Hervorragend inszenierter, gesungener und begleiteter »Hoffmann« in Flensburg


www.sh-landestheater.de



Besuchte Vorstellung 4. November 2017 (Premiere)








Regie


Peter Grisebach

Dirigent


Peter Sommerer

Chorleitung


Bernd Stepputtis

Bühnenbild und Kostüme


Michele Lorenzini

Version


Oeser

Sprache


Deutsch




Hoffmann


Ralf Simon

Muse und Mutter


Paulina Schulenburg

Olympia


Annelie Müller

Antonia


Anna Schoeck

Giulietta


Julia Mintzer

Widersacher


Karl-Moritz von Blanckenburg






Sinnspruch am Theater

Ein Janusbild lass ich vor Dir erscheinen,

Die Freude zeigt es hier und hier den Schmerz.

Die Menschheit wechselt zwischen Lust und Weinen

Und mit dem Ernste gattet sich der Schmerz.



Wieder einmal ein »Hoffmann«, der rundum gefiel. Eine straffe, fantasievolle Inszenierung, in der alles richtig verstanden und interpretiert wurde und in der jeglicher werksfremde Firlefanz fehlte. Es gab keinerlei Längen, auch nicht im Antonia-Akt. Das Bühnenbild war zweckmäßig, und die Kostüme fantasievoll. Himmlisch schöner Gesang in allen Rollen, auch in den kleinsten, ein gut aufgestellter und hervorragend choreografierter Chor, sowie eine einfühlsame und situationsorientierte Orchesterbegleitung, wie man sie in dieser Kongenialität selten zu hören bekommt. Zuletzt war das in Neustrelitz der Fall. Der Dirigent hatte auch alles richtig gemacht: Wuchtige Auftaktakkorde, schön maestoso, keine Piccoloflöte zur Barkarole etc. Musikalisch lag alles deutlich über dem üblichen Stadttheaterniveau. Das Publikum war begeistert. Wenige Minuten nach Ende wurde rhythmisch und im Stehen geklatscht. Viele Brava- und Bravorufe.


In den 43 Tagen nach Salzburg (23. September) und Flensburg hatte ich nun sechs verschiedene »Hoffmänner« zwischen Trier und Krakau gesehen, und zu meiner Überraschung waren sie alle gut. Das hatte ich noch nicht erlebt. Ich muss überhaupt konstatieren, dass sich in den zehn Jahren, nachdem meine Hoffmannie ausbrach, und heute die Qualität der Inszenierungen deutlich gesteigert hat. Die Ausreißer werden immer seltener. Ich bin immer wieder erstaunt, dass sich Regieteams so häufig etwas ganz Neues einfallen lassen. Auch die Qualität des Gesangs und der Orchester nimmt hörbar zu.






Vorne der wiedererstehende Hoffmann, hinter ihm stehend seine Muse


Und so durfte ich auch in Flensburg, einer Stadt mit 85.000 Einwohnern, einen kreativen und hervorragend gesungenen »Hoffmann« erleben. Das schleswig-holnsteinische Landestheater hat mehrere Spielstätten. Nur Kiel und Lübeck haben eigene ortsfeste Opernhäuser. Und in beiden hatte ich auch schon »Hoffmänner« gesehen.


Das Theater in der Innenstadt ist ein schlichter, zweckmäßiger Bau ohne besondere Dekorationen, auch nicht im Zuschauerraum, was der Akustik zu Gute kommt. Das Theater hat über dem Parkett zwei Ränge und knapp 500 Plätze. Im Orchestergraben zählte ich zwei Kontrabässe und drei Celli.


Vor dem Beginn hatte ich eine überraschende Begegnung, als ein Herr mit einem Mobiltelefon auf mich zukam und fragte, ob ich der Betreiber der »Hoffmann«-Seite sei. Er schätze diese Oper auch, habe sie aber schon lange nicht mehr gesehen, nur eine Tonaufnahme gefühlt 30 Mal gehört. Auf der Suche zu einem anderen Thema war er zufällig auf meine Seite gestoßen. Dank meinem Hinweis unter Aktuell hatte er von der Flensburger Premiere erfahren und beschlossen, die gut 300 km von Hannover nach Flensburg zu reisen.


Das Theater war voll. Im Publikum überwog die ältere Generation. Mit wuchtigen und schön maestoso und nuanciert gespielten Auftaktakkorden erfreute mich der Dirigent des schleswig-holsteinischen Sinfonieorchesters. Ich möchte gleich vorausschicken, dass für den Rest der Oper die Orchesterbegleitung zu den besten gehörte, die je erleben durfte. Besonders die situationskonforme Begleitung der Handlung auf der Bühne war beeindruckend. Das Orchester nuancierte und adaptierte sein Spiel perfekt analog zur gerade auf der Bühne stattfindenden Handlung. Das geschieht selten in dieser Qualität.


