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Intelligentes Regietheater

an Rhein und Mosel

Besuchte Vorstellung: 17. September 2011 (Premiere)

www.theater-koblenz.de



Den Musen, für die Belehrung und zur Freude der Allgemeinheit errichtet im Jahre 1787. (Inschrift über der Fassade des Koblenzer Theaters.)






Regie


Gabriele Wiesmüller

Dirigent


Bernhard Ott

Chorleitung


Bernhard Ott, M. Dobrzanski

Bühnenbild


Volker Thiele

Kostüme


Grit Groß

Version


Kaye-Keck

Sprache


Französisch m. dt. Dialogen




Hoffmann


Andrew Sritheran

Muse


Aurea Marston

Olympia


Hanna Lee

Antonia


Malwina Makata

Giulietta


Monika Mascus

Widersacher


Michael Mrosek






Fazit: Ein rundum gelungener und außergewöhnlich kreativer »Hoffmann« zu meinem persönlichen Jubiläum: die fünfzigste eigenständige Inszenierung seit Ausbruch meiner Hoffmanie im Frühjahr 2007. Den vorhergehenden »Hoffmann« in Pafos zähle ich nicht, denn er war eine Wiederaufnahme des Prager Nationaltheaters aus der Spielzeit 2009/2010. In Koblenz gab es einen bunten Strauß von eigenständigen und vor allem werkskonformen Ideen, die in vielen Fällen einen neuen und zeitgemäßen Blick auf diese Oper erlaubten. Keine aufgesetzten Gags, sondern hervorragend verstandene Umsetzung des Librettos in unsere Zeit und in nachvollziehbare menschliche Situationen. Ein schon zur Premiere perfekt spielendes Orchester, von dem ich den ganzen Abend keinen falschen Ton hörte, und viele schöne Stimmen auf der Bühne. Bemerkenswert auch die Präzision des Chores, besonders im schwierigen Olympia-Akt. Großes Kompliment auch an Kostümabteilung und Bühnenbild. Wieder einmal bewies Koblenz meine Erfahrung: die besten »Hoffmänner« sieht man an kleinen Theatern in der sogenannten Provinz. Wie schon der leider verstorbene »Hoffmann«-Forscher Josef Heinzelmann einst zu mir bemerkte: „An den kleinen Theatern wird hart gearbeitet.“ Ich darf hinzufügen: hart und kreativ. Koblenz hat das wieder einmal bewiesen. Eine Inzenierung, bei der alles zusammenpasste.

Und das Publikum war begeistert. Neun Minuten Premierenapplaus und viel Jubel für diese hervorragende Neuinszenierung.

Anschließend gab es eine nette Premierenfeier in einem Nachbarlokal.

Mein herzlicher Dank an das Ensemble des Koblenzer Theaters, dass zu meinem fünfzigsten »Hoffmann« eine so schöne und kreative Inszenierung gespielt wurde.

Bedauerlich nur, dass solche ausgezeichneten Inszenierungen kleiner Theater kaum wahrgenommen werden. Im Fernsehen überträgt man nur die meist drögen, aber umso aufwändigeren Inszenierungen der großen Häuser, und auf DVD kommen nur Produktionen mit Weltstars heraus. Ich habe schon so oft bei Fernsehanstalten angerufen, wenn es gelungene »Hoffmänner« an kleinen Häusern gab. Aber dafür hat man kein Geld. Lieber überträgt man Wischi-Waschi-»Hoffmänner« von den Salzburger Festspielen, der Wiener Staatsoper oder der Met mit ihren Stars und aufwändigen Kostümen.


