Weiße Mäuse in Detmold

www.landestheater-detmold.de



Besuchte Vorstellung: 16. Oktober 2007





Das Landestheater Detmold © Nikater/Wikipedia


Regie


Kay Metzger

Dirigent


Erich Wächter

Ausstattung


Michael Heinrich

Version


Kaye-Keck

Sprache


Deutsch




Hoffmann


Johannes Harten

Muse


Angelika Kirchhof

Olympia


Hyung-Ju Park

Antonia


Julia Borchert

Giulietta


Brigitte Bauma

Widersacher


Joachim Goltz



















Fazit Detmold: Die Schwäche der Detmolder/Hagener Inszenierung lag im Regiekonzept. Den Hoffmann an einem einzigen Punkt, nämlich seinem Alkoholismus, aufzuhängen, ist etwas zu simpel und wird diesem Werk nicht gerecht. E.T.A. Hoffmanns kulinarische Gelage waren zwar berühmt, und sein Alkoholkonsum hat sicher auch zu seinem frühen Tod im Alter von nur 46 Jahren beigetragen, aber immerhin füllte er an drei Tagen die Woche seine Rolle als mutiger Kammergerichtsrat in Preußen aus und war ein erfolgreicher Schriftsteller und auch Komponist. Die ganze Oper mit einer wachsenden Zahl leerer Weinflaschen und den allgegenwärtigen weißen Mäusen zu garnieren, geht an der Botschaft des Librettos vorbei, die eher lautet: Lass die Realitätsflucht und Weibergeschichten, widme dich der Dichtung. Der Detmolder Hoffmann aber war ein unrettbarer Säufer. Dadurch ging das Fantastische in dieser Oper im Kreis Lippe weitgehend verloren. Oder wurde die Inszenierung von der Heilsarmee gesponsert?

Die Schauspielerführung ließ stark zu wünschen übrig. Meist standen sie steif und unmotiviert auf der Bühne rum und schienen nicht zu wissen, was sie tun sollten, während sie sangen. Wenn man den Franz schon die ganze Zeit auf der Bühne verbleiben lässt, macht es wenig Sinn, dass der arme Kerl nach seinem Gesang für den Rest des Aktes mit gesenktem Kopf in einer Ecke stehen muss. Soll er doch die leeren Flaschen zählen. Erinnerungen an die Zeit vor der Epoche des Regietheaters wurden wach.



Eigentlich war es keine Detmolder Inszenierung, die ich im Kreis Lippe sah, denn man hatte sie aus dem Hause des Partnertheaters in Hagen übernommen. Opern sind teuer, und es ist immer noch besser zu sparen, als gar keine Oper zu spielen. Gespart wurde auch an Personal im Theater, denn ich konnte ohne Kartenkontrolle an meinen Sitz im oberen Rang gelangen. Eine pfiffige Idee: Wenn eine Vorstellung fast ausverkauft ist, wird sich schon herausstellen, wer einen Sitzplatz zu Recht beansprucht. Das Theater hat eine ungewöhnliche Form. Der Zuschauerraum besteht aus einer Rotunde mit zwei Rängen. Gegenüber der Bühne verlängert sich der zweite Rang weit nach hinten, wo ich auf einem engen Stuhl saß, dessen Kniefreiheit mich an die Holzklasse der Fluggesellschaft Emirates bei einem Australienflug erinnerte. Die Decke über der Rotunde steigt nach hinten an, was den Sitzen auf dem Rang zu einer ausgezeichneten Akustik verhilft. Leider sah ich das Orchester nicht. Der Klang war jedenfalls sehr gut, und an der Musik aus dem Orchester gab es nichts auszusetzen. Muss ja auch sein, denn in Detmold befindet sich eine Musikhochschule. Gesungen wurde auf Deutsch.


Hoffmann mit Muse und weißer Maus


Der Vorhang ging auf, und ein eher düsterer, grauer Raum erschien. Die grauen Wände waren rundherum mit altdeutscher Handschrift gestaltet. Man hat Auszüge aus E.T.A. Hoffmanns Erzählungen in Faksimile seiner eigenen Handschrift als Tapete des kubischen Bühnenbildes verwendet. Keine schlechte Idee. Der Dichter lag auf einem überdimensionalen grauen Bett, gegenüber stand ein ebenso überdimensionales Klavier. Der erste Eindrück war: sinnverwirrtes Delirium. Der Dichter befand sich außerhalb der Realität in einer surrealen Umgebung, in der alle Proportionen verschoben waren. Dann huschte auch noch eine weiße Maus quer über die Bühne. Aha, der Alkoholismus des Dichters wurde beschworen. Irgendwann erhob er sich träge von seinem Bett und nahm seine Rolle auf.


