Im Jahre 1996 machte eine Reisegruppe von PRO BAHN eine Fahrt nach Rügen und Usedom. Im Anschluß erschien folgender Bericht in der PRO BAHN Post. Obwohl schon etwas älter, und obwohl die gemachten Voraussagen bezüglich des Realisierungszeitpunktes der Wolgaster Brücke und des Typs der neuen Triebwagen sich als falsch erwiesen haben, wird der Artikel hier unverändert wiedergegeben.


 

 
Rügen & Usedom - Reiseerfahrungen

Im Angebot der PRO BAHN Verlag und Reisen GmbH war in diesem Jahr erstmalig eine Reise zu den deutschen Ostseeinseln Rügen und Usedom, wo es ja außer zahlreichen touristischen Attraktionen auch einige eisenbahntechnische Leckerbissen anzuschauen gibt. Ebenfalls eine Neuerung im Reisprogramm war die aufgrund der großen Entfernung sinnvolle Anreise im Liegewagen.

Also traf sich am Mittwoch vor Christi Himmelfahrt unsere Gruppe am Münchner Hauptbahnhof um den Zug nach Binz auf Rügen (Abfahrt 19:28 Uhr) zu besteigen. Trotz alten Wagenmaterials konnten wir uns - mit jeweils vier Personen in einem Abteil - recht gemütlich einrichten. Während der erste Teil der Fahrt von den meisten für eine Brotzeit genutzt wurde, war dann ab Fulda Nachtruhe angesagt.

Das vom Schlafwagenschaffner servierte kleine Frühstück nahmen wir dann am nächsten Morgen bereits irgendwo zwischen Rostock und Stralsund ein. Weiter ging die Fahrt über den Rügendamm und quer über Deutschlands größte Insel bis nach Binz, wo wir mit etwas Verspätung ankamen. Während der größere Teil der Gruppe den 15-minütigen Fußweg zum Hotel für erste Impression des Badeortes nutzte, wurde unser Gepäck freundlicherweise vom Chef unseres Hotels "Kurhaus Binz" am Bahnhof abgeholt.

Nach Bezug der Zimmer in einem Hotel, dem sicherlich noch etwas der Charme vergangener Zeiten anhaftet, besichtigten wir die Binzer Seebrücke und nahmen in einem Lokal an der Strandpromenade einen kleinen Mittagsimbiß ein. Daß es an der Ostseeküste auch hügelig sein kann, zeigte sich auf der anschließenden Wanderung zum Jagdschloß Granitz. Das erste "Highlight" für die Eisenbahnfans war dann die Dampfzugfahrt mit dem "Rasenden Roland" nach Putbus. Zunächst unternahmen wir einen Rundgang durch die sehenswerte und inzwischen auch weitgehend restaurierte ehemalige Residenzstadt, danach erholten wir uns in einem Café am "Circus", dem Zentralplatz des Ortes.

Rasender Roland am Jagdschlo▀
Nach den Erfahrungen aus der "fürstlichen" Zeit Rügens widmeten wir uns wieder dem öffentlichen Nahverkehr und bewegten uns mit Bahn und Bus weiter. Die Busbenutzung auf Rügen erfordert etwas Planung, da die Fahrpläne einen ziemlich zusammengewürfelten Eindruck machen und zum Beispiel an unserem Umsteigepunkt Bergen der Bus nicht am Bahnhof hält. Unerfahrene Fahrgäste - eventuell mit Gepäck von einem Fernzug kommend - werden durch so etwas sicherlich abgeschreckt.

