Dieser Text basiert auf einem Artikel
für die PRO BAHN Post September 2019.
Bearbeitungsstand: 23.8.2019

 
 

Ilztalbahn im neunten Jahr

Im Juli 2011 begann der durchgehende Verkehr Passau – Freyung auf der Ilztalbahn. In diesem Jahr wird also bereits die neunte Fahrsaison auf die Schiene gestellt. Der Autor dieser Zeilen war in mehreren dieser Jahre zu Gast an der Bahnstrecke, so dass eine Bilanz aus Sicht eines Fahrgasts mit eher touristischem Blickwinkel erlaubt sei.

2015 erschien ein Faltblatt "Ilztalbahn 2020" mit dem Untertitel: "Passau – Waldkirchen – Freyung im Stundentakt". Die bayerische Staatsregierung wird uns auch 2020 enttäuschen. Und aufgrund der bekannten Verkehrspolitik in München und Berlin hätte uns eine andere Entwicklung sehr überrascht. Oder vielleicht sollte man so formulieren: Engagierte PRO BAHNer kann die Verkehrspolitik nicht mehr enttäuschen, weil wir gelernt haben, mit dem schlimmsten zu rechnen.

Was bleibt sind neun Jahre ehrenamtlicher Bahnbetrieb. Vielleicht kommt dann nach dem zehnten Jahr die positive Überraschung durch die Politik – gerade rechtzeitig zum Jubiläum für die Gesamtstrecke im Juli 2021.

Dieser ehrenamtliche Bahnbetrieb musste sich durch Höhen und Tiefen kämpfen. Besonders schwierig waren die Jahre, in denen Unwetter die Strecke beschädigten und wochenlang Fahrten ausfallen mussten. Die Ilztalbahner ließen sich nicht entmutigen – der Betrieb ging weiter. Im Endeffekt sind die politischen Rückschläge wohl schädlicher für die langfristige Etablierung eines modernen Bahnbetriebs als jedes Unwetter, und damit aus Sicht von PRO BAHN schädlicher für die gesamte Region.

Neben dem Wetter haben auch andere Randbedingungen die Ilztalbahn beeinflusst. Ein Bahnbetrieb braucht Fahrzeuge, die für den Saisonverkehr zwischen Passau und Freyung nur leihweise zur Verfügung stehen. Zum einem kostet das Geld. Zum anderen müssen andere Bahnunternehmen die Fahrzeuge entbehren können, und die für Überführungsfahrten benötigte Zeit muss zum Fahrplan auf beiden Seiten passen. Ein Bahnbetrieb braucht auch Personal – für die Fahrten nach Fahrplan, für die Überführungsfahrten, für die Infrastruktur, die Planung, das Marketing und sicher noch für ein paar weitere Dinge. Beim Thema Personal kann man das ehrenamtliche Engagement nicht genug loben. Der Region werden die Ilztalbahn und die dafür nötige Arbeit zu großen Teilen geschenkt.

Grafik 630*422 - Ilztalbahn in Waldkirchen
Ilztalbahn in Waldkirchen

Zwei weitere Randbedingungen seien genannt: Das Busnetz rund um die Ilztalbahn und die Zugfahrpläne im benachbarten Tschechien. Ilztalbahn bedeutet nicht nur Bahnbetrieb, sondern auch zwei Anschlussbuslinien und zusammen mit Bahnlinien in Tschechien den "Donau-Moldau-Verbund". Bereits ab 2011 organisierten die Ilztalbahner zusammen mit dem Landkreis die Busse in den Nationalpark Bayerischer Wald und zum tschechischen Bahnhof Nové Údolí im (noch etwas größeren) Nationalpark Šumava/Böhmerwald.

Eine Reform des Bussystems im Landkreis Freyung führte 2018 zu deutlichen Änderungen. Es ist für den Fahrgast und Besucher zugleich einfacher und schwieriger geworden. Die neue Linie 100 verbindet Passau mit Waldkirchen, Freyung und Grafenau. Auch wenn es teils parallel zur Ilztalbahn daher geht, bieten die zusätzlichen Fahrtmöglichkeiten und die Verbindung zum Bahnhof Grafenau auch für Touristen neue interessante Möglichkeiten. Viele andere Buslinien wurden aber recht kleinräumig organisiert; die Fahrpläne passen oft nur mit Glück so zueinander, dass Umsteigen möglich ist.

