| Dieser Text basiert auf einem Artikel
für die PRO BAHN Post November 2026. Bearbeitungsstand: 26.10.2026 |
RE 200, Schönbuchbahn, Hermann-Hesse-Bahn, Stadtbahn Karlsruhe
Zwei Tage Bahnfahren
Anfang des Jahres wurde die Hermann-Hesse-Bahn wiedereröffnet. Da dazu einige Schwierigkeiten zu überwinden waren und die Bahn ein paar Besonderheiten hat, hatte ich mir einen Besuch dort vorgenommen. Im September war es endlich so weit, dass ich meine Pläne, die noch weitere Bahnstrecken enthielten, umsetzen konnte.
Los geht es ganz konventionell mit einer ICE-Fahrt ab München. Aber bereits in Ulm wechsle ich auf den Regionalverkehr. Zum einen hat das dank Deutschlandticket preislich ein paar Vorteile, zum anderen wollte ich die Schnellfahrstrecke Ulm – Wendlingen mal mit dem RE 200 bereisen. Die im Vergleich zum ICE größeren Fenster der dort eingesetzten alten IC-Großraumwagen bringen tatsächlich eine etwas bessere Sicht auf die Umgebung. Die ist allerdings dank Tunnel und paralleler Autobahn eher langweilig. Landschaftsblick gibt es hauptsächlich bei der Fahrt über die Filstalbrücke bei Mühlhausen.
Der RE 200 endet in Wendlingen, sodass ich hier in einen "Metropolexpress" (MEX) nach Tübingen umsteigen kann. Der MEX ist als Zuggattung eine baden-württembergische Spezialität. Während bisher alles pünktlich und angenehm war, kommt der Zug durch das Neckartal nur halb so lang daher wie vorgesehen, und ich bekomme für die ersten zwei Drittel der Strecke nur einen Stehplatz.
Ab Tübingen geht es weiter per Bus. In der Innenstadt gab es an diesem Sonntag eine Sportveranstaltung. Dass der Bus deshalb eine Umleitung befährt und zehn Minuten länger braucht, war der Fahrplanauskunft leider nicht zu entnehmen. Zum Glück habe ich am nächsten Umsteigepunkt in Dettenhausen ausreichend Zeit, sodass mich weder die Verspätung noch die fehlende Beschilderung des Wegs von der Haltestelle zum Bahnhof aufhalten kann.
Der Bahnhof Dettenhausen gehört zur Schönbuchbahn, die bereits 1996 zunächst mit Dieseltriebwagen reaktiviert wurde. Die erzielten Fahrgastzuwächse führten zur Elektrifizierung der Strecke, auf der heute recht spezielle Fahrzeuge unterwegs sind. Der "Nexio" – Baureihe 455 der Württembergischen Eisenbahn-Gesellschaft WEG – kommt vom spanischen Hersteller CAF und hatte große Probleme bei Zulassung und Aufnahme des Regelbetriebs. Ein paar Jahre später als gedacht ist er aber jetzt unterwegs. Das Fahrzeug ähnelt etwas einer Stadtbahn, hat aber die Breite eines Eisenbahnfahrzeugs, recht bequeme Sitze und ist auf der Strecke ruhig unterwegs.
In Böblingen wechsle ich dann wieder zu einem mehr konventionellen Fahrzeug der Linie S60 der Stuttgarter S‑Bahn. Die S60 fährt tangential über Sindelfingen nach Renningen. In Renningen gibt es Anschluss zur S6 und seit einigen Monaten zur anfangs erwähnten Hermann-Hesse-Bahn (HHB). Für die HHB wurde ein neuer Bahnsteig errichtet, der allerdings ein wenig abseits liegt und einen kleinen Fußweg erfordert.
Erste Besonderheit der HHB ist das Fahrzeug, das zwar in Renningen mit Stromabnehmer an der Oberleitung steht, den Weg nach Calw aber mittels Strom aus seinen Akkus zurücklegt. Zweite Besonderheit ist ein für die Reaktivierung neu gebauter Tunnel, durch den die Strecke und damit die Fahrzeit verkürzt wird. Die dritte Besonderheit sind die bestehenden Tunnel, die mit umfangreichen Einrichtungen zum Fledermausschutz versehen wurden.
Besonders schön ist die Einfahrt nach Calw, bei der sich das fast 100 Meter tiefer gelegene Nagoldtal zuerst auf der linken Zugseite zeigt und dann nach einem Tunnel und einer engen Kurve rechts mit stark reduziertem Höhenunterschied wieder auftaucht. Diese Annäherung an Calw hat schon Hermann Hesse beschrieben, nach dem die Bahn benannt ist.
Sehenswert ist auch der (neue) Calwer Bahnhof, in dem HHB und Nagoldtalbahn auf zwei verschiedenen Ebenen abfahren. Eine glasverkleidete Brücke führt vom HHB-Bahnsteig über die Gleise der Nagoldtalbahn hinweg zu einem Turm mit Aufzügen und einer Treppe. Ganz unten liegt unter einem Parkhaus der Busbahnhof, und um die hübsche Calwer Altstadt zu erreichen, müssen noch eine Bundesstraße und die Nagold überquert werden. Die Altstadt sehe ich mir dann nach dem Einchecken im Hotel näher an, bevor der Tag mit einem Abendessen zu Ende geht.
Am Morgen ist eigentlich Pforzheim das nächste Etappenziel. Da ich aber früh am Bahnhof bin und der Zug mit größerer Verspätung angekündigt ist, fahre ich zunächst in die Gegenrichtung bis Nagold, wo ich nach etwas Wartezeit in das Regioshuttle nach Pforzheim steige. Durch die Verspätung ist der nächste Anschluss knapp, aber machbar. Weiter geht es mit einem der bekannten Karlsruher Stadtbahnfahrzeuge. Auf der folgenden Strecke erhält die Stadtbahn im letzten Abschnitt erst ein, dann zwei eigene Gleise, sodass wir auf freier Strecke von einem Regionalexpress überholt werden können.
In Durlach verlassen wir endgültig die DB-Trasse und wechseln ins Karlsruher Straßenbahnnetz. Kurz vor der Innenstadt wird es dann unterirdisch – der Stadtbahntunnel ist für mich eine Premiere. Die Station Marktplatz liegt an einem Gleisdreieck und hat zwei rechtwinklig zueinander liegende Bahnsteighallen. Die Tunnelstationen sind in Weiß gehalten und mit einem Lichtkonzept der Firma von Ingo Maurer versehen, der auch von Münchner U‑Bahn-Stationen bekannt ist.
Für den letzten Stadtbahnabschnitt zum Hauptbahnhof steige ich in eine andere Linie um. Wieder zurück im DB-Bereich folgt die Fahrt mit einem RE nach Heidelberg. Dort wollte ich einen ICE ins Rheinland erreichen, aber die DB lässt an diesem Nachmittag die Fernverkehrshalte in Heidelberg ausfallen. Ich bekomme also als Bonus noch eine S‑Bahn-Fahrt nach Mannheim, wo ich dann wirklich in den ICE einsteigen kann.
Und als Bonus für die Leser besteht die Möglichkeit, eine längere Fassung dieses Berichts inklusive Fotos, Links und Fahrplandaten im Internet anzuschauen: www.myway.de/souvenirs/calw.
© Edmund Lauterbach – 31.10.2026 /
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