Klassischer »Hoffmann« als sinnliches Fest für Augen und Ohren in Bonn



www.theater-bonn.de



Besuchte Vorstellung 15. März 2015 (Première)






Regie


Renaud Doucet


Dirigent


Hendrik Vestmann


Chorleitung


Volkmar Olbrich


Bühnenbild und Kostüme


André Barbe


Version


Kaye-Keck


Sprache


Französisch






Hoffmann


Sébastien Guèze


Muse


Susanne Blattert


Olympia, Antonia, Giulietta


Netta Or


Widersacher


Martin Tzonev


Mutter


Charlotte Quadt









Kundige und gut vorbereitete Opernfreunde standen im Foyer für Auskünfte zur Verfügung. Die junge Dame hatte sogar Josef Heinzelmanns Libretto bei sich.


Fazit Bonn: Ein klassischer »Hoffmann«, wie man ihn sich häufiger zu sehen wünscht. Alles passte. Wunderschöne Stimmen, auch in den kleinsten Rollen, ein exzellentes Orchester, ein perfekt einstudierter Chor, eine souveräne Sopranistin für alle drei Rollen, ein opulentes Bühnenbild mit ebensolchen Kostümen, die beste verfügbare Version dieser Oper, die Erlebnisse Hoffmanns überzeugend, nachvollziehbar und librettogetreu dargestellt. Erfreulich auch die Abwesenheit der so häufigen werksfremden Bizarrerien. Das Ganze fand in einem gelungenen Theaterneubau statt. Was mehr kann man sich wünschen? Mit diesem klassischen »Hoffmann« hat die Bonner Oper Maßstäbe gesetzt, an denen sich künftige Inszenierungen messen lassen müssen. Nach den Klassikern von Covent Garden und Stockholm nun ein neuer, aktualisierter Meilenstein in der Aufführungsgeschichte dieser Oper. Kostüm- und Bühnenbildentwürfe des kandischen Teams Doucet – Barbe kann man auf deren Internetseite sehen.

Einziger Wermutstropfen: Diese »Hoffmann«-Inszenierung ist zeitlich auf die laufende Spielzeit begrenzt. Letzte geplante Vorstellung am 21. Juni 2015. Also unbedingt hingehen, ansehen und die Ohren und Augen verwöhnen lassen.


Ich muss den einen oder anderen Opernfreund korrigieren, für den die Bonner Oper nicht zu den ersten Adressen in der Opernwelt gehört und der meine Erwartungen an diese Inszenierung gedämpft hatten. Ich kann sie reinen Gewissens eines Besseren belehren. Immer wieder muss ich daran denken, was der leider verstorbene »Hoffmann«-Pionier Josef Heinzelmann nach einer Premiere zu mir sagte: „In der Provinz wird hart gearbeitet.“ Nun gehört zwar Bonn als ehemalige Bundeshauptstadt von Adenauers Gnaden nicht unbedingt zur Provinz, aber diese charmante Stadt mit gut 300.000 Einwohnern hatte es nie in den Kreis der Weltmetropolen geschafft. Das hat nun das Theater Bonn erreicht, was die Aufführungsgeschichte der Oper Hoffmanns Erzählungen angeht. Wetten, dass unsere Fernsehanstalten diesen exzellenten Hoffmann nicht übertragen, sondern uns wie immer bisher mit merkunwürdigen Verhunzungen von Jacques Offenbachs Meisterwerk (Staatsoper München und Teatro Real Madrid) an sogenannten ersten Adressen mit ihren Weltstars verdrießen werden? In Bonn traten keine (augenblicklichen) Weltstars auf, aber gesungen wurde auf gleichem Niveau wie an den besten Bühnen, die ich bisher besuchen durfte.


Die städtische Bonner Oper liegt unmittelbar am Rhein, in enger Nachbarschaft zur Beethoven-Halle und zum Schauspielhaus. Das Gebäude des alten Stadtteaters am Boeselager Hof musste im 2. Weltkrieg zur Niederringung des Nazi-Regimes zerstört werden, und so entstand an gleicher Stelle ein eleganter, großzügiger Neubau mit gut tausend Plätzen, der 1965 eingeweiht wurde. Wie alle neuen Theater besitzt es eine breite Bühne und ein ansteigendes Parkett. Darüber liegen zwei Balkone. Jeder sieht und hört gut. Die Akustik ist ausgezeichnet. Im Orchester zählte ich vier Kontrabässe und vier Celli.



