Genialische »Hoffmann«-Bearbeitung in der Tischlerei der Deutschen Oper

www.deutscheoperberlin.de

Besuchte Vorstellung 18. September 2013 (Premiere)






Das Theater in der Tischlerei

Regie


Jakop Ahlbom

Musikalische Leitung


Anne Champert

Bühnenbild


Oliver Helf

Kostüme


Susanne Hilfer

Katrin Wolfermann

Version


Eigene Version, basierend auf Guiraud-Choudens

Sprache


Französisch




Hoffmann


Paul Kaufmann

Olympia, Giulietta, Antonia


Alexandra Hutton

Widersacher


Seth Carico






Im Korridor der Tischlerei


Fazit: Die Uraufführung eines experimentellen »Hoffmann«, basierend auf einer selbst erarbeiteten Version mit ausgefeilter Schauspielkunst und hervorragendem Gesang. Der junge schwedische Theaterregisseur Jakop Ahlbom, der erfolgreich in den Niederlanden arbeitet, präsentierte ein Opern-Kompress mit den wesentlichen Arien, begleitet von einem Männerchor, dessen Gesang sowie schauspielerisch-choreografische Leistungen beeindruckend waren. Gesangskunst der drei Hauptdarsteller auf höchstem Niveau, wie man das an der Deutschen Oper gewöhnt ist. Keine radikale Neuinterpretation des Hoffmann-Themas, aber eine unter die Haut gehende Darstellung von Hoffmanns Leiden. Ich sah in dieser Inszenierung Elemente von Göteborgs komödiantischer Chalmersspex und von Ingmar Bergmans unglaublich intensiver Umsetzung menschlicher Gefühlszustände in szenisches Agieren. Wenn es in den von mir besuchten Hoffmännern ein Regisseur geschafft hat, die mysteriösen und unheimlichen Geschichten E.T.A. Hoffmanns plastisch umzusetzen, dann war es Jakop Ahlbom. Er ließ den Dichter hautnah lebendig werden. Kurze Ausschnitte und Interviews hier. Nächste Aufführungen am 16. und 17. April 2014. Die Leverkusener dürfen sich schon freuen. Am 24. Mai gastiert die Tischlerei dort.


In der Tischlerei der Deutschen Oper werden heute keine Möbel mehr zusammengezimmert. Um eine alternative Spielstätte zu bekommen, hatte man in dem riesigen Theaterkomplex die Räume mehrerer Werkstätten zu einer großen Halle zusammengelegt, die 2012 eröffnet wurde. Die Tischlerei ist also ein eigenständiger Theaterraum, etwas spartanisch gestaltet, aber dem experimentellen Charakter der hier statfindenden Aufführungen durchaus angemessen. Es gibt ca. 340 Sitzplätze auf einem Metallgestell, das einem Baugerüst nachempfunden ist. Diese „Tischlerei“ wird regelmäßig genützt. Es gibt keinen Orchestergraben. Die Darsteller agieren unmittelbar vor den Füßen der Zuschauer in der ersten Reihe.


Jakop Ahlbom


Berlin ist offensichtlich kein gutes Pflaster für die Muse in Hoffmanns Erzählungen. Harry Kupfer hatte in seiner legendären inszenierung, die ich in Warschau sah, die Muse von einem Mann singen lassen, was nicht Schule machte. In der Aufführung am Halleschen Ufer war die Rolle der Muse vorsätzlich gestrichen worden, und das hatte auch die Tischlerei der Komischen Oper getan, aber dazu auch die meisten anderen Rollen dieser Oper.


