Ein »Hoffmann« wie er leibt und l(i)ebt

am HAU in Berlin



Besuchte Vorstellung 5.1. 2011 (Premiere)







Das Hebbel-Theater in der Stresemannstraße

1908 eröffnet, 1945 das einzige bespielbare Theater in Berlin

heute eine der Spielstätten des Theaters am Halleschen Ufer

Regie


Florian Lutz

Dirigentin


Barbara Rucha

Dramaturgie


Janka Voigt

Bühnenbild und Kostüme


Fabienne Müller und Lena Fay

Sprache


Deutsch

Version


Eigenes Konzept von Janka Voigt




Hoffmann


Jens Krogsgaard

Olympia, Antonia, Giulietta, Stella


Yuka Yanagihara

Widersacher


Tye Maurice Thomas







Schilder an einer Berliner Kneipe in der Nähe des Theaters







Fazit Berlin: Wie soll ich den »Hoffmann« am Hebbel-Theater charakterisieren?

a) Sturm und Drang eines Dichters in der Midlife-Crisis

b) Experimentaltheater an einer Berliner Traditionsbühne

c) Engagierte und lebensnahe Neubearbeitung eines alten Themas

Irgendwie war dieser »Hoffmann« alles zusammen.

Dazu eine kreative und einfallsreiche Regie, ein gut aufgestelltes Orchester und guter bis sehr guter Gesang. Es war keine perfekte und in sich stimmige Welt, die uns da vorgeführt wurde. Die existiert ohnenin nur als Fassade. Hier am Hau erlebte man das ungeschminkte wahre Leben.


Eine Video-Vorschau kann man auf dem Sender Arte sehen:

http://videos.arte.tv/de/videos/berlin_frischer_wind_in_offenbachs_oper-3628106.html



Von den Ankündigungen her wusste ich nicht genau, was mich am HAU erwartete. Zu meiner Freude bekam ich eine richtige Oper mit professionellen Sängern und mit guter Orchesterbegleitung. Das Ganze fand im Hebbel-Theater in der Stresemannstraße statt, gleich gegenüber der SPD-Zentrale im Willy-Brandt-Haus. Das Hebbel-Theater, eine der Spielstätten des Theaters am Halleschen Ufer, ist ein Traditionstheater mit wechselhafter Geschichte, an dem bekannte Schauspieler auftraten. (siehe Wikipedia-Artikel http://de.wikipedia.org/wiki/Hebbel-Theater )



Der aktuelle »Hoffmann« ist nicht die Produktion eines festen Ensembles, sondern wurde von einer ad-hoc-Truppe um Janka Voigt und Florian Lutz initiiert. Finanziert wurde das Projekt vom Kulturfonds der Hauptstadt Berlin, die ihr Geld diesmal gut angelegt hat. Medienpartner sind das Stadtmagazin Zitty, das Kulturradio Berlin-Brandenburg und die Zeitung taz. Vorbericht auf RBB: http://www.dichterluege.de/Vorbericht_dradio.mp3



Das Hebbel-Theater hat Platz für 500 Zuschauer und gefällt durch eine anheimelnde Atmosfäre. Auffallend gleich die Art des Publikums. Hier traf sich keine Münchner, Hamburger, Frankfurter, Zürcher oder Wiener Kulturschickeria in teuren Roben, sondern offensichltich die Crème de la crème der Berliner Intelligentsia. Ein einziger Herr hatte eine Krawatte um den Hals gewurstelt, und die hing über einem karierten Hemd. Keine Designer-Kleider an den Damen, dafür viele interessante Gesichter. Unter ihnen könnten sich einige E.T.A. Hoffmänner befunden haben. Hier fühlte ich mich gleich wohl. Viele junge Leute waren im Publikum. Das Haus war voll.



Im Theater blickte man auf eine offene Bühne. Der Orchestergraben war durch ein weißes Tuch agedeckt. Auf der Bühne stand ein Klavier. Aha, dann gibt es wieder einmal einen »Hoffmann« mit Klavierbegleitung. Muss nichts Negatives bedeuten, wie ich in Dijon erlebt hatte. Das Bühnenbild war einfach und roh zusammengezimmert wie in einer Studiobühne oder in einem Experimentaltheater. Man blickte nämlich auf die Rückseite der Kulissen, hinter denen »Don Giovanni« mit seinem Star Stella aufgeführt wurde. Durch diese Kulissen kam Lindorf auf die Bühne, gekleidet in Rokoko-Perücke und -kostüm. Vom Pianisten wurde er dann in seine Rolle eingewiesen.