Im Publikum sah ich nicht nur Besucher gesetzteren Alters. Auch eine Reihe jüngerer Leute und Besucher mittleren Alters waren im Premierenpublikum. Darunter auch einige Damen- und Herrschaften, die ich dem rheinischen Geldadel zuordnen würde.





Die Vorstellung begann mit einem bösen Omen. Im Lichtkegel eines Scheinwerfers trat ein Herr mit Mikrofon vor die Bühne, was üblicherweise nichts Gutes bedeutet. Den vorgesehenen Sänger des Hoffmann hatte die Grippe niedergestreckt, aber man hatte Ersatz gefunden. Und die Interpretin der drei Sopranrollen ließ sich entschuldigen, weil sie auf Grund einer gerade überstandenen Grippe keine hundertprozentige Leistung bringen könne. Ich darf vorausschicken, dass der kurzfristig eingesprungene Südfranzose Sébastien Guèze, der im heimischen Süden und in Paris ausgebildet wurde und den ich vor Kurzem in Wiesbaden hören durfte, ein vollwertiger Ersatz war, und dass ich von einer Beeinträchtigung in der Stimme Netta Ors nichts bemerken konnte.


Ziemlich schnelle Auftakte ertönten, die von wildem Geschrei unterbrochen wurden. Ein wütender Herr kletterte aus dem Orchestergraben. Schreck! War das ein sensibler »Hoffmann«-Fan unter den Musikern, dem das von Jacques Offenbach angeordnete maestoso zu schnell war und darob die Fassung verloren hatte? Der satanisch wirkende Wüterich tobte auf der Bühne herum und drohte an, dass es heute keine Oper geben werden. Erinnerungen an den Orchesterstreik in Dijon wurden wach, als der Streikleiter dort genau dasselbe verkündete. Aber wie in Dijon gab es ain Bonn eine Oper. Dann zündete der satanische Unhold eine dicke Partitur auf der Bühne an und verschwand erregt nach links. Allgemeine Verblüffung. Nun kann man rätseln, was damit gemeint war. War das ein verärgerter Pluto aus Orpheus in der Unterwelt, eine Anspielung auf die verworrene Aufführungsgeschichte dieser Oper oder ein Hinweis auf die tragischen zwei Theaterbrände während Aufführungen von Hoffmanns Erzählungen.




Hoffmann in Plutos Höllenbar


Man blickte auf ein barockes Bühnenbild mit Plastiken, eine Muse stand als antike Bronzestatue da. Wie in der Kaye-Keck-Fassung vorgesehen, besang sie Hoffmann mit einer Melodie, die sonst nur in der Apotheose am Schluss zu hören ist. Ein brillanter, heller Mezzo erklang. Dann mokierte sich die Muse über die wankelmütige Stella. Lebhafte Mimik begleitete ihren Gesang.


In Sekundenschnelle änderte sich das Bühnenbild, und wir befanden uns in der Höllen-Bar des Lutter bzw. Pluto. Ein paar Teufelchen, und auch Lutter trugen rote Hörner auf den Köpfen. Zu ihnen trat Lindorf in einem samtenen Smoking. Die Ersteigerung des Briefes wurde gut gespielt, und als ihn Lindorf in Besitz genommen hatte, blitzte es zum diable. Als Lindorf sang „je suis vieux, mais je suis vif“ tauchte ein neckisches Teufelinchen in schwarzem Lack-Bikini und Netzstrümpfen auf und räkelte sich lasziv.


Dann trat der Chor auf, gekleidet in lässige Kostüme von Bohèmiens. Hervorragend choreografisch einstudiert und mit sauberem Gesang gab es gleich den ersten Applaus des Abends für den wunderbaren Auftritt des Chores. Einen solchen frühen Applaus hatte ich noch nicht erlebt. Der war aber auch berechtigt. Das Bonner Publikum schien seine Oper zu mögen. Es wurde häufig und spontan geklatscht. Nicht immer ließ der Dirigent den Applaus zu und ließ einfach weiterspielen.

