Feministisch inspirierter »Hoffmann« als Männerfantasie in Pforzheim

www.theater-pforzheim.de

Besuchte Vorstellung 1. März 2014 (Premiere)






Regie


Bettina Lell

Dirigent


Markus Huber

Chorleitung


Salome Tendies

Bühnenbild und Kostüme


Jeannine Cleemen

Moritz Weißkopf

Version


Kaye-Keck

Sprache


Französisch




Hoffmann


Eric Fennell

Muse


Marie-Kirstin Schäfer

Olympia, Antonia, Giulietta


Tatiana Larina

Widersacher


Hans Gröning










Fazit Pforzheim: Ein erfrischend lebhafter »Hoffmann« auf bestem professionellem Niveau mit einer eigenwilliger Note, die aber durchaus im Rahmen der Interpretationsmöglichkeiten dieser Oper liegt. Man hatte nämlich gewaltig am Libretto herumgebastelt. Die Inszenierung bestach durch ausgefeilte Schauspielkunst und eine fulminante Darstellerin der drei Sopranrollen. Viele werkskonforme Details in Gestik und Mimik in einer liebevollen Intensität, wie man sie nicht oft zu sehen bekommt. Besonders hervorzuheben ist auch das klare und einfache Bühnenbild. Es wurde durchweg gut gesungen, nachdem die Sänger ihre anfängliche Premierennervosität überwunden hatten. Der Chor sang dynamisch und präzise mit schönen Stimmen, das Orchester spielte meist nuanciert und dem Bühnengeschehen angemessen. Wieder einmal bewies ein Stadttheater, dass man abseits der Metropolen das erfrischendste Musiktheater erlebt. Wetten, dass diese hervorragende Inszenierung nicht im Fernsehen übertragen wird, sondern wieder einmal ein dröge 08/15-Inszenierung von einem der großen Häuser mit den berühmten Namen auf arte oder 3sat übertragen wird?

Ein zusammenfassendes Video kann man hier sehen. Die Pforzheimer Zeitung lobte die Premiere. Auch die Badischen Neuen Nachrichten hatten Gutes über die Inszenierung zu sagen.


Ehrentitel für erfolgreiche kleine Theater


Pforzheim liegt zwischen Stuttgart und Karlsruhe. Beide Großstädte haben Opernhäuser. Da kann man sich nur freuen, dass in Pforzheim mit seinen gut 100.000 Einwohnern auch Opern gespielt werden. Verbindet man diese drei Städte mit einer Linie, kommt man auf knapp 80 km. Auf der befinden sich drei regelmäßig bespielte Musiktheater. Sowas ist weltweit einmalig. Nach der Wiedervereinigung wurden, besonders in den neuen Bundesländern, Theater geschlossen und Orchester zusammengelegt. Hoffen wir, dass wenigstens die gegenwärtigen Theater erhalten bleiben.

Schlendert man durch das heutige Pforzheim, meint man, durch eine neu erbaute Stadt zu gehen. Kein altes Haus zu sehen. Auch das Theater mitten in der Stadt ist ein großzügiger Neubau. Doch Pforzheim hat eine zweitausendjährige Geschichte. Nur wurde die beschauliche badische Stadt zwei Monate vor Kriegsende, als allierte Truppen schon tief in Hitlers Reich standen, innerhalb von 20 Minuten von britischen Bombern völlig vernichtet. Ein Viertel der Bevölkerung und vier Fünftel der Wohnhäuser, darunter die gesamte Altstadt, gab es nicht mehr. Darunter auch das alte Theater. Bis 1990 spielte man in einem Provisorium. Dann wurde der großzügige Neubau eröffnet.



Der Kontakt und die Zusammenarbeit mit der Presseabteilung des Stadttheaters waren vorbildlich. Während ich seit zwei Monaten auf eine Antwort auf meine mehrfachen Anfragen an das Königliche Theater Madrid warte (Die Opéra de Lyon antwortete überhaupt nicht auf meinen französisch geschriebenen Brief), bekam ich von Pforzheim postwendend eine Antwort, wie auch von allen Theatern nördlich der Alpen. Also kein grün-rotes Chaos im Ländle, wie das die konservativen Gegner der Landesregierung gerne und offensichtlich vergeblich beschwören. Auch Pforzheim hat einen sozialdemokratischen Bürgermeister.