Die Verständlichkeit des deutschen Gesangs wurde durch Übertitel gefördert. Eine nachahmenswerte Idee.


In Lutters Kneipe; rechts sitzend Hoffmann


Dann begann die Vorstellung in Lutters Kneipe. (Diese hätte in einer der benachbarten Berliner Kneipen in der Stresemannstraße sein können. Siehe Fotos obem) Und tatsächlich, der Mann am Klavier lieferte den musikalischen Rahmen. Das tat er mit lebhaftem Spiel. Und ebenso engagiert stellte sich der kleine Chor (drei Damen und vier Herren, alle ausgebildete Solisten) dem Publikum vor. Das war schon gleich einmal ein furioser Auftakt. Der Kneipier Lutter wurde auf einem Kasten Bölkstoff hereingerollt. Dann kam der Hoffmann. Was für eine perfekte Besetzung. Noch nie habe ich einen »Hoffmann« gesehen, in dem der Protagonist den weltfremden, unsicheren und sensiblen Dichter so überzeugend verkörperte. Jens Krogsgaard sang mit angenehm lyrischer und kultivierter Stimme. Man hörte ihm kaum an, dass er gerade eine schwere Lungenentzündung hinter sich hatte, wie der Regisseur vor Beginn der Vorstellung entschuldigend bekanntgegeben hatte.


Olympia und Hoffmann


Olympia wird repariert


Der Inhalt von Stellas Brief an Hoffmann wurde von einer weiblichen Stimme über Lautsprecher verlesen. Zum Klein-Zach mimte der Chor lebhaft den hässlichen Zwerg. Der Klein-Zach wurde vom Mann am Klavier und einem Klarinettisten begleitet. Er spietle keine B-, sondern eine Es-Klarintte, die höher klingt und der Arie vom Klein-Zach ein zusätzliche Schärfe gab. Als Hoffmann zu Stella überging, trat diese leibhaftig auf. Doch Hoffmann nahm sie nicht wahr. Sie reichte ihm die Hand – doch er nahm sie zu ihrer Enttäuschung nicht. Irgendwie vermisste ich jemanden. Richtig, es gab keine Muse. Schade. Meine Lieblingsfigur in dieser Oper. Berlin scheint keine gute Adresse für diese Figur zu sein. Harry Kupfer hatte in seinem Hoffmann die Muse zu einem Mann gemacht, was mir nicht gefiel, und nun fehlte sie ganz. Nur Thilo Reinhardt hatte in seiner Inszenierung die Muse richtig schön ausgestaltet und auch die Geigenarie singen lassen. Dabei wurde die Muse doch von Michel Carré und Paul Barbier zum leitenden Ich und Über-Ich des von seinem Es hin- und hergeworfenen Hoffmann bestimmt. Das Einizge, was man gegen die Muse vorbringen kann, ist, dass sie keine Figur aus E.T.A. Hoffmanns Geschichten ist.

Dann die zweite Überraschung: Als der Olympia-Akt begann, wurde das große weiße Tuch über dem Orchestergraben weggezogen, und 20 Musiker kamen zum Vorschein, welche fortan die drei Akte engagiert und fehlerfrei untermauerten. Das war um so bemerkenswerter, weil es sich hierbei nicht um eine eingespielte Musikertruppe handelte, sondern um eine für diese Inszenierung neu gebildetes Ensemble. Respekt vor dieser musikalischen Leistung.

Das riesige weiße Tuch lag nun auf der Bühne und gab dem Geschehen ein surreales Ambiente. Coppelius wurde als brutaler Metzger-Typ mit Hackebeilchen und blutiger Schürze dargestellt. Er und Spalanzani hatten sich um die Vaterschaft Olympias gestritten.

Dann zog Spalanzani die Olympia an, und die Gäste inspizierten sie genau.