Mehrere der menschlichen Figuren und Plastiken waren dunkel oder dunkel geschminkt. Das mag eine Anspielung auf zwei Theaterbrände gewesen sein, die sich während Aufführungen von Hoffmanns Erzählungen ereigneten. Besonders tragisch war der Brand des Wiener Ringtheaters bei der deutschen Erstaufführung der Contes 1881. Da noch bei einer anderen Aufführung der Contes ein Theater brannte, wurde diese Oper nur mehr selten gespielt, weil abergläubische Theaterleute meinten, dass der in der Oper auftretende Teufel diese Brände verursache. Auch in jüngster Zeit gab es in Barcelona 1994 einen umfassenden Theaterbrand, allerdings nicht bei Hoffmanns Erzählungen. Anlässlich eines Besuches am Teatre del Liceu sah ich Fotos davon. Während der Nazi-Zeit wurde diese Oper in Deutschland und anschließend im deutsch besetzten Europa nicht gespielt, da Jacques Offenbach jüdischer Herkunft war, obwohl er für Religion wenig übrig hatte und außerdem in Paris zum Katholizismus konvertiert war, um seine spanische Frau Herminia heiraten zu können.


Vorne Offenbach, Muse (mit Hut) und Hoffmann


Auf der Bühne befanden sich fast immer irgendwelche Bronzefiguren, die Musik ud Tanz darstellten. Auch die Muse bzw. Niklaus waren bronzefarben geschmückt. Die Muse repäsentierte die erzählende Dichtung. Eine stumme Figur sollte wohl Jacques Offenbach darstellen, denn sie sah ihm ähnlich. Nur der Zwicker auf der Nase fehlte; aber vielleicht war der in der Premierenaufregung in einem Regal liegengeblieben. Da diese stumme Figur immer wieder mit einem Cello versehen wurde, muss es Jaques Offenbach gewesen sein, denn der war gelernter Cellist.


Dann hob Hoffmann mit lebbhafter, frischer und jugendlicher Stimme zum Klein-Zach an. Seine Stimme schlug ins Romantische um, als er von Stella sang. Da hätte ich mir gewünscht, dass auch das Orchester ins Romantische geführt würde. Kannten Einige im Publikum diese Oper nicht, oder waren sie so angetan von dieser Stimme? Jedenfalls gab es einen deplatzierten Zwischenapplaus, der aber vom Orchester energisch und berechtigt niedergebügelt wurde. Am Ende der Arie dann spontaner Jubel und Applaus für diese perfekte Vorstellung des eingesprungenen Tenors. Einen so lebhaften, lockeren und überzeugenden Tenor hört man selten. Am Ende des ersten Aktes zog Hoffmann ein Buch mit seinen Erzählungen aus der Tasche: je commence … Applaus für den Prolog.


Spalanzani und Olympia mit Gästen


In manchen Theatern sitzt man minutenlang bei bleierner Stille im Zuschauerraum, während es hinter dem Vorhang rumpelt. Nicht so in Bonn. Die Nummer zum Einzug der Gäste erklang, und im Nu ging der Vorhang wieder auf. Spalanzanis Werkstatt war eine abenteuerliche Bastelbude. Und schon warnte Niklaus den erwartungsvollen Hoffmann mit der Vogelarie cocorico …, doch leider nur in Kurzversion. Aber Hoffmann hatte nur Augen für Olympia, die er durch eine Art telemetrischen Schlauch nicht genug bewundern konnte.Ein wild fuchtelnder Coppelius trat auf, auch fantastisch gestaltet. Für das Terzett Hoffmann – Niklaus – Coppelius gab es Applaus.


Dann traten Spalanzanis Gäste auf, für deren Kostüme die Werkstatt wochenlang beschäftigt gewesen sein muss. Einige waren als Handwerker, andere als Raumfahrer wie aus einem frühen Science-Fiction-Film über Jules Verne gestaltet. Schnell und präzise sang der Chor das Lob auf Olympia elle a des belles yeux.