Man hatte bis auf Hoffmann, den Widersacher und die drei Sopranrollen alle gestrichen, und die Dialoge sowieso. Behalten hatte man die wesentlichen Arien, die von einem Miniorchester begleitet wurden, bestehend aus Flügel, Klarinette, Bratsche und Kontrabass. Auf diese Instrumente hatte Anne Champert Jacques Offenbachs Nummern zugeschnitten. Irgendwie erinnerte mich diese Combo an die Hoffmann-Premiere in Dijon, als das Orchester streikte, sich aber doch ein knappes Dutzend zufällig zusammengewürfelter Musiker bereit fand zu spielen, um die Premiere zu retten. Unter der genialen Leitung eines Pianisten hatten die ohne Vorbereitung und Probe die Oper tadellos begleitet.


Die Premiere war ausverkauft, und die Vorstellung begann. Ein Paar trat schweigend auf. Der Mann hatte eine Art Playboy-Häschen-Ohren auf dem Kopf. Die Frau, wohl Stella, verließ nach ein paar Abschiedsblicken verunsichert den Raum. Hoffmann nahm einen Ring von seinem Finger, zögerte kurz, und steckte ihn dann wieder an.


Hoffmann im Elektroskooter


Die dynamischen Trinklieder singend tollten Hoffmanns Freunde in fantastischen Kostümen über die Bühne. Wie man diese akrobatischen Sprünge und waghalsigen Stürze perfekt singend kombinierte, blieb mir ein Rätsel. Hatte man da die besten Sänger unter Akrobaten oder die besten Akrobaten unter den Sängern ausgewählt? Hoffmann setzte sich in einen Elektroskooter, wie man sie auf Rummelplätzen sieht, und fuhr in gewagten Kurven an den Zehenspitzen der Zuschauer vorbei. Mit dem Ehering wieder in der Tasche, schien er auf Abenteuer ausgehen zu wollen. (Im Schwedischen heißt diese Oper Hoffmanns Äventyr) Doch plötzlich stand die Frau im roten Kleid mit erstauntem Blick wieder vor ihm: Hoffmann, was machst du da, kaum bin ich aus dem Haus?


Dann sang Hoffmann die Ballade von Klein-Zach. Was für eine wunderschöne, samtige und kultivierte lyrische Stimme erklang da! Wie ich später erfuhr, singt Paul Kaufmann an der Deutschen Oper gewöhnlich Buffo-Rollen. Mit diesem Hoffmann könnten sich die meisten Theater mit einem vollwertigen Tenor schmücken. Auch seine Erscheinung, seine Art sich zu bewegen, passten nach meinem Gefühl perfekt zu dieser Rolle. Er erinnerte mich an Aquiles Machado, der 2006 diese Titelrolle in Bilbao gesungen hatte.



Ausdrucksvoll und synchron mit Hoffmann robbten, drehten und wälzten sich seine Kumpane über die Bühne. Und dazu sangen sie noch. Was für ein expresessionistisches Spektakel wurde da geboten. Dafür gab es natürlich den verdienten Applaus, für Gesang und Choreografie.


Eine Klappe ging auf, und wir fanden uns vor einem Schießstand auf einem Rummelplatz wieder. Aha, dieses Szenario wird also weiterverfolgt. Nicht „All the world´s a stage“, sondern „Die ganze Welt ist ein Oktoberfest“. Allerlei neckische Spiele mit Puppen wurden gezeigt, und Hoffmann gewann beim Schießen eine Puppe und dann einen Riesen-Kuschelbär. Währenddessen saß eine traurige Stella an der Wand, eine brennende Fackeln in der Hand haltend. Nun erst wurde Hoffmanns Widersacher aus dem Chor identifiziert.


Hoffmann schoss wieder und gewann eine lebensgroße Puppe, die auf den Tresen gesetzt wurde. Abschätzig-interessiert musterte er sie. Sein Widersacher wurde zu Coppelius, und der verkaufte Hoffmann die Zauberbrille, mit deren Hilfe die gewonnene Puppe zu Olympia wurde, in die er sich natürlich sofort verliebte. Ich war mir nicht sicher, ob da eine Puppe saß oder eine sich extrem beherrschende Darstellerin, die nicht einmal mit den Augen blinzelte. Plötzlich wurde sie lebendig. Unglaublich, diese Beherrschung.