Das Bühnenbild war klar und einfach strukturiert. Es war in warmen Farbtönen gehalten und führte uns in die Zeit, in der die Erzählungen E.T.A. Hoffmanns geschrieben worden waren. Hoffmann lag trunken auf dem Boden, und neben ihm schoss die Muse aus dem Untergrund. Mit seelenvoller Stimme stellte sie sich vor und umarmte Hoffmann. Lindorf trat als vornehmer Herr im Pelzmantel auf. Lindorfs Schwärmerei für Stella wurde gut dargestellt. Gut 20 lebhaft agierende Herren des Chors sangen mit variierenden Tempi und wurde ebenso dynamisch vom Orchester begleitet. Mit schöner Stimme stellte sich Hoffmann vor. „Leid kommt von ganz allein.“ Mit seiner lyrischen Tenorstimme war er eine Idealbesetzung für diese Rolle. Passend zur samtigen Stimme trug er einen roten Samtanzug. Hoffmann mimte selbst zum Klein-Zach. Als Hoffmann zu Stella überging, stellte sich der Chor mit fragenden Gesichtern um ihn herum. Eines der vielen durchdachten Details dieser liebevollen Inszenierung. Kräftiger Applaus belohnte den Klein-Zach. Knapp 30 Minuten dauerte der Rahmenakt in Lutters Taverne. Gut so.




Cochenille, Olympia und Spalanzani


Der Umbau zum Olympia-Akt geschah schnell auf offener Bühne, obwohl das flensburger Theater keine Drehbühne hat. Spalanzani war als Rokoko-Figur und Hansdampf-in-allen-Gassen charakterisiert. Olympia wartete hinter einem Gazevorhang. Der Konflikt Coppelius – Spalanzani wurde gut dargestellt. Spalanzanis Festgäste, in aufwändigen und fantasievollen Rokokokostümen kam in Tanzschritten hereingesteppt. Olympia dagegen trug ein buntes Folklorekleid mit Reifrock. Schnell und präzise brachte der Chor das Lob auf Olympias Augen, begleitet von lebhafter Mimik und Gestik.


Bei Olympias Arie wirkten Spalanzanis Gäst ziemlich gelangweilt, schreckten aber auf, als sie schwächelte, und begleiteten den Rest der Arie mit automatenhaften Bewegungen. Olympia lupfte ihren Rock vor einem begeisterten Hoffmann, und beim zweiten Schwächeln stürzte sie auf den sitzenden Hoffmann. (Applaus für diesen Gag) Jubel und heftiger Applaus belohnte sie für ihre perfekt gesungene und gemimte Arie. Hoffmann lacht Niklaus aus, als der ihn warnte, dass Olympia gar nicht lebe. Coppelius kam mit einem mächtigen Vorschlaghammer, als er seine Drohung ausstieß. Dramatisches Gestikulieren des Coppelius, als er mit der zerstörten Olympia wieder hereinkam. Coppelius und Spalanzani rauften miteinander. Kräftiger, langanhaltender Applaus für diesen gelungenen Akt und Pause.


Dr. Mirakel


Wuchtig und tragisch walzte das Orchester die Auftaktakkorde zum Antonia-Akt aus. Eine halbtransparente Glaswand teilte die Bühne. Ein großes Portrait der Mutter hing im Hintergrund. Mit schön lyrischer Stimme (endlich wieder) stellte sich Antonia vor und ließ auch die Zerbrechlichkeit ihrer Gesundheit erkennen. Das Bühnenbild wirkte heimelig und führte den Zuschauer in die Situation hinein. Lauter schöne Stimmen in Flensburg, auch schon bei der Premiere, wie nun auch Krespel mit kräftigem Bariton.


Ein Franz musste wohl sein, und auch die Methode, aber „… alles mit Methode...“ ging ja noch. Kräftigen Applaus gab es dann für die Geigenarie des Niklaus. Herzergreifende Duette Hoffmann – Antonia folgten. Mirakel diagnostizierte eine virtuell auf einem Stuhl sitzende Antonia. Mirakel lächelte trumphierend, als er Antonia zum todbringenden Gesang provoziert hatte. Drei schöne Stimme sangen ein gewaltiges Terzett Hoffmann – Krespel – Mirakel. Mirakel war richtig dämonisch dargestellt. Hinterhältig wollte er Antonia die bürgerliche Ehe ausreden, doch sie blieb vorläufig standhaft.