Olympia und Hoffmann


Nun wurde Olympia sichtbar. Auch sie in einem bizarren Kostüm, dessen Beschreibung ich dem Foto überlasse. Außer Hoffmann und Niklaus befanden sich nun lauter groteske Gestalten auf der Bühne. Und dann sang dieses bizarre Geschöpf des Spalanzani auch noch eine souveräne Koloraturarie. Spalanzani war höchst entzückt von seiner Kreation.


Während ihrer Arie stand Olympia nicht nur herum, sie bot auch noch eine Art Offenbach´schen Can-Can zu ihrem Gesang, indem sie Beine hochwarf und bot ausgefeilte Gestik. Nachdem sie geendet hatte, tobte das Theater mit Jubel. Auch, als dieser Akt beendet war und der Vorhang fiel, gab es Jubel für diesen Akt. Und erste Pause.


In den großzügigen Foyers bemerkte ich einige Damen und Herren, die ein rundes Schildchen trugen, auf dem Opernführer stand. Eine von ihnen trug sogar den bekannten orangefarbenen Reclam-Band von Josef Heinzelmann, Entdecker des Original-Librettos, in der Hand: http://mobile.reclam.de/detail/978-3-15-018329-8 Diese Opernführer hielten sich für Fragen aus dem Publikum bereit und hatten sich vorbereitet, indem sie zwei Wochen lang an den Proben teilgenommen hatten. Wie ich beobachten konnte, wurden ihre Dienste auch in Anspruch genommen. Etwas Ähnliches hatte ich bisher nur in Kassel erlebt, als eine Dramaturgin in der Pause Auskünfte gab. Soetwas sollte Schule machen. Eine solche Institution dient dem Verständnis der Oper und fördert die Verbundenheit eines Theaters mit seinem Publikum. Wenn sich die Gelegenehit ergibt, könnte man die Knöpfe mit der Aufschrift Opernführer noch etwas größer machen, damit sie mehr auffallen. Eine nachahmenswerte Idee der Bonner Oper, die Schule machen sollte.


Vorne Mirakel und Antonia, darüber die Mutter


Im Antonia-Akt dominierte Eis das Bühnenbild. Eiszapfen hingen von oben herab, auf dem Boden lag Schnee, auf der Balustrade hing ein goldgerahmtes Portrait von Antonias Mutter. Auch der Kronleuchter war von Eis bedeckt, ebenso der weiße Flügel. Antonia selbst trug auch Weiß und war gekleidet wie ein Filmstar der Stummfilmzeit. Von der Kostümexpertin Gisela Paul aus Neumarkt/Oberpfalz erhielt ich den Hinweis, dass dieses Kostüm nach der polnischen Schauspielerin Helena Makowska gestaltet war. Auf diesem Link kann man das von Alexander Binder um 1925 aufgenommene Bild sehen: https://www.flickr.com/photos/truusbobjantoo/8386377750/ Die linke Gesichtshälfte Antonias hatte man als Totenschädel gestaltet. Auch von Pola Negri und Gloria Swanson gibt es ähnliche Bilder.


Antonias Auftrittslied von der entflogenen Taube begann mit einer Einspielung von einem kratzenden Trichtergrammofon. Sogleich übernahm Antonia mit hellem,.lyrischem Sopran.


Dann trat wieder mal ein Franz auf, auch er als Bronzefigur geschminkt und dem stummen Hoffmann ähnlich sehend Bei seinem Gesang beklagte er einmal wieder den Mangel an Methode [sic!]. Dieser Franz durfte nun in voller Länge singen. Die Vogelarie dagegen hatte man gekürzt. Franz bekam natürlich seinen Applaus.


Dann sang Niklaus meine geliebte Geigenarie stimmlich perfekt und in voller Länge. Darauf folgte eine stürmische Begrüßung Hoffmann – Antonia. Wunderschöne Duette der beiden folgten, denen das Publikum applaudieren wollte, doch das Orchester spielte weiter.


Es blitzte, als ein dämonischer Mirakel auftrat, der wie ein Nosferatu geschminkt war, richtig gruselig, als er während des Terzetts Hoffmann – Krespel – Mirakel mit seinen Fläschchen klimperte. Und ebenso dämonisch, als er die Ferndiagnose Antonias vornahm.