Der rote Premieren-Teppich vor dem Theater


Das Koblenzer Theater wurde im späten 18. Jahrhundert erbaut und nach mehreren Umbauten wieder in den Originalzustand versetzt. Es ist ein heller, luftiger klassizistischer Bau mit hübschen aufgemalten Dekorationen. Es vermittelt eine intime Atmosfäre, denn es hat nur 500 Plätze. Keiner ist weit von der verhältnismäßig großen Bühne entfernt, und das Parkett hat nur zehn Reihen. Im Orchestergraben zählte ich zwei Kontrabässe und Celli. Auf dem Platz vor dem Theater lag ein riesiger roter Premierenteppich. Das Wetter spielte mit. Die Vorstellung war ausverkauft. Vor der Premiere – wie auch vor allen zukünftigen Vorstellungen - gab es eine gut besuchte Einführung durch die Dramaturgin, die auch die Inszenierung vorbereitet hatte. Hauseigene Regiearbeit ist an deutschen Bühnen selten geworden, Gastregisseure sind üblich. In Koblenz führte die Operndirektorin persönlich Regie, und das war gut so. Bei angeworbenen auswärtigen Gastregisseuren weiß man vorher nie, was daraus wird. Oft geht es schief, manchmal wird was daraus. In Koblenz stellte sich dieses hauseigene Regieteam als Glücksgriff für den Koblenzer »Hoffmann« heraus. Was entstand, war ein hausgemachter, aber alles andere als hausbackener »Hoffmann«.


Die Einführung


Das Foyer mit den drei Türen, die man auf der Bühne nachgebildet hatte


Die Bühne war offen, und was man erblickte, hatte man schon beim Betreten des Theaters gesehen: man hatte das Eingangsfoyer mit den Türen zum Zuschauerraum genau nachgebildet. Nicht einmal die Besetzungszettel links und rechts fehlten. Klar, im Theater wird ja »Don Giovanni« gespielt, mit Stella als Donna Anna.


Kräftiger Applaus brandete auf, als der Dirigent pünktlich sein Podium betrat. Das Publikum schien ihn zu kennen. Doch noch ertönten keine Auftaktakkorde. Eine elegant gestylte junge Dame, die auch in der Münchner Theatinerstraße, in der Zürcher Bahnhofstrasse und besonders im Lokal Lutter & Wegner am Berliner Gendarmenmarkt alle Blicke auf sich lenken würde, betrat die Bühne. An einem Tisch schrieb sie ein paar Zeilen auf die Rückseite ihrer Starkarte und legte mit liebevollem Gesichtsausdruck einen Schlüssel an einem rosa Bändchen in den Umschlag, den sie einem Boten übergab, nachdem sie dem den Empfänger vielsagend ins Ohr geflüstert hatte. Was für ein überraschender und origineller Auftakt! Das hatte ich noch nicht gesehen. Noch war kein Wort gesprochen, kein Ton erklungen, und schon war mein Interesse für diese Inszenierung geweckt.


Dann kam ein hünenhafter Herr in hellblauem Anzug mit einem Blumenstrauß in der Hand auf die Bühne. Verzweifelt rüttelte er an den Eingangstüren, doch alle waren verschlossen. Bedrückt setzte er sich hin.


Dann ertönten schön maestoso die Auftaktakkorde. Gleich zeichnete sich ein präziser Orchesterklang ab. Die Türen gingen auf, und dahinter sang der Chor, vorerst noch unsichtbar. Dann trat die Muse auf – noch im Negligé in Form eines hellen Unterrocks aus Omas Zeiten - und streute Sternenstaub auf den Kopf des niedergeschlagenen Dichters Hoffmann. Brilliant und ganz ohne Nervosität stellte sie sich vor, und schon ertönte der erste Applaus – die Vorstellung war gerade mal fünf Minuten alt. Das motiviert und beruhigt die Nerven bei einer Premiere.

Dann warf sie den Blumenstrauß ins Publikum. Der flog nicht weit an mir vorbei, traf aber niemanden. Das sollte wohl ein Signal an Hoffmann sein: vergiss diese Zicke, das wird nichts mit der.

Dann zog sie einen taubenblauen Anzug an und wurde zu Niklaus. Neben dem ausgezeichneten Gesang beeindruckte sie durch lebhafte Mimik.


Auftritt des Lindorf. Drohend und mit beeindruckender Präsenz beherrrschte er die Bühne Mit seinem Schnurrbart erinnerte er mich an den rechtsradikalen amerikanischen Hollywood-Schauspieler Adolphe Menjou, eine Art süffisanter Salonlöwe, der so von sich überzeugt ist, dass er an eine Niederlage nicht einmal denkt. Klar, dass er sich den Brief Stellas an Hoffmann holte. Triumphierend schwang er Stellas Schlüssel am rosa Bändchen.