Das Theater liegt nahe der Enz in einem futuristisch gestalteten Komplex in hellen Farben. Es besteht aus einem kleinen und einem großen Haus, welch letzteres 511 Plätze bietet. Das Theater ist fächerförmig getaltet, und von jedem Platz hat man volle Sicht auf die Bühne. Die Akustik ist bestens. Die Premiere war ausverkauft, das Theater voll, und alemannisch-pünktlichst begann die Vorstellung um 19:30.



Herzlich-kräftiger Applaus empfing den befrackten Dirigenten, in dessen Orchester ich drei Celli und zwei Kontrabässe gezählt hatte. Dann wieder ein Graus, als ein unnötig schnelles maestoso aus dem Orchestergraben erscholl. Doch es war bei Weitem nicht so schnell wie das vom vorhergehenden Oslo. Also kein neuer Rekord. Doch was dann folgte, gefiel mir. Eine präzise und nuancierte Begleitung der Oper, die sich einfühlsam an das Bühnengeschehen anpasste.



Ein klares und ästhetisch gelungenes Bühnenbild überzeugte mich sofort. Die Bühne war nicht zugemüllt mit allerlei Gegenständen, sondern wurde von einem geometrisch klaren Objekt beherrscht, das aus einer riesigen quadratischen Scheibe mit einem kreisrunden Loch in der Mitte bestand, ungefähr so, wie die ersten Fernseher in den 50er Jahren aussahen. Der kreisrunde Ausschnitt des Objekts hing über der Bühne und sah aus wie ein Pupille. Dieses riesige Gebilde konnte um seine untere Querachse gekippt werden. Genial einfach und klar. Auf dem großen Bild weiter unten aus dem Giulietta-Akt liegt es auf dem Bühnenboden und ist gut zu erkennen.



Vorne rechts stand eine Dame in einem langen weißen Kleid mit viel Tüll. Souverän meisterte die Muse ihren Auftakt. Diese Oper hat nämlich zwei lampenfieberträchtige Rollen. Einmal die Muse, die ganz alleine die Aufführung einleiten muss (und meist höchst aufgeregt zu sein pflegt, wie mir mehrere Musen gestanden), und dann die Olympia, die nur eine große Arie hat und keine Chance, sich zu rehabilitieren, wenn die schief geht. Nach allgemeiner Erfahrung löst sich der größte Teil der Nervosität, wenn der erste Szenenapplaus ertönt. Deswegen eine dringende Empfehlung an das Publikum: Applaudieren Sie kräftig bei der erstmöglichen Gelegenheit, denn dann bekommen Sie postwendend besseren Gesang.


Niklaus zeigt Hoffmann das Bild Olympias


Dann zog sich die Muse zu einem burschikosen Niklaus um. Das geometrische Objekt war nun abgesenkt und diente den hereinströmenden Freunden Hoffmanns als Sitzgelegenheit. Sie waren in Kostüme aus der Zeit E.T.A. Hoffmanns gekleidet und legten mit dynamischem Gesang los.


Dann kam Hoffmann schon ziemlich angeschickert herein. Er war gestylt wie ein Hipster, oder besser ein Beatnik, der Dichtergeneration aus der Zeit nach dem 2. Weltkrieg, sagen wir; ein langhaariger Jack Kerouac. Und so agierte er auch in Pforzheim. Diese Interpretation der Rolle ist m.E. die ideale. Hoffmann ist ein an der Wirklichkeit Leidender, der sich in eine Fantasiewelt flüchtet, kein jovialer Gentleman, der die ihm bevorstehenden Schicksalssschläge an sich abperlen lässt. Er sang mit einem angenehm klingenden lyrischen Tenor. Den Klein-Zach gab er anfänglich im Sitzen, während seine Freunde und ein Kellner dazu agierten. Dann mimte Hoffmann selbst mit. Höhnisch und selbstzufrieden grinsend ob Hoffmanns kommender Niederlagen saß Lindorf links vorne am Bühnenrand. Für seinen Klein-Zach gab es den erlösenden ersten Szenenapplaus. Danach sang er viel entspannter.


Dann mischte sich Hoffmanns Widersacher mit mächtiger sonorer Stimme in das Geschehen ein und mokierte sich über den verliebten Hoffmann. Leonore, Gretchen und Fausta hatte man zwar nicht herausgekürzt, dafür aber als Vorbildrollen für Hoffmanns kommende drei Lieben erwähnt. Doch es scheinen derer mehr gewesen zu sein, denn als er von seinen drei Lieben sprach, gingen zehn oder mehr gut aussehende und edel gekleidete Damen stumm über die Bühne. Das Vorspiel in Lutters Kneipe dauerte eine knappe halbe Stunde. Mehr soll es auch nicht sein. Eher weniger.