Antonia mit fünf der sechs Dirigenten


Die Mutter erschien in einem Fantasiekostüm am Flügel. Mirakel spielte auf einer magisch leuchtenden Geige, und sechs mystische Dirigenten ließen Antonia keine andere Wahl als zu singen. Starker Applaus erhob sich, doch der Dirigent ließ gnadenlos weiterspielen. So perfekt gesungen und begleitet hatte ich das Terzett selten gehört. Dann begann es zu schneien, und Krespel – auch eine wunderschöne Stimme – zerschlug verzweifelt eine Geige, als sich Antonia zu Tode gesungen hatte. Zum Ende des Aktes durfte man nun endlich klatschen.


Gut für das Publikum, dass es nach dem Antonia-Akt eine zweite Pause gab. Der Akt hatte sich etwas in die Länge gezogen. Vielleicht hätte man die Tempi etwas straffen können. Ein Zuschauer meinte, man habe den Antonia-Akt etwas in die Länge gezogen, weil man zwei Pausen angesetzt hatte. Dann sollte der dazwischen liegende Akt schon eine gewisse Länge aufweisen.



Im Giulietta-Akt bot sich wiederum ein opulentes Bild. Auf einen Gazevorhang projizierte man wogende Wellen. Dahinter schwebten auf Gondeln und Monden leichtbekleidete Nymphen in goldfarbenen hautengen Kostümen. Dieses beeindruckende Bild hätte eigentlich Szenenapplaus verdient. Dazu erklang die Barkarole, leider mit Piccoloflöte. Dekadente Erotinnen in hautengen Kostümen mit Totenköpfen oder Teufelsfratzen an strategischen Stellen erfreuten die Zuschauer.


Oben Giulietta und Offenbach, links vorne mit Hut Niklaus, kniend Hoffmann


Dapertutto und Hoffmann


Bei der Barkarole standen Niklaus und Giulietta weit auseinander. Giulietta stand links oben auf einer kleinen Bühne, Niklaus bewegte sich dazu vorne. Eine schwül-erotische Atmosfäre herrschte auf der Bühne. Mit strahlendem Tenor pries Hoffmann die Freuden der Liebe.


Während Schlemihl als Guerillero gekleidet war, trug Hauptmann Dapertutto eine Uniform mit Reithose und Schaftstiefeln, die ziemlich nach Wehrmacht aussah. Aber solche Anspielungen an die dunklen zwölf Jahre unserer Geschichte kennen wir inzwischen schon.


Ja, und dann erklangen zwei ominöse Töne, die die traditionelle Spiegelarie einzuleiten pflegen. Ja sowas. Wenn man schon die teure Kaye-Keck-Version spielt, könnte man doch auch gleich Jacques Offenbachs Originalmelodie singen lassen. Doch man fürchtete wohl den Protest des Publikums. Ich habe schon schimpfende Rohrspatzen auf Premierenfeiern erlebt, weil in der Oper die Originalmelodie gesungen worden war. Auf dem Youtube-Link beginnt sie nach ungefähr einer Minute, gesungen von Laurent Naouri: http://www.youtube.com/watch?v=woXjP3di2BA


Die Männer im Chor waren in neckische Kostüme gesteckt worden. Die Damen schienen zwar viel Haut zu zeigen, aber keine Angst, alles was wie nackt aussah, war aus Plastik, so dass man auch Oma, Opa, Volker Kauder und Annette Schavan mit in diese Inszenierung nehmen kann.


Mit viel Feuer in der Stimme und großartiger Stimm-Methode äh -Technik sang Giulietta ihren Preis des Eros. Der Chor sang die eine oder andere Nummer, die ich noch nicht gehört hatte. Und dann ein weiterer gesanglicher Höhepunkt, das Duett Giulietta – Hoffmann.



Das Säbelduell Hoffmann – Schlemihl hatte man wohlweislich hinter die Kulissen verlegt, denn Sébastien Guèze hatte nun wirklich keine Zeit, auch noch das Duell einzuüben. Die Premiere war am Sonntag, und er hatte am Donnerstag erfahren, dass er in die Bonner Produktion einsteigen musste. Er kam zur Orchesterprobe, und zwar erst zum Giulietta-Akt, musste zahlreiche neue Noten lernen und konnte nur einen einzigen kompletten Durchlauf bei der Generalprobe mitmachen. Eine bewundernswerte Leistung des Sängers und auch der Dramaturgie. Da passte es, dass auch der Regisseur Französisch als Muttersprache hat. Aus diesem Grund war auch die Generalprobe für die Öffentlichkeit gesperrt worden. Sébastien Guèze bewegte sich in der ganzen Aufführung so locker, als sei der schon von Anfang an und bei allen Proben dabei gewesen. Zwar hatte er kurz zuvor in Wiesbaden den Hoffmann gesungen, aber dort gab man die Oeser-Version mit einer ganz anderen Nummernauswahl.