Lindorf und Lutter


Dann betraten Hoffmanns Freunde Lutters Taverne. Die kamen wohl eher aus der Bussi-Bussi-Gesellschaft als aus E.T.A. Hoffmans intellektuellem Freundeskreis. Elegant gekleidet im Stil der Belle Epoque und sich begrüßend wie die Münchner und Wiener Schickeria. Den Hoffmann begrüßten sie mit Applaus, als er mit Niklaus hereinkam. Niklaus hatte nun eine Perücke auf, die ihm das Aussehen eines Lausbuben verlieh


Zum Klein-Zach führte Hoffmann seinen ständigen Begleiter als den hässlichen Zwerg vor, wobei er ihn vor sich her zu allerlei Grimassen und Verrenkungen zwang. Verständlich, dass Niklaus dabei nicht glücklich dreinschaute, besonders, wenn Hoffmann ihn grob an der Nase hochzog. Da musste ich an Max und Moritz denken. Niklaus ging weg, als Hoffmann zu Stella überging. Dabei streichelte er eine hübsche Dame aus dem Chor, die er damit ziemlich verwirrte. Allgemeines Kopfschütteln unter seinen Freunden, als er wieder von Klein-Zach sang: Ist er jetzt total übergeschnappt? Dann gab es den ersten Applaus für den hünenhaften Hoffmann. Und Lindorf betrachtete das Geschehen abschätzig von oben.


Der charakterliche Gegensatz zwischen dem selbstsicheren Lindorf und dem sensiblen Hoffmann wurde gut herausgestellt. Das Vorspiel wurde auf 38 Minuten ausgedehnt, was schon grenzwertig ist. Aber dank der guten Mimik aller Beteiligten wurde es nicht langweilig.



Das Koblenzer Theater besitzt eine große Drehbühne, die dann zum Einsatz kam. Ein großer blauer Vorhang verbarg Spalanzanis Labor. Dann erschien Olympia. In einem hautengen silberfarbenen Trikot hing sie in einem Metallgestell. Professor Spalanzani war in einen weißen Kittel gekleidet und erfreulicherweise einmal nicht als Einstein oder Hanswurst gestylt. Zur Vogelarie malte Niklaus Hickelkästchen auf den Boden, zu denen er darin herumhüpfte. Schöner Gesang und gute Mimik dazu, wofür es natürlich Applaus gab.


Niklaus, Coppelius mit Koffer, dahinter Hoffmann


Cochenille, Olympia 1 + 2, Hoffmann


Olympia mit zerstörtem zweiten Selbst


Coppelius kam mit einem Riesenkoffer herein und drängte dem Hoffmann und dem Niklaus allerlei technische Geräte auf, und dann führte er stolz seine mitgebrachten Gelatine-Augen vor. Für das lebhaft vorgetragene Terzett „trois ducats“ gab es wieder Applaus. War ja auch gut gesungen. Der Koblenzer Widersacher und die Muse könnten an jedem großen Opernhaus der Welt bestehen. Gut wurde die Auseinandersetzung Coppelius – Spalanzani um das Urheberrecht an Olympia dargestellt. Ja, und dann eine Überraschung: Cochenille, der trottelige Lakai Spalanzanis, war unzweideutig als Wagner gekleidet, wie auf dem Foto, das Wagner 1868 in Luzern, mit Samtanzug und gewellter Baskenmütze zeigt. Wagner, der teutonische Gigant in der gefühlvollen Oper des Meisters der leichten Muse, der eine Oper schrieb, die sich weder in Thema noch Musikstil von Wagner beeinflussen ließ!


Die Koblenzer Olympia war zweigeteilt. Die silberne Darstellerin sang nämlich nicht, bewegte sich aber umso perfekter. Gelenkt wurde sie als Marionette von einer Sängerin auf einem Balkon über ihr, welche die an Fäden hängende Olympia mit einem Holzrahmen steuerte, während sie sang. Das war neu. Die Sängerin ließ mich mit ihrem funkelnden Diadem auf dem Kopf erst an eine Königin der Nacht denken, die ja auch eine Koloraturarie singt, aber das kann es wohl nicht gewesen sein.