Die drei Olympien, die echte in der Mitte


Eine zweite Olympia kam aus der Kulisse, dann eine dritte, identisch gekleidet. Synchron tanzten sie zur Arie der Olympia. Und was für ein Gesang! Ein glockenreiner, präziser Koloratursopran erklang, wie man ihn selten zu hören bekommt. Eine Stimme zum Niederknien. Kräftiger Applaus für diese wunderschön gesungene Arie.


Hoffmann tanzte abwechselnd mit den drei Olympien. Eine Olympia führ mit dem Elektroskooter hinaus, und Hoffmann merkte, dass er sich in einen Automaten verliebt hatte, der nun leblos am Boden lag, nachdem Hoffmann seine Zauerbrille verloren hatte. Seltsamerweise versöhnte er sich danach mit Coppelius. Applaus für diesen Akt.


Es ging weiter mit der Giulietta. Drei Kokotten wurden von Dapertutto jovial begrüßt. Zwei Männerstimmten sangen die Barkarole. Ungewohnt, klang aber nicht schlecht. Dann übernahm Giulietta, nun mit kräftiger Dramatik, die Leitstimme. Der Männerchor mit den drei Giulietten führte dazu fantastische Bewegungen vor. Was für ein Genuss für Augen und Ohren.


Hoffmanns Rivalitäten mit Schlemihl und Pitichinaccio wurden nur angedeutet, aber drastisch mit viel Leidenschaft dargestellt. Dann wünschte sich Giulietta von Hoffmann ein Souvenir in Form seines Spiegelbildes und öffnete einen Vorhang, hinter dem sich ein großer Spiegel zeigte. Es gab ein großartiges Duett Hoffmann – Giulietta, das natürlich beklatscht wurde. Ein schlauer optischer Trick versetze Hoffmanns Spiegelbild hinter den Spiegel – es war ein Double, das dann verschwand.



Dazu passend erklang dann von Dapertutto die Spiegelarie. Hinter dem Spiegel erschien eine stumme Stella. Hoffmann und Dapertutto sangen dann das zum Duett reduzierte Sextett. Und Hoffmann verlor wieder eine Geliebte. Der sich hässlich fühlende zerschnitt Stellas Gesicht, doch sie war überall. Sein Schmerz verfolgte ihn. Hoffmann stand wie versteinert, während sich seine Alteri Egones in Form des Chores in konvulsivischen Zuckungen am Boden wälzten, um sprachlos den Schmerz des wiederum Betrogenen auszudrücken. Die Musik lieferte onomatopoetisch dazu komponierte Kakophonien. Schließlich stand Hoffmann alleine fröstelnd auf der Bühne. So deutlich und intensiv hatte noch keine Inszenierung den Schmerz des Hoffmann dargestellt.


Die Combo verließ samt Instrumenten die Szene, und Hoffmann saß zusammengesackt wie leblos und verzweifelt in einer Ecke. Totenstille herrschte im Theater. Nicht einmal ein Hüsteln durchbrach die beklemmende Atmosfäre.


Ohne Pause ging es weiter zum Antonia-Akt. Die Combo, bisher auf der linken Seite spielend, tauchte auf der rechten wieder auf. Ein Orgel-Choral ertönte, und zehn Augenmänner erschienen auf der Bühne. Nebel waberte. Dissonante Töne kündigten Antonias Tragödie an.


Die gespenstischen Augenmänner


Die Augenmänner standen um die sitzende Antonia herum und hoben dann ihre aufgespannten Schirme, auf deren Stockspitzen sie volle Wasserflaschen gesteckt hatten. Die regneten nun um Antonia herum ab. Wasserfälle von Tränen. Spontaner Applaus für diese eindrückliche Szene.


Dann hob Antonia, die irgendwie trocken geblieben war, mit wunderschönem Gesang an. Eine Idee zu dramatisch, und eine Idee zu wenig lyrisch, aber ganz hervorragend. Dafür geb es natürlich Applaus. Da alle Nebenrollen gestrichen waren, gab es auch keinen Franz. Schon mal gut.


