Wünsche und Vorschläge an Regisseure, Dirigenten und Publikum



... an die Regisseure:

Verzichten Sie auf aufgesetzte Showeffekte. Diese Oper ist kein Weihnachtsbaum, an dem man allerlei Glitzerwerk aufhängen kann. Die Contes sind anders als Offenbachs Operetten. Sie besitzen genug psychologischen Gehalt, dass man die Geschichten aus sich selbst heraus interpretieren kann. Genügend Inszenierungen haben das erfolgreich bewiesen.

Verzichten Sie doch bitte auf die so häufig zu sehenden Bizarrerien, die keiner versteht, wie zum Beispiel einen Mann mit Melone mehrfach stumm über die Bühne radeln zu lassen, oder einen Spalanzani am Blindenstock. Führen Sie den Zuschauer behutsam durch die Oper und überfordern sie ihn nicht mit unverständlichen und werkfremden Einfällen.

Machen Sie aus dem Olympia-Akt kein klamaukhaftes Kasperltheater, wie ich das mehrfach sehen musste. Das schließt nicht aus, dass man die operettenhaften Elemente dieses Aktes entsprechend darstellt. Die Tragik dieses Aktes ist begrenzt. Hoffmann erleidet ja keinen wirklichen Verlust außer den seiner Illusionen, und er wird lediglich verlacht, verliert aber nicht einen geliebten Menschen wie z.B. im Antonia-Akt oder seine Seele wie im Giulietta-Akt.

Achten Sie darauf, dem Hoffmann klare Charakterzüge zu geben. Das wird meist versäumt. Ein Hoffmann sollte kein oberflächlicher Playboy sein. Er ist ein sensibler Dichter, der verzweifelt durch seine Abenteuer stolpert. Er ist auch kein Alkoholiker an sich. Er trinkt aus Verzweiflung über den Verlust seiner geliebten Stella. Hoffmann ist auch nicht nur ein geiler Gockel, der jedem Rock nachsteigt. Natürlich lässt er sich von Frauen begeistern, aber das ist nur ein Teilaspekt seiner Persönlichkeit. Hoffmann ist – und war – ein kreativer Dichter und Multitalent – allerdings auch ein Mensch mit Schwächen, die wir alle mit ihm teilen.. Das sollte in jeder Inszenierung deutlich werden. Die Literaturwissschenschaft kenn den Begriff des »flachen Charakters«, d.h. eine Figur erhält vom Autor nur oberflächliche oder klischeehafte Konturen. Das ist leider auch bei vielen Hoffmann-Inszenierungen zu beklagen.

Achten Sie darauf, dass das Bühnenbild die Fantasie der Zuschauer anregt. Dazu bedarf es keiner Materialschlacht. Ein paar alte Koffer, ein Flügel, den es in jedem Theater gibt, eine Geige und ein paar Blumen im Antonia-Akt reichen völlig aus. Weniger sollte es allerdings nicht sein. Wer in die Oper geht, erwartet neben der Musik auch einen sinnlichen optischen Genuss. Drei Stunden lang auf die gleiche Szenerie mit einfachstem Mobiliar zu blicken, langweilt irgendwann.

Ein »Hoffmann« taugt nicht zu einer nüchternen Inszenierung. Sehen Sie Sich zur Anregung mal einen Fellini-Film an, zum Beispiel »Schiff der Träume« oder Ingmar Bergmans »Fanny und Alexander«, und lesen Sie E.T.A. Hoffmanns Erzählungen vor Beginn der Proben.

Die Muse kann durchaus als geheimnisvolles Wesen dargestellt werden. Sie ist ja eigentlich göttlichen Ursprungs und nimmt nur vorübergehend menschliche Gestalt an. Sie darf also durchaus etwas Mysteriöses ausstrahlen. Andererseits ist sie die Vernünftige, die Hoffmann immer wieder vor seinen Abenteuern warnt.

Der Widersacher soll auch richtig dämonisch sein, wenigstens im Antonia-Akt, in dem er die bedeutendste Rolle spielt.

Die Beleuchtung sollte nicht vernachlässigt werden, wie das so oft der Fall ist. Wenn es Hoffmann und Krespel im Antonia-Akt fröstelt, sollte die Bühne nicht gerade in gleißendes Licht getaucht sein.

Muss es wirklich sein, dass der Hoffmann so oft am Schluss stirbt? Wenn es denn unbedingt sein muss, lassen Sie zumindest sein Werk weiter leben. Ich würde mich freuen, häufiger einen »Hoffmann« zu sehen, an dessen Schluss der Hoffmann der Muse um den Hals fällt, wenn sie ihm ihre Liebe gesteht, sie küssen und umarmen würde. Dann könnten beide eng umschlungen die Bühne nach rechts verlassen. Was könnte einem Dichter Besseres geschehen, als von einer Muse höchstpersönlich erwählt zu werden! Also bitte endlich Schluss mit den toten Hoffmännern, liebe Regisseure. Es lebe ein, wenn auch gedämpftes, Happy End, selbst wenn es Ernst Bloch als spießig und kitschig bezeichnet hat. Danach wird sowieso abjeblend't. Die Musik im Finale ist alles andere als ein Trauermarsch.