An was diese Regie nicht alles gedacht hat! Den häufig zu hörenden verfrühten Applaus nach dem ersten Abschnitt der Olympia-Arie stoppte Spalanzani prophylaktisch durch abwiegelndes Fuchteln mit den Armen. Während Olympia sang, ging Wagner-Cochenille mit einem Klingelbeuten unter den Gästen umher und sammelte Scheine. Und so konnte die Sängerin mit ihrem schönen, lockeren Koloratursopran erst am Ende der Arie ihren kräftigen und verdienten Applaus einheimsen. Niklaus klatschte gequält dazu. Was für eine Fülle von intelligenten und werkskonformen Details! Zu loben habe ich auch die Präzision, mit welcher der Chor sang. Bei den schnellen Passagen im Olympia-Akt kommen auch große Bühnen wie die Met ins Schwimmen. Nicht so in Koblenz.


Von einer Loge oben auf der Bühne verkündete der betrogene Coppelius seine Rache an Spalanzani. Die vom reichlichen Essen und Champagne beeinträchtigten Gäste wankten vom Diner mit noch umgebundenen Servietten auf die Bühne.

Und die silberne Olympia, muss eine Balletttänzerin gewesen sein, umgarnte den Hoffmann, der noch seine Zauberbrille trug, mit sinnlichen Bewegungen, wobei sie immer noch an den Fäden hing.

Für die Zerstörung der Olympia hatte man in Koblenz auch eine ganz eigene Lösung gefunden: Coppelius durchschnitt ganz schnöde die Marionettenfäden der Olympiia, was ihr Ende bedeutete. Aber nun wurde nicht, wie sonst üblich, der Hoffmann von den Gästen verlacht, sondern Spalanzani. Dann nämlich rissen sich die Gäste die Servietten von den Hälsen und bedeckten damit den gescheiterten Spalanzani, der sich in seiner Verzweiflung auf den Boden geworfen hatte.



Spontaner Applaus und Jubel für diesen hervorragenden Akt. Das Koblenzer Publikum ging hervorragend mit und scheint sein Theater zu lieben. Nach dem, was ich gesehen habe, hat es auch allen Grund dazu. So häufigen, spontanen und offensichtlich von Herzen kommenden Applaus hört man selten. Und noch dazu an den richtigen Stellen.


Eben wurde ein Buch veröffentlicht, in dem ein Autor eine mehrjährige Tour durch Deutschland machte und die kleinen Theater besuchte.* Dabei machte er erstaunliche Beobachtungen über die vielfältige Theaterlandschaft bei uns. Es gibt in Deutschland über 80 feste Opernsensembles, und damit mehr als im Rest der Welt zusammen. Gut, man muss noch Österreich und die Schweiz mit einbeziehen, wo die Theaterdichte vergleichbar ist. Auch Polen und die skandinavischen Länder haben zahlreiche regelmäßig bespielte Opernhäuser mit festen Ensembles. Aber im Rest der Welt sieht es düster aus, auch bei unserem westlichen Nachbarn, der Grande Nation, in der reisende Gruppen abgespeckte Spar-Opern aufführen, wenn man nicht gerade in Paris oder Lyon wohnt, siehe Dijon (150.000 Einwohner)..Ich kann die Erfahrungen aus diesem Buch nur bestätigen. Eine Schande für unsere elektronischen Medien, welche diese vielfältige und produktive Theaterlandschaft sträflich vernachlässigen. Oder haben Sie schon mal auf Pro7, 3sat oder RTL, den Kindern der Geistig-Moralischen Wende Helmut Kohls von 1982, eine Opernübertragung gesehen?

* Ralph Bollmann, Walküre in Detmold, Eine Entdeckungsreise durch die deutsche Provinz, 19,95


Krespel und Antonia


Weiter ging es mit Antonia. Als Zwischenmusik zum Antonia-Aklt hatte man sich auch etwas Besonderes ausgedacht. Das Orchester stimmte ausführlich und demonstrativ seine Instrumente, was sonst nicht üblich ist, denn im folgenden Akt ging es ja hauptsächlich um Musik, Gesang und Theater. Während der Olympia-Akt in die Vergangenheit zurückverlegt worden war, hatte man den Antonia-Akt eher in die Gegenwart verlegt.


