenaissance und Neobarock errichtet. Das Innere, besonders der Zuschauerraum, sind überreich mit Goldornamenten verziert, wie sie nur wenige andere Theater bieten. Mit fallen nur die Garnier-Oper in Paris und das Národni Dívadlo in Prag als ebenbürtig ein. Spötter meinen, die Oper von Kosiče sehe aus wie das luxuriöseste chinesische Restaurant der Welt. Die Premiere I an einem Freitag war nicht ganz ausverkauft. Am Samstag darauf fand die Premiere II  mit leicht veränderter Besetzung statt. Im Orchestergraben zählte ich zwei Kontrabässe und drei Celli. Das Theater hat 550 Plätze in einem ansteigenden Parkett, drei Balkonen und einer Galerie. An den Seiten befinden sich zahlreiche Logen. Kartenpreise des Staatstheaters bewegen sich zwischen 5 und 17 Euro. 


Die Oper wurde mir dem melancholischen Bläserchor aus dem Finale eröffnet. Drei verschleierte Frauen standen auf der Bühne, die ein Gewölbe darstellte. Dann folgte ein richtig getragener und schön maestoso gespielter Auftakt. So wurde der Zuschauer gleich musikalisch in das sich entwicklende Drama eingeführt. Der Wirt Lutter und eine weiß gekleidete Muse kamen. Lindorf stellte sich ausführlich vor, dafür hatte man die Anfeindungen zwischen Hoffmann und Lindorf gestrichen, ebenso Fausta, Gretchen und Elonore. Richtig so.



Sechs Kellnerinnen und Kellner tanzten ein lebhaftes Ballett zu den Trinkliedern. Erster Applaus. Zum Klein-Zach mimte einer der Tänzer den Klein-Zach. Schöner, sinnlicher Übergang zu Stella. Die erschien dann in langem glitzernden Corsagenkleid wie eine Prinzessin aus einer Fabelwelt. Das Orchester spielte ebenso lebhaft wie der Chor sang, und es gab Applaus für den Klein-Zach. Dazu gab es abwechslungsreiche Beleuchtung mit kontrastiven Farbspielen. 25 Minuten blieben wir in Lutters Keller; genau richtig.



Im Hintergrund wurde eine zerstörte Olympia ominös gezeigt, bevor der Akt begann. Olympia saß unter einem kleinen Baldachin und wurde hereingerollt. Zur Vogelarie des Niklaus gab es wieder Ballett. Ein Mann mit Irokesen-Bürste in den französischen Farben tanzte dazu. Niklaus erfreute mir einem runden und vollen samtigen Mezzo.



Hoffmann bekam von Coppelius eine übergroße knallrote Brille. Superschnell und perfekt im Takt mir dem Orchester sang der Chor das Lob auf Olympias Augen. Da hatte man sicher viel geübt. Dann erklang eine strahlende, präzise und höhensichere Koloratur. Einfach nur begeisternd. Das Ballett tanzte mit sechs großen Spiegeln um sie herum. Kräftiger, langanhaltender Applaus für diese großartige Olympia. Ihr Walzerlied mit der zauberhaften Geigenbegleitung gestaltete wiederum das Ballett. Hoffmann warf sich auf die zerstörte Olympia und wurde kräftig verlacht. Applaus und Pause.



Es ging weiter mit dem Giulietta.Akt. Eine pittoreske Szene bot sich auf der Drehbühne. Giulietta und Niklaus schwebten auf zwei schmalen Schaukeln hoch über der Bühne, als sie die Barkarole sangen. Dazu begleitete das Orchester sinnlich und ohne Piccoloflöte, wie es sich gehört. Diese Barkarole war ein musikalisches Erlebnis. Alles passte. Zwei schöne, volle Stimmen, sinnliche Orchesterbegleitung und akustisch großartig, weil Giulietta und Niklaus nebeneinander hoch über der Bühne schwebten. Und das langsame Tempo passte auch. Die Bühne war ganz in rotes Licht getaucht.