Coppelius, Hoffmann und Niklaus


Zum Olympia-Akt hob sich die quadratische Scheibe in die Senkrechte, und an ihrer Unterseite wurden magische Zeichen und Symbole sichtbar. Darunter stand ein langer Tisch. Das war Alles! Klar und einfach, optisch perfekt gestaltet. Vorbildlich. Professor Spalanzani stellte ein lebensgroßes Bild seiner Olympia auf, das Niklaus skeptisch musterte. Hoffmanns Begleiter schien gleich durchzublicken und warnte Hoffmann: Warte nur, bis du sie wirklich kennenlernst. Das tat er in der Arie vom automatischen Vögelchen, die leider nicht den verdienten Applaus bekam, denn sie war feurig vorgetragen und gut gemimt.


Witzig, wie Coppelius bei der Präsentation seiner Instrumente dem im Liebesfieber entbrannten Hoffmann ein Thermometer in den Mund steckte. (In der Zeit, als das Schauspiel, das dieser Oper zu Grund liegt und diese Oper entstanden, gab es zum ersten Mal wissenschaftliche Instrumente wie Thermometer, Hygrometer und Barometer für den Hausgebrauch. Deswegen werden diese Instrumente, heute Billigwaren, von Coppelius als sensationelle Neuerungen an den Mann gebracht.). Der über der Bühne hängende Kreis wurde durch Projektionen zu einer Pupille, die langsam rotierte, denn Coppelius ist ja der Schöpfer der Augen Olympias.


Olympia, vor ihr Hoffmann, rechts Spalanzani


Dann Auftritt der Olympia. Was für eine Erscheinung. Ein langes schwarzes Glitzerkleid mit Schlitz an der Seite, lange rote Haare. Sofort beherrschte sie die Bühne. Olympia flirtete gleich heftigst mit Hoffmann, als der seine Zauberbrille bekommen hatte. Applaus für das Terzett Hoffmann, Spalanzani und Coppelius. Der war wichtig, denn nun sangen alle wesentlich befreiter als am Anfang.


Die Damen im Chor waren alle gleich gestylt wie Olympia. Spalanzanis trotteliger Lakai Cochenille erinnerte mich an einen Arlecchino aus der Commedia dell´arte und trat in gleichem Kostüm dann als Franz im Antonia-Akt und als Pitichinaccio im Giulietta-Akt auf. Seine artistischen Sprünge und Stürze schienen ihn mehrfach in Lebensgefahr zu bringen.


Dann kam ein erster musikalischer Höhepunkt, in dem der Chor brillierte. Als die Festgesellschaft Spalanzanis Olympia bewunderte, tat sie das mit selten zu hörender Geschwindigkeit und Präzision. Das war schon mehr als das allegretto der Partitur. In der missglückten Hoffmann-Inszenierung der bayerischen Staatsoper hatte man das Tempo gewaltig rausgenommen und auf ein gemächliches andantino reduziert. Nicht so in Pforzheim. Flott und genau kamen die Sechzehntel. Die muss man ausgiebig geübt haben.



Dann gab Spalanzani seiner Tochter letze Anweisungen zu ihrem Auftritt. Und der war umwerfend. Ein großartiger und strahlender Koloraturgesang mit silberheller Stimme, präzise und gut akzentuiert. Dazu posierte sie provokant vor Hoffmann, der sich gebannt vor ihr niederkniete. Niklaus dagegen schüttelte nur angewidert von Olympias Faxen und genervt von Hoffmanns Verblendung den Kopf. Olympia wurde immer selbständiger und entzog sich der Kontrolle ihres Schöpfers. Den Hoffmann dominierte sie ohnehin völlig. Da wurde das Weib zur Hyäne. Spontaner Jubel belohnte Olympia für ihren fulminanten Auftritt.



Olympia wurde nicht zerstört, sondern von Coppelius quasi zu Tode geküsst oder als sein Eigentum reklamiert und stand reglos mit einer Gitarre da.


Die geometrische Scheibe senkte sich halb herab und schwebte nun drohend über dem kommenden Geschehen des Antonia-Aktes.