Antonia befand sich in einer Künstlergarderobe. Wunderbar einfühlsam, wie der Dirigent die Auftaktakkorde langgezogen und klagend spielen ließ. Hier stimmte einfach fast alles. Bei ihrem ausdrucksvollen Gesang probierte sie ein langes Bühnenkleid an. Und dann kam ihr Vater Krespel herein. Ich schrieb eben, „hier stimmte einfach fast alles“. Wenn man mal eine Kleinigkeit anmerken kann, die nicht stimmte: Jemand hatte vergessen, dem Krespel die Haare grau zu stäuben. Das kommt in der Aufregung einer Pemiere schon mal vor. Glücklich der Kritiker, der nur eine solche Kleinigkeit anzumerken braucht. Krespel, einen Geigenkasten unter dem Arm tragend, war damit als Geigenbauermeister gekennzeichnet.

Der Konflikt zwischen der ambitionierten Tochter und dem besorgten Vater wurde gut dargestellt.

Franz war wie vorhin Cochenille gekleidet, als er sein Couplet sang, also wie ein Wagner. Und Franz stellt ja sein Scheitern dar. Sollte das eine Anspielung auf den Titanen Wagner sein? Endlich mal wieder Technik statt Methode in den Übertiteln. Dann stieg Franz in einen Reifrock, zog aber nicht so eine Schau ab wie der Franz in Breslau, und bekam seinen Applaus.






Hoffmann, Mirakel, Krespel, Niklaus, liegend Antonia


Dann kündigte sich langsam im Gespräch zwischen Niklaus und Hoffmann die Geigenarie an, und die wurde wunderschön gesungen, die das lebhaft mitgehende Publikum natürlich belohnte.

Die erfrischende Antonia verlor in den Duetten mit Hoffmann ihre anfängliche Nervosität und sang mit einem strahlend hellen Sopran. Dann zog sie sich das Bühnenkleid mit Reifrock an, das sie eingangs anprobiert hatte.

Bei dieser fast perfekten Inszenierung muss man schon genau hinsehen, um überhaupt etwas Unstimmiges anmerken zu können: Als Mirakel seine Pseudodiagnose an Antonia vornahm schauerte es Krespel und Hoffmann. Zu „l´effroi me pénètre“ (der Schrecken durchdringt mich) hätte es bläulich-düster auf der Bühne sein können und nicht warm-hell; das an die Beleuchtung gerichtet.

Wenn Hoffmann gerade nichts zu singen hatte, schrieb er während der ganzen Oper immer wieder an seinen Erzählungen. Antonia war auch eine gute Schauspielerin. Ihre Verzweiflung über den Verzicht auf eine Gesangskarriere stellte sie überzeugend dar.

Die Mutter Antonias kam aus einer Tür im Bühnenhintergrund und trug das gleiche lange Kleid, das Antonia im Begriff war anzuziehen. Schließlich waren Mutter und Tochter gleich angezogen. Offensichtlich hatten sich Mirakel und die Mutter gegen Antonia verbündet, oder anders gesehen, die von Mirakel beschworene Gestalt der Mutter gehorchte dem falschen Doktor. Hervorragender Gesang von Mutter, Antonia und Mirakel.


Süffisant und mit einem zynischen Grinsen blickte Mirakel auf die zusammengebrochene Antonia und warf ein kleines Blümchen auf sein Opfer. Mit unbeteiligtem Gesicht holte er eine Kladde aus seiner Doktortasche und füllte lakonisch einen Totenschein aus. Das war die beste Interpretation dieser Szene, die ich je gesehen habe.

Anzumerken ist noch, dass alle Männer, die Antonia umgaben, also Hoffmann, Vater Krespel, Niklaus und Doktor Mirakel identisch in taubenblaue Anzüge gekleidet waren. Diese Gleichheit macht auch Sinn, denn jeder hat irgendetwas gegen sie.