Erfahrungen aus einer weiteren Epoche deutscher Geschichte macht man in Prora. Diese riesige, in der Zeit des Nationalsozialismus konzipierte Ferienanlage für 20000 Urlauber muß aus heutiger Sicht wohl als erster Versuch zur Schaffung von Infrastruktur für den Massentourismus gewertet werden. Prora besteht aus aneinandergereihten je 500 Meter langen Gebäudeteilen (geplant waren acht Blöcke) und erstreckt sich mit Lücken über eine Gesamtlänge von 4,5 km parallel zum Strand. Architektonisch in ihrer Monumentalität sicher umstritten, liegt die Anlage aber zumindest an einer für den ihr zugedachten Zweck idealen Stelle und ist - im Gegensatz zu manchen Hotelkomplexen späterer Jahre - durch zwei Haltepunkte an den Schienenverkehr angeschlossen. Prora wurde nie fertig, ein Teil ist nur als Ruine erhalten und nur kleine Abschnitte werden heute genutzt.

Blick von Prora Richtung Binz
Obwohl schon etwas erschöpft, verführte das gute Wetter und das in der Ferne sichtbare Hotel die Gruppe dazu, den Rückweg nach Binz als Strandwanderung zu gestalten. Der erste Tag endete nach Abendessen im Hotel bei einem Bier in einem gemütlichen Binzer Lokal.

Am Freitag ging es dann weiter mit dem Linienbus nach Sassnitz. Da die Verteilung der Haltestellen in Binz eher zufällig als fahrgastfreundlich ist, nahmen wir den vom Hotel angebotenen Gepäcktransport zum Busbahnhof dankbar an. Die Verkehrsprobleme auf Rügen konnten dann bei der Busfahrt aufgrund von zwei Autostaus mehr "erstanden" als "erfahren" werden. In Sassnitz angekommen blieb aufgrund der Verspätung gerade noch Zeit um unser Gepäck im Bahnhof zu deponieren und uns auf den Weg zum Hafen zu machen. Dort bestiegen wir das Fahrgastschiff "MS Marco Polo" zu einer Rundfahrt entlang der Rügener Kreidefelsen. Dieses Erlebnis wurde durch die nicht allzu gute Sicht etwas getrübt, und die Windstärke 5 - 6 führte dazu, daß nur ein Teil der Gruppe die Fahrt wirklich genießen konnte.

Nach Mittagessen in den Sassnitzer "Ostseeterrassen" gingen wir durch die Stadt zurück zum Bahnhof und fuhren von dort über Stralsund und Züssow nach Wolgast. Dort ist die Eisenbahnbrücke zwischen dem Festland und der Insel Usedom zwar zur Zeit in Bau (geplante Fertigstellung 1998), aber noch muß man 15 - 20 Minuten Fußweg zwischen dem Haltepunkt Wolgast Hafen und dem Bahnhof Wolgaster Fähre der Usedomer Bäderbahn einplanen. Da wir unser Gepäck mit dem Taxi über die Brücke fahren ließen, war für uns der Fußweg kein großes Hindernis, und wir konnten pünktlich einen der auf der Insel im Stundentakt verkehrenden Triebwagen ("Ferkeltaxen") besteigen.

Nach Ankunft im Seebad Heringsdorf bezogen wir unsere Zimmer im gegenüber dem Bahnhof gelegenen, schön renovierten Hotel "Stadt Berlin". Es folgte ein abendlicher Rundgang durch den Ort mit Besichtigung der neu errichteten Seebrücke ("längste Seebrücke des Kontinents").

Der Samstag begann leider mit einer Regenschauer, so daß wir uns für den Weg zum Seebad Ahlbeck statt des Fußweges entlang der Strandpromenade für die Fahrt mit der Bahn entschieden. In Ahlbeck angekommen war das Wetter aber bereits wieder besser, so daß die historische Seebrücke bei Sonnenschein besichtigt werden konnte und der Rückweg nach Heringsdorf nun wirklich zu Fuß angetreten wurde.

Nach Fahrt zur Wolgaster Fähre schlossen wir uns dort einer Gruppe des "Deutschen Bahnkundenverbands" aus Berlin (einer Schwesterorganisation von PRO BAHN) zur Besichtigung des Betriebs der Usedomer Bäderbahn (UBB) an. Einer der Geschäftsführer des Unternehmens, Herr Bosse, erläuterte während der Fahrt und der Besichtigung des Betriebswerks Heringsdorf den augenblicklichen Status, die in Angriff genommenen Maßnahmen und die weiteren Pläne der UBB. Die Bahngesellschaft ist eine hundertprozentige Tochter der Deutschen Bahn AG, kann jedoch in ihrem Bereich weitgehend selbständig agieren.