Seelenvoll stellte sich Antonia vor. Sie trug noch das gleiche Kostüm. Kein harmloses junges Mädchen, sondern eine selbstbewusste Frau mir erotischer Ausstrahlung. Auf der Bühne standen vier verhüllte Gegenstände, von denen Franz zwei enthüllte. Es waren Trichtergrammofone. Unmittelbar begann Franz mit seinem Couplet, das man erfreulicherweise auf eine Strophe gekürzt hatte.






Mirakel, Antonia. Franz mit Plakat La Diva, Grammofon


Dann erfolgte eine stürmische Begrüßung Hoffmann – Antonia, die sogleich als Liebespaar dargestellt wurden, wie eine Art Romeo und Julia, die nicht zusammenkommen sollen. Dabei erwies sich die Darstellerin auch hier als begnadete Schauspielerin.


Doktor Mirakel brachte ominös ein schwarz-weißes Plakat mit Antonias Mutter herein und warf es auf den Boden, doch Franz hängte es auf. Ein schön gesungenes Terzett Krespel – Mirakel – Hoffmann folgte. Alle Sänger hatten nun ihre Premierennervosität vollständig abgelegt und konnten ihr Potenzial zeigen.


Dann untersuchte Mirakel die Antonia selbst, nachdem er zwei weitere Trichtergrammofone enthüllt hatte, und stellte seine Diagnose. Als Mirakel seine homöopathische Fläschchentherapie anpries, zerriss Hoffmann seine Erzählungen und fing an, sie wie wild neu zu schreiben. Als Mirakel der Antonia die Aussichten einer großen Karriere darstellte, zauberte er ein neues Plakat mit Antonia als La Diva hervor, diesmal in Farbe.


Dann schloss sich der Vorhang, denn man hatte den Antonia-Akt geteilt, was einige wenige Theater tun, um eine zweite Pause zu vermeiden, um die erste und einzige nicht zu lange hinauszuzögern. Ich schaute mich im Publikum um, in dem ich kaum junge Leute sah, was ich aber auf den Termin der Premiere zurückführte, denn es war Faschingssamstag, oder Fasnacht, wie man bei unseren alemannischen Nachbarn sagt.


Antonia, Mutter und Mirakel


Freundlicher Applaus begrüßte Orchester und Dirigenten, und den hatten sie sich (mit Ausnahme der zu schnellen Auftaktakkorde) verdient. Die Pupille leuchtete nun blau.


Die Mutter ging stumm über die Bühne, als der mefistofelisch-draculahaft wirkende Mirakel der Antonia ihre bevorstehende Karriere ausmalte. Antonia sonnte sich schon in ihrem bevorstehendem Ruhm. Dank lebhafter Schauspielkunst und guter Regie entstanden im Pforzheimer Antonia-Akt keine Längen, wie die sonst oft vorkommen.


Der musikalische Höhepunkt jeder guten »Hoffmann«-Aufführung ist das Terzett Antonia-Mirakel-Mutter. Und der war es auch in Pforzheim. Dazu kreiste ein Schmetterling in der Pupille. Ein Schmetterling ist in der ägyptischen Mythologie ein Symbol für eine Seele, die den Körper verlassen hat. Für das Terzett gab es kräftigen Applaus, den der Dirigent erfreulicherweise auch stattfinden ließ.


Niklaus war allerdings in diesem Akt weitgehend abwesend. Und so gab es wieder mal keine Geigen-Arie. Schluchz. (Später erfuhr ich, dass sie mitgeprobt, aber aus Zeitgründen fallengelassen wurde).


Antonia stand mit einem Koffer da. Sie wollte also verreisen. Das ist in Freuds Traumdeutung ein Symbol für Tod. Sie will also Hoffmann verlassen. Im adaptierten Text stand: Ein Liebeslied schwebt davon. Antonia stand mit Mutter, Mirakel und Franz in der Mitte der Bühne, Hoffmann und Krespel am vorderen Rand. Dann senkte sich das geometrische Gebilde mit dem Loch in der Mitte vollständig herab und trennte die beiden Gruppen voneinander: innen im Kreis gefangen Antonia, Mutter, Franz und Mirakel, wohl nun ihr Impresario. Draußen Hoffmann und Krespel, der Geliebten und der Tochter beraubt. Antonia, auf einem Stuhl sitzend, blickte weg vom Publikum, wie auch ihre Begleiter. Eine seltsamer Effekt, wie er auch auf einigen Bildern des surrealistischen Malers René Magritte zu sehen ist.