Kräftiger Applaus und Pause.


Giulietta, Hoffmann und Niklaus


Die Bühne zum Giulietta-Akt wurde von einem großen weißen Rahmen umgeben, dahinter ein Mikrofon. Ein Inspizient mit Notizblock, der sich später als Pitichinaccio herausstellte, watschelte über die Bühne und kontrollierte stumm alles. Hier stand offensichtlich ein inszenierter Event unmittelbar bevor. Dann setzte er sich an ein elektronisches Klavier und spielte die Barkarole. Er begrüßte das ankommende Paar Hoffman und Niklaus. Und dann ein überwältigender Auftritt der Giulietta. Endlich mal wieder eine Kurtisane mit Sexappeal und keine biedere Hausfrau wie zuletzt in Prag/Pafos. In ihrem langen, hautengen Kleid in Leopardenmuster, mit platinblonder Löwenmähne und dicker Schminke sah sie aus, wie eine Giulietta auszusehen hat. Ein höchst attraktiver Vamp, doch unnahbar. Männer umschwirren mich, wie Motten das Licht, doch wenn sie verbrennen, das rührt mich nicht. Sie war nichts mehr und nichts weniger als eine platinblonde Einschaltquotenbringerin.


Niklaus begann die Barkarole unterhalb der im Rahmen stehenden Giulietta, und dieselbe hauchte ins Mikrofon. Nach der Barkarole – selbstverständlich ohne Piccolo – überprüfte der Inspizient wieder alles. Der ganze Akt sollte offensichtlich als eine Inszenierung verstanden werden, wie große Teile unseres modernen Lebens. Das Ganze wurde inszeniert und moderiert von einem Dapertutto, der als Glitzerede gekleidet war und ein Jackett voller spiegelnder Pailletten trug. Er gab und bewegte sich wie Dieter Bohlen. Und Giulietta war natürlich der gefundene Superstar. Dieser Dieter Bohlen hüpfte von der Bühne herunter und drängte sich, Mikrofon in der Hand, durch eine Zuschauerreihe, um eine Dame im Publikum mit dämlichen Sprüchen anzuquatschen, wie man sie seit der Geistig-Moralischen Wende von 1982 aus dem Privatfernsehen gewohnt ist. Dazu sprach er mit Schweizer Akzent. Der Koblenzer Kapitän Dapertutto war ein gewissenloser Szenetyp, dem es um nichts anderes als seinen Profit und seine Einschaltquote geht. Der würde in jede Show von Pro7 und Sat1 passen.


Hoffmann im Giulietta-Akt


Erstaunlicherweise fand das Sextett seinen Weg in die Kaye-Keck-Fassung von Koblenz. Aber sei´s drum, es wurde perfekt gesungen mit präzisen Fermaten und Einsätzen. Es enthält nämlich ein paar musikalische Fallen, in die man selbst an ersten Adressen tappen kann. Dann bat Giulietta zum Duell. Wie in den doofen Spielshows bekam Hoffmann ein absurdes Kostüm verpasst: er musste sich als Gorilla verkleiden, und Schlemihl bekam einen Frack. Und dann geschah wieder etwas Überraschendes: hinter beiden wurde ein Theaterraum sichtbar, beide standen auf der Bühne davor, bereit zum Duell. Giulietta hetzte die beiden aufeinander. Dapertutto lenkte das Ganze süffisant grinsend im Hintergrund. Hoffmanns und Schlemihls Auftritt wurde vom Publikum dahinter mit roten und grünen Abstimmkarten bewertet. Und natürlich bekam der animalische Gorilla Hoffmann die grünen Karten gezeigt, und der befrackte Schlemihl die roten. Das ist natürlich in unserer heutigen Zeit, in der das schwarz-gelbe Privatfernsehen das Sein oder Nicht-Sein bestimmt, tödlich für ihn. Leblos sackte er zusammen. Man könnte es auch so sehen: der Affe besiegt den Menschen. Naja, man braucht sich ja nur die Politik ansehen, da ist es meistens genauso. Oder die Regisseurin wollte darstellen, dass sich Hoffmann durch seine Verknalltheit in Giulietta und mit der vagen Aussicht auf Sex mit ihr auf eine animalische, frühere Entwicklungsstufe der Menschheit zurückbegeben hatte. Instinkt siegt über Vernunft. Niklaus hatte noch versucht, Hoffmann von seinem Tun abzuhalten, doch Hoffmann hatte geantwortet: Überlasse mich meinem Schicksal. Und zu Giulietta: Ich kann deiner Moral nicht widerstehen. Männer sind eben dumme Schweine.