Im Olympia-Akt fand sich ein verglaster Raum auf der Drehbühne, in dem Olympia auf ihren Auftritt vorbereitet wurde. Sie sah aus wie eine Schaufensterpuppe, die erst noch herausgeputzt werden musste, Die junge Japanerin Yuka Yanagihara sang alle Sopranrollen. Es freut mich immer wieder, wenn sich eine Sängerin an diese Monsterrolle wagt. Olympia stand stocksteif in einem einfachen Kleidchen auf der Bühne. Rhythmisch öffnete und schloss sie ihre großen dunklen Augen alle fünf Sekunden. Ihre Arie brachte sie mit Bravour rüber, wobei sie die Koloratur mehr mit Legati als mit Staccati gestaltete. Wenn sie schwächelte, brach große Hektik auf der Bühne aus, und als man sie schließlich auf den Kopf gestellt hatte, konnte sie weitersingen. Nach dem zweiten Schwächeln gab man ihr einen großen roten Lftballon in die Hand, der sie aufrecht hält. (In Gießen war der gelb gewesen). Heftiger Applaus für diese Olympia, die von Hoffmann permanent angehimmelt worden war. Witzig, wie sich Spalanzanis Gäste über die Psyche Hoffmanns auseinandersetzten. Wie in Lüneburg tanzte Hoffmann einen wilden Walzer um die stocksteif dastehende Olympia, die nur steif an ihrem Platz stand.. Er treibt sich quasi selbst an. Nicht die Olympia lockt ihn, sondern die Projektionen seiner Libido befeuern ihn. Psychoanalytisches Vokabular von narzisstischen Projektionen, Sigmund Freud und gar C.G. Jung schwirrte über die Bühne. Und dann kam der böse Coppelius mit dem Hackebeilchen, das er Olympia gab. Diese führte nun nur mehr sinnlose abgehackte Bewegungen aus und war somit als Automat entlarvt.

Hoffmann wurde ausgiebig verlacht.



Herzlicher Applaus für diesen Akt und Pause im Hebbel-Theater.


Hoffmann und Antonia, getrennt durch eine Glasscheibe


Zu Beginn des Antonia-Aktes speiste die junge Sängerin im Glaskasten. Auf dem Tisch stand ein rotes Telefon. Mit einem schönen dramatischen Sopran erfreute sie das Publikum. Im Glaskasten hängte sie ein Poster mit einem Bildnis ihrer Mutter auf. Man erlebte einen ekelhaften Krespel, der alles tat, um seiner Tochter die Beziehung zu Hoffmann zu vermiesen. Als die beiden in trauter musikalischer Zweisamkeit zusammensaßen, mähte er den Rasen mit einem veritablen Motormäher. Es kam dann auch zum Streit zwischen Hoffmann und seinem potentiellen Schwiegervater. Monsieur Crespel n´aimait pas cette musique. Schön erklangen die Liebesduette der beiden. Antonia sang nun mit lyrischer Stimme. Hoffmann begleitete eines deiser Duette auf einem Keyboard.

Sehr gut dargestellt war, wie Antonia und Hoffmann nicht zusammenkamen. Wenn sich Antonia im Glaskasten befand, stand Hoffmann außerhalb, und sie kamen nicht zusammen. Dabei hatten sie sich so überglücklich begrüßt und über das Wiedersehen gefreut. Richtig dämonisch kam Mirakel aus dem Untergrund und mischte sich zynisch-süffisant in Hoffmanns Leben ein. Er trug wieder sein Hackebeilchen. Sobald man ihn rausgeworfen hatte, erschien er riesengroß als Projektion. Als Mirakel der Antonia seine Pseudo-Behandlung angedeihen lassen wollte, zog Krespel den Vorhang des Glaskastens zu, in dem sich seine Tochter befand. Doch das rang dem falschen Arzt nur eine hämisches Grinsen ab. Ungehindert stellte er seine Pseudodiagnose.

Als Antonia versprochen hatte, nicht mehr zu singen, nahm Hoffmann das Poster ihrer Mutter von der Wand.

Wohltuend die Abwesenheit der Einlage des Franz.

Dann begann Mirakel mit seinen Einflüsterungen, böse wie Shakespeares Iago. Hoffmann wollte das rote Telefon an sich nehmen, doch zu spät, die Mutter war schon da, zuerst druch das Telefon, dann real. Ganz hervorragend dann das Terzett, bei dem Antonia über sich hinauswuchs.

Zum Ende Antonias vernebelte Hoffmann den Glaskasten


Dapertutto und Giulietta



Ohne Pause ging es weiter mit dem Giulietta-Akt. Da die Muse fehlte, gab es keine richige Barkarole. Sie wurde von einer Combo begleitet und weitgehend von den Damen des Chores gesungen Drei Grazien umgarnten Hoffmann. Hier entfalteten sich nun die schauspielerischen Talente Yuka Yanagiharas voll. Sie gab eine richtig bösartige, geldgeile und verschlagene Kurtisane, die gewissenlos mit den Gefühlen Hoffmanns spielte. Männer prügelten sich um sie, die sich in ihrer Attraktivität sonnte. Andererseits schnurrte sie dem Hoffmann perfekt ihre Liebe vor. Ihr Klagelied trug sie ebenso überzeugend geheuchelt vor, wie sie ihre Flatterhaftigkeit rüberbrachte. Diese Berliner Kurtisane war die dramatisch am besten gestaltete, die ich je gesehen habe. Und ihr Gesang lag auf gleich hohem Niveau. Dapertutto war, wie ein amerikanischer Zuhälter, in einen dicken Pelzmantel gekleidet. Mit Geld kaufte er sich Giulietta, die dafür alles tat, was Daperutto von ihr verlangte.