Das war nun mal ein überraschendes Ende eines Antonia-Aktes, aber ein gültige Interpretation.


Giulietta


Übergangslos waren wir im Giulietta-Akt, und die Barkarole erklang, allerdings mal wieder von einem Piccolo begleitet, das sich lautstärkemäßig allerdings eingermaßen zurücknehmen konnte. Die Muse saß zuerst neben Hoffmann, ging dann aber zu Giulietta, wie sich das gehört, und die beiden schienen sich ziemlich zu mögen. Jedenfalls streichelten sie sich liebevoll. Kein Wunder bei dieser schönen Musik. Rot durchflutete die Bühne, als Hoffmann das Partylied sang, begleitet vom dynamischen Chor. Viele schmusende Paare in diversen Konstellationen stellten die politische Korrektheit her. Hetero ist ja ohnehin ein Auslaufmodell, wenn man sich nach den Medien richtet.


Hauptmann Dapertutto unter einem Napoleon-Hut sang mal wieder eine traditionelle Spiegelarie, obwohl die gar nicht Teil der Kaye-Keck-Version ist, aber für das Publikum gehört sie wohl so zu einem »Hoffmann« wie der Zölibat zur katholischen Kirche. Der Sänger wuchs nun über sich selbst hinaus und sang frisch von der Leber weg Giulietta hörte fasziniert zu und klatschte zusammen mit dem Publikum.


Eine kokette Giulietta mit einem Zylinder auf dem Kopf saß auf einem Hocker und zeigte viel Bein, als sie ihr Preislied auf die Liebe sang. Dabei musste ich an Marlene Dietrich und den Blauen Engel denken. (Das nebenstehende Bild stammt von der Klavierhauptprobe. Bei der Premiere war es leicht verändert und wirkte noch koketter.) Diese Analogie hatte ich noch nicht gesehen. Volltreffer! Dazu bot sie noch die Koloraturpartien dieser Arie in perfekter Form, die aufgesetzte Koketterie der Kurtisane unterstreichend. Die meisten Soprane lassen die Koloraturpassagen sonst weg oder kürzen sie, denn nicht jede Sopranistin kann auch Koloratur singen. Das Publikum war begeistert. Ich auch. So schön hatte ich diese Nummer noch nicht gehört und gesehen. Gleich darauf kam noch das schöne Duett Hoffmann-Giulietta.


Schlemihl, Dapertutto und Hoffmann beim Duell um Giuliettas Schlüssel


Was ich auch noch nicht gesehen hatte, war ein Degenduell in Zeitlupe. Eine hervorragende Idee, und außerdem mindert dieses largo das Verletzungsrisiko. Wenn zum Duell Schlemihl-Hoffmann die Barkarole wiederholt wird, passt die Piccoloflöte gut dazu, da sie eine Schärfe in die Musik bringt, wie sie die gespannte Atmosfäre rund um das Duell erfordert. Wie ich es verstand, wurde Schlemihl von Dapertutto erledigt, doch dieser stand wieder auf. Alles nur Schau, um den armen Hoffman zu täuschen. Dazu sang Hoffmann von der Trunkenheit des Liebeswahns. Für dieses Duell gab es Applaus.


Die Muse war nun wieder in ihrem weißen Kleid und versuchte, Hoffmann von Giulietta wegzuziehen. Der Verlust von Hoffmanns Spiegelbild wurde auch auf ganz neue Art dargestellt. Die große runde Pupille über der Bühne flimmerte wild – Hoffmann sah sich nicht mehr, und vor seinen Augen tanzten die Bilder. Die brenzlige und unübersichtliche Situation in Venedig, in der sich Hoffmann befand, wurde gut skizziert.


Mirakel, Giulietta, Hoffmann und Muse

Die Muse in Weiß versuchte mit einem Buch in der Hand, Hoffmann zu sich zu locken, als er erkannte, dass er um seine Liebesnacht mit Giulietta betrogen wurde. Giulietta küsste nämlich ihren Sklaven Pitichinaccio. Hoffmann wollte Giulietta mit einem Dolch töten, doch es gelang ihm nicht, und Giulietta eilte mit Dapertutto davon.