Mirakel trat aus waberndem Nebel auf und beschwor Antonia, doch mehr auf ihre Mutter zu hören. Antonia antwortete: Wer rettet mich vor diesem Dämon, wer rettet mich vor mir selbst? Gut wurde so Antonias innerer Konflikt dargestellt.



Die Mutter erschien als Projektion auf einem durch die Luft tanzenden weißen Tuch, während die Stimme der Mutter von der Bratsche gespielt wurde. Die anderen beiden Stimmen des Terzetts sangen Mirakel und Antonia. Dazu schlichen zwei weitere identisch gekleidete Antonien über die Bühne. Großartig sang sich Antonia zu Tode. Ihre Doubles zitterten mit in ihrem Todeskampf.



Dann eine weitere beklemmende Szene. Eines ihrer Doubles gab Antonia ein Messer und schnitt ihr die Brust auf. Antonia griff hinein, holte ihr blutendes Herz heraus und gab es dem entsetzten Hoffmann. Dann legte sie sich zum Sterben hin. Wieder war es totenstill im Theater.



Dann sang Hoffmann mit unendlich trauriger Stimme einen Vers aus dem Klein-Zach, wie er für Nichts sein Leben ruiniert hatte.



Dann sang der Chor die Worte: Man wird groß durch den Schmerz, aber noch größer durch die Liebe. Dazu hatte Anne Champert eine eigene Melodie komponiert, denn Jacques Offenbachs Originalmelodie unterliegt dem teuren Aufführungsrecht der kritischen Editionen Öser und Kaye-Keck.



Amüsiert und eine Zigarette rauchend betrachtete der Widersacher von der Seite die Szene: Das Destruktive hatte wieder einmal gewonnen.



Es dauerte viele Sekunden lang, bis sich das Publikum von seiner Beklemmung erholt hatte, aber dann brandeten Applaus und Jubel auf. Nicht nur die hervorragenden Sänger, auch der Chor und das Regieteam wurden bejubelt. Acht Minuten dauerte der Applaus.



Eine beeindruckende Eröffnung der Hoffmann-Saison 2013/2014, wenn auch keine komplette Oper, aber ein Spektakel mit intensivstem Gefühlstransfer von den Akteuren auf das Publikum, unterstützt von hervorragendem Gesang.

Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen bei der Deutschen Oper Berlin und beim Fotografen Thomas Aurin Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.


Nach der Vorstellung bedankte sich der Intendant bei den Mitwirkenden und begrüßte auch Jan Stöß, einen führenden SPD-Politiker, der trotz Wahlkampf zur Hoffmann-Premiere gekommen war. Dann gab es eine öffentlich zugängliche Premierenfeier. Man kaufte sich ein Glas (ausgezeichneten) Rot- oder Weißweines. Dazu spendierte das Theater wohlschmeckende Vorspeisen, darunter auch bei uns selten zu bekommende Okra.

Wie immer an deutschen Theatern (im Ausland sind die Premierenfeiern oft für das Publikum unzugänglich) konnte ich interessante Gespräche mit den Akteuren führen. Alexandra Hutton stammt aus einem kleinen Dorf im australischen Outback. Ich bin sicher, dass ihr eine strahlende Karriere bevorsteht.





Stella (vorne rechts)


Hoffmann (rechts) im Gespräch mit Besucher



Regisseur



Musikalische Leiterin und Regisseur

Eine kleinere Tragödie ist zu vermelden. An den Wänden des Eingangs zur Theaterkantine der Deutschen Oper hatten sich die größten Sängerinnnen und Sänger des späten 20. und des frühen 21. Jahrhunderts verewigt. Diese Autogramme sind nun übermalt worden. Dieses Sakrileg soll während der Sommerpause geschehen sein und auf das Konto des Kantinenwirts gehen, wie mir berichtet wurde.

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