UBB im Profil
Außer der sich im Bau befindenden Wolgaster Brücke, die ab 1998 die Durchbindung der Bäderbahn bis Züssow erlaubt, investiert die UBB zur Zeit hauptsächlich in Streckensanierung und Schaffung zusätzlicher Ausweichgleise für Zugbegegnungen in ihrem eingleisigen Netz. Der Unterschied zwischen den bereits sanierten Streckenabschnitten und den noch nicht sanierten Abschnitten konnte spürbar "erfahren" werden. Für die Zukunft sind die Verlängerung von Ahlbeck zur polnischen Grenze (und später auch darüber hinaus) sowie - mit geringerer Priorität - die Renovierung der Bahnhofsgebäude geplant, die überwiegend in sehr schlechtem Zustand sind. Ein weiterer wichtiger Meilenstein für die UBB ist die für 1998 geplante Auslieferung neuer Fahrzeuge ("Regio-Shuttle").

Die Besichtigung endete am Bahnhof Ahlbeck, wo zur Zeit vom Unternehmen und seinen Mitarbeitern ein Museum zur Geschichte der Bäderbahn aufgebaut wird. Danach trennten sich die Wege der Gruppe und es wurde alleine oder in kleineren Gruppen den jeweiligen Interessen nachgegangen. Diese Interessen bestanden zum Beispiel aus Kaffee und Kuchen auf der Ahlbecker Seebrücke, einer Fototour entlang den Gleisen der UBB oder einer Wanderung im Usedomer Hinterland durch hügelige Waldlandschaft und entlang des Gothensees (größter Usedomer Binnensee). Zu Fuß oder mittels der UBB wurde aber von allen Teilnehmern der ausgemachte Treffpunkt am Bahnhof des Seebades Bansin erreicht.

Bäderbahn auf der Fahrt ins Seebad Heringsdorf
Zum Abendessen fuhren wir mit dem Zug nach Koserow, wo wir nach kurzer Suche auch ein Lokal fanden, in dem wir von der Qualität des Essens und dem Preis/Leistungs-Verhältnis positiv überrascht wurden. Nach dem Essen erstiegen wir den Koserower Streckelsberg, von dessen Höhe wir den Blick auf Meer, Strand und Steilküste genießen konnten. Vorbei an der sehenswerten Koserower Kirche ging es zum Bahnhof und die - für diese Reise - letzte Fahrt mit der UBB brachte uns zurück zum Hotel.

Die Rückreise am Sonntag begann mit einer Busfahrt nach Anklam, um auch den Teil der Insel Usedom zu "erfahren", der zur Zeit nicht durch Schienenverkehr erschlossen wird. In Anklam bestiegen wir dann nach dem Mittagessen den Interregio nach Berlin, wo wir nach Umsteigen in Lichtenberg und Schönefeld den Intercity nach München erreichten. Trotz der wegen des verlängerten Wochenendes sehr gut besetzten Züge kam die Gruppe zwar etwas erschöpft, aber mit dem Verlauf der Reise zufrieden gegen 23 Uhr in München an.

Da man gute Leistung auch würdigen soll, möchte ich zum Schluß unsere besondere Zufriedenheit mit der Bewirtung in den "Ostseeterrassen" in Sassnitz und in der "Bernsteinhexe" in Koserow erwähnen. Einen guten Eindruck hinterließ bei mir ebenfalls das schön im Wald nahe bei Heringsdorf (ca. 1 km vom Bahnhof) gelegene "Forsthaus Wildpark".

Ab 1998 hat die UBB neue Fahrzeuge, eine durchgehende Verbindung auf das Festland und einen weiteren Haltepunkt an der polnischen Grenze. Also eigentlich genug Gründe die Reise zu den Ostseeinseln zu wiederholen.

UBB in Heringsdorfer Kurve

 


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