Eine aufschlussreiche Szene war entstanden, als die Muse an Hoffmanns Armen zog, doch Hoffmann strebte zu Giulietta. In ihrem Zorn zerriss die Muse Hoffmanns Erzählungen und verschwand.

Dann lag Hoffmann plötzlich ganz alleine auf der breiten Bühne. Giulietta war mit Dapertutto weg, und Stella mit Lindorf. Verzweifelt sang er den Rest vom Klein-Zach, dem hässlichen Zwerg, zu dem er nun geworden war. (Hier hätte ein Spiegel auf die Bühne gepasst, in dem Hoffmann als Klein-Zach reflektiert geworden wäre).

Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen beim Stadttheater Pforzheim und bei der Fotografin Sabine Haymann. Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.


Ja, und dann ging der Vorhang zu und die Oper schien aus zu sein, denn niemand sang oder spielte mehr. Nicht einmal ein ernüchternder Bläserchor wie selbst in der Guiraud-Choudens-Version erklang, keine Apotheose. Ja sowas. Dabei kommen doch sowohl in der Oeser- und besonders in der teuren Kaye-Keck-Version gerade jetzt ein paar musikalische Höhepunkte, welche Hoffmanns Erlebnisse abrunden und zu einem guten Ende führen. Offensichtlich wollte das Pforzheimer Konzept keine Rettung des Hoffmann. Selber schuld, wenn du nicht auf die Muse hörst und dich auf weibliche Wahnbilder stürzen willst. Soll er doch mit seinem Testosteron bleiben, wo der Pfeffer wächst. Die Antonia dagegen wird eine erfolgreiche Karriere starten, (wie bestenfalls jede zehnte der ausgebildeten Opernsängerinnen).


Plastik an der Brücke über die Enz nahe am Theater. Man kann den Herren nur zustimmen.


Das Publikum begann langsam zu merken, dass die Oper nun endgültig aus war und Applaus erscholl. Alle Beteiligten wurden verdient bejubelt, vom Chor über das Orchester zu den SolistInnen und Solisten. Den meisten Jubel erhielt natürlich die überragende Sopranistin Tatiana Larina, und auch ihr Partner Eric Fennell. Ein paar Buhrufe aus männlichen Kehlen erschollen, als das Regieteam um Bettina Lell auf die Bühne kam, doch sie erstarben schnell und wurden vom allgemeinen Applaus übertönt. Sieben Minuten dauerte der Applaus, und es hätten noch locker mehr werden können. Doch plötzlich schob man zwischen dem noch heftig applaudierenden Publikum und dem Ensemble den Vorhang zu. Die Leut´ meinten, das sein ein Signal, nun sei genug geklatscht und hörten auf. Das darf man nicht machen, denn da wären locker noch mal fünf Minuten mehr drin gewesen, wie ich das applausfreudige Pforzheimer Publikum einschätzte. Schon alleine Tatiana hätte noch mindestens drei Mal ihre brava-Rufe bekommen.

Wenn möglich, möchte ich diese Inszenierung mindesten noch ein Mal sehen. Ich habe schon wesentlich weitere Reisen als von München nach Pforzheim unternommen, um gelungene »Hoffmänner« mehrfach zu genießen.


Persönliche Nachbemerkung des Berichterstatters:

Die Pforzheimer Inszenierung war mit Sicherheit eine gelungene, wenn auch mit eigenwilligen Akzenten versehene. Handwerklich und künstlerisch stand sie auf überdurchschnittlich hohem Niveau. Was allerdings das Basteln am Libretto und das Hineininterpretieren von subjektiven Ansichten angeht, muss sich das Dramaturgie- und Regieteam schon einige Fragen gefallen lassen.

1. Den Hoffmann elendiglich als vereinsamten Freak enden zu lassen, weil er auf der Suche nach der idealen Frau scheitert, kann man durchgehen lassen. Nicht wenige Regisseure und Regisseurinnen nämlich ließen den Hoffmann librettowidrig sterben oder im Delirium enden. Da kann man sich dann schon fragen, wer denn die Erzählungen des erfolgreichen Schriftstellers (und liberalen Richters am obersten preußischen Gerichtshof) verfasst haben soll, wenn Hoffmann dazu gar nicht in der Lage war, weil es ihn gar nicht mehr gab. Zwar wurde E.T.A. Hoffmann (1776 - 1822) mit 46 Lebensjahren nicht besonders alt, hinterließ aber ein erstaunlich umfangreiches und vielfältiges Lebenswerk.