Hoffmann bekam auch seinen Applaus für seine Hymne an die Lust. Applaus gab es auch für die Spiegelarie und das Duett Hoffmann – Giulietta. Mit einem Handspiegel klaute Giulietta Hoffmanns Spiegelbild. Und darauf folgte ein schwelgerisches Sextett, das eine schwierige Stelle enthält, nämlich als nach einer Fermate von ca. einer Sekunde das gesamte Orchester, der Chor und die sechs Solisten genau im gleichen Moment einsetzen müssen. Auch das wurde souverän gemeistert. Das hatte ich zuletzt in Bad Orb erlebt. Sonst wird hier gerne gepatzt, auch an besten Adressen.



Dann gab es ein raffiniertes Degenduell Hoffmann – Schlemihl, bei dem beide Duellanten ihre Degen aufblitzen ließen. Der Akt endete, als Hoffmann und Niklaus über die Leiche Schlemihls gebeugt waren.



Der Antonia-Akt wurde eröffnet mit einem richtig lyrisch vorgetragenen Auftrittslied von Hoffmanns Verlobter. Welche Variabilität diese Stimme hat. Zuerst eine strahlende Koloratur der Olympia, dann eine hochdramatische Giulietta, und nun eine schön lyrische Antonia. Wenn eine Sängerin alle drei Rollen verkörpert, hapert es oft an der Lyrik in Antonias Stimme, die nur allzuoft zu dramatisch klingt. Sie bekam auch den verdienten Applaus.



Im Bühnenhintergrund ging ein Portrait der Mutter. Dann gab es wieder einmal einen Franz. In den slowakischen Übertiteln hatte die méthode richtig mit technika übersetzt. Applaus gab es auch für den Franz und vor allem für die Duette Antonia – Hoffmann. Ein schön gesungenes Männerterzett Hoffmann – Mirakel – Krespel folgte. Mirakel war als fernöstlicher Schaman gestylt. Irgendiwie erinnerte er mich an den dämonischen Dr. Fu Man Chu. Als er Antonia telepathisch zum Singen verleitete, zerknüllte er ein Notenblatt und warf es auf den Boden. Musik schtunk!



Die Mutter bildete das I-Tüpfelchen auf das hervorragend gesungene Terzett Antonia – Mirakel – Mutter, in dem Antonia über sich hinauswuchs. Ein klein wenig sollte sie sich dabei aus Rücksicht auf die beiden anderen zurückhalten. Und der Dirigent ließ uns klatschen. Danke!



Antonia starb in den Armen ihres Vaters – pianissimo singend, was nur wenige Sopranistinnen können.



Niklaus war in dieser Version nicht aufgetreten, und kam nun als Muse wieder in einem weißen Kleid. Die zauberhafte Stella kam wieder, doch die Muse wie sie ab: Bei Hoffmann hast du keine Chance. Er gehört mir, und beide waren vereint. Zum Trost bekam Stella von Lindorf einen Diamanten, wohl eine Art Verlobungsgeschenk.

Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen beim Staatstheater Kosiče und beim Fotografen...... Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.


Es gab kräftigen Applaus und Jubel, besonders für die überragende Stella und den Widersacher. Wie an slawischen Theatern üblich bekamen die Solistinnen Blumengebinde. Gegen Ende klatschte das Publikum rhythmisch. Der Applaus dauerte sechs Minuten, den man hätte verlängern können, wenn die Solisten häufiger vorgetreten wären. Anschließend gab es eine Premierenfeier für geladene Gäste.



Da mir Kosiče und die Oper so gut gefallen hatten, fuhr ich im Juni zur sechsten Vorstellung nochmal in diese freundliche Stadt. Die drei Sopranrollen sang diesmal Nicola Proksch, die ebenfalls ein herausragendes Gesangserlebnis bot.




Regisseur



Olympia, Antonia und Giulietta (Michaela Várady) mit Hoffmann nach der Premiere


Olympia, Antonia uns Giulietta mit ebenfalls singendem Ehemann an 29. Juni 2018




Die Regieasssistentinnen


Die beiden Flötistinnen des Orchesters mit Besucher










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