Dann erschien der singende Kopf der Muse mitten im Portrait der Mutter. Gut gemacht. Ich kam nicht darauf, wie die das hingekriegt hatten. Antonia sang sich mit dem berückend schönen terzett zu Tode und starb wenige Takte später in den Armen ihres Vaters. Krespel wollte den vermeintlich schuldigen Hoffmann mit einem Stuhl erschlagen, doch Niklaus verhinderte den Mord. Kräftiger Applaus für diesen Akt. Kurze Umbaupause ohne Rumpeln, und schon ging es weiter mit dem Giulietta-Akt, der mit flirrenden Streichern und ohne Piccoloflöte eingeleitet wurde.


Hoffmann, hinten sitzend Niklaus, Giulietta und Pitichinaccio


Schön sinnlich gesungen und begleitet konnte man die Barkarole genießen und dabei zerschmelzen. Die rothaarige und als sexy Revuegirl gestylte Giulietta hatte immer ein treues Schoßhündchen eng bei sich. Ich vermute mal, dass dies Pitichinaccio war. Auch noch bevor eine Gondel hereinglitt, herrschte venezianische Atmosfäre auf der Bühne. Wieder alles Rokoko in der Zeit des Giacomo Casanova. Eine traditionelle und eigentlich werksfremde Spiegelarie erklang, da ja Jacques Offenbachs Originalarie des Dapertutto in der Oeser-Version noch nicht enthalten ist, da sie noch nicht entdeckt worden war. Applaus für die sängerische Leistung. Dann beherrschte die sinnlich-feurige Giulietta die Bühne, und für ihre Duette mit Hoffmann gab es Applaus.


Dapertutto und Giulietta


Als Hoffmann einen Spiegel schwenkte, in dem er sich nicht mehr sah, wurde er brutal verlacht und fühlte sich auch von Schlemihl verspottet. Dann gab es richtig gut einstudiertes Degenduell Hoffmann – Schlemihl, das Hoffmann dank Dapertuttos Zauberdegen gewann. Doch als er den Schlüssel von Schlemihls Hals genestelt hatte, war die trügerische Giulietta schon mit Dapertutto verschwunden.


Als der Hörnerchor erklang, versuchte Hoffmann immer noch, den Schlüssel zu Giuliettas Gemach an sich zu bringen, und wurde in seiner Raserei von der Muse und Freunden mit Gewalt daran gehindert, einen seiner Freunde um zubringen. Dann drohte er sogar, seine treue Muse zu töten.


Ein Bild des Jammers auf der Bühne: der verzweifelte Hoffmann, die deprimierte Muse, und in merkwürdigem Kontrast dazu die bacchantisch singenden Freunde. Als eine schöne Stella erschien, rief die Muse: „Jetzt entscheidet sich´s.“ Doch der am Boden sitzende Hoffmann erkannte die auf ihn zugehende Stella nicht. Während Hoffmann noch rätselte, wer sie sei, blickte Stella schon beziehungsvoll Richtung Lindorf.


Dann war die Bühne leer bis auf Hoffmann. Seine Muse kam herein. Wunderschön gefühlvoll kamen die einleitenden Streichertakte vor der Apotheose. Bewegend dang die Muse Hoffmann wieder ins Leben zurück. Langsam füllte sich die Bühne mit den Gestalten aus Hoffmanns Erzählungen. (Am Tag zuvor war ich noch in Berlin an E.T.A. Hoffmanns Grab auf dem Friedhof am Mehringdamm gestanden.)



Ein triumphaler Gesang aller seiner Gestalten beendete die Oper. Er begann hektisch zu schreiben, und seine Manuskripte regneten vom Himmel herab.



Spontaner und kräftiger Applaus und Jubel, als der letzte Vorhang fiel. Der chor und alle die ausgezeichneten Solisten wurden bejubelt, auch der Dirigent mit seinem Orchester. Applaus auch für das Regieteam. Bald begann das begeisterte Publikum rhythmisch zu klatschen, und nach wenigen Minuten gab es stehenden Applaus, der gut sieben Minuten dauerte und immer wieder mit Jubel für die Solisten garniert wurde.

Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen beim Landestheater Schleswig-Holstein und beim Fotografen...... Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.


Nach der Oper gab es eine Premierenfeier mit einer beispielhaft kurzen Ansprache des Intendanten. Dabei entstanden folgende Bilder:









Antonia und Widersacher



Dirigent




Muse



Olympia und Stella





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