Statt des Duells tanzten die Erotinnen ein Ballett zur Widerholung der Barkarole. Deren Kostüme waren ja wirklich neckisch. Als Schwänzchen trugen sie hinten schwarze Gondelschnäbel.




Hoffmann und seine Muse


Der Verlust von Hoffmanns Spiegelbild wurde auch gut dargestellt. Er stand vor einem großen Spiegel, und Giulietta sorgte dafür, dass vor dem plötzlich ein durchbrochener weißer Vorhang herunterfiel. Weg war sein Spiegelbild.


Hoffmann, trunken und verzweifelt, stach den stummen Offenbach nieder, der ihm seine Giulietta geraubt hatte. Ende des Giulietta-Aktes und Applaus.


Im Finale wurde der stumme Offenbach wiederbelebt und sammelte seine zerfledderte Partitur zusammen. Hoffmann und seine Muse waren alleine auf der Bühne, als der ernüchternde Bläserchor erklang – fehler- und kiekserfrei, wie ich das von diesem hervorragenden Orchester auch nicht anders erwartet hatte.


Wir befanden uns wieder in der Höllen-Bar bei Pluto. Hoffmann war wie von Sinnen und bedrohte seine Muse. Eine mondäne Stella in weißem Pelzmantel kam. Der bislang stumme Offenbach sprach: Möge der Sturm der Leidenschaften zur Ruhe kommen.


Ein bewegender Abgesang der Muse und des Chors erklang in der Apotheose. Dazu regneten Btätter von Hoffmanns Erzählungen vom Bühnenhimmel. Und zu meiner großen Freude: HOFFMANN DURFTE LEBEN ! Es fehlte nur noch, dass ihm jemand einen Lorbeerkranz aufsetzte.


Spontaner Jubel, als die letzten Akkorde erklangen und der Vorhang fiel. Applaus für den Chor und Chorleiter; Jubel für Muse, Widersacher und Stella, und natürlich am lautesten für Hoffmann, der mit seinem Einspringen die Premiere gerettet hatte. Jubel für das Orchester und das Regieteam. Immer wieder Jubel für die Solisten, die sich in einer Reihe vorne aufgestellt hatten und sich nur zusammen verbeugten. Nach ungefähr fünf Minuten hatte ich mit meinen Sitznachbarn rhythmischen Applaus induziert. Das geht ganz einfach. Dann stand das ganze Theater auf und spendete stehenden Applaus. Zehn Minuten lang dauerte der Premierenapplaus, aus dem leicht zwanzig Minuten hätten werden können, so begeistert war das Publikum. Niemand ging.

Leider ließ die Applausregie die Solisten außer einem Mal nicht einzeln vortreten. Doch gerade das wünscht sich meiner Erfahrung nach das Publikum. Plötzlich ging der Vorhang zu und nicht mehr auf. Schade. Wenn ich die Stimmung richtig einschätzte, hätten die meisten Premierengäste ihrer Begeisterung und Freude über dieses rundum perfekte Opernfest noch viel länger Ausdruck verleihen wollen. Weitere zehn Minuten Applaus wären drin gewesen.


Alle Rechte an den obigen Szenenfotos liegen beim Theater Bonn und beim Fotografen Thilo Beu. www.thilo-beu.de Wir danken für die freundliche Zusammenarbeit.


Anschließend lud das Theater Bonn zu einer öffentlich zugänglichen Premierenfeier, auf der der Intendant in einer beispielhaft kurzen aber inhaltsreichen Ansprache seinen Dank an das Ensemble ausdrückte.




Familie Krespel mit beiden Ehemännern



Mutter und Tochter



Hoffmann mit Stella










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