2. Wenn Hoffmann von der Muse verlassen wurde, wer dann hat ihn zu diesem Lebenswerk inspiriert? Zwar ist E.T.A. Hoffmann nach heutiger Sicht kein Dante, Shakespeare oder Goethe geworden, zählt aber doch zu den Literaten, die fast 200 Jahre nach seinem Tod noch präsent sind. Seine diversen Erzählungen haben vielfältige Rezeptionen und Bearbeitungen in allen möglichen Sparten der Kunst gefunden. Auf seinem Grab im Berliner Friedhof an der U-Bahnstation Mehringdamm finden sich immer frische Blumen.

3. Wieso spielte man in Pforzheim die teure Kaye-Keck-Version, wenn wesentliche Nummern daraus, durch die sie sich von den ganz (Guiraud-Choudens) oder teilweise (Oeser) unvollständigen Versionen unterscheidet, weggelassen wurden? So gab es keine Geigenarie, und insbesondere keine Apotheose, die erst in der Oeser-Version und dann besonders in der von Pforzheim gewählten Kaye-Keck-Version in voller und sinnvoller Länge in Erscheinung tritt. Bis auf zwei Nummern im Giulietta-Akt hätte es auch die Guiraud-Choudens-Version getan. Die endet nämlich fast mit dem Giulietta-Akt.

4. Der im Raum stehende Vorwurf der Pforzheimer Interpretation, dass Männer auf ihrer Suche nach der idealen Frau - und damit nach einem platonischen Ideal - scheitern müssen, ist nicht von der Hand zu weisen. Das Leben bestätigt diese These. Nur: Was tun denn die von der Biologie vorgesehenen Partnerinnen der Männer?

Hier drängt sich der Wunsch auf, dass sich mal jemand die Mühe macht, Hoffmanns Erzählungen gendermäßig zu spiegeln und ein Libretto mit dem Titel „Frau Hoffmanns Erzählungen“ (gibt es schon, aber in einem anderen Zusammenhang) oder „Hofffraus Erzählungen“ zu verfassen. Frauen machen nämlich bei der Partnersuche (falls die überhaupt noch ideologisch erwünscht ist) mindestens genau so viele fatale Fehler wie die Männer. Solche Überlegungen passen jedoch nicht in die von einem feministisch-matriarchalen Zeitgeist geprägte Landschaft. Ich hätte da ein paar Vorschläge:

Hofffrau (natürlich das perfekte weibliche Wesen) gerät auf der Suche nach dem idealen Mann zuerst an Lindorf, den mächtigen Plutokraten, ihren eigentlichen Traummann, der sie aber dank zahlreicher Alternativen verlässt. Dann kommt Olympio, der Retortenmann aus dem Fitnessstudio, der sich als banal erweist. Nach Olympio folgt der durchgeknallte Künstler und Rockstar Anthony. Und schließlich wirft sich Hofffrau dem Obermacho und General Dapertutto an die Brust, der sie ausbeutet. Wie das alles ausgeht, erzählen uns das wirkliche Leben, die BILD-Zeitung und die Klatschpresse. Die meisten Heirats- und noch mehr Scheidungsanträge werden heute von Frauen gestellt. Irgendwie scheinen nicht nur bei den Männern, sondern auch bei den Frauen ein paar Dinge in die falsche Richtung zu laufen.

Aber, wie gesagt, das ist nur als Anregung gedacht. Jacques Offenbachs zauberhafte Musik könnte man beibehalten. Hoffmanns Erzählungen aus weiblicher Sicht mit einer weiblichen Protagonistin sind überfällig. Wie eine solche Oper dann enden könnte, hat der Pforzheimer »Hoffmann« angedeutet.


Nach der Premiere lud das Theater das Publikum zu einer Premierenfeier ein, auf der ich interessante Informationen erhielt. Die starken Kürzungen seien auch dadurch bedingt, dass ein großer Teil des Publikums aus dem Umland komme und deshalb die Vorstellungen nicht zu lange dauern sollen. Untenstehende Bilder enstanden auf der Feier.




Der Operndirektor lobt sein Ensemble nach der erfolgreichen Premiere



Das Ensemble



Stella aus Stawropol (Heimatstadt Gorbatschows)


Die Schöpfer des Bühnenbildes und der Kostüme



Regisseurin und Hoffmann






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