Das halbe Orchester spielte nun auf der Bühne, mit silberfrabenen Perücken auf den Köpfen. Schlemihl war als Faun gestaltet, und Pitichinaccio rutschte wieder mal auf Knien umher.

Hoffmanns Über-Ich wurde über Lautsprecher eingespielt: „Geh weg von hier, noch ist Zeit.“ Doch wer hört schon auf seinen linken Frontallappen, wenn die Glückshormone Belohnung verheißen. Und höchst überzeugend spielte Hoffmann seine Verzückung für Giulietta. Das war bestes Theater. Unbeeindruckt von den blutigen Männerleichen auf der Bühne ließ er nicht von seinem Wahn ab.

Dann begann Giulietta, den Hoffmann langsam auszuziehen, um an sein Spiegelbild zu kommen. Hoffmann stand in Unterhosen da, als Dapertutto mit Gefolge hereinkam.

Geschickt und mit einfachen Mitteln wurde dargestellt, wie Hoffmann sein Spiegelbild verlor. Er blickte in eine große Türöffnung, die einen Spiegel darstellen sollte, hinter der nur amorphe Nebel waberten. „Ich habe mein Spiegelbild verloren“, klagte er. Und Giulietta nicht bekommen. Anschließend wurde der Getäuschte von der Gesellschaft kräftig verlacht. Schlemihl bezeichnete ihn mitleidig als Kompagnon.

Der war nämlich auch nicht klüger als Hoffmann. Freiwillig lief er in Dapertuttos Degen, den Hoffmann hielt. Dann verschwanden Hoffmann und Dapertutto gemeinsam durch eine Falltür im Bühnenboden in die Unterwelt. Hoffmann rief verzweifelt nach Giulietta,doch die lachte nur höhnisch dazu. Das ewig Weibliche zieht uns hinab, wenn wir uns das gefallen lassen. Das war das Lied von der Männer Hörigkeit. Perfekt herausgespielt.



Im Nachspiel führte Lindorf Stella herain und gratulierte ihr. Das Klavier stand wieder auf der Bühne. Im Epilog tobte sich der von seinen Alpträumen befreite Hoffmann wieder richtig aus, als er den Klein-Zach zu Ende brachte. Stella bedauerte den betrunkenen Hoffmann und wirkte irgendwie verzweifelt. „Armer Hoffmann, stockbetrunken, doch geheilt.“

Da die Muse fehlte, musste Hoffmann selbst seine neue Rolle als Dichter definieren. Dazu sprach er einige Texte, die sonst die Muse spricht. Das tat er ganz ergreifend. Schön wurde von allen Beteiligten das Lied gesungen, dass uns die Liebe groß, der Schmerz aber noch größer macht. Hoffmanns Psychoanalyse war erfolgreich beendet. Leider mündete sie im Narzissmus, denn es fehlte ihm die Muse.

Die Geister des Weins beendeten dann die Oper.



Der Schlusspplaus war spontan und herzlich. Besonders gefeiert wurde natürlich Yuka Yanagihara. Auch Jens Krogsgaard und Tye Maurice Thomas wurden gefeiert. Fünf Minuten lang dauerte der Schlussapplaus. Eine gute Idee war es, dass man die Musiker mit ihren Instrumenten auf die Bühne brachte.

Von einer Bekannten erfuhr ich, dass der Applaus am 7.1. noch heftiger war, dass sogar getrampelt und im Stehen applaudiert wurde.



Die Premierenfeier war sehr gut besucht und ganz locker ohne Reden. Dort erfuhr ich Einiges über den Hintergrund dieser Produktion. Viele hatten mitgewirkt aus dem Wunsch heraus, überhaupt Oper spielen zu können, und man darf davon ausgehen, dass sie für ihre Leistungen nicht fürstlich honoriert wurden. Ganz riesig freute sich Yuka Yanagihara über ihr gelungenes Rollendebut.



Leider wird dieser »Hoffmann« nur vier Mal aufgeführt. Ich hoffe, das ist nicht das Ende dieser interessanten und sicher mit viel Herzblut auf die Bühne gebrachten Inszenierung. Durch das einfache Bühnenbild und die verhältnismäßig geringe Zahl von Beteiligten würde sich dieser »Hoffmann« gut für Festivals eignen.




Bilder von der Premierenfeier








Hoffmann und Stella



Stella mit Dramaturgin










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