Geschickt komprimierter »Hoffmann« in einem Aufwasch in Lübeck


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Besuchte Vorstellung 19. April 2026



www.theater-luebeck.de








Die Fassade des Lübecker Theaters

Regie


Philipp Himmelmann

Dirigent


Takahiro Nagasaki

Chorleitung


Jan-Michael Krüger

Bühne


David Hohmann

Kostüme


Meentje Nielsen

Version


Oeser

Sprache


Französisch




Hoffmann


Konstantinos Klironomos

Muse


Frederike Schulten

Olympia


Sophie Naubert

Antonia


Andrea Stadel

Giulietta


Aditi Smeets

Widersacher


Jacob Scharfman





Auf Youtube findet sich einVideo mit eriner kurzen Zusammenfassung der Oper:

www.youtube.com/watch?v=0VIfcNuX2TM


Fazit: Ein »Hoffmann« bei dem fast alles stimmte, und in ungewöhnlichem Format präsentiert. Mehrere eigene Einfälle, die ich noch nicht gesehen hatte. Musikalisch und stimmlich alles auf bestem deutschem Stadttheaterniveau. Gewöhnungsbedürftig war das Format, nämlich die Oper ohne Pause durchzuspielen.. Dafür hatte man Überflüssiges weggelassen und die Übergänge zwischen den Akten auf Sekunden reduziert. Man könnte, wollte man böse sein, das gewählte Format als Schnapsidee bezeichnen. Da aber sonst alles stimmte, nehme ich das wieder zurück. Möglich wurde die Komprimierung durch eine intelligente Nutzung der Drehbühne. Die Orchesterbegleitung war ausdrucksvoll, gefühlig und dramatisch. Wieder einmal hat die sogenannte Provinz die Metropolen vorgeführt, Der »Hoffmann« an der Hamburger Staatsoper war wenig mehr als eine Aneinanderreihung teurer Bühnenbilder, und der »Hoffmann« an der Berliner Staatsoper ist einfach nur zum Vergessen. Doch die Mediengewaltigen, von unseren Zwangsgebühren finanziert und meist kenntnisarm was Opern angeht, ignorieren die kreative Provinz. Der Hamburger »Hoffmann« wurde gesendet, dieser wird es vermutlich nicht.



Das Lübecker Theater war mir schon von einem »Hoffmann« vor 10 Jahren bekannt, als dort eine begnadete Französin namens Fabienne Conrad alle drei Sopranrollen sang. So schnell vergeht die Zeit. Und alle zehn Jahre einen »Hoffmann« zu inszenieren ist eine gute Taktung. Das Theater wird von der Stadt Lübeck und dem Land Schleswig-Holstein betrieben, wurde nach 1900 erbaut und hat ca. 1000 Plätze. Es liegt mitten in der Stadt und sieht von außen gar nicht wie ein Theaterbau aus.



Eine gedeihliche Zusammenarbeit mit der Presseabteilung fand leider nicht statt; ich bekam keine Pressekarte. Das kommt in Deutschland nur sehr sehr selten vor. Von den über 50 »Hoffmännern« in Deutschland bekam ich nur in Dresden und nun Lübeck keine Pressekarte. Dafür bekam ich solche an der Met/New York, an der Scala in Milano, am Covent Garden in London, am Liceu in Barcelona, bei den Salzburger Festspielen usw., Machtnix, kann mir ein Billet locker leisten. Das teuerste an meinen Hoffmanniaden sind sowieso Anreise und Hotel.

Leider musste ich die Premiere am 31. Januar wegen eines Todesfalles im engsten Familienkreis verpassen. Ein guter Geist am Lübecker Theater übertrug mir die schon gekaufte Karte auf eine spätere Vorstellung. Danke dafür.


Die Nachmittagsvorstellung in Lübeck war ziemlich ausverkauft. Freie Plätze konnte ich nicht sehen. Das Publikum war ziemlich fortgeschritten, was das Alter anging. Es schien sich um eine Vorstellung für Senioren zu handeln. Schön akzentuiert kamen die Auftakte. Hoffmann saß mit dem Rücken zum Publikum an einer Bar und schrieb. Aber was sah ich von meinem Platz im 2. Rang aus? Das Theater in Lübeck hat eine Drehbühne, und dieser Kreis war in drei identische Sektoren von je 120° unterteilt, mit der senkrechten Drehachse in der Mitte der Drehbühne; also ungefähr so, wie mann man eine Tprte in drei gleichgroße Stücke teilt. Interessant, In einem angrenzenden Sektor saß ein zweiter Hoffmann. Diese drei Tortenstücke wurden häufig mit Doubles bevölkert. Die Muse wurde von oben auf einem Sattel sitzend heruntergelassen und wurde zum Niklaus. Spannender Anfang. Ein großer Chor von ca. 25 Männern trat auf, Hoffmanns Freunde,.