Der Detmolder Hoffmann war ein eher erdiger, derber Typ mit ganz guter, sonorer Stimme, aber wenig Stimmkultur. Die Intensitätssprünge von leisem zu lautem Singen beherrschte er nicht. Oft sang er einfach viel zu laut in dem kleinen Theater. Den Alkoholiker aber, den das ganze Regiekonzept unterstellte, brachte er nicht rüber. Die beste männliche Rolle sang Hoffmanns Widersacher, dem allerdings die Dämonie fehlte. Dann traten die Saufkumpane auf, gekleidet als weiße Mäuse. Diese weißen Mäuse dominierten von nun an die Oper. In allen folgenden Akten füllten sie die Bühne. An der Seite stand eine Kiste mit leeren grünen Flaschen.


Niklaus sang im grauen Rokoko-Kostüm. Die Sängerin war ein eher steifer Typ und hatte ein übertrieben dramatisches Vibrato in ihrer vollen und warmen Stimme. Dem Hoffmann war Niklaus ein strenger Begleiter, was auch konsequent war. Stellt man den Hoffmann als Säufer dar, benötigt er auch einen Beschützer.


Olympia mit weißen Mäusen


Dann trat Olympia auf. Endlich kam etwas Farbe auf die Bühne, denn bisher hatte sich nur Hoffmanns Widersacher in rotem Kostüm etwas vom grau-weißen Ambiente abgehoben. Sie stellte ein neckisch-rustikales Püppchen vor und sang ihre Arie gekonnt. Den spontanen Applaus des beifallfreudigen Publikums, in dem sich auch eine Reihe junger Leute befanden, hatte sie sich voll verdient. Neben der bunten Olympia trug nur noch die Stella Farbe, die als stumme Rolle ab und zu über die Bühne huschte, um die Dreieinigkeit von Hoffmanns Traumfrau zu sysmbolisieren..


Für den Antonia-Akt hatte sich die Regie etwas Intelligentes einfallen lassen. In der Mitte der Bühne befandt sich eine Klappe, die zur Unterwelt führte. Aus dieser stieig der Doktor Mirakel heraus. In diese sargähnliche Klappe verschwand dann auch Antonia, nachdem Doktor Mirakel sein tödliches Werk vollendet hatte. Niklaus wurde zum Gehilfen von Doktor Mirakel, wohl um Hoffmann von Antonia zu befreien. Diese Konstellation wird immer mal wieder von Regisseuren gewählt, und ich halte sie für keine schlechte Idee, denn es ist ja letzten Endes das Ziel der Muse, Hoffmann von seinen Weibergeschichten abzubringen und ihn seiner Bestimmung als Dichter zuzuführen Antonia war eine gute Sängerin und Darstellerin. Die Stimme der Mutter wurde vom Niklaus gesungen. Die Regie interpretierte den Niklaus als Helfer des Doktor Mirakel. In Kassel hatte man diese Neigung des Niklaus auch schon angedeutet. Die Bühne war wieder voller weißer Mäuse und inzwischen mehrerer Kisten leerer grüner Flaschen.


Giulietta mit weißen Mäusen


Giulietta dagegen war ein eher üppiger, mütterlicher Typ in überwiegend weißem Gewand. Sie hatte so gar nichts Böses oder Nuttiges an sich. Sie brachte ihren Gesang ganz locker und eher statisch rüber. Der Mord, den Hoffmann beging, wurde schlecht dargestellt. Sein Gegner, auch ganz in Weiß, lag plötzlich tot auf dem Boden, ohne dass Hoffmann etwas getan hätte. Aber vielleicht versagte die Schreckschusspistole, und die Stiefelspitze war nicht vergiftet. Die Bühne war nun voller weißer Mäuse und haufenweise leerer grüner Flaschen.


Der Schlusschor des Nachspiels wurde wie auf den meisten Bühnen als oratoriumsähnlicher Abgesang auf Hoffmanns Abenteuer und Ermahnung an die Überlebenden dargebracht. Nur etwas merkwürdig, dass weiße Mäuse das tun müssen.


Der Schlussapplaus war kurz, aber herzlich. Olympia und Antonia hatten sich schon aus dem Staube gemacht. Beide hätten wohl einigen Beifall eingeheimst. Aber vielleicht hat man sie von einem anderen Theater ausgeliehen, und sie mussten den letzten Zug nach Hause nehmen. Der Olympia jedenfalls hätte ich gerne ein paar „brava"-Rufe hinuntergeschleudert. Auch die Antonia wäre einigen Beifall wert gewesen.

Die Veröffentlichung der auf dieser Seite verwendeten Fotografien erfolgt mit den ausdrücklichen Genehmigungen des Landestheaters Detmold [www.landestheater-detmold.de] & des Fotografen Michael Hörnschemeyer, bei welchen sämtliche Rechte für die Nutzung der Bilder liegen. Vielen Dank für die freundliche Kooperation!




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