Über diese genial zeitkritische Szene könnte man noch lange sinnieren. Ich hoffe jedenfalls, wir werden nicht bald alle nur mehr Comix im Privatfernsehen gucken, Hamburger essen und Cola trinken. Dann verfiel auch Niklaus, der Bannerträger der Vernunft, dem Sog der Giulietta und ließ sich von ihr fesseln. Und der Showmaster Dapertutto grinste huldvoll und siegesgewiss relaxt im Hintergrund.


Giulietta und der umwerfende Dapertutto


Hoffmann war seiner Seele beraubt und für Giulietta wertlos geworden. Kaltschnäuzig sagte sie zu ihm: „Hoffmann, das Spiel ist aus, du kannst jetzt gehen. Du bist ein Versager.“ Was gibt es Schlimmeres für einen Mann, das von einer angebeteten Frau zu hören. Das ist die Moral der neoliberalen Gesellschaft. Der Dichter hat seine Schuldigkeit getan.

Dann sprach Giulietta: „Mich lieben alle, aber ich liebe niemanden.“ Hoffmann und der gefesselte Niklaus standen deprimiert am Bühnenrand. Der Verlust des Spiegelbildes fand also nur symbolisch, aber um so eindrucksvoller statt. Eventuell könnte man auch den gefesselten Niklaus als Hoffmanns Seele verstehen. Frustriert brachte Hoffmann noch den Pitichinaccio um, und dieser Akt fand ein ebenso abruptes wie verblüffendes Ende, dass das Publikum völlig vergaß, zu applaudieren. Das habe ich noch nicht erlebt.

Dieser Akt war so atemberaubend genial in unsere Zeit versetzt, dass ich mir keine Steigerung vorstellen kann, höchstens noch ein Unterbrechung durch Werbespots für Waschmittel, Außenminister Westerwelle und Klopapier.

Während der Olympia-Akt interessante Neuinterpretationen enthielt, bewegte sich der Antonia-Akt meist im üblichen Rahmen. Aber dieser Giulietta-Akt war revolutionär in seiner Art und erreichte das gleiche Niveau wie die Interpretationen Harry Kupfers in Berlin / Warschau und die Thilo Reinhardts an der Komischen Oper Berlin. Den Namen Gabriele Wiesmüllers sollte man sich merken.



Der ernüchternde Bläserchor kam fehlerfrei und holte uns auf den Boden zurück. Niklaus stand noch deprimiert und mit gefesselten Händen am Bühnenrand. Die Zuschauer kamen durch die drei Türen aus dem Theater. Hoffmann: „Das war´s. Drei Episoden aus meiner Künstlerkarriere.“

Die gestylte Stella kam vorwurfsvoll wieder: „Hoffmann, du lässt mich warten!“ Doch der völlig verwirrte Hoffmann, noch in seinen Fantasien gefangen, stotterte nur: „Bist du Olympia? - Antonia? - Giulietta?“ Dann intervenierte die Muse: „Stella, du kommst zu spät.“ (Innere Erleichterung bei mir, denn ein nach meinen Vorstellungen richtiges Ende bahnte sich offensichtltich an: die Muse bekommt Hoffmann, und der muss nicht sterben.)



Verärgert sang Hoffmann den Rest des Klein-Zach an Stella hin. Das fand Stella gar nicht lustig und schnappte sich den Lindorf. Dem Hoffmann rief sie im Gehen hinterher: „Du kannst meiner Liebe spotten, aber meiner Schönheit wirst du nachtrauern.“ Und davon meinen die meisten Frauen leben zu müssen.



Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen beim Fotografen Matthias Baus und beim Theater Koblenz. Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.



Dann gab Hoffmann seinem treuen Begleiter das Buch mit seinen Erzählungen, und die Muse warf wieder silbrigen Sternenstaub über den Dichter.

Eine beeindruckende Apotheose folgte, nach deren letztem Ton spontaner Jubel im Theater ausbrach, wie ich ihn selten oder nie zuvor in einem Theater gehört habe. Am meisten Bravo- bzw. Brava-Rufe bekamen die Sängerin der Olympia, der Widersacher und am meisten die Muse. Irgendwann wurde rhythmisch geklatscht, und viele Zuschauer spendeten stehend Applaus, der neun Minuten dauerte.

Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass ich diesen »Hoffmann« mindestens noch einmal sehen muss. Obwohl die Spielzeit gerade erst begonnen hat, ist Koblenz ein heißer Kandidat für den »Hoffmann des Jahres« .




Der hochverdiente Applaus für: ganz links silberne Olympia, Krespel, Mutter, Antonia, Olympia, Hoffmann, Muse, Widersacher, Giulietta, Pitichinaccio, Spalanzani, Stella, dahinter Chor




Nach dem Schluss der Oper stand ich vor der Wahl, den letzten Zug zu meinem Hotel 35 km rheinabwärts zu nehmen – wegen der Bundesgartenschau gab es in Koblenz keine bezahlbaren Hotelzimmer - oder auf die Premierenfeier zu gehen und 45 Euro für ein Taxi auszugeben. Ich tat das Letztere und bereute es nicht. Dabei entstanden die folgenden Bilder.



Der Widersacher – abseits der Bühne ein äußerst sympathischer Mensch



Kostümbildnerin und Regisseurin



Giulietta und Dirigent



Mutter und Krespel










Koblenz zum Zweiten




Das Koblenzer Theater vertreibt als einzige mir bekannte Bühne einen eigenen Wein: eine feinherbe Riesling Spätlese zu bezahlbaren 5 Euro 50. Weinkritik folgt am 30.12. 2011


Nachdem mir der Koblenzer »Hoffmann« so gut gefallen hatte, sah ich ihn mir noch ein Mal an. Am 12.12. gab es die – leider – vorletzte Vorstellung. Das Theater war zu ca. 90% besetzt, und das Publikum ging wiederum gut mit.

Koblenz war wieder ein schönes Erlebnis, wenn ich auch von meinem Platz nur einen Teil der Bühne einsehen konnte. Die Premieren-Nervosität war gewichen, und erfreulicherweise hatten sich weder bei den Solisten, noch beim Chor und im Orchester irgendwelche Schlampereien eingeschlichen, wie einem das oft bei späten Aufführungen widerfährt.

Alle sangen und agierten etwas entspannter und konnten ihre Stimm- und Schauspieltalente voll demonstrieren. Besonders Andrew Sritheran hatte sich im Vergleich zur Premiere gewaltig gesteigert. Während im damals umständehalber die Premieren-Nervosität zugesetzt hatte, bot er mit seiner angenehm lyrischen Stimme eine ausgezeichnete Leistung. Auch die Muse, Antonia und Giulietta sangen deutlich souvernäner.

Leider wird dieser hervorragende »Hoffmann« von Rhein und Mosel bald der Theatergeschichte angehören, ohne dass er medial verbreitet wurde.

Es ist einfach zum Verzweifeln, dass unsere Fernsehanstalten solche herausragenden Inszenierungen kleinerer Theater ignorieren, nur weil dort keine Weltstars auftreten. Dabei könnte z.B. Michael Mrosek als Widersacher mit seiner Stimme und seinem Schauspieltalent an jeder großen Bühne der Welt bestehen. Ich zähle ihn zu den zwei, drei besten Widersachern, die ich je gesehen habe.

Naja, dann tun wir uns halt am 29.12. die Aufzeichnung der banalen Inszenierung der Bayerischen Staatsoper auf ARTE an und stoßen beim begleitenden Glou-glou mit nebenstehendem Getränk klammheimlich auf das sympathische und kreative Koblenzer Theater und sein engagiertes Ensemble an.







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