Außerhalb der üblichen Schulfahrten und weniger Hauptlinien ist sehr viel als Rufbus organisiert, was zwar in der Summe zu mehr Fahrten führt, aber auch als Mobilitätseinschränkung empfunden wird. Das gilt insbesondere am Wochenende, weil dann zwar die Mehrzahl der Busse als Rufbus unterwegs ist, eine Bestellung aber nur bis Freitag, 12 Uhr möglich ist – ein völlig unhaltbarer Zustand. Dazu kommt ein weiterer Nachteil: Bis heute sind die Landkreisbusse in keinem elektronischen Auskunftssystem enthalten. Damit ist man in der Region deutlich hinter den heute üblichen Standard bei Nahverkehrssystemen zurückgefallen. Auch die Information vor Ort ist zum Teil mangelhaft: Dass eine Haltestelle mit Namen, Liniennummer und Fahrplan ausgestattet ist, ist nicht selbstverständlich.

Das System Rufbus gilt auch für die zusätzlichen Fahrten nach Nové Údolí. Bereits 2017 hatte die Ilztalbahn sich an einem Kleinbusverkehr beteiligt, der die an Wochentagen bestehende Lücke zwischen Haidmühle und dem tschechischen Bahnhof schloss. Die Integration dieser Fahrten in die Landkreislinie 501 zwischen Waldkirchen und Bischofsreut ist sicher ein Erfolg.

Auch auf tschechischer Seite ist nicht alles besser geworden. Während die PRO BAHN Post bereits 2012 ein Fahrplanvorschlag für einen Tagesausflug von München nach Český Krumlov veröffentlichte (https://ogy.de/itb2012), hieß es 2017 sogar "Mit der Ilztalbahn nach Prag" (https://ogy.de/itb2017). Hintergrund war ein neuer Expresszug, der Nové Údolí direkt mit der tschechischen Hauptstadt verband, und der mittels Ilztalbahn und Anschlussbus auch von Deutschland aus gut erreichbar war.

Grafik 630*422 - GW Train
GW Train in Černá v Pošumaví am Lipno-See

2018 verlor die Tschechische Bahn (ČD) das Nahverkehrsnetz im Bereich südliche Šumava an die Firma GW Train. Auch wenn die Zahl der Fahrten nicht merklich kleiner wurde, ist der Fahrplan komplizierter geworden, und es gibt keine durchgehenden Fahrkarten ins übrige tschechische Bahnnetz (Fahrkarten der ČD werden nicht anerkannt). Gleichzeitig gingen auch Teile eines in den letzten Jahren aufgebauten touristischen Busnetzes verloren, an dem die ČD beteiligt war (vergleichbar mit den Igelbussen im Bayerischen Wald). So gab es mehrere Jahre lang eine gut angenommene tschechische Buslinie von Nové Údolí über deutsche Straßen zum Gipfelgebiet des Dreisesselmassivs. Nur eine Saison fuhr dagegen ein Kleinbus vom Donaustausee Lipno zum österreichischen Bahnhof Aigen-Schlägl. Zurzeit gibt es noch eine Buslinie nach Jelení Vrchy zum Tunnelbauwerk des Schwarzenbergschen Schwemmkanals und weitere Buslinien im nördlichen Teil des Nationalparks.

Bei der Ilztalbahn selber versucht man aus den Erfahrungen zu lernen, und hat den Betrieb über die Jahre immer wieder an die schwankende Fahrgastnachfrage im Ausflugsverkehr angepasst. Schaut man zurück, so sei zum Beispiel das Jahr 2014 erwähnt, als relativ große Fahrzeuge vom Typ Desiro eingesetzt wurden. In den Folgejahren wurde der Fahrplan sogar noch etwas ausgeweitet, so dass es teils sechs bis sieben Fahrten pro Tag und Richtung gab. Der heutige Fahrplan unterscheidet zwischen Haupt- und Nebensaison und erhält in der Ferienzeit den Standard von sechs Fahrten pro Richtung aufrecht.

Auch bei den Anschlussbussen gab es Einschränkungen, die aber – wie erwähnt – durch neue Landkreisbuslinien zum Teil ausgeglichen werden. Erst mit dem Rufbussystem und der Linie 100 wurde der ÖPNV in Landkreis Freyung-Grafenau auch am Wochenende über die vorher fahrenden wenigen Ausnahmen hinaus nutzbar, was auch der Ilztalbahn zu Gute kommt.

Ein Fazit am Ende: es gibt Höhen und Tiefen, positive und nicht ganz so positive Entwicklungen. Das wichtigste ist aber: es macht Spaß, die Ilztalbahn zu besuchen und mit ihr die Region zu erkunden. Mit etwas Fahrplantüftelei findet man auch abseits der Bahnstrecke Möglichkeiten mit Bus (oder der tschechischen GW Train) herumzukommen. An den Wochenenden, wenn die nicht vorhandene Bestellmöglichkeit für Rufbusse jegliche Flexibilität verhindert, ist es aber vor allem die Ilztalbahn, die in der Region südlich des Nationalparks die Mobilität auch für Urlauber ohne Auto ermöglicht.

Edmund Lauterbach

Querverweise:

 

 


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