Es folgte eine ziemlich ausführliche Selbstdarstellung des Lindorf, so dass ich mich schon fragte, ob denn die zwei Stunden Spielzeit reichen würden. Doch nach Lindorf ging es konzentriert weiter. All das Überflüssige mit Fausta, Leonor und Gretchen, gestrichen. Und schon sang Hoffmann den Klein-Zaches. Eine lebhafte helle Stimme erklang, deren Sänger keine Probleme mit strahlenden Höhen zeigte. Dazu wurden gelungene Schattenspiele projiziert. Für diesen gut gesungenen Klein-Zaches gab es erstaunlicherweise keinen Applaus. Nach 15 Minuten war das Vorspiel bei Lutter erledigt. Bravo. Der Brief der Stella an Hoffmann war allerdings von Niklaus abgefangen worden und wurde nicht von Lindorf geklaut. Interessant, denn die Muse soll ja Hoffmann von den Weibergeschichten wegbringen und zur Kunst führen.



Und schon waren wir im Olympia-Akt. Das Bühnenbild war das gleiche geblieben. Olympia stand in einem roten Netzkleid an der Bar, das auch ihren Kopf bedeckte. Für die Drei Dukaten der Hoffmann – Spalanzani - Coppelius gab es aber dann den ersten Applaus. Spalanzani war als eine Art Chirurg mit Rokokoperücke gekleidet; könnte auch ein Giacomo Casanova gewesen sein. Die übrigen Kostüme außer der Olympia waren auch aus der Zeit vor 1800. Olympia wurde wie einst Kleopatra in einem Teppich reingerollt. Der Chor, die Damen in langen Kleidern, brachte ein ziemlich flottes Lob auf Olympias Augen aus.


Olympia sang ihre Arie gekonnt im Sitzen. Immer wenn sie schwächelte, schwächelten die Damen des Chores mit. Hoffmann hielt ihr ein Notenblatt vor die Augen. Olympia bekam praktisch ihre Rolle von Hoffmann vorgeschrieben. Interessant, denn sie entspringt ja seiner Fantasie, beflügelt von der Zauberbrille. Kräftiger Applaus für diese Olympia. Dann wurde Olympia wieder in den Teppich eingerollt und weiter singend hinausgebracht. Dort wurde sie von Coppelius zerstört, und ihre Einzelteile wurden hereingebracht, und Hoffmann verlacht.


Und schon war dieser erste Zentralakt beendet. Alles Wesentliche war drin. In der Kürze liegt die Würze. Die Drehbühne schwenkte um 120°, und wir waren in München bei Antonia und Krespel. Eine rote Bühnenrobe senkte sich herab.



Vater Krespel, der nicht will, dass seine Tochter singt, nahm ihr das rote Bühnenkleid weg. Die Begrüßung Hoffmann – Antonia fiel allerdings ziemlich distanziert aus, keine heftige Umarmung. Aber es gab schöne Duette Hoffmann – Antonia, aber beide sangen für sich. Dafür gab es verdienten Applaus. Gleich zu Beginn erklang schön gesungen meine geliebte Geigenarie des Niklaus. Die Pseudodiagnose der Antonia durch Mirakel geschah als Chiromantie. Mirakel hatte natürlich wieder seine homöopathischen Fläschchen und zeigte sie wie ein Exhibitionist auf der Innenseite seines Mantels, wie schon im Olympia-Akt seine meteorologischen Instrumente. Vater Krespel erschrak vor den Fläschchen, denn mit denen hatte Mirakel schon Antonias Mutter zu Tode kuriert.



Hoffmann sagte zu Antonia: Du musst wegen mir deiner Kunst entsagen. Er hatte sich somit zum Komplizen Krespels gemacht. Mirakel malte der Antonia ihre Karriere aus, indem er ihr das rote Bühnenkleid zeigte. Antonia: Wer rettet mich vor mir selbst?


Zum großartig gesungenen Terzett kam die Mutter hinter der Theke hervor. Antonia sang sich im Bühnenkleid zu Tode, legte es aber kurz vorher noch ab. Krespel wollte Hoffmann töten, doch Niklaus nahm ihm das Messer aus der Hand. Ja, und wo war der Franz geblieben? Gestrichen, und gut so. Der stört mit seinen Späßchen nur die dramatische Entwicklung dieser Tragödie.