Dem Lindorf und der Stella würde ich bei ihrem Abgang nach links einen üblen Streit verordnen, nachdem sich Stella nochmal nach Hoffmann umgedreht hat, was den Lindorf erzürnt. Dann sollte die Stella dem Lindorf den häufig zu sehenden Blumenstrauß um die Ohren schlagen. Geschähe ihm recht, dem Fiesling. Mit diesen sogenannten Traumfrauen ist ohnehin kaum je einer glücklich geworden. Das ist auch eine der unumstrittenen Botschaften von »Hoffmanns Erzählungen«. Hoffmann ist nicht verdammt, er ist gerettet.



... an die Dirigenten:

Bitte lassen Sie den Unfug, die einleitenden Akkorde allegro oder gar presto durchzupeitschen. In der Partitur steht maestoso. Das verträgt sich nicht mit schnellen Tempi. Wenn Sie sich schon nicht von den Absichten des Komponisten einschüchtern lassen und trotzdem experimentieren wollen, hier ein Tipp: Riccardo Chailly hat an der Scala eine interessante Variante vorgestellt. Er ließ die ersten beiden Akkorde forte spielen, die nächsten fünf piano, und wiederholte diese Sequenz ebenso. Damit kann ich gut leben.

Sorgen Sie dafür, dass das Orchester leichtfüßig, spritzig und locker bei den operettenähnlichen Passagen im Vorspiel und im Olympia-Akt spielt, zum Beispiel sollen die Geister des Weines zu Beginn wirklich zauberhaft klingen und gesungen werden.

Lassen Sie die Barcarole laut und sahnig vorne an der Bühne singen. Niklaus und Giulietta sollten dabei nahe beeinander stehen und dabei nicht auf der Bühne herumeiern und mit den vorhanden Männern oder Frauen flirten.

Kein permanentes Piccolo bei der Barkarole. Wenn die Barkarole zum Duell wiederhotl wird, kann man die Piccoloflöte zum Duell anklingen lassen, da sie mit ihrem scharfen Ton die Dramatik unterstützt. Zur Barkarole passt sie nicht, und die meisten Dirigenten lassen sie auch weg.

Kein Vibrato bei den Streichern, wenn sie den Schlussgesang der Muse einleiten. Das ergibt einen satten, sahnigen Sound. In Bern, Nordhausen und Genf wurde der gut getroffen.



... an das Publikum:

Klatschen Sie ungehemmt, wenn Ihnen eine Darbietung gefallen hat. Die meisten Sänger wachsen nach dem ersten Szenenapplaus fühlbar über sich hinaus. Zögern Sie nicht, den Applaus zu eröffnen, wenn Sie etwas gut finden. Ich tue das oft. Der Rest des Theaters stimmt fast immer ein. Rufen Sie einem Sänger „bravo", einer Sängerin dagegen „brava" zu, wenn Sie das wollen. Gehen Sie auf Premierenfeiern. Dort können Sie nicht nur mit den Sängern, sondern auch mit dem Regieteam und den Musikern sprechen. Die meisten Theater laden das Publikum zu ihren Premierenfeiern ein.

Hoffmanns Arie oder Ballade vom Klein-Zach wird von einem seiner Freunde unterbrochen, als er von seinen Gefühlen überwältigt wird und zu Stella abschweift. Hier noch nicht applaudieren. Hoffmann kehrt zu Klein-Zach zurück und bringt dann erst die Arie zu Ende. Hier dürfen Sie. Auch Olympias Arie wird in einigen Inszenierungen unterbrochen, z:T. zwei Mal, wenn sie schwächelt.

Gehen Sie nach Vorstellungen zum Bühneneingang, wenn Sie mit einem Sänger sprechen wollen. Die meisten freuen sich auf Publikumsreaktionen und nehmen sich Zeit für ein Gespräch, das auch dem eigenen Stressabbau dient. Die Portiers sind oft behilflich und lassen einen auch mal in die Kantine, wo Sänger sich nach der Vorstellung bei einem Bier oder Wein entspannen. Außer am Covent Garden war ich an den meisten Bühneneingängen der Einzige, der Autogramme wollte. Und fast alle Sänger, Chorleiter, Dirigenten, Musiker, Statisten freuen sich, wenn Sie von einem Zuschauer angesprochen werden. Wer an die Öffentlichkeit geht, will auch erfahren, wie er beim Publikum ankommt.

Startseite