Ohne Pause ging es weiter zu Giulietta nach Venedig, indem einfach die Bühne gedreht wurde. Keine Kristalllüster, keine Gondeln; kennt sowieso jeder. Schön sanft erklangen die Auftakte zur Barkarole. d.h. ohne kreischende Piccoloflöte. Zur Barkarole standen Muse und Giulietta nahe beieinander. Giulietta war eher schlicht-bürgerlich, also gar nicht nuttig gekleidet. Dann folgte eine traditionelle Spiegelarie des Dapertutto, wie sie von Andreas Bloch 1908 in Monaco in die Oper eingefügt wurde. Dieser Fremdkörper hat sich inzwischen bei Opernfans eingenistet als stammte er vom Meister Offenbach selbst, obwohl inzwischen zwei Originalmelodien von Jacques Offenbach gefunden wurden. Die sind aber nur in der teuren Kaye-Keck-Version des Schott-Verlages enthalten. Oper ist teuer, und so spielte man in Lübeck die günstigere Oeser-Version, die noch nicht den letzten Schrei darstellt. Das mus man verstehen. Es gab Applaus für Dapertutto.


Dapertutto öffnete wieder seinen Mantel, in dessen Innenseite zahlreiche Spiegel hingen; vermutlich die Seelen von Opfern der Kurtisane Giulietta. Dapertutto dominierte Giulietta total. Giulietta: Ich bin nur ein Tier, das in einem goldenen Käfig lebt. Dann folgte das Klagelied der Giulietta, in dem sie ihr gar nicht so spektakuläres Leben als Kurtisane schilderte. Sie wollte sich schon erstechen, doch Hoffmann bewahrte sie vor dem Selbstmord.


Niklaus wollte Hoffmann von ihr weglocken, und auch Giulietta sagte zu ihm: Geh und rette dich. Giulietta versprach Hoffmann erotische Erlebnisse, wenn er sie vor Schlemihl retten würde, der sie ebenfalls in seiner Gewalt hatte. Der Raub des Spiegelbildes geschah mit einem kleinen Handspiegel, wie das in letzter Zeit üblich geworden ist. Hoffmann und Giulietta umarmten sich, doch der eifersüchtige Schlemihl störte das intime Zusammensein. Falsche Giulietta, und ging auf Hoffmann mit einem Dolch los. Doch Hoffmann brachte den Schlemihl um.



Dann rief Hoffmann zu Giulietta: Ich komme, doch die wies ihn ab. Hoffmann hatte sein Spiegelbild verloren, er hatte Schlemihl umgebracht, und die bösartige Giulietta hielt ihr Versprechen nicht. Und schon ist der dritte Zentralakt beendet. Drehbühne, und alle drei Verflossenen des Hoffmann standen nebeneinander. Alle drei wiesen ihn ab. Niklaus wurde wieder zur Muse und sang: Die Muse wird dein Leiden lindern. Die Bühne drehte sich, und bewegend erklang der Abgesang der vier Frauen auf Hoffmann, von der Asche seines Herzens, und dass man groß wird durch die Liebe, aber noch größer wird durch den Schmerz. Eine ausdrückliche Versöhnung Hoffmanns mit seiner Muse fand nicht statt, also kein Happy End, sondern Open End. Aber immerhin ließ man Hoffmann nicht in Lübeck sterben.



Es waren genau zwei Stunden vergangen, ohne Pause. Sowas erlebt man sonst nur bei Wagner. Diese Schnapsidee sollte man nicht wiederholen. Wie soll denn die Gastronomie etwas verdienen? Zwei Regisseure an anderen Theatern hatten den Versuch gemacht, die Pause in die Mitte des Antonia-Aktes zu verlegen und diesen aufzutrennen. Keine gute Idee. Die meisten Theater legen die Pause nach den Antonia-Akt, wenn sie nicht gleich zwei Pausen einbauen. Man denke doch an das meist nicht mehr junge Publikum mit den vergrößerten Vorsteherdrüsen der alten Männer. In Lübeck sah ich immer wieder Besucher hinausgehen und nach ein paar Minuten zurückkommen, darunter auch Frauen.



Nach der Vorstellung trafen sich Zuschauer und Mitwirkende am Bühneneingang. Dabei nahm Roderich Busch aus München die beiden Bilder auf. Einmal Giulietta und Besucher, dann von rechts Giulietta, Muse und Chorsängerin.






Giulietta mit Autogrammjäger



Von links: Chorsängerin, Muse und Giulietta










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